Es war erneut ein dominantes Wochenende von Kimi Antonelli, der seinen Anspruch auf den WM-Titel erweitert.
Die britischen Medien wundern sich. George Russell wundert sich. Selbst Toto Wolff ist sich nicht so ganz sicher, was da passiert ist. Die erste Runde sah einen hilflosen Russell auf dem Weg zu Les Combs, der rechts und links von der Konkurrenz überholt wurde. Es sei, so Russell, als würde er in einem F2 sitzen. Und so sah es auch aus. Am Ende stand dann eine Kollision mit Lewis Hamilton, die Russell als “Rennunfall” betrachtete.
Die Rennleitung sah das anders und belegte Hamilton mit einer 5-Sekunden-Strafe. Kann man machen, aber empfand ich als überflüssig. Es war ein normaler Zweikampf, der Ferrari hatte Untersteuern, ohne dass Hamilton etwas machen konnte. Nicht schön, aber kann passieren. Wenn man aber jede unabsichtliche Berührung wie eine bewusste Tätlichkeit behandelt, dann geht auch keiner mehr Risiken ein.
Aber zurück zu Russell und warum er auf dem Weg zu Les Combs so wenig Leistung hatte. Laut Wolff hatte nicht nur Russell das Problem. Es betraf auch Antonelli und andere Teams. Die mussten feststellen, dass sie nach dem Start weniger Energie zur Verfügung hatten, als erwartet. Es ist wohl ein kombiniertes Problem aus Energiespeicher und der Freisetzung. Im Rennen ließ sich das anpassen, beim Start aber nicht. Was dann zu der Szene in der ersten Runde führte.
Das Problem hatte Russell aber laut eigener Aussage das gesamte Wochenende und sein Abstand zu Antonelli in der Quali betrug eine halbe Sekunde. Sein Chef widersprach dem nicht, schränkte aber ein, dass die Art und Weise, wie Russell seine Energie auf der Quali-Runde nutzen würde, dazu beigetragen hätte. Es scheint also auch ein Problem von Russell zu sein, der ja schon mehrfach angedeutet hat, dass er seine Fahrweise anpassen muss.
Die Überraschung in Spa war Max Verstappen, dessen Red Bull besser lief, als erwartet. Er selbst war positiv überrascht, vor allem über seine Rennpace. Allerdings hatte er mit P2 auch eine gute Ausgangsposition, die er dann im Rennen umsetzen konnte.
Ferrari war dagegen vor allem in der Qualifikation deutlich schwächer als erwartet. Leclerc und Hamilton waren in Q3 fast zeitgleich (1.44.893 vs. 1.44.895) mit dem besseren Ende für den Monegassen. Hamilton führte dies auch auf den Unfall zurück, den er in FP3 hatte. Nach dem Wiederaufbau des Chassis lag der Ferrari nicht mehr ganz so gut, so der Weltmeister.
Im Rennen zeigten sich die Roten etwas besser. Antonelli lag an der Spitze, gefolgt von Verstappen. Dahinter hatte sich Leclerc positioniert und nachdem Hamilton den gut gestarteten Piastri hinter sich gelassen hatte, lag er auf P4. Ab diesem Zeitpunkt war dann nur noch die Frage, wer welche Strategie haben würde.
In Runde 18 (von 44) kam Verstappen an die Box und versuchte sich an einem Undercut an Antonelli. Die Mercedes-Box reagiert aber eine Runde später und vereitelte den Angriff des Red Bull. Ferrari wartete mit dem Stopp. Es gab auch keinen Grund, die Zeiten von Leclerc waren gut und zudem wollte man Hamilton die Chance geben, sich mindestens 5 Sekunden von Piastri abzusetzen, da er ja die Strafe noch absitzen musste.
In Runde 21 gab es dann plötzlich ein VSC da offenbar Teile auf der Strecke lagen. Das VSC kam perfekt für Ferrari, die beide Autos an die Box holten. Da man bei einem Stopp unter VSC-Bedingungen rund 10 Sekunden spart, konnte Leclerc die Spitze übernehmen. Hamilton verlor allerdings seinen Platz erneut an Piastri.
Leclerc konnte sich lange an der Spitze halten, aber Antonelli war klar der schnellere Mann auf der Strecke. Er nagte den Vorsprung des Ferrari Runde um Runde ab und überholte Leclerc schließlich. Der blieb zwar lange im Heck des Italieners, konnte aber gegen Ende des Rennens das Tempo nicht mehr mitgehen.
Verstappen musste am Ende des Rennens aufpassen, dass er nicht noch von Hamilton eingeholt wird. Der hatte viel Zeit hinter Piastri verloren und am Ende reichte es dann auch deswegen nur zu P4. Ohne die Strafe wäre ein dritter Platz durchaus drin gewesen.
Aber das Rennen hätte auch durchaus anders ausgehen können. Lando Norris war der Überraschungsmann im Rennen. Er hatte schon in der Quali den McLaren auf P3 gestellt, musste aber von P13 starten, weil er sein Kontingent an erlaubten Motorteilen überschritten hatte. Der amtierende Weltmeister zeigte eine starke Leistung und arbeitete sich bis Runde 13 auf die sechste Position nach vorne. Er profitierte dann von den beiden frühen Stopps von Verstappen und Antonelli und lag in Runde 21 auf P3 hinter beiden Ferrari.
