Ein dominantes Mercedes-Team, ein starker Lewis Hamilton und McLaren mit einer merkwürdigen Strategie prägten den Großen Preis von Kanada.
Das Rennen in Kanada hatte gleich mehrere interessante Geschichten zu erzählen. Dass Kimi Antonelli seinen vierten Grand Prix in Folge feiern konnte, war nur eine davon. Der Italiener musste sich zwar in allen Qualis und dem Sprintrennen George Russell geschlagen geben, doch im Rennen sah die Sache bis Runde 30 etwas anders aus. Was die beiden Mercedes-Piloten im Kampf um die Spitze ablieferten, war mehr als sehenswert.
Der hart ausgefochtene Zweikampf war dabei nur ein Kapitel der Geschichte. Denn das war mehr als ein Zweikampf um einen Rennsieg. Es geht zunehmend um die Frage, wer der bessere Fahrer im Team ist und auf den Mercedes setzt, wenn es um den WM-Titel geht. Und auch wenn Russell am Wochenende in der Quali immer einen Wimpernschlag besser als Antonelli war – im Hauptrennen erweckte es den Eindruck, als sei Antonelli der schnellere Pilot. Und das auf einer Strecke, die zu den Paradekursen von Russell gehört. Die Art und Weise, wie Antonelli seinen Teamkollegen vor sich herjagte, erinnerte einen an die Zeiten, als Alonso gegen Schumacher antrat, Hamilton seine erste Saison gegen Alonso hatte und als Max Verstappen auf der Formel Eins Bühne auftauchte.
Der nur gerade mal 19-Jährige ist in seiner zweiten Saison im Team und in der F1 angekommen. Er hat das Vertrauen in sich selbst gefunden und offenbar auch verstanden, wie man mit den hochkomplexen Fahrzeugen dieser Generation umgehen muss. Und er ist George Russell schneller gefährlich geworden, als man damit rechnen konnte.
Was nicht heißen soll, dass Russell nicht die Mittel hat, um gegen Antonelli zu gewinnen. Wie das Rennen ausgegangen wäre, wenn er seinen Wagen nicht hätte abstellen müssen, ist ungewiss. Er kann Antonelli Paroli bieten, aber man merkt, dass er sich damit schwer tut. Aber auch wenn er nun 43 Punkte in der WM hintenliegt, war das Rennen in Kanada nicht entscheidend für die WM. Bei noch 17 zu fahrenden Rennen ist das zu früh. Und sein Vorteil ist, dass er mehr Erfahrung hat, was sich im WM-Kampf als Vorteil erweisen kann. Aber eine Machtverschiebung im Team ist zu verspüren und das ist die entscheidende Erkenntnis dieses Wochenendes.
Die andere ist, dass Mercedes in Kanada unschlagbar war. Selbst in der Phase, in der beide hart um den Sieg kämpften, und teilweise Kampflinien fuhren, waren die Mercedes rund vier Zehntel schneller als Hamilton und Verstappen. Das in Kanada vorgestellte Update erbrachte also die gewünschten Ergebnisse und zementierte die Überlegenheit der Mercedes zumindest auf dieser Art der Strecken. Aber Mercedes hat bisher alle Rennen in dieser Saison gewonnen und es ist bisher nicht abzusehen, dass sich das so schnell ändern wird. Vielleicht bietet Monaco in 14 Tagen eine Gelegenheit für die Konkurrenz.
Die eigentliche Überraschung des Rennens war aber Lewis Hamilton, der auf seiner Lieblingsstrecke sein erstes Podium für Ferrari holen konnte. Dabei war er fast das gesamte Wochenende tatsächlich der beste Fahrer hinter den Mercedes. Im Hauptrennen verlor er zwar zunächst seinen dritten Platz an Max Verstappen, zeigte aber im zweiten Teil des Rennens eine grandiose Aufholjagd und dann ein sehr schönes Überholmanöver gegen seinen Konkurrenten, was ihm den zweiten Platz einbrachte.
Hamilton hatte zuvor beschlossen, sein Wochenende etwas anders vorzubereiten. Statt ein Grundsetup im Simulator zu erarbeiten, basierte er seine Arbeit auf den in den bisherigen Rennen gesammelten Daten. Das passte dann von der ersten Runde im Freien Training. Hamilton war aus dem Stand nicht nur schneller als Leclerc, der kam auch mit dem Auto besser zurecht. Interessanterweise beklagte Leclerc genau die Dinge, die Hamilton im letzten Jahr plagten. Kein Vertrauen in den Bremszonen, kein Vertrauen beim Einlenken. Dass er am Ende auf P4 landete, glich schon fast einem Wunder. Sollte sich das in den nächsten Rennen wiederholen, dürfte man sich die Korrelationsdaten der Simulatoren genauer anschauen müssen.
Max Verstappen und Red Bull gelang ebenfalls der erste Sprung aufs Podium in diesem Jahr. Wobei man aber auch sagen muss, dass man vom Ausfall von Russell und dem desaströsen Wochenende von McLaren profitierte. Der Ferrari war zwar nicht viel, aber doch etwas schneller aus der Red Bull und die McLaren hätten ebenfalls eine Rolle spielen können. Aber Verstappen zeigte sich nach dem Rennen zufrieden und das Podium dürfte dem Team Motivation verschaffen.
