Die Gerüchteküche nach den desaströsen Testwochen von McLaren-Honda kocht hoch. Angeblich soll das Team bei Mercedes in Sachen Motoren anklopfen. Aber wie realistisch wäre ein Wechsel?

Die BBC vermeldete es als erstes: Angeblich soll McLaren, ganz inoffiziell, bei Mercedes mal vorgefühlt haben, ob die Deutschen bereit wären, den Briten Motoren für Saison 2017 zu liefern. Angeblich ab sofort. Weder Mercedes noch McLaren wollten die Gespräche bestätigen, was jetzt aber auch keine Überraschung ist. Die Autosport verweist auf “verlässliche Quellen”. McLaren kommentierte immerhin, dass man gemeinsam mit Honda verschiedene Möglichkeiten prüfen würde. Wie viel ist dran an den Gerüchten? Und kann McLaren überhaupt einfach so den Mercedes-Motor ins Heck bauen?

Dies alles kommt nach zwei katastrophalen Testwochen mit dem komplett neue konstruierten Motor von Honda. In Zahlen sieht die “Leistung” von Honda so aus:

  • 6 verbrauchte Motoren. Dass man mehr als einen Motor bei den Tests verbraucht, ist nicht ungewöhnlich. Aber sechs Stück sind dann doch deutlich zu viel.
  • 425 Runden schaffte McLaren in beiden Testwochen. Zum Vergleich: Mercedes 588 allein in der ersten Woche (1.126 insgesamt).
  • Es gelang nicht, eine volle Renndistanz mit dem Honda zu fahren. Der längste Stint ging über gerade mal 25 Runden.

Die Liste der Probleme mit dem neuen Motor ist lang. Sehr lang:

  • Der Öltank wurde falsch konstruiert. Bei hohen Kurvengeschwindigkeiten kommt nicht genug Öl im Motor an. Fernando Alonso bezeichnete das Problem als “Anfängerfehler”. Honda meint, dass man den Fehler schnell beheben kann.
  • Der Motor hat starke Vibrationen. So stark, dass er Schäden an den Befestigungspunkten verursacht.
  • Die Vibrationen sorgen ebenfalls dafür, dass die Elektrik versagt. Sie schaltet sich einfach ab.
  • Der Motor gilt als schwer zu fahren. Die Leistung setzt ruckartig ein, eine genaue Dosierung ist wohl schwierig.
  • Insgesamt hat der Motor zu wenig Leistung. Man war auf der Geraden in Barcelona rund 30 km/h (!) langsamer als die Konkurrenz.

Honda gibt sich schmallippig, ob man die Probleme wird lösen können. Sie erinnern aber fatal an die Probleme, die Porsche mit seinem LMP1-Motor hatte. Die erste Version hatte ebenfalls starke Vibrationen aufgrund der Zündreihenfolge. Erst eine halbe Neukonstruktion sorgte für Abhilfe. Das dauerte vier Monate.

Der Motor von Honda muss also nicht zwingend am Ende sein, bevor er überhaupt ins Rennen geht. Nur scheint man mehr Zeit zu benötigen, als man dachte. Nett ausgedrückt.

Für McLaren ist das alles unschön. Das Chassis ist wohl einigermaßen gut, aber man fährt hinterher. Vermutlich liegt man hinter Sauber. So holt man weder Sponsoren an Bord noch hält man Fernando Alonso, der sowieso die Lust verliert. Noch eine Saison hinterherfahren kann und will sich die Marke nicht leisten.

Da kommen die Gerüchte um Mercedes also gerade recht. Aber kann McLaren einfach so den Motor-Hersteller wechseln?

1. Verträge
McLaren dürfte bei Misserfolg eine Ausstiegsklausel haben. Das dürfte gegeben sein. Auf der anderen Seite würde eine Trennung von Honda das Verhältnis zu den Japanern auf Jahrzehnte zerstören. Ohne die Zustimmung von Honda wird man da vermutlich nichts machen.

