Die Tifosi haben in diesem Jahr ein Problem. Wem sollen sie die Daumen drücken? Ferrari oder Antonelli?
Wann hat es den letzten F1-Weltmeister aus Italien gegeben? Kann doch eigentlich gar nicht so lange her sein, denkt man im ersten Moment. Doch ein Blick auf die Statistik erstaunt einen dann doch. Es war Alberto Ascari, der 1953, also vor 73 Jahren. Noch erstaunlicher ist, dass Kimi Antonelli seit 2005 der erste Italiener ist, der überhaupt die WM angeführt hat. Vor ihm gelang das zuletzt Giancarlo Fisichella, der den Saisonauftakt gewann. Aber Antonelli ist auch der erste Italiener, der zu einem relativ späten Zeitpunkt in der WM die Führung inne hat. Das passierte zuletzt 1985, als Michele Alboreto noch im August vorn lag, sich mit seinem Ferrari aber am Ende Alain Prost geschlagen geben musste.
Auf der anderen Seite ist da Ferrari. Der letzte Fahrer-WM-Titel stammt aus dem Jahr 2007, der letzte Konstrukteurstitel aus dem Jahr 2008. Das ist also auch schon knapp 20 Jahre her. Ferrari ist in Italien ja eine Art Ersatzreligion, wenn es um den Motorsport geht. Keine Frage, eine schwere Entscheidung für die Fans, wem sie denn jetzt die Daumen drücken. Am liebsten wäre es ihnen vermutlich ohnehin, wenn Antonelli irgendwann mal im Ferrari sitzen würde.
Die Chancen auf einen Sieg von entweder Ferrari oder Antonelli in Monza stehen nicht schlecht. Nimmt man Referenzstrecken wie Kanada oder Spielberg, findet man dort in diesem Jahr zweimal Mercedes an der Spitze. Einmal mit Antonelli, einmal mit Russell. Die Chancen des Briten auf einen Sieg in Monza schätze ich mal als gering ein. Sollte der Teamkollege auf P2 liegen, dürfte Mercedes auf eine Teamorder drängen. Schon beim letzten Rennen in Zandvoort löste Mercedes das relativ elegant mit verschobenen Boxenstopps.
Die Chancen von Ferrari sind da. In Zandvoort hatte man zeitweilig das beste Auto auf einer Strecke, die Ferrari sonst nicht sonderlich liegt. Die Upgrades, die man nach der Sommerpause eingeführt hat, scheinen also zu funktionieren. Die Italiener bringen zudem wohl das zweite Motorenupdate mit, das ihnen von der FIA zugesprochen wurde. Das letzte Update brachte allerdings keinen großen Schritt nach vorn. Dennoch sehe ich Ferrari knapp in der Favoritenrolle. Zudem hat Mercedes das bessere Clipping-Verhalten. Ihnen geht auf den Geraden später der Saft aus und sie benötigen ein paar Sekunden weniger Clipping, um den Akku zu füllen. Zumindest war das bisher so.
Die Party stören könnten allerdings McLaren und Red Bull. McLaren hat die letzten beiden Rennen gewonnen, allerdings auf Strecken, die mehr Abtrieb verlangen, der ja nun in Monza nicht wirklich gefragt ist. Red Bull ist da schon ein anderes Kaliber. Beim letzten Rennen auf einer schnellen Strecke (Spa) lag Verstappen in der Quali auf P2 und er führte zudem das Rennen an. Dennoch sehe ich beide nicht ganz vorn.
Überraschungen wird man in Monza vermutlich ebenfalls nicht erleben. Aus dem Mittelfeld sehe ich kein Team, das sich per Windschatten an die Spitze ziehen lassen kann. RB war auf den schnellen Strecken gut, aber nicht so gut, dass sie die Chance hatten, das Podium anzuvisieren. Das gilt natürlich auch für Audi und Alpine. Bei Audi fehlt es bisher an Motorleistung, bei Alpine ist das Chassis schuld.
Für möglichen Wirbel könnte eventuell Aston Martin sorgen. Nicht ganz an der Spitze, aber in den Top Ten. Der Auftritt in Zandvoort mit einem neunten Platz war bemerkenswert gut. Das hatte zwar auch viel mit der Ein-Stopp-Strategie zu tun, aber vor allem in der letzten Phase des Rennens zeigte Aston eine sehr gute Pace, trotz abgenutzter Reifen. In den Niederlanden war das letzte Motor-Update von Honda zudem noch nicht richtig eingestellt, was zu Problemen vor allem beim Anbremsen führte. Monza wird für Aston auch allein deswegen interessant, weil man hier sehen kann, wie viel Leistung dem Hondamotor noch fehlt.
Die Frage wird am Ende sein, wer am wenigsten und kürzesten ins Clipping geraten wird. Monza, das ist Anfang des Jahres klar, ist die schlimmste Strecke für die diesjährigen Motoren. Die Frage ist nicht, ob die Energie ausgeht, sondern wann und wie viel und wie schnell man diese beim Anbremsen wieder in den Akku bekommt. Es wird ein Clipping-Festival und ich wäre nicht überrascht, wenn die meisten Piloten schon mehrere hundert Meter vor einer Anbremszone ins Clipping gehen müssen.
Das Jo-Jo-Racing dürfte am Wochenende wieder oft zu sehen sein. Allerdings haben die Teams gelernt und die Energiefreigabe wird ja nicht vom Fahrer, sondern vom Computer gesteuert. Da alle genau wissen, was die beste Strategie für die Energienutzung ist, liegt es am Fahrer, zu entscheiden, ob man im Rennen nicht mal etwas anderes versuchen sollte. Macht man das nicht, fahren alle mit fast identischen Programmen, was das Jo-Jo-Racing reduziert.
Strategie
Wie immer gibt es C3, C4 und C5 und viel gibt es zur Strategie nicht zu sagen. Es wird eine Ein-Stopp-Strategie, sollte nicht ein SC das Rennen nachhaltig unterbrechen. Der Reifenverschleiß in Monza ist niedrig. Die lateralen Belastungen allerdings durchaus auch, da beide Lesmo und die Parabolica vor allem den linken Hinterreifen fordern. Die aktuelle Pirelli-Generation kommt mit kurzen, hohen thermischen Belastungen allerdings gut klar. Graining war bisher in diesem Jahr ein untergeordnetes Problem.
Eine größere Rolle könnte allerdings das Wetter spielen, denn es wird sehr heiß am Wochenende. 35 Grad sagen die Vorhersagen (Donnerstag) voraus, was die Asphalttemperaturen in astronomische Höhen steigen lassen wird. Seitdem vor einigen Jahren ein Sturm im ehemals königlichen Park gewütet hat, fehlen etliche Bäume, die sonst auf der Strecke Schatten gespendet haben.
Daher wird man die C5 vor allem am Sonntag eher nicht sehen. Medium-Hard wird die bevorzugte Strategie sein. Eine riskante Möglichkeit wäre es, auf den Soft zu starten, was vor allem beim Start einen erheblichen Vorsprung bringen kann. Dann müsste man allerdings nach acht bis zehn Runden auf die Hard wechseln und diese bis zum Ende fahren. Zudem fällt man dann beim Stopp ins Mittelfeld zurück, die dann noch mit relativ frischen Medium unterwegs sind. Ich wäre überrascht, wenn jemand an der Spitze dieses Risiko eingehen würde.
Bilder: Pirelli, Ferrari


