Am vergangenen Wochenende ging nicht nur die WTCR Saison 2022 zu Ende, denn es waren mit den Rennen 107 und 108 die Letzten in der fünfjährigen WTCR Geschichte. Diese boten zumindest teilweise nochmal gute Unterhaltung, auch wenn in der Meisterschaft an der Spitze die Luft raus war.
Irgendwie hatte es schon was Befremdliches. Das letzte Rennen der Rennserie in einem Land ohne Motorsporttradition und mit praktisch keinen Zuschauern. Irgendwie hatte es was vom letzten WTCC Wochenende 2017 in Katar, auch wenn die Flutlichtbilder zweifelsohne schön anzusehen waren.
Wie schon in Bahrain waren nochmal 15 Wagen am Start. Erneut waren die drei Gaststarter in Form von Victor Davidovski und Franco Girolami für Comtoyou Racing am Start, sowie Nick Catsburg im Hyundai, um für den Fall der Fälle seinem klar führenden Teamkollegen Mikel Azcona Schützenhilfe zu bieten. Dazu kam ein lokaler Gaststarter in Form von Ahmed Khaled BinKhanen, der Mehdi Benanni in einem weiteren Comtoyou Audi ersetzte, der sich beim Unfall in Bahrain eine Verletzung am rechten Oberschenkel zuzog und deshalb ausfiel. Bei Cupra war Rob Huff wieder zurück, nachdem dieser in Macau beim dortigen TCR Asia
Rennen erneut seinem Ruf als Mr. Macau alle Ehre machte. Keiner im Feld wird wohl so sehr hoffen, dass die neue TCR World Tour im Jahr 2023 wieder in Macau Station machen wird .
Samstag (Qualifikation)
Die große Frage war, ob bereits vor dem Renntag die Entscheidung fallen sollte, da Azcona nur noch wenige Qualifikationspunkte gebraucht hat, um den Titel zu entscheiden. Genau hierzu kam es in
einer Qualifikationssitzung, die ähnlich wie in Bahrain von viel gegenseitigem Windschatten fahren geprägt war, insbesondere innerhalb der drei Hyundai. Während Azcona in der ersten Session des Tages unter Flutlicht seinen Stempel aufdrückte und locker ins nächste Segment einzog, hatten die Honda von u.a. Nestor Girolami erneut massiv mit fehlendem Topspeed und dem hohen Gewicht zu kämpfen. Azcona konnte somit in Q2 Meister werden, da er es ins Top5 Shootout schaffte. Es dürfte als einer der lautesten Funksprüche in die Geschichte des Motorsportjahres 2022 eingehen. Nestor Girolami ging obendrein
auch noch Ende Q2 der Sprit aus, was im Nachgang für die Streichung aller Zeiten sorgte und er damit beide Rennen von P15 aus starten musste. Im Nachhinein gilt festzuhalten, dass Honda im Saisonverlauf entweder in der Quali zu schnell war, was ihnen zu viel Zusatzgewicht einbrachte oder solche Missgeschicke wie in diesem Fall passierten, mit denen man einfach keinen Titel einfahren kann.
Am Ende in Q3 sicherte sich Nathanael Berthon die Pole, der nun beste Chancen auf den Vizetitel hatte. Dahinter reihten sich die beiden
Hyundai von Michelisz und Azcona ein vor zwei weiteren Audi von Tom Coronel, der seine starke Form aus Bahrain mitnehmen konnte und Gilles Magnus, der jedoch im Nachgang drei Plätze strafversetzt wurde. Hiermit war klar, dass aufgrund der Streckencharakteristik erneut die Hyundai und Audis dominieren sollten. Auch Franco Girolami und Victor Davidovski, die direkt hinter der Q3 Gruppe die Quali beendeten, konnten sich für große Aufgaben im TCR-Bereich 2023 empfehlen.
Am Ende der Quali hatte es was von einem Saisonende, bevor die beiden
Rennen Tags darauf überhaupt gefahren wurden: Azcona bekam bereits im Parc Fermé mit viel Glanz und Gloria den riesigen Pokal überreicht. Mir ist kein anderer Meisterschaftspokal bekannt, der so viel Raum einnimmt!
Rennen 1
Weiter hinten im Feld blieb Atilla Tassi stehen. Vorne ging Azcona nicht mehr mit dem vollen Risiko ins Startgetümmel und verlor die Plätze
gegen Tom Coronel, Franco Girolami und Gilles Magnus. Ende der ersten Runde gab es eine etwas wundersame Safety Car Phase ohne ersichtlichen Grund, da der Civic von Tassi rechtzeitig an die Box gerollt werden konnte. Nach der Safety Car Phase nahm das Rennen ohne große Zwischenfälle zunächst seinen Lauf. Vorne zog Berthon recht schnell weg, womit er beste Chancen auf den zweiten Rang in der Meisterschaft haben sollte, da es für Nestor Girolami einfach nicht nach vorne gehen wollte.
