Erneut ein eher ereignisloser Grand Prix, bei dem die meiste Spannung in der ersten Runde aufkam.
Dass Singapur keine Strecke ist, auf der besonders viel überholt wird, ist bekannt. Aber das Rennen zeigte erneut, dass die F1 mit ihrem Fokus auf aerodynamischen Abtrieb selbst bei geringen Abständen zwischen den Fahrern kaum Möglichkeiten bietet, den Gegner zu überholen. Am Ende hat man dann nach der Startrunde eben eine Prozession, die in Singapur eher einer Materialschlacht ähnelt – wie Lewis Hamilton feststellen musste.
Mercedes zeigte sich in Singapur stark, was aber erwartbar war. Auf der Strecke, die kaum eine laterale Belastung für die Reifen aufweist, ist Mercedes immer stark. Überraschend war allerdings, dass trotz der thermischen Belastung George Russell seine Pole ungefährdet in einen Sieg umwandeln konnte. Denn in den bisherigen Rennen waren es vor allem die Long Runs, auf denen Mercedes bei hohen Temperaturen Probleme hatte.
Das war in diesem Rennen aus zwei Gründen nicht der Fall. Zum einen lieferte Russell ein perfektes Reifenmanagement ab. Er forderte die Mediums in den ersten Runden, um sich ein Polster gegenüber Verstappen aufzubauen, fuhr dann abwartend und teilte sich das Rennen bis zu seinem Stopp gut ein. Nach seinem einzigen Stopp in Runde 26 wartete er ein paar Runden, bis er das Tempo wieder erhöhte. Die harten Reifen benötigen eine „weiche“ Einfahrzeit, da sie sonst zu schnell überhitzen. Genau das machte Russell, obwohl Verstappen, der schon in Runde 19 gestoppt hatte, knapp hinter ihm lag.
Der zweite Grund, warum Russell vorne relativ entspannt unterwegs war, lag im Zweikampf zwischen Verstappen und Norris. Die beiden waren fast über das gesamte Rennen miteinander beschäftigt – vor allem aber in der Schlussphase. Was Russell vorn erlaubte, sich leicht abzusetzen. Am Ende stand dann ein verdienter Sieg von Russell und Mercedes.
McLaren feierte zwar in Singapur den Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft, fährt aber mit leichten Kopfschmerzen in die zweiwöchige Pause bis zum Rennen in den USA. Da war die Aktion von Lando Norris in der Startphase, der sich robust, aber nicht unfair, gegen Piastri durchsetzte und so P3 eroberte. Der Australier zeigte sich wenig begeistert – was nachvollziehbar ist –, aber am Manöver selbst fand ich wenig auszusetzen. Norris hatte die Innenbahn, Piastri keine Chance, die Lücke zu schließen. Norris verlor zudem etwas Abtrieb hinter dem Red Bull, weswegen seine Vorderachse rutschte und er Piastri berührte. Es war ein normales, wenn auch hartes Manöver.
Die größeren Sorgenfalten wird man wegen Red Bull haben. Das Auto von Verstappen sollte in Singapur eigentlich schwächer sein als die McLaren, aber dem war dann nicht so. Bei McLaren wird man rätseln, wie gut der Red Bull denn nun nach der Sommerpause geworden ist. Dass man Performance verlieren würde, war klar – immerhin hatte man die letzten großen Updates vor der Pause gebracht. Aber angesichts des Kampfes um den WM-Titel könnten weitere Siege von Verstappen McLaren vor eine schwierige Entscheidung stellen.
Bei noch sechs zu fahrenden Rennen ist der Vorsprung auf Verstappen in der WM zwar noch groß, aber wenn sich Piastri und Norris weiter die Punkte gegenseitig wegnehmen und mal ein Ausfall hinzukommt, kann die Sache schnell anders aussehen. Die Frage ist, ob und wann McLaren vor die Entscheidung gestellt wird, sich für einen Fahrer entscheiden zu müssen. Das wird dann, Stand jetzt, Oscar Piastri sein – auch wenn der sich in Singapur mit P4 begnügen musste.
