Die Rennen in Kanada sind selten langweilig und angesichts des engen Feldes kann man sich auf ein gutes Rennen freuen.
Wenig ist passiert in der kurzen Pause, die die Formel Eins eingelegt hat. Das einzig bemerkenswerte, ist die Tatsache, dass Max Verstappen nach seinem geistigen Aussetzer in Barcelona nur ein Strafpunkt davon entfernt ist, für ein Rennen gesperrt zu werden. Dazu wird es vermutlich nicht kommen, aber Red Bull hat zumindest schon mal vorgesorgt. Diese Woche gab es die Meldung, dass der Nachwuchsfahrer Arvid Lindblad eine Superlizenz erhalten hat, obwohl er erst 17 Jahre alt ist.
Der F2-Pilot (dritter in der Meisterschaft) rückt damit zum offiziellen Testfahrer für Red Bull auf. Sollte der Fall eintreten, dass Verstappen in den nächsten Rennen gesperrt werden sollte, kann dann überlegen, wen man als Ersatz nimmt. Die besten Chancen hat wohl im Moment Isaac Hadjar, der bei RB einen sehr guten Job macht. Aber nicht vergessen, das hatte Tsunoda auch gemacht, bevor er befördert wurde und feststellen musste, dass der Race Bull ein extrem enges Abstimmungsfenster hat, dass offenbar nur auf Max Verstappen zugeschnitten ist.
Die Wechselorgie bei Red Bull, die in innerhalb von sechs Monaten drei Fahrer neben Verstappen ausprobiert haben, zeigt zumindest, dass es nicht unbedingt an Perez, Lawson und Tsunoda liegt. Es ist das Auto, dass sehr schwer abzustimmen und zu fahren ist. Tsunoda zeigt zwischendurch, dass er hier und da dran ist, aber wenn es dann darum geht in der Quali die letzten drei oder vier Zehntel herauszuholen, passt es eben nicht mehr. Ein Problem, dass alle drei genannten Fahrer vereint.
Das sich Fahrer in einem neuen Team schwer tun, ist in diesem Jahr auch bei Ferrari auffällig. Ohne Zweifel – Lewis Hamilton kommt mit dem SF-25 nicht so klar, wie er das erwartet hat. Dass er in der Quali hinter Leclerc liegt, hatte man erwartet. Der Abstand liegt bei ungefähr drei Zehnteln, was etwas mehr ist, als ich erwartet hatte. Meine Erwartung war, dass er ungefähr so knapp dran ist, wie Sainz das in den letzten Jahren war. Was mich aber tatsächlich überrascht, ist sein Abstand im Rennen. Es gibt immer einen Sektor, in dem Hamilton sehr viel Zeit verliert. In Barcelona war das dritte Sektor, was auch die Schwächen des Ferrari im Frontbereich unterstreicht. Was Leclerc aber ausgleichen kann, gelingt dem Briten nicht.
Und es ist genau dieser Abstand im Rennen, der merkwürdig ist. Im letzten Jahr war Russell auch schneller in der Quali, aber im Rennen machte Hamilton das meist wieder wett. Im Ferrari gelingt das nicht, was ungewöhnlich ist, nimmt man die Erfahrung des mehrfachen Weltmeisters. Eigentlich sollte der Unterschied gerade im Rennen deutlich kleiner sein, aber Hamilton verliert in fast jedem Rennen pro Runde mehrere Zehntel. Vielleicht löst das entweder in Österreich oder Silverstone kommende Update (Frontflügel, Aufhängung vorn) für eine Lösung. Aber bisher sieht es Hamilton nicht gut aus.
Für Kanada erwarte ich die Ferrari aber einigermaßen stark. Die Strecke stellt keine große aerodynamischen Herausforderungen. Man braucht eher guten mechanischen Grip um aus den Kurven gut heraus zukommen. Von daher sollte Ferrari in Montreal gut aussehen.
Da die Rundenzeiten kurz sind, werden die Abstände allerdings auch dementsprechend klein sein. Die beste Quali-Zeit lag im letzten Jahr bei 1.12.00 min und die Top 15 lagen innerhalb von einer Sekunde. Vor allem an der Spitze kann man daher eine sehr enges Feld erwarten. Wer am Ende auf der Pole steht, ist daher ungewiss und die Kandidatenliste ist lang: Norris, Piastri, Russell, Verstappen und Leclerc kommen auf jeden Fall in Frage. Da man in Kanada einigermaßen gut überholen kann, ist die Pole aber nicht zwingend eine Voraussetzung für einen Sieg.
