Silverstone steht auf dem Programm und damit eine der interessanteren Strecken des Kalenders.
Der britische Grand Prix könnte zu einem interessanten Wendepunkt in der WM werden. Schon oft haben wir erlebt, dass das Rennen den Ton für eine WM gesetzt hat, wenn sie, wie in diesem Jahr, relativ eng ist. Immerhin haben drei Fahrer realistische Chancen auf den Titel. Antonelli führt mit 171 Punkten, danach folgt Russell mit 131 Punkten und knapp dahinter liegt Hamilton mit 125 Punkten. Der Rest ist schon zu weit zurück und hat bisher nicht Leistungen geboten, die eine Aufholjagd möglich erscheinen lassen.
Piastri (80) und Norris (79) haben zwar ebenso wie Leclerc (79) theoretische Chancen, aber bisher konnte McLaren noch bei keinem Rennen wirklich überzeugen. Und bei Ferrari wird man sich mittlerweile auch überlegen müssen, ob man bei der Strategie nicht Hamilton den Vorzug gibt. Was eine erstaunliche Entwicklung ist und beweist, welche Qualitäten Hamilton hat.
Damit meine ich nicht seine fahrerischen Qualitäten, sondern seine Fähigkeit, ein Team um ihn herum aufzubauen. Nach dem miserablen letzten Jahr ist es dem siebenfachen Weltmeister gelungen, gleich mehrere Dinge bei den Italienern zu verändern. Er hat seine engsten Mitarbeiter mitgebracht (Physio, Trainer usw.), er hat Ferrari dazu bewogen, den Renningenieur auszutauschen, was eigentlich eine reine Chefsache ist. Und er hat das Team davon überzeugen können, den Bremsscheibenhersteller zu wechseln. Statt Brembo-Scheiben hat er Carbon Industry durchgesetzt. Das alles ging nur mit Hilfe von Vasseur, zeigt aber, wie tiefgreifend die Arbeit von Hamilton im Team ist. Seine Erfolge sprechen dann für sich.
Nichts ändern kann Hamilton natürlich daran, ob Updates funktionieren oder nicht. Aber das gilt für alle Teams an der Spitze. Red Bull hatte in Miami ein Update gebracht, das wenig bis gar nichts brachte. Dafür funktionierte dann das weitere Upgrade in Österreich. Ferrari hatte wiederum in Spanien das Auto runderneuert, was in einem Sieg mündete. In Österreich kam ein Motor-Update hinzu, das aber überhaupt nichts brachte. Zumindest nicht auf dieser Strecke, weil der Ferrari zu viel Abtrieb mit sich rumschleppt.
Wir erleben in diesem Jahr etliche Überraschungen, sieht man mal von Mercedes ab, die bisher die konstantesten Leistungen erbracht haben. Aber jedes kleine sichtbare oder unsichtbare Update, kann die Reihenfolge schnell verändern. Schaut man sich mit Hilfe von KI die Rennen aus Montreal, Spanien und Österreich an, ergibt sich folgendes Bild und man sieht, wie eng die Sache ist.
Methodik: Ich habe Claude alle Rundenzeiten aus den genannten Rennen hochgeladen und einen Median aus allen drei Rennen errechnen lassen. Rausgelassen wurden Boxenein- und ‑ausfahrten sowie VSC und SC-Runden.
Das ist natürlich nur eine rudimentäre Analyse, weil strategische Entscheidungen von Teams und Fahrern nicht einbezogen werden können. Russell verwaltete in Österreich in den letzten 15 Runden seinen Vorsprung, weil er die Reifen nicht überhitzen wollte. In Spanien setzte Ferrari auf eine Drei-Stopp-Strategie, die Hamilton erlaubte, schnellere Rundenzeiten zu fahren, als das Russell konnte. Ebenso muss man schauen, welche Updates die Teams in Silverstone haben. Es ist also nur eine grobe Einschätzung.
Grob auch deswegen, weil Montreal und Spielberg sich ähnlich sind, Barcelona aber deutlich mehr Ansprüche an die Aerodynamik stellt. Was wiederum auch für Silverstone gilt. Aber ausgehend von diesem Wissen (das die KI nicht hat) ergibt sich zumindest ein gewisses Bild.
Auch bei der Balance zwischen McLaren und Red Bull muss man etwas aufpassen. Die Spreizung der Fahrer ist unterschiedlich. Während Norris und Piastri meist eng zusammenliegen, ist der Unterschied zwischen Verstappen und Hadjar größer. Das verzerrt den Median etwas. Wenn ich nur Verstappen genommen hätte, sähe das Bild deutlich enger aus.
Die Favoriten in Silverstone sollten Mercedes und Ferrari sein. Und ich wäre überrascht, wenn Ferrari in England nicht sehr, sehr knapp an Mercedes dran sein sollte oder sogar vor ihnen liegt. Die Strecke sollte den Roten liegen. Wobei sie das Manko haben, dass ihr Topspeed nicht so gut ist. Aber Silverstone ist kein “low drag” Kurs, weil man zu viel Zeit damit verlieren würde. Ferrari hat nach dieser Analyse gute Chancen, das Rennen zu gewinnen.