Hinter den Fahrern an der Spitze landete Kimi Antonelli auf P5. Der Italiener hatte erneut ein gutes Wochenende, konnte in der letzten Quali-Runde aber nicht die Performance liefern, die Russell zeigte. Das warf ihn zwischen die Ferrari, wo er auch den größten Teil des Rennens verbrachte. Das erklärt zumindest die 33 Sekunden, die ihm am Ende auf Russell fehlten. Gleichzeitig manifestiert sich die Feststellung, dass Antonelli seinem Teamkollegen in der Quali nicht das Wasser reichen kann – ein Umstand, den man vor allem zum Ende der Saison so nicht erwartet hatte. Positiv zu vermerken ist aber, dass der Abstand zu Russell etwas geschrumpft ist.
Ferrari hatte in Singapur keine Chance, was auch nicht weiter überrascht hat. Das Team hat offensichtlich die Saison abgeschrieben, und der Abstand in den letzten Rennen hat gezeigt, dass man wohl auch bei den kommenden Rennen nur unter besonderen Umständen Chancen auf einen Sieg hat. Leclerc musste sich in der Quali seinem Teamkollegen Hamilton geschlagen geben, kassierte diesen aber beim Start, weil der Brite auf der schlechteren Seite des Grids stand. Leclerc verlor schnell den Anschluss an die Spitze und hatte einen drängelnden Antonelli hinter sich, der wiederum Hamilton im Genick hatte.
Antonelli hatte klar das schnellere Auto im Rennen, kam aber nicht am Ferrari vorbei. Das änderte sich auch nicht, als die einzigen Stopps anstanden. Leclerc kam in Runde 22 zu einem Undercut, um sich etwas Raum von Antonelli zu verschaffen. Soweit, so erwartbar. Dass Ferrari dann aber Hamilton bis Runde 25 draußen ließ, ist schwer zu verstehen. Mercedes wartete mit den Stopps, was Ferrari eigentlich eine gute Gelegenheit verschafft hatte, um Hamilton mit einem Undercut an Antonelli vorbeizubringen.
Der späte Stopp hatte dann die Konsequenz, dass Hamilton rund fünf Sekunden auf Leclerc verlor. Hinzu kam, dass Mercedes seine Fahrer gemeinsam in Runde 26 an die Box holte. Die eine Runde reichte Hamilton dann nicht, um Antonelli zu passieren, und er fand sich in derselben Situation wieder, in der er vor dem Stopp war.
Ferrari machte den Fehler in Runde 47 wieder wett und setzte den Briten, der 50 Sekunden vor Alonso lag, auf die Soft. Damit war er deutlich schneller als der Rest der Fahrer vor ihm und fuhr eine Lücke von knapp 20 Sekunden auf Leclerc und Antonelli schnell zu. Dem Italiener war es mittlerweile gelungen, an Leclerc vorbeizugehen, und Hamilton machte sich auf die Jagd. Doch just in dem Moment, in dem er die Chance hatte, am Mercedes vorbeizugehen, verabschiedete sich die Bremsscheibe vorne links am Ferrari.
Hamilton schleppte das Auto zwar noch ins Ziel, war aber so langsam, dass er permanent anderen Fahrern ausweichen musste. In den letzten zwei Runden verließ er sechsmal die Strecke, was eine Fünf-Sekunden-Strafe nach sich zog – sehr zur Freude von Fernando Alonso, der in drei Runden einen Abstand von mehr als 30 Sekunden eliminieren konnte und dank der Strafe dann P7 zugesprochen bekam.
Der Spanier war an diesem Wochenende einer der besten Fahrer auf der Strecke. Was er mit dem dann doch eher lahmen Aston Martin anstellte, war bemerkenswert. Allein, dass er Q3 erreichen konnte, lag über den Möglichkeiten des Autos. Im Rennen zeigte er sich ungeduldig, hatte aber nicht das Werkzeug, um mehr zu erreichen.
