Home Formel EinsF1Formel Eins: Clipping, Sandbagging & Katastrophen

Formel Eins: Clipping, Sandbagging & Katastrophen

von DonDahlmann
1 Kommentare 9 minutes read

Die F1-Tests sind rum, aber viel klüger ist man in den insgesamt sechs Tagen nicht geworden. Ein Überblick.

Stefano Domenicali hat Recht. Der CEO der Formel 1 wischte Bedenken über die Performance und die Probleme der Teams in beiden Testwochen erst einmal beiseite. Man solle einfach mal abwarten und schauen, wie sie sich die Sache entwickelt. Für Regeländerungen oder radikale Eingriffe in die Technik sähe er keinen Grund. Tatsächlich hatten die Teams in Bahrain wenig technische Probleme. Mal abgesehen von Honda und Aston Martin. Der Rest lief, mit den üblichen kleinen Überraschungen, wie ein Uhrwerk. Geplatzte Motoren sah man ebenso wenig wie “GP2-Speed”. Die schnellste Zeit von Charles Leclerc lag nur wenige Zehntel über der Bestzeit, die Verstappen 2022 aufstellte.

Es gibt natürlich noch ein paar offene Fragen. Bahrain ist ein Kurs, auf dem die Rekurperation besonders gut funktioniert. Bei anderen Kursen, insbesondere jene mit langen Geraden, sieht das anders aus. Die Angst, dass den Motoren dort die Leistung ausgeht ist nicht ganz vom Tisch und auch in Bahrain konnte man sehen, dass den Fahrern am Ende der Start/Zielgeraden der Saft ausging und die Höchstgeschwindigkeit schon vor der Anbremszone sank.

Pedro de la Rosa meinte bei Sky F1, dass das zwar der Fall sei, aber eben auch eine interessante Herausforderung für die Ingenieure bieten würde. Die FIA lässt ihnen zwar wenig Raum, aber die Frage ist ja immer, wie gut man Regellücken ausnutzen kann. Und welche technischen Innovationen die Regeln aushebeln können.

Das gilt auch für die Probleme beim Start. Am Ende eines jeden Testtages übten die Fahrer ein Startprozedere. An allen Tagen gab es das gleiche Ergebnis. Während Ferrari und Haas wie ein Pfeil los schossen, bewegte sich der Rest vergleichbar langsam von der Startlinie. Die Theorie ist, dass Ferrari im Motor einen kleineren Turbo einsetzt, der schneller Ladedruck aufbaut und man somit mehr Leistung beim Start hat.

Es ist logischerweise nicht ganz ungefährlich, wenn vier Autos gut, der Rest aber nur langsam startet. Die FIA hat reagiert und lässt den Fahrern nach dem Zeigen der grünen Flagge in der Startaufstellung noch mal 5 Sekunden Zeit bevor die Ampel angeht. Das Problem scheint dadurch zumindest etwas relativiert worden zu sein.

Bemerkenswert war aber die Zuverlässigkeit bei fast allen Motoren. Arvid Lindbladt lieferte mit 165 Runden im RB am letzten Testtag einen neuen Rekord ab. Natürlich ist das aber nur ein Test und die Frage wird sein, wie sich die Motoren über mehrere Renndistanzen schlagen. In diesem Jahr dürfen die Teams nur vier Motoren, vier Turbolader, vier E-Motoren und drei Batterien verwenden. Das dürfte eng werden am Ende des Jahres.

Erschwert werden dürfte die Zuverlässigkeit durch das sogenannte Clipping und Super-Clipping. Darunter versteht man den Umstand, dass der Verbrennungsmotor in der Lift-Phase am Ende einer Geraden weiterhin die volle Leistung abruft, diese aber dann nutzt um die Batterien aufzuladen. Das belastet den Motor also auch dann, wenn er eigentlich abkühlen sollte. Was vor allem bei hohen Außentemperaturen dann noch für Probleme sorgen wird. Was aber die massiven Kühlungsöffnungen an den Autos erklärt.

Ich bin weiter der Meinung, dass das Reglement zwar gut gemeint ist und für Ingenieure eine schöne Herausforderung stellt, aber für die Fans nur wenig nachvollziehbar ist. Wer wann welche und wie viel Energie zur Verfügung hat, ist schwer nachzuvollziehen. Das wird das Racing vor allem in diesem Jahr etwas undurchsichtig machen.

