Ferrari ärgerte die britischen Teams auf heimischem Boden. Allerdings war Kimi Antonelli erneut der schnellste Mann auf der Strecke.
Der Sieg für Charles Leclerc in Silverstone hätte für den Monegassen kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen können. Die letzten Wochen waren für ihn außergewöhnlich schwierig. Eine ungewöhnliche Anzahl an Fehlern und ein Lewis Hamilton, der deutlich schneller war, kratzen an seinem Image als bester Ferrari-Pilot. In Silverstone gelang ihm ein Befreiungsschlag, allerdings auch erst nach einem eher schwierigen Sprintrennen. Doch in der Qualifikation für das Hauptrennen und im Rennen selbst schlug er seinen Teamkollegen deutlich. Der Sieg war allerdings auch dem Umstand zu verdanken, dass Antonelli mal wieder Pech mit der Technik hatte.
Die Anfangsphase des Rennens war durch den Umstand geprägt, dass beide Ferrari den Start gegen Antonelli gewannen und führten. Nach wenigen Runden verlor allerdings Hamilton den Anschluss an Leclerc, da er mit massiven Untersteuern zu kämpfen hatte. Das ging vor allem zulasten seiner Vorderreifen, die nach und nach abbauten. Die Probleme waren in den Onboard-Aufnahmen klar zu sehen. Schuld daran war wohl eine Entscheidung des Briten selbst, der vor dem Rennen noch den Frontflügel anders hatte einstellen lassen.
Hamilton fiel also zurück, musste Antonelli passieren lassen und befand sich dann in einem sehr sehenswerten Zweikampf mit Russell und Verstappen. Der zweite Mercedes-Pilot musste am Wochenende mal wieder seinem jüngeren Teamkollegen den Vortritt lassen. Bemerkenswert daran war vor allem die Aussage von Russell, dass seine Quali-Runde sich eigentlich sehr gut angefühlt hatte. Aber am Ende fehlten ihm mehr als drei Zehntel auf den Italiener. Eine echte Erklärung dafür hatte er nicht.
Im Rennen lief es besser, aber das Tempo von Antonelli hatte er zu keiner Zeit. Dafür waren er, Hamilton und Verstappen mit einem sehr ähnlichen Tempo unterwegs. Die Strategie kam damit ins Spiel. Verstappen war der erste des Trios, der in Runde 17 an die Box kam. Etwas früh für eine Ein-Stopp-Strategie, aber Red Bull wollte den Undercut nutzen, um P3 abzusichern.
Russell und Hamilton kamen zeitgleich sechs Runden später an die Box, was an der Reihenfolge zunächst nichts änderte. Verstappen blieb dank des Undercuts vorn, allerdings war sein Vorsprung nur gering. Er blieb aber zunächst auch deswegen vorn, weil Russell und Hamilton im Zweikampf verzahnt waren, was dem Niederländer immer wieder eine kleine Atempause besorgte. Allerdings wurde auch sichtbar, dass Verstappen sich nicht absetzen konnte und Russell die Lücke immer wieder zufahren konnte.
Das schöne Duell wurde dann in Runde 34 mit einem schleichenden Plattfuß bei Russell leider unterbrochen. Aber der erzwungene Reifenwechsel sollte sich für den Briten noch als Glücksfall herausstellen.
Vorn hatte Leclerc seinen fälligen Wechsel in Runde 25 hinter sich gebracht. Mercedes ließ Antonelli, der vor dem Wechsel rund 6 Sekunden hinter Leclerc gelegen hatte, allerdings weiter seine Runden drehen. Der Italiener beschwerte sich per Funk, aber seine Rundenzeiten auf den angenagten Medium waren weiterhin gut genug, um den Undercut einigermaßen abzudecken. Erst in Runde 35 entschied sich Mercedes dafür, den bis dato führenden an die Box zu holen.
Als Antonelli als Zweitplatzierter wieder auf die Strecke kam, lag er dann 7,7 Sekunden hinter Leclerc, hatte aber Reifen, die zehn Runden jünger waren. Der Italiener setzte zur Jagd an und reduzierte den Rückstand schnell um einige Sekunden. Doch dann ereilte ihn erneut das Pech. In Copse löste sich vorne links der aerodynamisch wichtige Windabweiser für die Bremskühlung, blockierte zudem die Lenkstange. Die Folge war, dass Antonelli das Auto kaum auf der Strecke halten konnte.
