Was wäre die Formel Eins ohne die Dramen von Ferrari. Die Saison 2017 wird nicht in die Geschichte eingehen, weil Mercedes den Titel gewonnen, sondern weil Ferrari ihn verloren hat.
Man muss Ferrari dankbar sein. Ohne deren Aufschwung in dieser Saison wäre es eine öde Mercedes-Only-Veranstaltung geworden. Gleichzeitig gibt es aber natürlich die Frage, ob Ferrari den Titel dieses Jahr nicht auch verschenkt hat. Klar ist: Ohne den Crash in Singapur und ohne die technischen Probleme in Malaysia und Japan wäre die Sache enger geworden. Tatsächlich hatte Ferrari in diesem Jahr das bessere Chassis, denn es funktionierte auf fast allen Strecken gleich gut. Dagegen kämpfte Mercedes vor allem zum Start der Saison mit Problemen. Hat Ferrari also seinen Vorteil aus den ersten Rennen nicht genug genutzt?
Erst mal muss man aber feststellen, dass die Saison 2017 für Ferrari im Vergleich zu 2016 außerordentlich erfolgreich war. Während man 2016 sieglos blieb, konnte man in diesem Jahr fünf Siege einfahren. Insgesamt sammelte man 522 WM-Punkte (2016: 398 Punkte) und man verbesserte sich um einen Platz in der WM-Wertung. Das konnte man so, nach dem desaströsen Vorjahr, kaum erwarten. Und man hat selten einen stärkeren Umschwung innerhalb eines Jahres sehen können.
Schuld daran waren die neuen Regeln, die Ferrari richtig interpretierte. Das neue Chassis wirkte vom ersten Moment an schnell und zuverlässig. Keine zickige Diva wie im letzten Jahr. Das Team um Enrico Cardile und David Sanchez zusammen mit dem Chefdesigner Simone Resta lieferte einen guten Job ab. Nicht vergessen darf man den dann im Verlauf der Saison überraschend geschassten James Allison. Aber auch auf Motorenseite hat Ferrari unter Mattia Binoto nachgelegt. In Sachen Leistung fehlt nicht mehr viel, es haperte nur an der Zuverlässigkeit, weil Ferrari unter Druck über die Grenzen hinaus schoss.
Das Thema „Druck“ scheint bei Ferrari allerdings ein Problem zu sein. Man konnte es Vettel ansehen, man sah es im Gesicht von Maurizio Arrivabene. Dass sich gerade um ihn, der Ferrari in den letzten zwei Jahren aus einer tiefen Krise geführt hat, immer wieder Gerüchte bezüglich seiner Ablösung gab, zeigt, wie hoch der interne Druck bei Ferrari ist. Nicht unschuldig daran ist Fiat-Chef Sergio Marchionne, der Ferrari nicht nur völlig unter seiner Kontrolle hat, sondern sich auch mehrfach ins Tagesgeschäft eingemischt hat.
Jedes Mal, wenn Marchionne ein paar Sätze in die Kamera sprach, zuckten die Ferrari-Mitarbeiter zusammen. Das führte am Ende auch dazu, dass kaum noch jemand von Ferrari überhaupt mit den Medien nach einem Rennen sprach. Man konnte im Verlauf der Saison spüren, wie schwer der Druck auf einigen Mitarbeitern und auch auf Arrivabene lag. Während man bei Mercedes an einem Strang zog, scheint bei Ferrari vor allem eins zu herrschen: Angst vor Marchionne. Das ging so weit, dass sich der Chef im Spätsommer, nachdem er eine Bemerkung über Umstrukturierungen im Haus gemacht hatte, noch mal vor die Presse stellen musste, um klarzustellen, dass es sich um organisatorische Dinge handeln würde. Personen seien nicht gemeint.
Das Drama bei Ferrari hat auch dazu geführt, dass es nicht immer rund lief. Aber dennoch war der Aufwärtstrend der Roten bemerkenswert. Immerhin schaffte man es, Mercedes auf die Zehenspitzen zu bekommen. Und man ließ die noch weniger geliebte Mannschaft von Red Bull deutlich hinter sich. Unzufrieden muss man bei Ferrari nicht sein, auch wenn die Ausfälle in der zweiten Saisonhälfte natürlich schmerzen.
Fahrerisch war Ferrari gut aufgestellt. Kimi kämpfte, wie ja schon fast üblich, mit Setup-Problemen. Wenn es aber passte, dann war er da und lieferte auch ab. Vettel war teilweise brillant unterwegs, hatte aber auch so seine Aussetzer wie Baku und Singapur.
Ausblick 2018:
Die Basis stimmt bei Ferrari. Man hat ein gutes Chassis, auf dem aufbauen kann. Der Motor muss noch etwas an Leistung nachlegen, vor allem in der Quali. In Sachen Zuverlässigkeit war Ferrari eigentlich immer sehr gut, die beiden Fehler in diesem Jahr waren eher untypisch. Die Voraussetzungen, um 2018 echte Chancen auf den WM-Titel zu haben, sind also da. Das wird gleichzeitig auch der Anspruch sein, den man hat. Was bedeutet, dass der Druck im Team noch mehr zunehmen wird. Wenn der Start in die Saison holprig werden sollte, dürfte es schnell wieder Dramen bei Ferrari geben.