Doch McLaren entschied sich gegen einen Stopp während der VSC-Phase, was nicht so richtig nachvollziehbar war. Norris war zwar auf den harten Reifen gestartet und musste dann die Medium nehmen. Aber die Ferraris hatten diese Medium bis Runde 21 genutzt. Norris hätte mit einem leichteren Fahrzeug die restlichen Runden auf den C3 eigentlich überstehen können. P3 oder P4 wären somit möglich gewesen.
McLaren wartete mit dem Stopp aber bis Runde 32 und stoppte unter Grün, was Norris auf P8 zurückwarf. Er lag dann hinter Bortoletto und vor allem Hadjar, den er bis zum Ende des Rennens nicht einholen konnte. Mehr als ein siebter Platz war dann nicht drin. McLaren hätte hier mehr Risiko eingehen müssen, und warum man das, auch angesichts der Position in der WM, nicht gemacht hat, ist unerklärlich. Man hatte Zeit genug, um innerhalb des VSC zu reagieren. Selbst wenn man die Befürchtung hatte, dass die Medium am Ende des Rennens eingehen würden – ein Versuch wäre es wert gewesen. Immerhin zeigte McLaren mit dem fünften Platz von Piastri ein kleines Lebenszeichen.
Hadjar beendete das Rennen auf P6. Was jetzt keine Überraschung ist. Wohl aber, wie der zustande kam. Denn Red Bull holte Hadjar in der SC-Phase in der ersten Runde an die Box und schnallte die harten Reifen auf. Der Franzose musste also das gesamte Rennen auf einem Satz Reifen absolvieren und sich durch das gesamte Feld bewegen. Das gelang ihm gut und P6 ist damit durchaus eine bemerkenswerte Leistung.
Audi holte mit P8 erneut Punkte, was ein gutes Ergebnis war. Zwar schafften es beide Audi nicht in Q3, aber Bortoletto profitierte von diversen Rückversetzungen und startete von P8. Dort bewegte er sich auch die meiste Zeit im Rennen. Er profitierte ebenfalls von der VSC-Phase und konnte sich zudem von der Konkurrenz absetzen.
P9 ging an Lindblad, der erneut ein gutes Wochenende hatte. Wie gesamte RB-Mannschaft. Beide Autos schafften den Sprung in Q3 und sahen schnell genug aus, um in die Punkte zu kommen. Am Ende reichte es dann nur für den Rookie, weil Lawson schon in Runde 15 an die Box kam und dann im engen Mittelfeld feststeckte, als alle anderen dann während der VSC-Phase an die Box kamen.
Dort entwickelte sich dann ein sehr enger Kampf zwischen Colapinto, Gasly, Lawson und Hülkenberg, von dem man allerdings nichts im Fernsehen sah. Es gab nicht mal eine Wiederholung des Manövers von Colapinto, der in bester Häkkinen/Schumacher/Zonta Manier auf der Kemmel-Geraden eine dritte Spur aufmachte und sich damit P10 sicherte. RB, Alpine und Audi schenken sich im Moment nur wenig. Das dürfte im Verlauf der Saison noch spannend werden.
Williams und Haas hatten mit dem Rennen nichts zu tun. Bei Williams ist man wenig überrascht, bei Haas schon. Ferrari-Motoren und Unterstützung von Toyota sollten eigentlich bessere Ergebnisse ermöglichen. Aber das Team steckt seit dem Update von Miami in einer Krise und scheint bei den Updates in eine falsche Richtung marschiert zu sein. Da man nicht wie die Top-Teams alle drei Wochen größere Updates produzieren kann, wird es wohl dauern, bis man wieder mehr Chancen hat.
Cadillac bleibt zwar weiter hinten und im Rennen chancenlos, aber in der Quali gibt es Fortschritte. Der Abstand zu P16 lag in Spa bei rund einer Sekunde. Klingt viel, ist viel, aber ist besser, als das, was man zu Beginn der Saison hatte. Man darf ja nicht vergessen, dass das gesamte Team brandneu ist und man nur wenig Erfahrung mit Updates usw. hat.
Aston Martin war immer das Schlusslicht, aber man hofft doch stark, dass das Rennen in Spa das letzte gewesen ist, bei dem man so weit hinten lag. Nächste Woche kommt das B-Spec-Auto von dem sich Aston rund 2 Sekunden verspricht.
Wird das ein Quantensprung? Eher nicht. Wenn es denn zwei Sekunden sind, hätte das Aston in Spa auf die Höhe der Cadillac gebracht, vielleicht etwas davor. Man sollte also nicht allzu viel erwarten. Das Update des Honda-Motors, das nach der Sommerpause erwartet wird, soll ebenfalls etwas eine bis anderthalb Sekunden bringen. Damit läge man dann im Mittelfeld.
Nächste Woche geht es am Hungaroring schon weiter. Es ist auch das letzte Rennen vor der Sommerpause. In der WM führt Antonelli mit 45 Punkten vor Hamilton. Russell hat 50 Punkte Rückstand, bei Leclerc sind es 74 Punkte. Es sind aber noch 12 Rennen zu fahren. Eventuell aber auch nur elf Rennen, wenn die beiden Rennen in Katar und Abu Dhabi ausfallen sollten und man stattdessen das Finale in Portimao fährt.
Bilder: Pirelli



































