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Ayrton Senna – 25 Jahre später

von DonDahlmann
5 Kommentare 7 minutes read

Das schreckliche Wochenende in Imola ist 25 Jahre her. Meine Erinnerungen an das Wochenende.

Es gibt so Momente im Leben, die sich einbrennen. Da weiß man genau, was man gemacht hat. Das Wochenende am 30. April und 1. Mai 1994 war so ein Moment. Imola stand auf dem Programm der Formel Eins und die Strecke in Italien gehörte damals durchaus zu meinen Lieblingsstrecken. Es war (und ist teilweise bis heute) eine dieser „old school“ Strecken mit der gefürchteten Tamburello gleich nach Start und Ziel. Da wo heute eine Schikane ist, ging es in einem langem Bogen um die Ecke. Fast Vollgas bis zum ultraschnellen Knick namens „Villeneuve“. Die Tamburello hatte einen schlechten Ruf, nicht zuletzt wegen des Unfalls von Gerhard Berger 1989, als dieser in die Mauer krachte und in seinem brennenden Ferrari saß.

Den ersten schweren Unfall von Rubens Barrichello habe ich erst am Freitagabend gesehen. Damals wurden die freien Trainings nicht im Free-TV übertragen. Es gab zwar (wenn ich mich recht erinnere) eine Übertragung auf dem damaligen Pay-TV Sender DF1, aber den hatte ich nicht und RTL zeigte nur die Quali und das Rennen. Für RTL entwickelte sich die Saison 1994 fantastisch, denn Schumacher und nicht der hochfavorisierte Ayrton Senna hatte die ersten beiden Rennen gewonnen. Da McLaren mit dem Peugeot-Motor untermotorisiert war, stellte man überrascht fest, dass das WM-Duell tatsächlich zwischen Benetton und Williams stattfinden würde. Es war vor allem die Aufmerksamkeit durch Michael Schumacher, die für wachsendes Interesse an der Formel Eins sorgte. Das galt auch für mich, auch wenn ich die F1 seit meiner Kindheit verfolgt habe.

Den Unfall von Barrichello nahm ich noch mit einem Schulterzucken hin. Sah spektakulär aus, aber letztlich hatte er sich nur die Nase gebrochen. Da hatte es in den Jahren zuvor schlimmere Unfälle gegeben. Ich erinnere mich da vor allem an den von Martin Donnelly 1990 in Estoril. Der Brite lag am Ende noch angeschnallt in seinem Sitz auf der Strecke und überlebte den harten Crash gerade so. Und überhaupt – es hatte in der F1 seit 1982 in einem Rennen keinen tödlichen Unfall mehr gegeben (Elio de Angelis starb bei Testfahrten). Die F1 war so sicher, wie sie nur sein konnte.

Am Samstag schaute ich die Quali aus Imola, als nach ein paar Minuten plötzlich ein halbzerstörter Simtek zu sehen war, der Richtung Tosa Kurve rutschte. Das Auto sah fürchterlich aus, es fehlte die gesamte linke Seite. Aber das erste, was man sah, waren diese komischen Bewegungen des Kopfes im Cockpit, als das Auto endlich zum stehen kam. Ich war mir nicht sicher, ob er nur bewusstlos war, aber es machte sich sofort ein ungutes Gefühl breit, dass dann leider sehr schnell bestätigt wurde.

Der Tod von Roland Ratzenberger war für mich auch ein Schock. In anderen Serien, die nicht so sicher waren, ok. Aber in der Formel Eins? Die Analyse zeigte schnell, dass Ratzenberger einfach Pech gehabt hatte. Der Frontflügel war gebrochen, vermutlich weil er eine Runde zuvor (wie später rauskam) einen Ausritt hatte. Der Tod hatte 12 Jahre lang einen Bogen um die F1 gemacht, aber bei so einem Unfall konnte man nichts machen. Ich erinnere mich, dass ich am Abend mit Freunden in einer Kneipe saß und wir in gedämpfter Stimmung über den Unfall sprachen.