Testzeiten

Wie immer sind die Testzeiten mit der üblichen Vorsicht zu genießen. Sandbagging ist ja nicht gerade neu und diesem Jahr gab es jede Menge Möglichkeiten dazu. Spritladung, Batterieladung, Rekuperationseinstellungen, Leistungsbeschränkungen des MGU-K und Beschränkung der Motorleistung macht es schwer eine Rangordnung aufzustellen. Zwar gilt die alte Regel, dass wer ein schnelles Auto hat, dies nicht verbergen kann, aber das sagt in diesem nicht so viel aus. Wir erinnern uns auch gerne in diesem Zusammenhang an Bestzeiten von Sauber oder Williams in den letzten Jahren.

Aber so ganz ohne Spekulation ist ja nun auch langweilig, also hier meine Rangordnung für die ersten drei Rennen:

Mercedes

Das Team hatte schon 2024 angekündigt, dass man sich voll auf 2026 konzentrieren will. Das scheint sich ausgezahlt zu haben. Die Testzeiten waren gut, das Auto zeigte auch auf den Long Runs eine sehr gute Performance und zudem hatte man bis auf wenige Momente, keine großen technische Probleme. Auf der Strecke wirkt das Auto ruhig, wenig nervös und leicht beherrschbar. Die engen Zeitabstände zwischen Russell und Antonelli unterstrichen das. Ob der Vorteil der Mercedes-Motoren dann am Ende wirklich so groß ist, bezweifele ich aber nach den Testtagen. Die Konkurrenz hat auch nicht geschlafen.

Ferrari

Die Italiener kam mit viel Schwung ins neue Jahr und zeigten eine gute bis überragende Leistung. Zumindest beim Test. Das Auto war immer vorne mit dabei, technische Probleme hatte man nur am zweiten Testtag und zudem zeigte man ein, zwei interessante Lösungen wie den sich drehenden Heckflügel, den man aber nur einmal sehr kurz sehen konnte. Offenbar war man in Maranello sehr kreativ.

Im Gegensatz zum Mercedes wirkte der Ferrari aber deutlich nervöser, vor allem auf der Hinterachse. Sowohl Leclerc als auch Hamilton hatten mit einem deutlichen Übersteuern zu kämpfen. Das wurde im Verlauf der beiden Wochen zwar besser, war aber auch am letzten Testtag noch deutlich zu sehen. Das wirft dann Fragen zur Fahrbarkeit und zum Reifenverschleiß auf.

Red Bull

Sehr beeindruckt hat mich die Leistung der Red Bull. Weniger vom Chassis her, denn mehr von den Motoren. Immerhin hat man den gesamten Motor alleine entwickelt und auf die Beine gestellt. Ford lieferte zwar “Input” aber Grundkonzept und die Entwicklung hat Red Bull verantwortet. Und man hat erst vor dreieinhalb Jahren damit angefangen. Kann man sich nachträglich bei Christian Horner bedanken. Der Motor machte an allen Testtagen keine Probleme, was schon bemerkenswert ist. Immerhin reden wir hier über einen Getränke- und nicht einen Autohersteller.

Ansonsten fiel der Red Bull nicht weiter auf. Verstappen und Hadjar waren schnell unterwegs, wobei Hadjar einen guten Eindruck hinterließ. Der Umstand, dass Verstappen über die gesamte Zeit nur wenig zu meckern hatte, sollte der Konkurrenz aber zu denken geben. Der ja sonst eher sehr ehrliche Niederländer scheint zufrieden zu sein.

McLaren

Die Weltmeister scheinen nicht ganz so gut sortiert zu sein, was aber mehr mit dem Auto und weniger mit dem Motor zu tun hat. Das Fahrzeug wirkte unruhig, phasenweise schwer zu kontrollieren, vor allem auf der Bremse. Mit kalten Bremsen auf der Hinterachse hatten zwar alle zu kämpfen, aber der McLaren wirkte phasenweise besonders unruhig. Man fuhr allerdings auch nur wenig Long Runs, was eine Einschätzung schwer macht. Zumindest auf eine Runde scheint der Mclaren aber weiterhin sehr schnell zu sein. Bei der Rennpace bin ich mir das weniger sicher.

Haas

Wer das vermutlich enge Mittelfeld anführen wird ist schwer zu sagen, aber Haas machte in Bahrain einen guten Eindruck. Der Ferrari Motor lief auch im Haas fehlerlos und der seit diesem Jahr zusätzliche Input von Toyota beim Bau des Chassis scheint sich auszahlen. Das wird zwar immer noch von Dallara gebaut, Toyota Köln entwickelt aber für Haas nun mehr Teile des Chassis. Das scheint sich auszuzahlen. Haas wenig nicht spektakulär schnell unterwegs, aber sehr solide, zuverlässig und glänzte mit ein paar guten Rundenzeiten und guten Zeiten bei den Long Rund.

