In der Vorschau sagte ich, dass im Indianapolis Motor Speedway Geschichte geschrieben wird – und das wurde sie am Sonntag. Alex Palou gewann nicht nur sein erstes Ovalrennen, sondern direkt auch das Indy 500.
Mit fünf Siegen aus sechs Saisonrennen ist er auf dem besten Weg, A. J. Foyts Rekordjahr 1964 zu übertreffen. Foyt hatte damals die ersten sieben Wertungsrennen, inklusive Indy 500, gewonnen. Am Ende der Saison stand Foyt bei zehn Siegen aus 13 Rennen. Für eine Siegquote von 77 % benötigt Palou in diesem Jahr „nur” noch acht Siege. In Detroit, Mid-Ohio, Road America, Portland und Laguna Seca hat er in den letzten beiden Jahren schon gewonnen. Die Frage ist allerdings, ob er es nach dem Titelgewinn im Juli wieder etwas ruhiger angehen wird. Im Vorjahr fuhr er in den letzten beiden Rennen nur die Plätze 11 und 19 ein. Für eine absolute Rekordsaison darf er sich diese Schwäche nicht leisten.
Vor dem Triumph hatte Alex Palou jedoch erst einmal einen langen Arbeitstag. Pünktlich zur Fahrervorstellung begann es leicht zu regnen, sodass Robert Shwartzman das Feld erst mit 40 Minuten Verspätung zur grünen Flagge führte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mit Scott McLaughlin bereits der erste Fahrer verabschiedet. Beim Reifenvorwärmen verlor er am Ende der Start- und Zielgeraden die Kontrolle über seinen Wagen und fuhr in die Mauer. Das war ein Rookie-Fehler eines 31-jährigen Profis. Ein kleines bisschen kann man den Fehler durch die schwierigen Streckenbedingungen entschuldigen. Es war so kalt wie im gesamten Mai noch nicht, es war bewölkt und der leichte Regen hatte den Grip des Asphalts auch nicht erhöht. Trotzdem darf so etwas nicht passieren. Der am Start bestplatzierte Penske-Chevrolet war somit schon aus dem Rennen.
Nach der weiteren Verzögerung wurde das Rennen dann endlich frei gegeben, aber auch nur für wenige Meter. Im Mittelfeld wich Jack Harvey Ryan Hunter-Reay nach oben aus. Marco Andretti hatte sich auf dieser Linie bereits festgesetzt und konnte den Kontakt nicht mehr verhindern. Andretti konnte seinen Wagen noch über zweidrittel von Kurve 1 auf der Strecke halten. Dann kam jedoch die Mauer und der Andretti-Fluch hatte wieder zugeschlagen. Die ersten sechs Teams (Harvey, VeeKay, Power, Rahal, Newgarden und Armstrong) nutzten die Unterbrechung für einen Stopp. Mit nun 31 Wagen wurde das Rennen in der achten Runde wieder gestartet. Wie befürchtet, hatte der Prema-Chevrolet von Shwartzman nicht den nötigen Speed für das Rennen und fiel schnell zurück. So übernahm Pato O’Ward die Führung vor Takuma Sato. Kurz vor der nächsten Unterbrechung durch leichten Regen tauschten beide die Plätze.
Die meisten Teams nutzten die Unterbrechung für einen Boxenstopp. Das Problem war jedoch, dass es mit Runde 24 eigentlich noch zu früh für den ersten regulären Stopp war. Das Fuel-Window im Renntempo betrug 30–32 Runden. Für 200 Runden benötigt man also mit entsprechendem Sparen und/oder Runden unter Gelb fünf Stopps. Die restlichen 174 Runden in fünf Stints aufzuteilen, war dann die Kunst der Strategen. Auf der Strecke blieben Alexander Rossi, Christian Rasmussen und Ed Carpenter (alle EC Racing) sowie Devlin DeFrancesco, Jack Harvey, Rinus VeeKay und Graham Rahal. Scott Dixon war hingegen zweimal an der Box. In den Einführungsrunden waren mehrmals Flammen an seinem linken Hinterrad zu sehen. Innerhalb von drei Runden im Renntempo wechselte man dann die komplette Bremsanlage. Damit war der nächste Favorit aus dem Rennen um den Sieg ausgeschieden.