Er kam in Runde 42 an die Box, wo die Mechaniker das Teil einfach abtrennten. Doch es dauerte einige Runden, bis er sich an das veränderte Fahrverhalten seines Autos gewöhnt hatte. Das Problem war allerdings, dass er vor seinem Stopp mehrfach die Strecke verlassen hatte. Die Rennleitung bewertet jede Überschreitung gleich, egal ob sie durch einen Schaden verursacht wurde oder nicht (zuletzt bei Hamilton in Singapur im letzten Jahr), und Antonelli bekam eine 5-Sekunden-Strafe aufgebrummt.
Zu diesem Zeitpunkt lag er auf P10, knapp vor Pierre Gasly, konnte diesen aber wieder etwas distanzieren. Die Chancen auf wenigstens einen Punkt standen gar nicht schlecht. Doch dann stand plötzlich Max Verstappen im Kies.
Der hatte seinen dritten Platz in Runde 37 aufgegeben. Ein kurzes Virtual Safety Car gab Red Bull die Chance, die angenagten harten Reifen loszuwerden. Man setzte Verstappen auf die Medium. Gleichzeitig entschied sich Ferrari gegen einen Stopp bei Hamilton, der sicher auf P3 lag. Verstappen konnte aber auch mit den Medium den Rückstand zum Ferrari nur im Zehntelbereich verkleinern. In Runde 48 stand er dann im Kies.
Schuld an seinem Abflug war der Heckflügel, der sich nicht schnell, bzw. vollständig genug geschlossen hatte, als Verstappen am Ende der Hangar Straight anbremste. Die Folge war dann ein Abflug ins Kiesbett, den Verstappen nicht verhindern konnte. Er war zu Recht aufgebracht und Red Bull überlegt nun, ob man den Heckflügel beim nächsten Rennen in Spa überhaupt verwenden wird. Ein Abflug dort könnte heftigere Konsequenzen haben.
Die folgende Safety-Car-Phase nutzten alle Fahrer für einen Stopp und einen Wechsel auf die Soft. Alle, bis auf die beiden Mercedes-Fahrer. Antonelli hatte relativ frische Reifen, Russell ebenfalls. Während Antonelli auf P10 blieb, rutschte Russell plötzlich auf P2. Die Frage war, ob er den Platz würde halten können, lauerte doch Hamilton mit gebrauchten Soft hinter ihm.
Die Frage stellte sich allerdings nicht, denn das Rennen wurde nicht mehr freigegeben. Zum einen dauerte es einen Moment, bis das Auto von Verstappen geborgen werden konnte. Zum anderen verhinderten die Regeln einen Restart in der letzten Runde. Die besagen, dass das SC mindestens noch eine Runde fahren muss, nachdem es den Wave Around gab. Seit dem Debakel 2021 in Abu Dhabi hat man die Regeln ja konkretisiert. Der Wave Around fand in Runde 51 statt. Zwar zeigte die Regie kurz “Safety Car in this lap” an, das war allerdings, so die FIA, ein Software-Fehler.
Damit gewann Leclerc, aber Hamilton verlor seinen zweiten Platz, weil er in der SC-Phase an der Box war. Die Frage ist da natürlich: War der Stopp ein Fehler? Immer schwierig zu sagen. Wäre das gestrandete Auto von Verstappen schneller weg gewesen, wäre der Restart in der letzten Runde erfolgt. Hinter Hamilton lauerte Norris, der sich frische Reifen geholt hatte, aber Hamilton hätte Russell als Puffer hinter sich gehabt. Mercedes hat gepokert und ist am Ende damit durchgekommen. Hätte auch anders ausgehen können.
Norris blieb so nur der vierte Platz, was angesichts der Leistung von McLaren am Wochenende schon leicht geschönt war. Das Pech von Antonelli und der Ausfall von Verstappen beförderten Norris auf P4. Auffällig war, dass Norris selbst dann nicht im Rennen etwas bewegen konnte, als Verstappen, Russell und Hamilton rundenlang in einem Dreikampf verzahnt waren. Der amtierende Weltmeister hatte einfach nicht die Mittel, um etwas bewirken zu können. Das miserable Wochenende des Teams wurde durch Oscar Piastri abgerundet, der sich in der ersten Runde den Frontflügel an Liam Lawson abfuhr und es dann nicht schaffte, sich durchs Mittelfeld zu kämpfen.