P5 ging an Hadjar, der ebenfalls ein gutes Wochenende hatte. Jedenfalls bis zum Rennen. Er war knapp an Verstappen dran und zeigte vor allem in der Qualifikation ein gutes Ergebnis. Im Hauptrennen erlaubte er sich aber eine ganze Reihe an Fehlern, die sich dann zu einer Strafzeit von 30 Sekunden auf summierten. Dennoch lag er am Ende noch satte 14 Sekunden vor Colapinto und 38 Sekunden hinter Leclerc. P4 wäre angesichts der Probleme von Leclerc also drin gewesen.
Alpine war erneut “best of the rest” und Colapinto der am Wochenende schnellere Fahrer im Team. Warum Gasly plötzlich so viele Probleme hat, ist schwer zu sagen. Generell ist aber sichtbar, dass Colapinto in diesem Jahr besser mit dem Auto klarkommt. Und das nicht nur in der Quali, sondern auch im Rennen. P6 ist im Moment das Maximum, das man herausholen kann, und der Argentinier liefert genau die Performance ab, die man dafür benötigt.
Den siebten Platz sicherte sich Liam Lawson im RB. Die waren am Wochenende gut aufgestellt, was aber vor allem an Lindbladt lag. Doch der hatte am Sonntag Pech. Beim ersten Startversuch streikte sein Getriebe und der Rookie konnte nicht am Rennen teilnehmen. Lawson hatte einen guten Start und landete in den Top Ten, wo er sich vor allem gegen Ende des Rennens einen harten Kampf mit Pierre Gasly lieferte. Den Franzosen konnte er dann bis zur Zielflagge in Schach halten. Ein für Lawson wichtiges Ergebnis, war sein Selbstbewusstsein, war doch dieses durch die guten Ergebnisse seines Teamkollegen etwas angeknackst.
Carlos Sainz holte für Williams den neunten Platz. Was nicht bemerkenswert klingt, aber Williams hatte den Spanier am Start auf die Intermediates gesetzt. Sainz kam dann schon in der dritten Runde an die Box und fiel ans Ende des Feldes. Er nahm gebrauchte Medium, was sich als gute Entscheidung herausstellte. Zwischen Runde 3 und Runde 30 pflügte er durch das Hinterfeld und setzte sich schon in Runde 15 auf dem elften Platz fest. Er profitierte dann vom Ausfall Norris’ und schnappte sich Oliver Bearman zur Hälfte des Rennens.
Was zeigt, dass der Speed der Williams im Rennen wirklich gut ist. Die Schwäche des Autos liegt weiter in der Qualifikation, weil das Chassis weiterhin mindestens 20 Kilogramm zu schwer ist. Sainz fehlen in Q2 4 Zehntel, um Q3 zu erreichen, was zum größten Teil dem Mehrgewicht zuzuschreiben ist. Williams hat bisher nur kleinere Updates gezeigt, weil man sich darauf konzentriert, das Übergewicht zu reduzieren. Das wird, laut dem Team, bis zur Sommerpause dauern. Ein Aero-Update soll aber noch vorher kommen.
P10 ging an OIlie Bearman, der am Start von P16 auf P9 vorfahren konnte. Dabei hatte er Glück mit seiner Wahl der Linie für die erste Kurve, was dieses Ergebnis möglich machte. Haas sah in Kanada allerdings nicht so gut aus wie sonst. Seit dem Update, das man in Miami brachte, läuft es beim Team nicht mehr so gut. Ob das mit dem Update zusammenhängt oder ob das streckenspezifische Probleme sind, wird man sehen müssen.
Die Pleite des Rennens lieferte in Kanada aber McLaren ab. In der Quali zum Hauptrennen lief es mit P3 und P4 eigentlich noch gut, aber zum Start hatte man sich für die Intermediates entschieden, da die Strecke leicht nass war und man weiteren Regen befürchtete. Doch der stellte sich nicht ein und McLaren hatte sich damit komplett verzockt.
Piastri kam in der zweiten Runde, Norris eine Runde später an die Box. Damit fiel man weit ins Hinterfeld zurück. Der Australier leistete sich einen Fehler in der Haarnadel und schoss dabei Alex Albon ab, der sein Rennen beenden musste. Die dazu gehörige Strafe warf Piastri weiter zurück. Norris erging es nicht viel besser. Nach seinem Stopp kämpfte er sich zwar auf P10 zurück, fiel dann aber mit einem technischen Defekt aus.
Die Frage ist natürlich, warum sich McLaren so verzockt hat. Das Rennen hätte man bequem auf P3 und P4 beenden können. Aber die Briten waren nicht die einzigen, die falsch lagen. Sauber und Williams setzten ebenfalls auf die Intermediates. Wenn der Regen gekommen wäre, hätte man gut ausgesehen, so halt wie Idioten. Aber während ich die Entscheidung bei Audi verstehen kann (was hat man schon zu verlieren), ist die von McLaren schwerer zu rechtfertigen. Man hätte zumindest ein Auto auf die Medium setzen sollen.
Der Rest des Feldes fiel entweder aus oder war chancenlos. Das galt für beide Cadillacs ebenso, wie für die Aston Martin. Alonso zeigte immerhin ein Lebenszeichen. In der Quali fehlten “nur” sechs Zehntel, um in Q2 zu kommen. Das ist ein leichter Aufwärtstrend in Sachen Speed. Dass er im Rennen dann in der ersten Phase ausfiel und Stroll mit vier Runden Rückstand ins Ziel kam, ist dann allerdings die andere Seite der Medaille.
In zwei Wochen geht es weiter mit dem Rennen in Monaco. Beim üblichen Wahnsinn an der Riviera könnte es ein paar Überraschungen geben. Die kleineren Turbolader von Ferrari könnten auf dem engen Kurs ein schöner Vorteil sein.
Fotos: Pirelli

