Aston entschied sich für einen späten Stopp in Runde 28, was Alonso tief ins Mittelfeld katapultierte, da einige Teams sich dazu entschlossen hatten, den Stopp so weit wie möglich nach hinten zu schieben, um von einem eventuellen SC zu profitieren. Aston revanchierte sich in Form von Lance Stroll, der ebenfalls lange draußen blieb und einen ganzen Zug von Fahrzeugen hinter sich aufhalten konnte. Da Sainz hinter Stroll ebenfalls auf alten Reifen unterwegs war, konnte sich der Kanadier vorn halten – was Alonso erlaubte, die Lücke auf die Gruppe zu schließen, um so erneut Punkte zu holen.
Ein ebenso bemerkenswertes Rennen, leider meist unbemerkt von den TV-Kameras, hatte Olli Bearman im Haas. Der Brite hatte etwas überraschend Q3 erreicht. Zum Vergleich: Sein Teamkollege Ocon kam aus Q1 nicht raus. Bearman hielt sich im ersten Renndrittel auch in den Punkten, fiel dann aber nach seinem Stopp in Runde 23 zurück und steckte ebenfalls im DRS-Zug hinter Stroll. Das kostete den Haas-Piloten, der in der Gruppe die frischesten Reifen hatte, einiges an Zeit. Hätte er freie Bahn gehabt, wäre er vermutlich vor Alonso gelandet. So oder so: ein ausgezeichnetes Rennen von Bearman, der sich zum Ende der Saison in guter Form zeigt.
Den letzten Punkt sicherte sich Williams. Das Team war in Singapur nicht so stark wie in den letzten Rennen unterwegs und leistete sich dazu mal wieder einen vermeidbaren Fehler. Nach der Quali stellten die Kommissare fest, dass der DRS-Slot an beiden Autos zu groß war. Die Folge war logischerweise eine Disqualifikation beider Autos, die dann von ganz hinten starten mussten.
Williams entschied sich dann für die Strategie, beide Autos so lange wie möglich auf der Strecke zu lassen. Der sehr lange Overcut spülte beide Autos weit nach vorne, da man selbst mit abgenutzten Reifen in Singapur seine Position verteidigen kann. Sainz kam erst in Runde 50 an die Box und nahm dann direkt einen frischen Satz Soft. Nach dem Stopp lag er auf Platz 14, schnappte sich dann aber nacheinander Stroll, Tsunoda und Hadjar, um dem Team noch einen Punkt zu sichern.
Dass Hadjar nicht in die Punkte kommen konnte, war nicht sein Fehler. Der Franzose hatte den RB in der Quali auf P8 gebracht, doch im Rennen verlor sein Motor an Leistung, was ihn laut RB rund vier Zehntel pro Runde kostete. Der Leistungsverlust entstand vor allem auf den Geraden, was seinen Gegnern das Überholen erleichterte. Pech für RB, die zudem am Wochenende viel zu reparieren hatten, da Lawson sein Auto gleich zweimal in die Mauer setzte.
Sauber und Alpine hatten mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun, was nicht weiter überrascht. Mehr dann schon, dass Yuki Tsunoda nach zwei brauchbaren Rennen in Singapur nichts zustande brachte: Aus in Q2 auf P15, im Rennen dann nur P12. Dass Tsunoda nicht mal in die Punkte kommt, entwickelt sich für Red Bull zu einem Problem. Denn in der Team-WM hat man noch Chancen auf den zweiten Platz, den im Moment Mercedes besetzt hält. Die liegen nur 25 Punkte vor Red Bull, doch während Mercedes beide Autos regelmäßig in die Punkte bekommt, gelingt das Red Bull nicht.
Dass Isaac Hadjar 2026 dann der nächste Kandidat wird, der neben Max Verstappen Platz nehmen darf, gilt als sicher. Da sich die technischen Regeln massiv ändern, hat Hadjar vielleicht mehr Chancen als seine Vorgänger. Da auf dem Markt auch kein schneller, erfahrener Fahrer zu finden ist, wird man wohl weiter im eigenen Talentpool stochern müssen, bis man einen Piloten gefunden hat, der die gewünschten Ergebnisse abliefert. Passend dazu sieht es so aus, als würde Paul Aron, bisher bei McLaren, in die Talentschmiede von Red Bull wechseln. Er wird dann im nächsten Jahr wohl bei RB zu finden sein.
Bilder: Pirelli

