Nach dem Restart schirmte Ed Carpenter seine Fahrer nach hinten ab, während Rossi und Rasmussen die Führung mehrfach tauschten, um möglichst viel Benzin zu sparen. Zu dieser Zeit fand das Rennen endlich seinen Rhythmus und die Fahrer konnten Meilen schnell zurücklegen. Das bedeutete jedoch auch die ersten Stopps unter Grün. Den Anfang machten die Fahrer von EC Racing und Devlin De Francesco. Vier Runden später folgten Jack Harvey, Rinus VeeKay und Graham Rahal. Damit übernahm Takuma Sato wieder die Führung, dieses Mal vor Conor Daly. David Malukas, Alex Palou und Santino Ferrucci komplettierten die Top 5 dieser Strategiegruppe. Josef Newgarden lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz 14, aber auch er und die anderen Fahrer mussten unter Grün an die Box. Dabei war Colton Herta in der Boxengasse zu schnell und musste eine Drive-Through-Penalty antreten. Mit Rundenrückstand schied er aus dem Kampf um eine Topplatzierung aus. Nach den Stopps führte weiterhin Takuma Sato. Devlin DeFrancesco und Alexander Rossi blieben jedoch zwischen David Malukas und Alex Palou in den Top 5.
In Runde 73 qualmte es aus dem Auspuff von Rossis Wagen. In der On-Board-Kamera von Palou war deutlich zu sehen, dass der Wagen auch Flüssigkeit verlor. Rossi konnte die Box ansteuern. Dort wurden zunächst die Reifen gewechselt und nachgetankt. Dabei trat jedoch Benzin aus und entzündete sich. Das war eine beängstigende Szene. Glücklicherweise blieben alle mehr oder weniger unverletzt. Der Mechaniker, der den Tankschlauch bedient hatte, saß später leicht abgeflämmt auf der Boxenmauer. Mit dem erhobenen Daumen zeigte er an, dass es ihm gut geht. Damit war der nächste Fahrer aus der Spitzengruppe ausgeschieden. Ohne Caution wurde das Rennen fortgesetzt. Die nächste Unterbrechung sollte aber schnell folgen.
In Runde 81 steuerte Rinus VeeKay die Boxengasse an. Ohne zu bremsen setzte er den Wagen dort jedoch in die Mauer. Glücklicherweise befanden sich keine Personen in diesem Bereich. Diese Caution war wieder ein guter Zeitpunkt für Boxenstopps. Takuma Sato überschoss seinen Boxenplatz und musste zurückgeschoben werden. Das kostete wertvolle Zeit. Noch schlimmer war der Stopp von Robert Shwartzman. Mit blockierten Vorderrädern rutschte er in die Box und traf mehrere Mechaniker. Ein Mechaniker musste mit leichteren Verletzungen ins Krankenhaus. In kurzer Zeit gab es drei kritische Situationen in der Boxengasse, die auch anders hätten ausgehen können. Ryan Hunter-Reay führte nun vor Devlin DeFrancesco, Ed Carpenter und Jack Harvey das Feld an. Alle vier hatten noch nicht gestoppt. Durch die Probleme von Sato beim Stopp übernahm Alex Palou die Führung in der zweiten Strategiegruppe vor David Malukas. In dieser Gruppe lag Josef Newgarden auf Platz 5.
Beim Restart musste Kyle Larson unter die weiße Linie in Kurve 1 ausweichen. Beim Runterschalten verlor er das Heck und rutschte in die Mauer. Dabei sammelte er Kyffin Simpson und Sting Ray Robb mit ein. Der Unfall bedeutete weitere 14 Runden unter Gelb. Beim nächsten Restart kam Christian Rasmussen quer aus Kurve 3 heraus und rutschte bis Kurve 4 weiter. Die Rennleitung verlängerte die Caution, obwohl Rasmussen jeglichen Fremdkontakt vermeiden konnte.
Die vielen Runden unter Gelb zwischen Runde 82 und 108 brachten alle Fahrer, die in Runde 87 an der Box waren, in die Situation, das Ziel nur mit zwei Stopps erreichen zu können. Die gewünschten Fenster für die Stopps waren die Runden 133/134 und 168/169, wofür jedoch Benzinsparen angesagt war. Je später gestoppt wurde, desto mehr Benzin stand am Ende für den Zielsprint zur Verfügung. Die fünf Fahrer, die nicht in Runde 87 gestoppt hatten, mussten hingegen noch dreimal nachtanken. DRR Racing entschied, Ryan Hunter-Reay in Runde 103 an die Box zu rufen. Damit verlor er zwar seine Spitzenposition, musste aber nicht auf seinen Benzinverbrauch achten. Darauf arbeiteten auch Marcus Ericsson und Christian Rasmussen mit ihrem Stopp in Runde 108 hin. Die Spitze übernahm Devlin DeFrancesco vor Jack Harvey und David Malukas. Josef Newgarden lag auf Platz 10 und hatte damit sein Etappenziel, die Top 10 zur Halbzeit, erreicht.