2. Passt der Mercedes ins Heck?
Honda hat den neuen Motor angeblich nach dem Vorbild des Mercedes gebaut. Selbst wenn das so ist, heißt das nicht, dass der Motor ins Heck passt. Es gibt drei neuralgische Punkte.

a) Die Befestigungspunkte
Die verbinden den Motor mit dem Monocoque. Zusammen mit dem Getriebe bildet diese Einheit das Chassis. Wenn die Befestigungspunkte auch nur um 3 mm anders liegen, passt das alles nicht mehr. McLaren müsste zwei neue Monocoque bauen, was circa sechs Wochen dauert. Im besten Fall.

b) Die Befestigung der Aufhängung
Die hintere Aufhängung ist meistens mit dem Getriebe verbunden. Damit die aktuelle Aufhängung des McLaren passt, müsste man ein neues Getriebegehäuse konstruieren, was auch nicht von jetzt auf gleich geht, aber immerhin schneller als ein neues Monocoque. So lange man nicht die Innereien des Getriebes anpacken muss. Sind Teile der Aufhängung aber mit dem Motor verbunden, bleibt McLaren nicht anderes übrig, als ein komplett neues Heck zu konstruieren. Auch das dauert und muss fast komplett per CFD erfolgen – ohne Windtunnel, denn die Zeit im Tunnel benötigt man für andere Angelegenheiten.

c) Anbringung der Kühler
Es ist bekannt, dass jeder Hersteller seine Kühler etwas anders anbringt. Beim Renault liegen sie sehr weit in der Mitte, was Red Bull dazu befähigt, die Sideboards extrem kurz und schmal zu halten. Mercedes hat da eine andere Philosophie, wie man an den Seitenkästen erkennen kann. Die sind breiter und laufen hinten später aus. Neue Seitenkästen zu konstruieren, welche die Kühler des Mercedes aufnehmen können, ist nicht das Problem. Aber die damit verbundene Aerodynamik leidet dann massiv. Man könnte sich mittels der neuen Barge Boards behelfen, aber es würde immer ein Kompromiss bleiben. Was bedeutet, dass die Anströmung des Heckflügels massiv gestört werden würde. Auch hier wäre eine Neukonstruktion erforderlich.

3. Kann Mercedes überhaupt liefern?
Durch den Ausfall von Manor hat Mercedes die Kapazitäten frei.

Fasst man nur diese drei Punkte zusammen, kommt man schnell zum Punkt: McLaren braucht ein neues Auto. Das ist bis Australien nicht zu schaffen, auch nicht bis Spanien. Ende Juni wäre schon ein Termin, der extrem herausfordernd wäre. Und all dies sind auch die Gründe, warum McLaren nicht einfach den Motor aus dem letzten Jahr nimmt. Er passt einfach nicht.

Eine Variante wäre, dass McLaren die ersten Rennen abschreibt, es aber weiter mit Honda versucht. Parallel beschleunigt man die Entwicklung des 2018er Autos und kommt damit nach der Sommerpause. Das wäre in etwa die Variante, die Force India 2015 genutzt hat, als das erste Chassis nicht so funktionierte. Man könnte die restliche Saison 2017 dann mit Mercedes fahren und dazu nutzen, das 2018er Chassis ausgiebig zu testen. Bei Force India hat es funktioniert. Das würde aber auch bedeuten, dass sich McLaren endgültig von Honda trennt. Denn sonst würde man 2018 wieder auf Honda setzen – so müsste man erneut ein neues Chassis bauen.

Ein Wechsel wäre für McLaren unfassbar teuer. Man bekommt die Motoren von Honda umsonst, Honda zahlt wohl das Gehalt von Alonso und steckt zusätzlich Geld ins Team. Die Mercedes-Motoren müsste man bezahlen, was allein rund 18 Millionen Dollar wären. Rechnet man den Bau der neuen Chassis dazu, landet man schnell bei 70 Millionen und mehr, die man für 2017 zusätzlich ausgeben müsste. Und das bei einem Team, das keinen Hauptsponsor hat. Theoretisch könnten die Inhaber (Ohjieh und der Staatsfonds aus Bahrain) das wuppen, aber aus Portokasse zahlt man das auch nicht. Und vor allem liegt ein großes Risiko darin. Was, wenn der zusammengebastelte Wagen genauso langsam ist?

Die Frage ist auch, ob Mercedes oder Renault McLaren überhaupt 2017er Motoren geben würde. Die Möglichkeit besteht ja, dass sich McLaren die Motoren genau anschaut und Honda damit auf die Sprünge hilft. Entweder müsste man mit alten Motoren Vorlieb nehmen oder sich vertraglich auf Jahre an einen Hersteller binden.

Ein Wechsel von Honda zu Mercedes oder einem anderen Hersteller ist zwar theoretisch möglich, aber in der Saison eher unwahrscheinlich. Es sei denn, Honda gesteht ein, dass der neue Motor unbrauchbar ist und McLaren ist zu einem Wechsel gezwungen. Das wäre dann aber für Honda der absolute PR-Super-GAU. Denn wer würde dann noch jemals einen Motor von Honda nehmen wollen?

Bilder: McLaren