Anders als die KI würde ich Red Bull nach dem letzten Update dahinter sehen. Zum einen ist da der “Verstappen-Faktor” zum anderen scheint das Auto nun im richtigen Performance-Fenster zu liegen. Die Art und Weise, wie Verstappen in seinem letzten Stint bei extrem hohen Streckentemperaturen die Reifen fordern konnte, war bemerkenswert. Und Silverstone ist eine Fahrerstrecke, liegt Verstappen also besonders gut.
McLaren sehe ich im Moment auf P4, wobei die Rennpace von Piastri in Österreich etwas untergegangen ist. Die war erstaunlich gut, zeigte aber auch die Grenzen auf. Leclerc und Hadjar waren keine Konkurrenten für Piastri, aber nach vorne ging dann auch nichts. McLaren scheint mir im Moment auf dem Weg zu sein, etwas einsam auf P4 zu liegen.
Interessant ist dann das Mittelfeld und auch hier muss man ein wenig aufpassen. Was die reine Pace angeht, ist RB im Moment “best of the rest”. Das Team war über alle drei Strecken gut aufgestellt und erreichte auch auf der technischen Strecke in Barcelona P8 und P9. Geschlagen geben mussten sie sich da aber dem Alpine von Gasly.
Die Alpine haben ein Topspeed-Problem, schleppen also zu viel Abtrieb mit sich rum. Das wird in Silverstone aber kein Nachteil sein, weswegen ich die Franzosen hier wieder weiter vorne erwarte. Inwieweit Audi die Reihenfolge sprengen kann, ist dann aber auch eine interessante Frage. Das Team hatte in Österreich ein umfangreiches Upgrade mit an die Strecke gebracht, das augenscheinlich erst mal nichts brachte. Das Problem von Audi ist aber nicht der Rennspeed, sondern eine eklatante Schwäche in der Qualifikation. Eine bessere Startposition (und bessere Starts generell) könnten Audi schnell zum einen regelmäßigen Kandidaten für die Punkte werden lassen.
Generell ist die Performance von Audi in ihrem ersten Jahr nicht schlecht, aber auch nicht überragend. Von einem Werksteam wie Audi, das mit Sauber ja ein erfahrenes Einsatzteam hat, hätte ich mir etwas mehr Fortschritte gewünscht. Man schafft es bisher nicht, sich an die Spitze des Mittelfelds zu setzen, was schon etwas überraschend kommt. Sicherlich müssen sich die Strukturen zwischen Hinwill und Neckarsulm erst einspielen und der Herbst kann anders aussehen. Aber mir fehlt bisher der entscheidende Sprung, den Audi mit seinen Möglichkeiten machen sollte.
Der Rest des Feldes ist klar. Gebeutelt sind vor allem die Aston Martin, die aber bisher auch keine Schraube am Auto verändert haben. Diese Woche erschien ein bemerkenswertes Interview mit Adrian Newey, in dem dieser die ganzen Probleme, die man in den letzten 12 Monaten hatte, offen auflistet. Bemerkenswert ist das Interview nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch, weil es auf der offiziellen Homepage von Aston erschienen ist.
Newey bestätigt, dass Aston quasi ein B-Spec gebaut hat. Der Backbone (Monocoque und Getriebe) ist geblieben, ebenso die vordere Aufhängung. Der Rest wurde komplett überarbeitet. Was auch dazu führte, dass man eine neue Homologation und einen Crash-Test benötigte. Das dürfte sehr viel Geld gekostet haben, was die Frage nach dem restlichen Budget für das Jahr aufwirft. Aber auch erklärt, warum Aston sich nicht damit aufgehalten hat, das bisherige Auto zu verbessern. Das B-Spec-Auto kommt dann in Ungarn.
Strategie:
Es gibt wie immer C1, C2 und C3 in Silverstone. Was nachvollziehbar ist. Die in einigen Abschnitten erreichten Belastungen übersteigen 5 g, ähnlich wie in Suzuka und Spa. Am stärksten beansprucht wird die Vorderachse, wobei der linke Vorderreifen aufgrund der überwiegenden Rechtskurve besonders verschleißanfällig ist. Der Asphalt ist nicht sonderlich abrasiv und weist eine relativ geringe Rauheit auf.
Unter Berücksichtigung aller Faktoren gehe ich davon aus, dass die Teams versuchen werden, das Rennen am Sonntag mit einer Ein-Stopp-Strategie zu beenden und dabei auf C2 und C3 setzen. Wer hinten startet, könnte einen langen ersten Stint versuchen, verliert damit aber auch viel Zeit.
Ein wenig erschwert wird das Wochenende durch die Tatsache, dass wir mal wieder ein Sprintrennen haben. Es gibt am Freitag also nur ein Training vor der Sprint-Quali, was die Abstimmung erschwert. Sprintrennen sind aber insofern interessant, als dass wir oft gesehen haben, dass die Teams aus einem schlechten Sprintrennen schnell Lehren ziehen. Das Sprintrennen ist vor allem auch ein Reifentest. Da die Quali für den Sonntag nach dem Sprintrennen kommt, hat man genug Gelegenheit, die Abstimmung zu ändern, bevor die Autos im Parc Fermé landen.
Das Wetter sollte am Wochenende aber stabil sein. Es werden rund 26 Grad erwartet und der britische Landregen legt wohl eine Pause ein.