Die schnellsten Wagen in diesem Stint waren die von Conor Daly und David Malukas. Es sah nicht so aus, als würden sie Benzin sparen. Nach dem Stopp von Devlin DeFrancesco lagen sie auch in Führung. Es folgten Alex Palou, Santino Ferrucci, Callum Ilott, Josef Newgarden, Felix Rosenqvist und Pato O’Ward. Außer Ilott waren das die üblichen Verdächtigen. Die Leistung von Prema Racing kann man nicht hoch genug würdigen. Das Team hat nicht nur Shwartzman einen sehr schnellen Wagen für das Qualifying gebaut, sondern auch Ilott einen sehr schnellen für das Rennen, mit Einschränkung (siehe unten). Auch Shwartzman hatte sich nach anfänglichen Problemen gut im Rennen gehalten. Er fuhr konstant in den Top 15.
Ab der 130. Runde wurde es spannend. Als Erste kamen Takuma Sato und Helio Castroneves in Runde 132 an die Box. Eine Runde später folgten Conor Daly, Alex Palou, Pato O’Ward und Josef Newgarden. Für Newgarden war das Rennen jedoch aufgrund von Benzindruckproblemen vorbei. Den Abschluss der 87er-Stopper bildeten in Runde 133 schließlich David Malukas, Santino Ferrucci, Felix Rosenqvist und Kyle Kirkwood. Die neuen Top 4 konnten länger fahren. So kamen Christian Lundgaard, Ryan Hunter-Reay, Marcus Ericsson und Christian Rasmussen erst in den Runden 139 bis 142 an die Box. Hunter-Reay hielt sich vor Conor Daly an der Spitze und war somit ein ernsthafter Anwärter auf den Sieg. Ericsson reihte sich auf Platz sieben, Rasmussen auf Platz neun und Lundgaard auf Platz 14 ein.
Ryan Hunter-Reay musste seine Führung nicht wirklich verteidigen. Im Gegensatz zu den Fahrern hinter ihm musste er kein Benzin sparen. In Runde 164 verlor Conor Daly den Kontakt zu Hunter-Reay, während David Malukas vorbeizog. Daly sparte jedoch kein Benzin, sondern seine Hinterreifen waren am Ende. Er flehte, an die Box fahren zu dürfen, doch der Weg ins Ziel war für eine Tankfüllung noch zu weit. So musste er seinen Wagen bis zur 166. Runde um die Strecke tragen. Dabei verlor er viel Zeit, doch der Weg war immer noch sehr weit. In Runde 168 steuerten Alex Palou, Santino Ferrucci, Pato O’Ward und Takuma Sato die Box an. Eine Runde später folgten Felix Rosenqvist, Kyle Kirkwood und Ryan Hunter-Reay. Dieser würgte dabei seinen Motor ab. Es war aber wohl eher ein technisches Problem als eines des Fahrers. Denn zwei Runden später stellte er den Wagen ganz ab. David Malukas konnte seinen Stopp sogar bis Runde 170 hinauszögern. Als Letzte stoppten Christian Lundgaard in Runde 173 sowie Marcus Ericsson und Christian Rasmussen zwei Runden später. Ericsson setzte sich nach dem Stopp an die Spitze. Lundgaard und Rasmussen reihten sich auf den Plätzen 10 und 11 ein.
Zwar führte Marcus Ericsson das Rennen vor Alex Palou, David Malukas und Pato O’Ward an, aber Devlin DeFrancesco und Louis Foster fuhren direkt vor ihm. Sie bildeten das Ende des Feldes und wollten nicht überrundet werden. Ericsson versuchte jedoch gar nicht, sie zu überholen. Er profitierte von ihrem Windschatten. Es sah aber auch so aus, als hätte er gar nicht überholen können, selbst wenn er gewollt hätte. Insgesamt war das Überholen an der Spitze in diesem Jahr sehr schwierig. Es gab zwar 22 Führungswechsel. Wenn man die freiwilligen unter Teamkollegen und die durch die unterschiedlichen Boxenstopps herausnimmt, bleibt jedoch kaum etwas übrig.
