Die BTCC-Saison 2015 neigt sich ihrem Ende entgegen. Drei Rennen stehen beim Saisonfinale auf dem altehrwürdigen GP Circuit von Brands Hatch auf dem Programm, fünf Fahrer können (rechnerisch) noch Meister werden.
Auf den vorderen Plätzen in der Meisterschaft sieht es folgendermaßen aus:
1. Gordon Shedden, 325
2. Jason Plato, 302
3. Colin Turkington, 293
4. Matt Neal, 288
5. Andrew Jordan, 261
Andrew Jordan klammern wir bei den Kandidaten um den Titel aber direkt mal aus. Zu groß ist sein Abstand und zu langsam war der MG letzten Endes über das Jahr gesehen. Bleiben also noch vier Fahrer übrig, die den Titel unter sich ausmachen werden. Zwei Honda und zwei VW. Und vier ehemalige Champions. Für einen Rennsieg gibt es 20 Punkte, einen Zusatzpunkt bringt die Pole Position für Lauf 1 und je einen weiteren Zusatzpunkt kann man durch die schnellste Rennrunde und eine Führungsrunde pro Lauf ergattern. Macht also insgesamt noch maximal 67 mögliche Punkte, die in Brands Hatch zu holen sind.
Konkrete Rechenspiele und theoretische Zieleinlaufszenarien erspar ich mir an dieser Stelle. Dafür habt ihr alle eine Taschenrechner-App auf dem Smartphone. Aber schaut man auf den Abstand von immerhin 23 Punkten zwischen Gordon Shedden auf Platz 1 und Jason Plato auf Platz 2, dann wird deutlich, dass der Schotte im Honda Civic Type R derzeit die besten Karten hat, seinen zweiten Titel nach 2012 einzufahren.
Shedden kann es theoretisch ruhig angehen lassen und muss sich nur möglichst immer in der Nähe des bestplatzierten Verfolgers befinden, während die drei anderen von Anfang an Vollgas geben müssen. Richtig eng wird erst dann, wenn Shedden ausfallen oder aus sonst irgendeinem Grund keine Punkte in einem Lauf holen sollte und gleichzeitig einer seiner Kontrahenten gewinnt. Dann ist das hübsche 20 plus-Punktepolster ganz schnell futsch. Aber damit sind wir schon im Bereich der Theorie.
Shedden hat im Laufe der Saison gezeigt, dass er selbst einen mit vollen 75 Kilo Zusatzballast beladenen Honda Civic sehr gut in der Quali auf einen vorderen Startplatz manövrieren kann. Der Brands Hatch GP Circuit tut zwar mit viel Gewicht an Bord besonders weh, aber man darf nicht vergessen, dass die Verfolger kaum weniger Gewicht an Bord haben.
Für Shedden spricht außerdem, dass – solange sein Vorsprung derart groß ist – mit recht wenig Gegenwehr von Matt Neal zu rechnen sein dürfte. Vielmehr ist zu erwarten, dass sich Neal, dessen Vater ja auch der Besitzer des Teams ist, in den Dienst seines Teamkollegen stellt und man versuchen wird, den Titel möglichst rasch unter Dach und Fach zu bringen.
Das, was gegen Shedden spricht – und das muss man so klar sagen –, ist Jason Plato. Wer den alten Tourenwagen-Haudegen kennt, weiß, dass Plato nichts unversucht lassen wird, um Shedden den Titel doch noch wegzuschnappen. Ob aber Colin Turkington innerhalb der VW-Reihen eine ähnliche Adjutanten-Rolle für den leicht besser platzierten Plato übernehmen wird, ist zumindest vor dem ersten Lauf unwahrscheinlich. Der amtierende Champion ist in ähnlich guter Reichweite zum möglichen Titel wie Plato. Mit Árón Smith und Alan Menu (s. dazu weiter unten) ist aber, sowohl für Plato als auch für Turkington, immer noch genug teaminterne potenzielle Schützenhilfe im Feld unterwegs.

Zünglein an der Waage, wenn es um die maximal mögliche Punkteausbeute geht, dürften die BMW sein, die allesamt zwar keine Meisterschaftschancen mehr haben, es sich aber nicht nehmen lassen werden, die Saison siegreich zu beenden. Ähnliches gilt für Mat Jackson im Ford von Motorbase und Adam Morgan im Mercedes sowie die beiden MG mit Andrew Jordan und Jack Goff.