Auch das Mittelfeld wird eng zusammenliegen. Williams wird nach seinem katastrophalen Wochenende in Spanien hier bessere Chancen haben. Aber ich erwarte die RB und Haas ebenfalls vorn. Aston Martin ist etwas schwer einzuschätzen. Das große Update aus Spanien hat dort knapp vier Zehntel gebracht, was schon ein relativ großer Sprung nach vorne ist. Aber Kanada wird dann zeigen, ob sich die gewonnene Zeit dann auch auf der Strecke in Kanada zeigt. Gute Nachrichten gibt es aber von Lance Stroll. Der ist wieder so fit, dass er am Wochenende fahren kann. Aston Martin hätte ansonsten auch ein Problem gehabt, da der Ersatzfahrer, Felipe Drugovich, in Le Mans unterwegs ist.
Leichten bis mittelgroßen Ärger gab es diese Woche auch. Die F1 hat, ungewöhnlich früh, den Kalender für das nächste Jahr vorgestellt. Dass Imola raus ist und dafür ein weiteres Rennen in Spanien (Madrid, September) stattfindet, hatte man erwartet. Allerdings gibt es eine Rochade zwischen dem Rennen in Kanada, Monaco und dem Rennen in Barcelona. Und dies führt zu massiven Terminkollisionen. Kanada findet nun am letzten Maiwochenende statt und damit parallel zum Indy 500. Das ist für alle Fans mehr als ärgerlich.
Monaco folgt dann eine Woche später, zum ersten Mal im Juni. Danach die Woche folgt das Rennen in Barcelona und das liegt dann zeitgleich zur Schlussphase des 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Wie dämlich kann man Termine legen?
Die Hoffnung ist nun, dass man die Startzeiten der F1 ein wenig anpasst. Das Rennen in Kanada ist deutlich kürzer als das Indy 500. Das Rennen startet gegen 12.45 Uhr Ortszeit (18.45 Uhr CEST) und dauert meist knapp drei Stunden. Man könnte also um 16.00 Uhr Ortszeit starten, was zwar dann spät in Europa wäre, aber Las Vegas findet ja auch mitten in der Nacht statt.
Gleichen gilt für das Rennen in Spanien. Zieleinlauf in Le Mans ist um 16.00 Uhr. Es sei denn, der ACO erbarmt sich und schiebt den Start wieder auf die traditionelle 15.00 Uhr. Dies würde der F1 die Chance geben, dass Rennen um 16.00 Uhr zu starten. Das Rennen findet Mitte Juni statt, es ist also lange genug hell.
Aber solche Terminkollisionen sind extrem ärgerlich. Es galt lange als ausgemacht, dass die FIA vor allem am Le Mans Wochenende keine großen Veranstaltungen hat. Zwar ist es nachvollziehbar, dass ein F1 Kalender mit 23 bis 25 Rennen wenig Spielraum lässt, aber Motorsport Fans dann vor eine Entscheidung zu stellen (und auch die Hersteller, die teilweise in Le Mans unterwegs sind), kann dann nicht Lösung sein.
Strategie:
Pirelli bringt wieder den neuen C6 an der Strecke, der sich in diesem Jahr schon ganz gut geschlagen hat und den Teams ein paar neue Möglichkeiten bei der Strategie gibt. Die Strecke wurde im letzten Jahr vor dem Rennen neu asphaltiert, aber das Rennen fand dann unter gemischten Wetterbedingungen statt. Von daher lässt sich wenig sagen, wie sich Reifen schlagen. Dazu kommt, dass die Strecke ja über das Jahr so gut wie nicht genutzt wird. Es gibt also ein paar Fragezeichen, die man versuchen wird am Freitag zu beantworten.
Bekannt ist aber, dass der Boxenstopp nur wenig Zeit kostet. Es ist der kürzeste Stopp des Jahres und normalerweise setzen die meisten Teams auf eine Zwei-Stopp-Strategie. Wir haben aber auch schon drei Stopps gesehen, je nachdem, wie das Rennen gelaufen ist. Denn eine weitere Variable ist das Safety-Car, das ziemlich sicher auch an diesem Wochenende zum Einsatz kommen wird. Das macht das Rennen und die Strategie also schwer vorhersehbar. Immerhin soll das Wetter am Wochenende dafür stabil und sonnig sein. Regen wird, zumindest Stand jetzt, nicht erwartet.
Bilder: Pirelli