Nach dem Unfall lag sowas wie eine dunkle Wolke über dem Rennen. Erst der Unfall von Barrichello, der im Nachgang dann doch schlimmer war, als es aussah. Dann Ratzenberger. Als Beobachter am Fernsehen konnte man die Nervosität vor dem Start des Rennens spüren. Dann kam der Crash am Start zwischen Letho und Lamy, der fürchterlich aussah. Dass beide Piloten gesund aussteigen konnten, war eine Erleichterung. Allerdings wusste man nichts von den verletzten Zuschauern, die von einem Reifen getroffen wurden.

Irgendwie hatte ich nach dem Start-Unfall die Lust am Rennen verloren. Es war einfach zu viel passiert. Ich war nahe dran, den Fernseher auszuschalten und raus zu gehen. Aber dann wollte ich doch wissen, wie das Rennen zwischen Senna und Schumacher ausgehen würde. Ich erinnere mich gut, dass ich auf meinem kleinen Röhren-TV sah, wie Senna plötzlich nach rechts abbog. Es war ein heftiger Einschlag, aber als das Auto zum stehen kam, sah es gar nicht so schlecht aus. Senna war nicht, wie Jahre zuvor, Berger, fast frontal in die Mauer eingeschlagen, sondern leicht seitlich. Aber Senna stieg nicht aus. Man begann sich Sorgen zu machen.

Es war nicht klar, was vor sich ging. Man sah Sid Watkins, wie er sich ins Cockpit beugte, dann schnitt die Regie auf ein anderes Bild. Etwas später sah man, dass die Ärzte Senna auf den Boden gelegt hatten und das ein Hubschrauber auf der Strecke gelandet war. Noch mal etwas später sah man, dass Senna in den Hubschrauber gebracht wurde. Der TV-Hubschrauber zeigte ein Bild von oben. Man sah das zerstörte Auto und ein paar Meter davor, da wo Senna gelegen hatte, eine Blutlache. Und da dachte ich zum ersten Mal „Scheiße…“.

Aber Senna war viel zu groß um bei einem Rennunfall zu sterben. Ob man ihn mochte, oder nicht, er war unsterblich, weil er nicht von dieser Welt war. Ich erinnere mich, dass ich ihn zu Beginn seiner Karriere wirklich mochte. Aber meine Sympathie für ihn schwand in seiner Zeit bei McLaren, als er die Auseinandersetzungen mit Prost hatte. Und er sank weiter in meinem Ansehen, nachdem Prost 1990 in Suzuka abschoss und jeder sehen konnte, dass er dies absichtlich gemacht hatte.

Nichtsdestotrotz war Senna quasi göttlich. Es gab niemanden, der an seinen Speed heran kam. Man versucht ja immer so Vergleiche, wer denn jetzt der beste Fahrer aller Zeiten war. Die Namen Fangio, Clark, Lauda und Senna werden immer genannt. Dazu kamen dann später Schumacher, Alonso und Hamilton. So Vergleiche sind schwer, aber in Sachen Speed glaube ich, dass Jim Clark und Ayrton Senna die Liste anführen. Senna war derartig schnell, derartig rücksichtslos wie kein anderer Pilot vor ihm. Lauda galt lange Zeit als größter Egoist, der jemals Formel Eins gefahren ist, aber Senna war noch mal in einer ganz anderen Liga.

Seine Sympathiewerte lagen also bei mir nicht sonderlich hoch, aber es war mir klar, was für ein unglaublicher Pilot Senna war. Es waren nicht mal seine Fahrten im überlegenen McLaren, die ihn so groß für mich machten. Es waren viel mehr seine paar Siege im Lotus in den Jahren 85 bis 87, die für mich wirklich herausragten. Lotus war damals schon kein Top-Team mehr (Chapman war 1982 verstorben) und dennoch gelangen Senna in den drei Saison bei Lotus sechs Siege und 1987 war er im unterlegenen Lotus der einzige Konkurrent der übermächtigen Williams.

Den Rest des Rennens in Imola habe ich nur geschaut um zu hören, was es neues von Senna gab. Ich habe sogar stündlich das Radio angeschaltet um Nachrichten zu hören. Internet gab es ja noch nicht in dem Maße und so war das Radio die schnellste Quelle für Nachrichten. Irgendein Sender berichtete auch in jeder Nachrichtensendung, aber es kam immer nur die Meldung, dass Senna im Krankenhaus behandelt wurde. Mit jeder Stunde, in der nicht über das Ausmaß seiner Verletzungen gesprochen wurde, sank die Hoffnung und die dunkle Vorahnung verstärkte sich. Die Nachricht erreichte mich dann am Abend, ich glaube in den RTL-Nachrichten.