Interessant ist vor den letzten drei Rennen, dass dieses Mal schon vorab klar ist, mit welchen Reifen die einzelnen Fahrer ins Rennen gehen werden. Da laut Reglement die weiche Reifenmischung über die Saison gerechnet je drei Mal im ersten, zweiten und dritten Lauf gefahren werden muss, hat jeder Fahrer vor dem Saisonfinale nur noch eine Option. Für die Meisterschaftskontrahenten sieht das ganze folgendermaßen aus: Jason Plaot fährt Soft in Lauf 1 (sicherlich nicht schlecht, wenn es um die Jagd nach der schnellsten Runde für die Startaufstellung des zweiten Laufs geht), die beiden Honda von Shedden und Neal fahren Soft in Lauf 2 und Colin Turkington in Lauf 3.
Das und einige weitere nette Informationen hat Dunlop in dieser kleinen Infografik (öffnet im neuen Tab) zusammengefasst. Daraus geht unter anderem hervor, dass Mat Jackson bislang die zweitmeisten Führungsrunden gesammelt hat! Und das, obwohl er erst seit Mitte der Saison am Start ist. Interessant außerdem, dass Adam Morgan der einzige Fahrer ist, der alle bisherigen Rennrunden absolviert hat und – verblüffend – dass wir in diesem Jahr noch kein einziges Regenrennen hatten. In der britischen (!) Tourenwagenmeisterschaft.
Um vor dem Finale mal eben die restlichen Meisterschaftsstände zu kompletieren: In der Teamwertung führt Team BMR mit 55 Punkten vor Dynamics. Hier ist sicherlich dienlich, dass man neben Plato und Turkington mit Áron Smith einen weiteren Punktesammler im Team hat.
Den Independenttitel spar ich mir an dieser Stelle. Da Plato und Turkington dafür wertungsberechtigt sind, wird der Titel an einen von beiden gehen. Witzigerweise führt hier Colin Turkington mit einigem Vorsprung vor Plato (in der Gesamtmeisterschaft ist es ja umgekehrt), was mich etwas in Erklärungsnot bringt und dazu veranlasst, nachher noch mal genauer zu überprüfen, wie die Punkte hierfür vergeben werden.
Ähnlich klar ist die Situation in der Herstellerwertung: Da Team BMR (VW) hierfür nicht wertungsberechtigt ist, führt Honda mit großem Vorsprung vor MG und WSR.
Wer das alles noch mal genauer anschauen möchte, wird hier auf der offiziellen Website der BTCC fündig.
Ich bin mir sicher, dass es heute und morgen spannend in Brands Hatch zugehen wird und hoffe auf ein faires, aber dennoch BTCC-gerechtes Saisonfinale mit einem würdigen Champion. Die Startzeiten könnt ihr wie üblich unserem TV-Planer entnehmen.
Noch ein paar News zum Abschluss:
Für viel Diskussion sorgt derzeit die Höchstgeschwindigkeit des Ford Focus mit dem neuen Eco Boost-Motor. Diverse Kontrahenten beklagten sich, dass der Ford auf den Geraden einfach davon zieht und nicht zu überholen ist. Das Ganze war in Silverstone auch recht gut zu beobachten, wenngleich insbesondere Andy Priaulx eindrucksvoll gezeigt hat, wie man mit „etwas“ Strapazierung der Track Limits dennoch ganz gut am Ford vorbei gehen kann. Gut möglich, dass die TOCA das Thema weit oben auf ihrer Agenda für die Ladedruckanpassungen für 2016 hat.
Wie zu erwarten war, wird Warren Scott nach seiner Verletzung in Silverstone nicht am Saisonfinale teilnehmen. Wie ebenfalls zu erwarten war, wird Alan Menu seinen Platz im VW übernehmen. Damit ist das Team BMR fahrerisch so stark aufgestellt wie sonst noch nie. Vor dem Saisonfinale mit noch zwei Meisterschaftsaspiranten in den eigenen Reihen sicherlich auch nicht die schlechteste Voraussetzung.

Ebenfalls nicht am Start ist Nic Hamilton, der sich auf sein Fulltime Programm 2016 vorbereiten will. Welche besseren Möglichkeiten es da gibt, als im Auto zu sitzen und Rennkilometer zu sammeln, hat er nicht verraten. Seinen Platz nimmt Jake Hill ein, der bereits 2013 einige Rennen in der BTCC bestritten hat.
Am Chevrolet von Josh Cook werden in Brands Hatch einige Bauteile getestet, die RML in der kommenden Saison zum Einsatz bringen will. Die bekannte Rennwagenschmiede hatte ja im August den Deal als Ausrüster für die Einheitsbauteile gemäß TOCA-Reglement gewonnen und löst ab der kommenden Saison den bisherigen Ausrüster GPRM ab.