An der Spitze kam etwas Würze rein, nachdem man Audi-intern einen Platztausch zwischen Coronel und Franco Girolami vornahm. Vorne konnte Norbert Michelisz nach und nach mehr Druck ausüben auf Berthon. Insgesamt bildete sich eine Zweiteilung im Feld. Die Plätze eins bis sechs waren alle recht dicht beisammen, während es auf den Rest eine große Lücke gab. Man beobachtete, dass dieses Mal nicht nur die Reifen, sondern in den engen Straßen auch die Bremsen schneller verschlissen als sonst. Vor allem Nick Catsburg hatte damit zu kämpfen, evtl. aufgrund seiner etwas eingestaubten Erfahrung mit Fahrzeugen
ohne ABS.
Ab einem gewissen Zeitpunkt hielt Berthon das Feld hinter ihm etwas auf. Michelisz gab alles mit teils rauchendem Hinterrad am Kurveneingang. Da dieser wohl zu lange im Berthon-Windschatten fuhr, bekam er kurz vor Schluss richtig Druck von Franco Girolami, der mehrmals den alten „Nigel Mansell Trick“ anwandte und vor der ersten Kurve außen antäuschte und sich versuchte innen rein zu bremsen – leider letztlich ohne Erfolg. Auch mit seriennahmen Tourenwagen gestaltete sich auf dem GP-Kurs das Überholen äußerst schwierig.
Für eine ungewohnt ungestüme Aktion sorgte im Kampf um den fünften Platz Mikel Azcona, der Gilles Magnus bei einem Manöver heftig in die Seite fuhr und daraufhin abseits der Kameras den Platz wieder zurückgab.
Vorne kam Berthon am Ende klar zum Sieg vor Michelisz und Coronel, da dieser auf Ansage von Audi wieder von Franco Girolami vorbeigelassen wurde, weil beide bereits früher im Rennen einen gezielten Platztausch vornehmen. Bei Comtoyou scheint man sich mit solchen Ansagen offenbar leichter zu tun als das Red Bull F1 Team. Magnus rettete den fünften Rang vorm Meister. Victor Davidovski wurde respektabler Achter. BinKhanen konnte mit Monteiro immerhin einen Stammpiloten hinter sich lassen, der gefühlt immer stärker im Saisonverlauf abgebaut hat.
Nachdem Nestor Girolami mit ach und krach Zehnter wurde, sollte es nun für das zweite Rennen zwischen ihm und Berthon ein aufregendes Fernduell um den zweiten Gesamtrang geben!
Rennen 2
Allein die Startreihenfolge machte nochmal Lust auf ein letztes Mal WTCR, da drei Gaststarter in den Top5 der Startaufstellung durch das reversed grid standen. Hinzu kam, dass mit Tassi und Guerrieri zwei der schwach performanten Honda Civic auf der Pole, bzw. dem dritten Platz standen, was vieles versprach.
Nach dem Start war schnell zu sehen, dass beim letzten Rennen einiges an Unruhe im Feld entstand und man nicht immer an die Rechnungen der Teams dachte. Vorne konnte Tassi den Start gewinnen. Jedoch wollte eingangs der zweiten Runde Esteban Guerrieri etwas übermotiviert am Ungarn vorbei, wodurch er sich innen wegdrehte. In der darauffolgenden Runde wollte an der gleichen Stelle nach Start/Ziel Franco Girolami an ihm vorbei, wodurch er sich innen wegdrehte und sowohl Tassi, als auch Nick Catsburg abräumte. Bereits in Bahrain fiel der TCR Europe Meister nicht durch Zurückhaltung auf. Durch das
Chaos ging Gilles Magnus auf wundersame Weise an die Spitze, immerhin vom siebten Startplatz. Dadurch waren die beiden Honda einerseits selbst- andererseits fremdverschuldet aus der Entscheidung raus.
Durch die resultierenden Ausfälle ergab sich im Rennverlauf eine goldene Chance für Nestor Girolami, doch noch den zweiten Meisterschaftsrang zu holen. Berthon hing im Rennverlauf auf dem sechsten Platz fest, während der Argentinier es immerhin recht
kampflos auf den achten Platz schaffte, was ihm gereicht hätte. Berthon hing hinter Rob Huff im Cupra fest, der sich nach Macau perfekt auf Stadtkurse einschießen konnte. Dieser machte permanent dicht und konnte den Platz trotz Berthons Angriffe verteidigen.