Man konnte es nicht glauben. Auch am nächsten Tag nicht, als die Zeitungen seinen Tod verkündeten und die Spekulationen über die Unfallursache begannen. Am Mittwoch kaufte ich die „Motorsport Aktuell“ und las die Berichte. Man konnte den Schock der Journalisten die darüber schreiben mussten, in jeder Zeile lesen. Etwas unfassbares war geschehen, der König der Formel Eins war tot und niemand wusste, wie man damit umgehen sollte.

Hätte ich damals diese Seite gehabt, ich hätte vermutlich überlegt sie einzustellen. So überlegte ich nur lange, ob ich mir noch mal ein Formel Eins Rennen anschauen sollte. Das folgende Rennen in Monaco wurde dann vom Unfall von Karl Wendlinger überschattet und ich habe das Rennen dann nicht geschaut, weil ich einfach nicht noch mal live einen Rennfahrer sterben sehen wollte. Aber meine Faszination für den Motorsport war zwar am Ende doch größer, aber es hat gedauert, bis ich die Formel Eins wieder mit dem Spaß sehen konnte, den ich vor dem Wochenende in Imola an ihr hatte.

Bild: Instituto Ayrton Senna / Wikipedia CC BY 2.0

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5 Kommentare

Ditttsche 2 Mai, 2019 - 08:19

Toll geschrieben und in Gedanken ungefähr so wie ich es erlebt habe, allerdings muss ich zugeben das durch dieses Wochenende meine „Faszination“ für die F1 noch gesteigert wurde, da ja so lange nichts mehr passiert war und ich Motorsport an sich vorher nur nebenbei verfolgte Gedanke:“Hey, scheint ja doch eine gefährliche Sportart zu sein“… zeitgleich fuhr ich aber Indycar von Papyrus (die Vorgänger vom jetzigen iRacing) an meinem Amiga4000 (oder war es schon ein PC…mmmhhh…) mit einem Lenkrad und Pedalen (es gab damals nur eins..) und ich begann mich für Motorsport zu interessieren. Da ich damals privat Renault fuhr und nun Damon Hill sozusagen in die „Reifenstapfen“ von Senna trat UND ich auch Schumacher nicht so mochte…wurde ich natürlich Damon Hill-Fan und bin es bis heute.
Ich schweife ab ;-) : Danke für diesen Bericht, habe mich an vielen Stellen wiedergefunden!

Georg 2 Mai, 2019 - 22:43

Hallo!

Ich erlaube mir ein paar Anmerkungen:

– Der Unfall von Martin Donnelly 1990 war in Jerez, nicht in Estoril.

– Rubens Barrichello ist beim 1. Qualifikationstraining am Freitag verunfallt. Wenn ich mich recht erinnere hat Eurosport live auf Englisch übertragen.

– Laut Wikipedia überfuhr Roland Ratzenberger in der Acque Minerale die Curbs.

– Elio de Angelis war Formel-1-Fahrer und ist in einem Formel-1-Wagen bei Tests verunglückt. Tot ist tot; es macht doch keinen Unterschied, ob ein Fahrer bei Testfahrten oder bei einem GP-Wochenende verstirbt. Mich persönlich hat der Unfall von de Angelis damals schwer getroffen.

– Du schreibt: „Die F1 war so sicher, wie sie nur sein konnte.“ Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Es hat vorher viele schwere Unfälle gegeben, zB. Zanardi 1993 in Spa, Warwick 1990 in Monza oder Patrese eben in jener Tamburello 1992. Weitere Unfälle hast Du ja selber aufgelistet. Und all diese Unfälle hätten böse ausgehen können – bis zum nächsten toten Fahrer war es nur eine Frage der Zeit. Ich würde die Verhältnisse damals mit den IndyCars von heute vergleichen. Erst Max Mosley hat die Formel 1 deutlich sicherer gemacht – das einzig positive, das er für die Formel 1 als Sport je gemacht hat.

– Du hättest noch Schumachers Freude und Jubelposen nach dem Rennen erwähnen können.