Alpine

Mit Mercedesmotoren ausgestattet und mit weniger Einmischung aus Frankreich, hat man in Enstone wohl ein sehr solides Auto auf die Beine gestellt. Die Rundenzeiten waren in Ordnung, auch auf den Long Runs. Aber dafür, dass David Sanchez ein ganzes Jahr Zeit hatte ein neues Chassis zu entwicklen, ist das Auto sehr unspektakulär. Abgesehen von der Konstruktion des Heckflügels, der für ein hochgezogene Augenbraun sorgte. Alpine könnte auch durchaus vor Haas liegen, aber die Amerikaner machten mir dann doch einen etwas besseren Eindruck.

Racing Bulls

Das Schwesterteam von Red Bull zeigte eine gute Leistung, blieb aber auch unter dem Radar. Das auffälligste war dann noch der überaus große Lufteinlass. Der Newcomer Lindblad leistete sich keine Fehler, was eine Erwähnung wert ist. Bei den Racing Bulls hängt ja immer viel Start der Saison ab. Gelingt der und sind die ersten Punkte drin, kommt dann gegen Mitte der Saison dann meist ein größeres Update, was das Team dann im Spiel hält. Aufgrund des eingeschränkten Budgets, ist die Zahl der Updates auch begrenzt. Aber sieht nach einem soliden Start aus.

Audi

Ich bin positiv überrascht über die Leistung von Audi bei den Test und über das dann doch augenfällige Design von James Key. Das ist schon sehr anders als das, was der Rest des Feldes an die Strecke gebracht hat. Ob es dann auch gut ist, ist dann wieder eine andere Frage. Aber der brandneue Audi Motor lief fehlerlos, was auch ja auch schon mal eine Leistung ist. Audi überraschte dann auch am letzten Tag mit sehr ordentlichen schnellen Runden, die sie in die Top Ten brachten. Alles in allem ein sehr gelungenes Debüt, aber ich bin noch skeptisch, was die Platzierung angeht.

Williams

Man verpasste den privaten Test in Spanien und auch in Bahrain lief es nicht ganz rund. Das sehr konservativ gestaltete Auto zeigte sich auf der Strecke nervös und sowohl Albon als auch Sainz hatten ihre Mühe. James Vowles meinte nach den Testfahrten, dass man zufrieden sei. Man sei nicht ganz vorne, aber auch nicht ganz hinten. Aber der große Sprung nach vorne, den man sich erhofft hatte, scheint es auch nicht zu sein. Ich bin sehr skeptisch, was Williams in diesem Jahr angeht und setze sie daher zumindest zum Start der Saison eher ins Hinterfeld.

Aston Martin

Katastrophaler hätte ein Start in die Saison nicht laufen können. Das aerodynamisch äußert komplexe Chassis hätte viel Laufzeit benötigt, aber das kam nicht zustande, weil der Honda-Motor nicht lief. Und wenn er lief, dann war man laut Alonso rund vier Sekunden zu langsam. Die verlorene Testzeit wird man in diesem Jahr nicht mehr aufholen können. Es fehlen nun Daten zur Leistung des Chassis und damit Daten, wie man die Updates vorbereiten soll. Die bekommt man nur im Rennen und hier ist die Frage, wie lange der Honda dann durchhalten wird. Alonso wird ein nich erwünschtes Dejavú haben. Abschreiben würde ich Aston und Honda aber noch nicht, vor allem nicht für den zweiten Teil der Saison.

Cadillac

Dass die Amerikaner das Schlusslicht sein würden, musste man erwarten. Ein komplett neues Team, das sich nicht irgendwo eingekauft hat, muss Probleme haben. Die hielten sich zumindest von der technischen Seite in Grenzen, da man ja auch auf die Ferrari-Motoren setzt. Cadillac fuhr in Bahrain ein sehr konservatives Programm und verzichtete auf Quali-Runden. Man konzentrierte sich auf Rennsimualtionen, auch um das Team vor Ort besser vorzubereiten. Dafür lief es dann aber zumindest von außen betrachtet sehr reibungslos. Ziel dürfte wohl auch erst einmal sein, dass man die ersten Rennen beenden kann. Aber der Zeitabstand von rund 3.5 Sekunden pro Runde, ist dann doch etwas viel.

Bilder: Pirelli

Das könnte Dir auch gefallen

1 Kommentare

Formel Eins: Vorschau GP von Australien 2026 – Racingblog 5 März, 2026 - 12:31

[…] hatte in meiner Analyse der Testfahrten beschrieben, dass die Serie vor einigen Problemen steht. Dabei sind die neuen Vorgaben der […]

Comments are closed.

  Der Ansprechpartner in Sachen Automobil ist AUTODOC   Der Ansprechpartner in Sachen Automobil ist AUTODOC
Racingblog
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.