Vorne bildete sich ebenso eine spannende Gemengelage. Magnus zog zwar recht souverän weg, um als letzter Sieger in die WTCR-Geschichte einzugehen, dahinter hielt Davidowski jedoch die beiden Hyundai von Azcona und Michelisz etwas auf. Dennoch machte der 42-järhige Mazedonier, der eigentlich aus dem Bergrennsport kommt, einen sehr guten Job und konnte den Platz verteidigen.
In den Schlussminuten sollte es langsam eskalieren, als Berthon im ersten Turn unerlaubterweise innen an Huff vorbeiging und er ihn wieder vorbeilassen musste. Mehrmals beschwerte sich der Franzose über „moving under breaking“ seitens seines Kontrahenten, jedoch letztlich als haltlose Beschwerden. Dann kam es wie es kommen musste und er knallte dem Engländer wenige Runden später innen in die Seite, womit er selbst sein Rennen beendete. Vorne rechts war das Vorderrad abgeknickt und bitter enttäuscht musste er aus dem Audi steigen. Ein ungläubiger Nestor Girolami fragte mehrfach beim ALL-INKL.COM Team nach, ob er damit wirklich Vizemeister war.
Leider wurde daraufhin das Ende des Rennens hinter dem Safety Car zu Ende gefahren und viele konnten per Funk aus den Cockpits heraus ihren Emotionen nach fünf Jahren WTCR freien Lauf lassen. Girolami bedankte sich z.B. über die TV-Schalte während dem Rennen für die gemeinsamen Jahre. Ein klein wenig Gänsehaut schwing da auch beim Blogger dieses Artikels mit!
Den letzten Lauf konnte Magnus vor Davidovski und Azcona gewinnen. Der Sieg brachte ihm immerhin noch den fünften Rang in der Meisterschaft ein, punktgleich mit Rub Huff, der am Ende Sechster wurde. Die starke Saison von Azcona wird deutlich, wenn man auf den Abstand auf Vizemeister Nestor Girolami schaut: Ganze 83 Punkte waren es am Ende. Eine wirklich beeindruckende Saison in einer BOP-geführten Rennserie!
Was bleibt von fünf Jahren WTCR?
Wer einen etwas dezidierteren Rückblick möchte, empfehle ich den vorletzten Artikel zur WTCR nochmal nachzulesen. Letztlich haben es die Verantwortlichen der Serie leider nicht hinbekommen, ein finanziell lohnendes und reichweitenstarkes Produkt auf die Beine zu stellen. Auch wenn letztlich die schwächeren letzten beiden Jahre präsent bleiben, erinnert man sich gerne an die ersten beiden Saisons 2018 und 2019 zurück, als man den internationalen Tourenwagensport neu erfand und ein tolles Feld mit vielen Marken auf die Beine stellte. Leider wurden die gleichen Fehler der WTCC auch hier gemacht, dass Teams mit Werksstrukturen die Kosten und Wettbewerbsfähigkeit nach oben trieben und dies in keinem Verhältnis mehr stehen konnte zur Reichweite und dem Werbewert der Rennserie. Der int. GT Sport hatte innerhalb der SRO immer den großen Vorteil, dass Zugänglichkeit wie kostenlose live Streams auf YouTube und ein attraktives Rennformat mit viel Fahrzeit vor allem Gentleman Driver anlocken. Auch das war im Nachhinein ein Trend, der in der WTCR verpasst wurde: Volle Starterfelder bekommt man heutzutage in erster Linie über die Schiene der Gentleman Driver und Amateure (siehe WEC, diverse SRO Serien). Diese finden jedoch die Rennformate des TCR Sports außerhalb der NLS höchst unattraktiv, was bei wenig Fahrzeit im Verhältnis zu hohen Kosten logisch erscheint. Auch das ist insbesondere ein Grund, wieso die nationalen TCR Serien in vielen Märkten ebenfalls eine ungewisse Zukunft haben und seit Jahren mit kleinsten Starterfeldern um Beachtung kämpfen.
Grundlegend muss man sich die Frage stellen, ob im aktuellen Motorsport Markt noch Platz für die TCR-Formel sein wird. Wenn man sich die Meldungen der letzten Tage rund um den ADAC und die DTM ansieht, scheint jedenfalls einiges an Bewegung im Motorsport Markt zu sein. Ziel muss es sein, dass man den Begriff Tourenwagen wieder richtig definiert und sich zu den alten Werten der seligen WTCC, STW, DTM und V8 Start Zeiten besinnt. Wenn der TCR World Cup und die damit verbundenen nationalen TCR Serien eine längere Zukunft haben wollen, muss an vielen Dingen gearbeitet werden. Jedenfalls hilft es nicht, wenn der Begriff „Tourenwagen“ immer mehr verwässert wird und viele vermeintliche Experten gar einen GT3 Sportwagen als „Tourenwagen“ bezeichnen.