Ein entscheidendes Überholmanöver gab es jedoch noch. In Runde 187 zog Alex Palou in Kurve 1 innen an Marcus Ericsson vorbei. Der Schwede schien von dem Manöver überrascht worden zu sein. Er verteidigte sich gar nicht. Vielleicht hatte er gehofft, mit mehr Benzin in der letzten Runde den Konter von Platz 2 aus setzen zu können. Immerhin war es Newgarden in den letzten Jahren immer gelungen, unter anderem 2023 gegen Ericsson. In diesem Jahr war es jedoch anders. Alex Palou fuhr mehr oder weniger unbedrängt im Windschatten von Devlin DeFrancesco und Louis Foster den Sieg ein. Auch hinter Ericsson gab es seit dem letzten Boxenstopp nur wenig Bewegung. So kamen David Malukas, Pato O’Ward und Felix Rosenqvist auf den Plätzen drei bis fünf ins Ziel. Kyle Kirkwood überholte in Runde 191 Santino Ferrucci und sicherte sich damit Platz 6. Christian Rasmussen und Christian Lundgaard verbesserten sich auf die Plätze 8 und 9 und überholten dabei Conor Daly, der mit dem letzten Tropfen Benzin das Ziel erreichte.
Und sonst?
– Nolan Siegel crashte in der letzten Runde, sodass das Rennen unter Gelb zu Ende ging.
– Helio Castroneves musste einen späten Stopp einlegen und kam auf Platz 13 ins Ziel; er wurde aber auf Platz 10 (siehe unten) gewertet.
– Bester Senior im Feld war aber Takuma Sato auf Platz 9.
– Colton Herta wurde mit Rundenrückstand auf Platz 14 gewertet.
– Ein unauffälliges Rennen mit einem sehr späten Stopp brachte Will Power Platz 16 ein.
– Louis Foster war mit Platz 12 bester Rookie.
– Zum Rookie des Jahres wurde Robert Shwartzman gewählt.
– Scott Dixon und Josef Newgarden konnten die volle Distanz von 200 Runden nicht absolvieren, sodass ihre Serien von sieben Indy 500 in Folge über die volle Distanz zu Ende gingen.
– Es war der sechste Sieg für Chip Ganassi Racing. Damit liegt man nun gemeinsam mit Andretti Global auf dem zweiten Platz der Bestenliste.
Post-Race Technical Violations and Penalties
Ja, auch nach dem Rennen müssen wir wieder über illegale Modifikationen an den Wagen sprechen. Insgesamt sind drei Wagen durch die technische Abnahme gefallen. An den Wagen #27 und #28 von Andretti Global wurden Änderungen an den Abdeckungen des Energy Management Systems (EMS) sowie an den Befestigungspunkten des Cover-to-A-Arms mit nicht zugelassenen Abstandshaltern und Teilen festgestellt. Laut Reglement müssen die EMS-Abdeckungen in der gelieferten Ausführung verwendet werden. Darüber hinaus ermöglichten diese Modifikationen eine verbesserte aerodynamische Effizienz der beiden Fahrzeuge. Bei der #90 von Prema Racing war die Endplatte des Frontflügels zu niedrig angebracht und nicht richtig positioniert. Die Teams müssen jeweils eine Strafe in Höhe von 100.000 Dollar zahlen. Zudem wurden Marcus Ericsson, Kyle Kirkwood und Callum Iliott an das Ende des Feldes gesetzt. Damit wird Scott McLaughlin nun auf Platz 30 geführt, obwohl er nicht einmal die Startlinie aus der Ferne gesehen hat. Auch das dürfte eine Geschichte für die Ewigkeit sein.
Das gesamte Ergebnis kann auf der Homepage der IndyCar Series (PDF) nachgelesen werden.
Alex Palou (306 Punkte) führt mit 112 Punkten Vorsprung vor Pato O’Ward (194 Punkte) die Meisterschaft an. Damit dürfte ihm der Titel im Juli auch schon rechnerisch sicher sein.
Am nächsten Wochenende trifft sich die IndyCar Series traditionell in Detroit.




















