Ein überraschend abwechslungsreicher Grand Prix sah einen erneuten Sieg von Lando Norris. Mercedes setzt schon auf eine Team Order.
In der Vorschau hatte ich schon geschrieben, dass man mit einem starken Auftritt von McLaren rechnen muss. Und genau das passierte beim letzten Rennen in Zandvoort auch. Zumindest im Rennen am Sonntag. Den Sprint gewann zwar George Russell, doch für die Quali hatte McLaren das Auto so weit eingestellt, dass Norris die Quali für das Rennen gewann. Aber ganz so einfach machte es ihm die Konkurrenz im Rennen nicht.
Was vor allem an Mercedes lag, für Zandvoort traditionell eher ein schwieriges Pflaster ist. Daher kam der Sieg für Russell am Samstag im Sprint etwas überraschend, war aber verdient. Das Sprintrennen selbst war eine öde Angelegenheit mit exakt einem Überholmanöver in den Top 10. Konnte man also getrost vergessen.
Der Grand Prix war spannender, weil das Rennen nach einem Unfall von Verstappen in der ersten Runde unterbrochen und neu gestartet werden musste. Beim zweiten Restart übernahm dann Antonelli die Spitze, die er auch bis Runde 39 halten konnte. Antonelli hatte zwar die gesamte Zeit Norris im Genick, aber der amtierende Weltmeister kam nie in eine Position, in der er den Italiener ernsthaft gefährden konnte.
Früher vs. später Stopp
Beim ersten Stopp veränderten sich die Positionen der Top 6 nicht. Ferrari ließ nur Hamilton etwas länger draußen, was keine schlechte Entscheidung war. Zum einen hätte eine VSC oder SC den Briten an die Spitze gebracht, zum anderen schaffte sich Hamilton damit einen Offset bei den Reifen, was am Ende für ihn noch wichtig werden sollte. Ferrari hätte den Offset tatsächlich noch vergrößern können, da Hamilton weit vor Liam Lawson lag und er keinen Druck von hinten hatte. Aber man entschied, die 2-Stopp-Strategie durchzuziehen.
Aber der mittlere Stint entschied dann das Rennen an der Spitze. Die Daten zeigen ein klares Bild, denn Norris war mit den harten Reifen in einem Stint von 24 Runden schneller, als vergleichbar bereifte Antonelli in seinem Stint von nur 17 Runden. Was ein bisschen überraschend ist, da Antonelli über das gesamte Rennen gesehen, die schnellste Median-Pace im Feld hatte.
Unterschiede sind marginal, aber summieren sich halt. Im mittleren Stint konzentrierte sich Antonelli darauf, vorn die Pace und den Abstand zu Norris zu kontrollieren. Aber waren diese etwas weniger aggressiven Target Laps ein Fehler der Mercedes-Strategen? Im Nachhinein ist man immer klüger und Mercedes hätte den relativ kurzen Stint von Antonelli schneller angehen können. Zumal man eh den Undercut eingeplant hatte und wusste, dass sowohl Norris als auch Hamilton später kommen würden. Ein wenig Abstand für das Ende des Rennens wäre also gut gewesen.
Der Stopp warf Antonelli hinter Hamilton. Was ihn minimal Zeit kostete. Aber McLaren hatte mit den späteren Boxenstopps dann am Ende auch das Glück auf ihrer Seite. Norris kam in Runde 21 und 47 und vor allem der letzte Stopp kam ihm sehr entgegen. Die VSC-Phase in Runde 54 nutzen Hamilton, Leclerc und Antonelli zu einem Wechsel auf die Soft, Norris blieb hingegen auf der Strecke. Track Position vs. Reifen – und da die harten Reifen von Norris frisch waren, spekulierte McLaren darauf, dass die Zeit am Ende für die Konkurrenz nicht ausreichen würde, um Norris abfangen zu können.
Profiteur der VSC-Phase war auch George Russell, der in Runde 42 die Reifen gewechselt hatte. Er rutschte dann von P4 auf P2 und damit vor Antonelli. Doch Mercedes ließ keinen Zweifel daran, dass man Antonelli den Weg nach vorne so einfach wie möglich machen wollte, und beorderte den Briten zur Seite. Kann man durchaus Team-Order nennen, auch wenn es in diesem Fall Sinn machte, Antonelli vorbeizulassen, da er die besseren Reifen und geringe Chancen auf den Sieg hatte. Ungelegen wird Mercedes das nicht gekommen sein.
Ferrari zu langsam
Ferrari hatte am Wochenende keine echte Chance. Es fehlten mal wieder die für Ferrari in dieser Saison typischen 0,150 Sekunden auf Mercedes. Mit McLaren lag man ziemlich gleichauf, man hatte halt Pech, dass man in der Quali keine bessere Startposition erringen konnte. Der erste Stint von Hamilton, der in der Quali Leclerc schlagen konnte, aber am Start gegen ihn verlor, war langsamer als der seines Teamkollegen, was aber auch dem längeren Stint geschuldet ist. Der zweite Stint, der über 28 Runden lief, war allerdings sehr gut. Hamilton hatte zu dieser Zeit das schnellste Auto auf der Strecke.
Ferrari verplemperte dann Zeit, als Hamilton vier Runden hinter Leclerc feststeckte und man den Monegassen nicht anwies, den auf einer anderen Strategie befindlichen Briten vorbeizulassen. Es war eh klar, dass Hamilton noch hereinkommen musste, insofern hätte Leclerc seine Position sowieso wiederbekommen. Dass Hamilton vor Leclerc bleiben konnte, lag an der VSC-Phase, die genau passend für seinen ohnehin geplanten Stopp kam.