P5 ging an Isaac Hadjar, der ein solides Wochenende hatte. In der Quali lag er überraschenderweise vor Max Verstappen, aber Hadjar hatte erneut Probleme am Start und musste seinen Teamkollegen passieren lassen. Danach hatte er nicht das Tempo des Niederländers. Er hatte dann das Pech, dass er nach seinem Stopp in Runde 19 hinter beide RB fiel und sechs Runden benötigte, um an beiden vorbeizukommen. Das kostete viel Zeit, die er nicht mehr aufholen konnte. Nachdem Norris erst in Runde 29 an die Box kam, lag er zwar vor dem McLaren, aber dem gelang auf frischen Reifen dann schon eine Runde später das Überholmanöver.
Die RB waren erwartungsgemäß schnell in Silverstone und meist im Formationsflug unterwegs. Mit dem besseren Ende für Liam Lawson, der sich gegen Lindblad durchsetzen konnte. Aber dass beide RB mit P6 und P7 “best of the rest” wurden, ist schon bemerkenswert. RB hat jetzt 59 Punkte in der WM gesammelt und liegt damit nur einen Punkt hinter Alpine, die weiter der Form der ersten Monate hinterherrennen. P5 in der WM ist also durchaus in Reichweite.
P8 ging an Gabi Bortoletto und damit gab es mal wieder Punkte für Audi. Der Brasilianer deklassierte am Wochenende erneut Hülkenberg und hätte um ein Haar auch Q3 erreichen können. Ihm fehlten nur 4 Hundertstel auf Lawson in Q2 und er war sechs Zehntel schneller als sein Teamkollege. Aber den Grundstein für sein gutes Rennen legte er am Start. Er behielt P11, musste zwar Carlos Sainz passieren lassen, doch der Williams war auf der Strecke kein Gegner. Bortoletto konnte P10 über das gesamte Rennen halten, auch weil die Konkurrenz hinter ihm miteinander beschäftigt war. Hülkenberg fiel im Rennen aus.
Der beste Alpine landete auf P9. Die Überraschung war allerdings, dass es Colapinto und nicht Gasly war. Der Argentinier war in Q1 ausgeschieden und startete nur von P19. Wie kam er dann auf P9? Die Grundlage war ein guter Start. Die erste Runde beendete er auf P14. Er schnappte sich dann Bearman im Haas und passierte Carlos Sainz. Danach hing er dann hinter seinem Teamkollegen Gasly fest. Er stoppte in Runde 23 und nutzte dann einen Undercut um an Gasly vorbeizukommen. Warum Alpine Gasly nicht zuerst an die Box geholt hat, hat mich allerdings auch gewundert. Immerhin blieb dem Franzosen noch der letzte Platz in den Punkten.
Die WM ist weiter offen. Das Pech von Antonelli (Motorprobleme in Spanien, nun das Rennen in Silverstone) summiert sich mittlerweile auf einen Verlust von 43 Punkten. Er führt in der WM nun mit 179 Punkten vor Russell (154) und Hamilton (147). Leclerc kommt auf 18 und der noch amtierende Weltmeister Norris auf 98 Punkte. Ohne die nicht von Antonelli verschuldeten Ausfälle hätte er 222 Punkte.
Sowohl für Mercedes als auch für Ferrari stellt sich aber so langsam die Frage, auf welchen Fahrer man in der WM setzen will. Ich gehe noch davon aus, dass man die Rennen bis zur Sommerpause abwarten möchte, aber auf der anderen Seite folgen noch elf Rennen, wenn der Kalender so bleibt. Die Rennen in Katar und Abu Dhabi gehen nur dann über die Bühne, wenn die Lage am Golf weiter ruhig bleibt. Ansonsten plant die F1 ein Ersatzrennen in Portimao.
Nach dem Triple-Header macht die F1 jetzt eine Pause von 14 Tagen. Dann steht das Rennen in Spa auf dem Programm.
Bilder: Pirelli
























