Nach wochenlangen Gerüchten kam heute die Bestätigung, dass Teamchef Binotto das Team verlassen wird. Die Ferrari-Operette geht weiter.
Eigentlich könnte man bei Ferrari zufrieden sein. Nach zwei, erzwungenermaßen, schlechten Jahren, hatte sich das Team 2022 wieder vorn etabliert. Vier Siege stehen auf dem Konto, dazu ein zweiter Platz in der Konstrukteurs und der Team-WM. Der WM-Titel war zwar nie wirklich erreichbar, aber man stand besser da, als Mercedes, was ja auch keine schlechte Leistung ist. Warum also trennen sich Ferrari und Mattia Binotto?
Die Position des Ferrari-Teamchefs ist bekanntermaßen keine einfache. Immerhin haben sich seit Jean Todt fünf verschiedene Manager an Ferrari versucht. Stefano Domenicali war dabei noch der erfolgreichste. Es folgten Marco Mattiacci (2014), Maurizio Arrivabene (2014-2019) und eben Mattia Binotto (2019-2022). Binotto ist ein Urgestein bei Ferrari und war seit etlichen Jahren für die technische Entwicklung zuständig. Er kennt die Mannschaft, er kennt die Politik hinter den Kulissen. Eigentlich der ideale Mann für das Team.
Bemerkenswert war allerdings die Entscheidung, dass Binotto nach seiner Beförderung zum Teamchef auch der technische Leiter blieb. Das sind zwei Posten, die man eigentlich trennt. Red Bull macht das, Mercedes macht das, McLaren macht das. Die Position des Team Chef ist schon komplex genug, da ergibt das für viele Teams Sinn. Die Doppel-Führung durch Binotto war von Anfang an eine eher merkwürdige Entscheidung.
Zwei Dinge vielen dabei auch in diesem Jahr auf. Die Probleme bei der Strategie und die Probleme mit der Zuverlässigkeit des Motors. Beide Punkte fallen in den Verantwortungsbereich von Binotto und die Kritik konzentrierte sich daher auch auf ihn. Offenbar ist Ferrari Eigentümer John Elkann, Spross der Agnelli-Familie und Miteigentümer der Stellantis-Gruppe, war offenbar nicht zufrieden. Sowohl mit den Ergebnissen, vor allem aber über den Stillstand des Teams bei der Entwicklung in diesem Jahr.
Aber vor allem bei der Strategie gab es immer wieder offensichtliche Probleme. Die gingen so weit, dass Charles Leclerc sich mehrfach per Funk beschwerte und Binotto nach den desaströsen Calls in Monaco extra nach Monte Carlo flog, um seinen Top-Fahrer zu beruhigen. Das Verhältnis der beiden schien nicht besonders gut sein und das änderte sich auch nicht mehr.
Die italienischen Medien berichten, dass die Beschwerden von Leclerc bei Elkann auf Verständnis trafen und auch der von Elkann installierte Ferrari CEO Benedetto Vigna, schien eher geneigt zu sein, den Fahrer halten zu wollen als Teamchef. Eine bemerkenswerte Abkehr von der uralten Ferrari-Politik, dass das Team über dem Fahrer steht. (Wobei man hier einschieben muss, dass Lauda der Erste war, der das Prinzip lockern konnte).
Was genau bei Ferrari passiert, wird wie immer ein Geheimnis bleiben. Aber das Team muss nun nicht nur den Teamchef ersetzen, sondern auch den Chef der technischen Entwicklung. Eine Neuorganisation des Teams wird nicht ausbleiben können, was wiederum schlecht für das gesamte Team ist. Erfahrungsgemäß dauert es zwei Jahre, bis sich neue Organisationen gefunden haben.
Was vor allem Ferrari normalerweise benötigt, ist eine sehr starke Persönlichkeit als Teamchef. Marco Piccinini war so jemand, Jean Todt natürlich auch und mit Abstrichen Stefano Domenicali. Wer soll also auf Binotto folgen? Alfa/Sauber Teamchef Frederic Vasseur wird im Moment oft genannt, auch weil er als Freund von Charles Leclerc gilt. Aber hat er das Format um Ferrari zu bändigen? Ich habe da so meine Zweifel.
Figuren wie Toto Wolff oder Christian Horner sind selten. Die schlechteste Lösung aber wäre, wenn der im Motorsport völlig unerfahrene CEO Vigna die Rolle übernehmen würde. John Elkann selber wäre vielleicht interessant, auch weil seine Autorität im Team nicht angezweifelt werden kann, aber ich wäre überrascht, wenn er neben seinen Jobs in den Aufsichtsräten bei Stellantis und im eigenen Family Office auch noch die Zeit hat zu 20 und mehr Rennen zu fahren.
Ein wenig ist es also jetzt wie der Wahl eines neuen Papstes. Wir warten auf den weißen Rauch und wissen dann, in welche Richtung sich Ferrari entwickeln wird.
Bilder: Ferrari


1 Kommentare
Was keiner so wirklich versteht wieso Iñaki Rueda der seit 2015 für die Strategie zuständig ist immer noch da ist.
So wirklich überzeugend war in den Jahren nicht, daher verwundert es dass keiner der TPs ihn entlassen hat.
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