Der legendäre wie umstrittene ehemalige Chef der FIA, Jean-Marie Balestre, ist heute im Alter von 86 Jahren verstorben. Balestre war in den 80er Jahren, besonders in seiner Eigenschaft als FISA Präsident, eine höchst umstrittene Figur, der sich vor allem mit Bernie Ecclestone einen jahrelangen Kampf um die Vorherrschaft in der Formel Eins leistete.

Der Franzose hatte 1979 das Amt des FISA-Präsidenten übernommen, nachdem er schon lange im französichen Motorsportverband als Funktionär tätig war. Kaum hatte er das Amt inne, legte er sich mit der FOCA (Formula One Constructors’ Association) und dessen Vorsitzenden Bernie Ecclestone an. Die FISA, damals der sportliche Ableger der FIA, fühlte sich allein durch die Existenz der FOCA auf den Schlips getreten. Ecclestone (damals noch Besitzer des Brabham-Teams), Frank Williams, Colin Chapman, Teddy Mayer (McLaren) und Ken Tyrrell waren ebenso in der FOCA vertreten wie Günter Schmidt (ATS), Toleman und Osella, während Renault, Ferrari und Alfa auf Seiten der FISA standen. Ecclestone hatte allerdings das Sagen in der FOCA, im übrigen zusammen mit seinem Rechtsbeistand, einem Herrn names Max Mosley, Mitbegründer von March.

Es ging, wie sollte es anders sein, ums Geld. Die Privatteams wollten mehr vom Kuchen abhaben und außerdem kämpfte Ecclestone auch dafür, dass die kleinen Teams nicht von den Hersteller überrollt wurden. Kleiner Treppenwitz der Geschichte, wenn man sich die spätere Arbeit von Ecclestone so ansieht. Jedenfalls lagen sich Ecclestone und Balestre wegen jeder Kleinigkeit in den Haaren. Am Ende der Saison 1980 gab es ernsthafte Bemühungen der FOCA eine Konkurrenzserie auf die Beine zu stellen. Es gab sogar ein Rennen der Serie im Frühjahr 1981 in Kyalami, der ehemaligen Haus-und Hofstrecke von Ecclestone. Man sah aber ein, dass eine zweite Formel Eins in Europa keinen Sinn machen würde. Das lag auch daran, dass man sich FOCA und FISA 1981 auf das erste Concorde Agreement geeinigt hatten, dass nun endlich auch umgesetzt wurde. Die Vereinbarung beinhaltete, dass die FISA volle Kontrolle über die technische Regularien hatte, während Bernie Ecclestone und seine neugegründete Firma FOPA (Formula One Promotions and Administration) die komplette Vermarktung in die Hände bekam. Das führte dazu, dass die FISA/FIA auch nicht mehr die Kontrolle über die Strecken hatte, sondern nur noch für die technische Abnahme der Strecken zuständig war.

Im Grunde hatte Balestre den Kampf mit Ecclestone verloren, auch wenn die FISA die technische Kontrolle über die F1 behielt. Aber Ecclestone und der FOCA war eh die ganze Zeit nur um die finanzielle Seite gegangen. Balestre war zutiefst beleidigt und der Krieg ging 1982 erst richtig los.

Nachdem Balestre mit der FOCA seiner Meinung nach fertig war, ging er die Fahrer an. Er wollte diese enger an die FISA (die ja die Super-Lizenz ausstellte) binden, also setzte man in die Lizenz noch den Passus, dass ein Fahrer auf jeden Fall für das Team antreten musste, das die Superlizenz für den Fahrer beantragt hatte. Damals waren kurzfristige Teamwechsel in der F1 noch üblich. Die GPDA rief draufhin zum “Streik” auf und der 82er GP von Südafrika konnte erst in letzter Sekunde gerettet werden.

Danach war Balestre wieder nach Ärger mit den Teams. Beim GP von Brasilien hatte die FISA nachträglich den Sieger Nelson Piquet (Brabham) und den zweitplatzierten Keke Rosberg (Williams) disqualiziert. Der Grund war teilweise politisch, teilweise technisch. 82 fingen die Turbomotoren an richtig zu laufen. Alle FISA Teams, namentlich Renault, setzten auf einen Turbo, alle FOCA Teams auf den guten alten Cosworth DFV. Die Teams hatten sich einen Trick einfallen lassen, um die Turbos zu ärgern. Zum einen tauchte man mit wassergekühlten Bremsen auf, zum anderen mit einem riesigen Wassertank im Auto. Man gab an, dass man das Reservior zur Kühlung benötigen würde, was natürlich Quatsch war. Stattdessen wurde das Wasser während des Rennens abgelassen und beim letzten Tankstopp wieder aufgefüllt. Damit fuhren die FOCA Wagen während des Rennes untergewichtig. Das wiederum wollte siche die FISA nicht bieten lassen, die ja eigentlich für die Einhaltung des technischen Reglements zuständig war. Gleichzeitig ließ man Renault aber einige Kleinigkeiten durchgehen. Interessanterweise kam der Protest von Renault und es wurden auch nur Piquet und Rosberg disqualifiziert. Die anderen Teams, die hinter Renault lagen, behielten ihren Platz und die Punkte.