Ferrari setzte Hamilton auf die Soft und beorderte gleich noch Leclerc mit rein, der ebenfalls die Soft nahm. Vor allem der Stopp von Leclerc war in dem Moment aber vielleicht ein Fehler. Er hatte in Runde 42 frische Hard genommen und hätte durchfahren können. Hätte man ihn nicht an die Box geholt, hätte er knapp hinter Russell und vor Antonelli gelegen. Der Italiener wäre vermutlich schneller gewesen, aber der dritte Platz von Russell wäre durchaus gefährdet gewesen.
Am Ende setzte sich Norris aufgrund seines besseren Mittelstints und der Tatsache durch, dass er am Ende nicht mehr stoppen musste und so rund 10 Sekunden Vorsprung geschenkt bekam. Antonelli sicherte sich mit P2 wichtige Punkte in der WM und distanzierte dort auch seine Verfolger Russell und Hamilton.
Oscar Piastri kam nur auf den sechsten Platz und wurde etwas unter Wert geschlagen, denn in der Anfangsphase lag er hinter Antonelli und Norris auf P3. Er verlor vor allem Plätze, weil sein erster Stint zu kurz und der zweite zu lang war. Sein mittlerer Stint zwischen Runde 19 und 43 war gut gesetzt, aber er war in der Spitzengruppe der Langsamste. (Median: 1.16.957 min vs. 1.16.367 von Norris). Eine etwas glanzlose Vorstellung mit schlechtem Timing.
Mittelfeld mit Aston Martin
Hadjar-Ersatz Lawson lieferte ein sauberes Wochenende mit durchaus guten Zeiten ab. In der Quali zum Hauptrennen fehlten ihm nur 0,115 Sekunden auf Verstappen. Der Niederländer war allerdings am Wochenende auch etwas schlecht aufgelegt. Im Rennen machte er nichts falsch, hatte aber auch nie Pace der Spitze. Selbst auf Piastri fehlten am Ende 47 Sekunden. Verstappen wäre vermutlich um P6 herausgekommen, aber mehr war für Red Bull nicht drin.
Nico Hülkenberg landete auf P8, obwohl er nur von P13 gestartet war, während Bortoletto von P9 startete. Ein sehr guter Start katapultierte den Deutschen auf P9 und im Rennen zeigte Audi eine richtig gute Pace. Schaut man sich sein Median an, war Audi klar auch das acht schnellste Auto. Der weiterhin leichte Aufwärtstrend bei Audi setzt sich also fort. Allerdings hat man in diesem Jahr bisher nur 16 Punkte sammeln können. Angesichts der Tatsache, dass man dank Sauber ja nicht bei Null anfangen musste, ist das etwas dünn.
Die Überraschung war dann der neunte Platz von Fernando Alonso. Aston kam mit weiteren kleinen Updates am B-Spec-Auto und Honda setzte zum ersten Mal die V2-Variante der Motors ein. Rund lief es aber nicht. Weder in der Sprint-Quali noch in der fürs Rennen kam man aus Q1 raus. Man beklagte zudem erneut Vibrationen am Auto und es kam zu technischen Problemen mit dem DRS Sprint Mode.
Der neunte Platz kam vor allem deswegen zustande, weil Aston es sich als einziges erlauben konnte, auf eine Ein-Stopp-Strategie zu setzen. Was natürlich für das Chassis spricht. Den ersten Stint absolvierte Alonso bis Runde 33 und er fuhr dann mit diesen harten Reifen das Rennen zu Ende. Dabei war seine Pace bemerkenswert gut. Sein Median für diesen letzten Stint lag bei 1.17.406 min. Das war schneller als Hülkenberg und fast so schnell wie Lawson im Red Bull. Und das ist das eigentlich Bemerkenswerte am Wochenende von Aston Martin.
Der letzte Punkt ging an Pierre Gasly, der sich im sehr hart umkämpften Mittelfeld mit einem leicht erneuerten Alpine durchsetzen konnte. Er profitierte wie Norris von der Tatsache, dass er einen späten zweiten Stopp eingelegt hatte, was Alpine dann dazu veranlasste, während der VSC-Phase nicht zu stoppen. Sein letzter Stint auf den Medium war dann naturgemäß flotter als der von Alonso, aber Gasly hatte im zweiten Stint durch die vielen Zweikämpfe so viel Zeit verloren, dass er den Spanier nicht mehr einholen konnte.
Über den Rest lässt sich wenig sagen. RB war in der Quali gut, im Rennen aber schwach. Immerhin landete Tsunoda vor Lindblad, was ebenfalls eine kleine Überraschung war. Aber die RB sahen im Rennen schwach aus. Das gilt auch weiterhin für die Haas, die aus ihrer Krise nicht herauskommt. Bei Williams war es klar, dass das nicht deren Strecke war, aber auf die versehentliche kleine Kollision zwischen Sainz und Albon hätte man auch verzichten können.
Schlusslicht bleibt Cadillac, bei denen nur wenig Fortschritt zu sehen ist. Zu P15 fehlen weiter rund 1,2 Sekunden, zu P10 sind es dann schon 2,2 Sekunden. Gegenwärtig ist nicht erkennbar, dass sich das so schnell ändern wird. Die bisherigen Updates haben den Rückstand zwar gleich halten können, aber einen Sprung wie Aston gibt es nicht. Das wird dieses Jahr vermutlich auch so bleiben.
Weiter geht es in zwei Wochen mit der Highspeed-Orgie in Monza.
Bilder: Pirelli
Daten: F1
Grafik: Racingblog


