Start der neuen TCR World Tour 2023 als Chance
Über den Winter wird man sehen, ob und wie schnell man genug Teams für die neue World Tour gewinnen kann. Zumindest gibt es bereits positive Anzeichen von Teams wie Comtoyou Racing, ALL-INKL.COM oder BRC Squattra Corse. Selbst Lynk & Co. scheint das Interesse nicht ganz verloren zu haben. Zumindest hat Yann Ehrlacher im Rahmen des WEC Rennens in Bahrain angedeutet, dass er einen TCR-Drive für 2023 hat, ohne hier Hersteller und Serie zu nennen. Wenn man diese Teams gewinnen kann, dürften die anvisierten 15 Wagen schnell erreicht sein. Wie nachhaltig und vielversprechend das Konzept sein wird, bleibt abzuwarten. Eine Chance muss man dem neuen Format auf jeden Fall geben!
Den Teamverantwortlichen gilt zu wünschen, dass sie möglichst schnell ihre berufliche Zukunft absichern können und die Organisatoren eine stabile Plattform auf die Beine stellen!
Bildquelle: WTCR Media (https://www.fiawtcr.com/de/photos/?fid=1998-wtcr-race-of-saudi-arabia-2022)

6 Kommentare
Der wiederholte Fehler aus WTCC-Zeiten besteht nicht nur in durch Werksengagement hochgetriebenen Kosten, sondern auch im unattraktiven Sportverständnis das durch die Werke in die Serie kommt. Will sagen, dass Werke und werksnahe Teams von oben herab intern bestimmen (oder sich von potenten/einflussreichen Fahrern diktieren lassen), wer von ihren Fahrern obere Schublade ist während der Rest nur als Wasserträger dient und die Meisterschaftsambitionen lediglich zu unterstützen hat anstatt für den eigenen Erfolg fahren zu können, ist im Motorsport nach wie vor eine absolute Unsäglichkeit und der Attraktivität und Authentizität einer Rennserie massiv abträglich, weil hochgradig unsportlich. Das wirkt sich dann eben auch massiv negativ auf die Vermarktbarkeit und die Rezeption der Serie aus. Dabei gehörte es ursprünglich zum Konzept und initialen Erfolg des TCR-Prinzips weltweit, dass es so weit wie möglich primär Kundensport sein solle, mit leicht(er) zu fahrenden Autos (Front- statt Hecktriebler) und damit Attraktiv für Kleine und Einsteiger auf dass ein grosses, buntes Fahrzeugfeld entsteht das dadurch tatsächlich Zweikämpfe und Sport auf der Strecke liefert anstatt überwiegend Stallregie. Das war in der WTCC schon immer ein Riesenproblem, und es war absehbar, dass das in der WTCC-mit-TCR-Autos nicht anders sein würde.
Ja, das stimmt allerdings. Wie in meinen Artikeln mehrfach angeklungen waren vor allem die Multicar Teams ein großer Fehler. Bestes Beispiel war hier immer Lynk & Co. die bereits vom ersten Rennen an Yann Ehrlacher als Titelanwärter nominiert hatten oder bei Hyundai, die letztes Jahr beim Saisonstart am Nürburgring Luca Engstler zurückpfiffen und das kurz vor seinem ersten Karrieresieg für das eigene Familienteam fahrend. Die taktischen Spielchen hatten zunehmend an die alte Class 1 DTM Ära erinnert.
Werdet ihr in Zukunft weiterhin über die (Nachfolge)Serie berichten?
Hi,
können wir noch nicht genau sagen. Hängt ganz davon ab, welches Medienkonzept die neue TCR World Tour haben wird und wie die Übertragungen aussehen werden. Schwierig wird es dann, wenn die Serie z.B. bei den Veranstaltungen ausschließlich auf die Produktion der nationalen Serie zugreifen müsste. Hier könnte es durchaus passieren, dass die Rennen nur sehr spartanisch mit wenigen Kameras produziert werden. Da würde es natürlich schwierig werden, vernünftige Berichte darüber zu verfassen. Anders sähe es natürlich aus, wenn man die Serie zentral produzieren würde und sie über verschiedene Kanäle, idealerweise im TV weiter zu sehen wäre.
Von daher mal abwarten.
Danke für die Antwort. Würde mich auf jeden Fall freuen.
Toller Artikel, aber das Meisterteam sollte man schon richtig schreiben…
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