Die Stimmung war also super, und so gut, dass die FOCA Teams den GP von San Marino 1982 komplett boykottieren wollten. Allerdings brachen ATS, Osella, Toleman und Tyrell den Boykott, angeblich auf Bitten der Sponsoren. Ken Tyrell glaubte man die Sache ja noch, aber bei ATS und Toleman sah die Sache anders aus. Das roch nach Verrat. Man überlegte sogar, beide Teams aus der FOCA auszuschließen, unterließ das aber um weiterhin Einigkeit gegenüber der FISA zu zeigen. Gut getan hat der Bruch des Boykotts aber weder ATS noch Toleman, die danach von den anderen FOCA Teams geschnitten wurden. Balestre tanzte im Dreieck und drohte alle FOCA Teams aus der F1 zu werfen, Leute wie Colin Chapman, Bernie Ecclestone und Frank Williams meinten gegenüber der übergeordneten FIA, dass man solange nicht mehr fahren würde, bis Balestre verschwunden sei. Aber die Hausmacht von Balestre in der FIA als Franzose in einem französisch dominierten Sportverband war einfach zu groß.

Es geschah also nichts und wundersamerweise verschwanden die Differenzen zwischen der den Teams und der FISA. Angeblich wohl auch deswegen, weil die graue Eminenz der Formel Eins. Enzo Ferrari, die Geduld ausging und ein Machtwort gesprochen hatte. Er ließ sowohl Ecclestone als auch Balestre nacheinander in seinem Büro in Maranello antanzen. Es heißt, er habe Balestre gedroht aus der FISA auszusteigen und Ecclestone soll er versprochen haben, sich gegenüber der FISA neutral zu verhalten. Andere Quellen behaupten, dass er auf das Geld der FOCA scharf war. Damals ging es Ferrari wirtschaftlich nicht so richtig gut. Nicht auszuschließen, dass die Geschichte stimmt. Sicher ist: Ferrari war derjenige, der am meisten Macht hinter den Kulissen hatte. FISA hin, FOCA her – eine WM ohne Ferrari war undenkbar.

Dann war erstmal Ruhe, bis 1989, als sich Alain Prost und Ayrton Senna um die Weltmeisterschaft stritten. Die Auseinandersetzung gipfelte in der legendären Kollision in der Schikane von Suzuka, als Prost Senna einfach auflaufen ließ. Prost stieg aus, Senna wurde von den Marshalls angeschoben, fuhr weiter, wechselte die Nase und gewann den Grand Prix. Nach dem Rennen wurde er von der FISA disqualifiziert und Alain Prost wurde deswegen Weltmeister. Als Grund wurde angegeben: Senna habe die Schikane ausgelassen, was natürlich Blödsinn war. Der Brasilianer wußte sofort, wo der Wind herwehte. Und sprach laut aus, dass Balestre wohl lieber einen Landsmann als Weltmeister hätte. Daraufhin entbrannte ein Streit zwischen ihm und Balestre, der größtenteils in der Presse ausgetragen wurde darin gipfelte, dass die FISA ihm für die 90er Saison die Superlizenz entziehen wollte. Angeblich hat Senna im Februar 1990 auf Drängen von Ron Dennis einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Als er im gleichen Jahr (1990) beim letzten Rennen dann Alain Prost in Suzuka beim Start abschoss um selber Weltmeister zu werden, unternahm die FISA interessantweise nichts.

Das mag auch daran gelegen haben, das Balestre bei der FISA und der FIA mittlerweile den Bogen überspannt hatte. Der Streit mit Senna hatte ihm nicht gut getan, denn Senna war damals schon der mächtigste Fahrer der Formel Eins. Man demütigt keine Ikone, ohne dass das Folgen hat. Die Presse war noch nie auf seiner Seite gewesen und Rücktrittsforderungen an seine Person gab es schon seit Jahren. Seine Hausmacht bröckelte und 1991 verlor er eine Kampfabstimmung gegen Max Mosely als FISA Präsident. Mosely gewann auch die Wahl zum Präsidenten der FIA (1991) und gliederte die FISA wieder in die FIA ein. Balestre blieb allerdings bis 1996 im Präsidium der FIA.

Balestre war sicher ein sehr streitbarer Mensch. Aber im Grunde hat Balestre mit seinen Schlachten gegen die FOCA und die GPDA die Formel Eins ebenso geformt, wie das Ecclestone gemacht hat. Seine Napoleon-artige Handlungsweise hat die vielen Streitigkeiten, aber auch Lösungen geformt. Ohne Balestre hätte Ecclestone das Ruder komplett alleine übernommen. Bei aller Kritik sollte man auch nicht vergessen, dass er dafür gesorgt hat, dass die Turbomotoren verschwunden sind, die FIA Crash-Tests eingeführt hat und die Sicherheit der Fahrer weiter gestiegen ist. Er mag ein Feindbild für viele Fans gewesen sein, aber sein Einfluss auf die Formel Eins spürt man noch heute.