Viele Grüße,
Georg

DonDahlmann 3 Mai, 2019 - 21:02

Hallo Georg,
danke für die Korrektur in Sachen Jerez. Was die anderen Punkte angeht:
– Mag sein, ich erinnere mich nicht, dass ich Eurosport gesehen habe. An dem Freitag müsste ich auch in der Uni gewesen sein.
– Elio de Angelis. Man macht da tatsächlich schon einen Unterschied. Fahrer, die bei Testfahrten verunfallen, werden in einer eigenen Liste geführt. Ebenso wie F1 Piloten, die bei anderen Gelegenheiten ihr Leben verloren. Mag Haarspalterei sein.
– Das war missverständlich ausgedrückt. In dem Moment schien es, dass die F1 so sicher war, eben wegen den ganzen Unfällen, die nicht tödlich verliefen. Das wollte ich zum Ausdruck bringen,

nona 3 Mai, 2019 - 09:46

Ich wundere mich mitunter etwas, wie wenig unmittelbare Erinnerung ich an Sennas Unfall habe, bzw. daran wie man es live gesehen hat. Die Bilder von Ratzenberger habe ich ziemlich deutlich im Kopf, vor allem wie das Wrack zum Stehen kam und der Helm im Cockpit hing. Auch Barrichellos Einschlag in den Zaun habe ich vor Augen. Aber Senna irgendwie nicht direkt. Vielleicht weil danach eine so lange Rennunterbrechung und Leerlauf war. Vielleicht weil das Ereignis an sich so sehr medial strapaziert ist, und über die vergangenen Jahrzehnte vermutlich völlig unnötigerweise noch mehr zur Legendenbildung beigetragen hat. Ich erinnere mich sehr gut an viele tödliche Unfälle die ich gesehen habe, teils hat man die Bilder und Abläufe präziser im Kopf als einem lieb ist. Greg Moore. Jeff Krosnoff. Marco Simoncelli. Kieth O’Dor. Dale Earnhardt. Allan Simonsen. Dan Wheldon. Marco Campos. Henry Surtees. Auch andere schwere Chrashes sind einem aus vielerlei Gründen sehr klar in Erinnerung, wie z.B. Zanardi am Lausitzring. Aber denke ich an Senna, denke ich an Senna in Suzuka, und in Monaco. Und an einen Besuch eines jungen aufstrebenden Formel 1-Fahrers mit seinem gelben Camel-Lotus im Aktuellen Sportstudio. Hatte schonmal ein paar Rennen gewonnen, der Mann. Könnte vielleicht mal Weltmeister werden, waren sich die Experten einig.

@Georg: Ich denke, es ist aus dem Kontext und der Formulierung ersichtlich, dass sinngemäss gemeint ist „die F1 SCHIEN so sicher, wie sie nur sein konnte“, eben aufgrund des Mangels an schweren/tödlichen Rennunfällen in den Jahren davor. Die Formel Eins war damals in der allgemeinen Wahrnehmung „sicher“, zumindest weitaus sicherer als in den 60ern und 70ern (was ja auch stimmt). Und das mit „Schumachers Jubelposen“ ist wohl Ansichtssache, insbesondere wenn es einem primär darum geht, möglichst viele Haare in der Suppe seiner Leistungen oder seines Charakters zu finden (das Hobby hatten manche Leute auch 1994 schon). Zum Einen galt Senna zum Zeitpunkt des Rennendes lediglich als verunfallt, also verletzt. Zum Anderen darf man objektiv attestieren, dass die angebliche „Freude“ der Siegerehrung äusserst gedämpft und reduziert von statten ging. Da gibt’s eigentlich keinen Grund für Revisionismus in der Retrospektive.

ThomasB 3 Mai, 2019 - 18:21

Hallo.

Sich mit VPN-Tarnung als jemand anders auszugeben und andere User direkt anzugreifen geht entschieden zu weit. Ich habe den betreffenden Kommentar gelöscht. Ihr könnt gerne diskutieren, aber bitte achtet auf den Umgang miteinander.

Falls der Kommentar zu Georg (bzw. auch Montoya12) durchgedrungen ist, möchte ich mich hierfür bei beiden entschuldigen.

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