McLaren stellte sich in Las Vegas selbst ein Bein. Red Bull sagt danke und die WM ist so offen wie seit Jahren nicht mehr.
Bis zum Rennstart war die Welt bei McLaren noch in Ordnung. Lando Norris hatte in der verregneten Qualifikation eine dominante Pole vor Verstappen eingefahren. Da Piastri nur auf P5 kam, sah alles nach einem weiteren Durchmarsch für Norris aus. Doch die gute Laune bei McLaren verabschiedete sich dann am Sonntag und das nachhaltig. Denn am Ende stand eine Disqualifikation beider McLaren, was einen dramatischen Punktverlust bedeutet. Statt die WM-Führung von Norris ausbauen zu können, sieht man sich nun einem Dreikampf um die WM. Der einzige Trost für Norris: Er hat die besseren Karten und McLaren wird sich überlegen müssen, ob man den Briten in den letzten beiden Rennen nicht doch bevorzugt behandelt.
Dabei hatte Norris den schlechten Sonntag für McLaren mitzuverantworten. Beim Start versuchte er, Verstappen abzudrängen und die Innenlinie zu besetzen. Dabei übertrieb er es und verbremste sich zu dem, was ihn zu einer weiten Linie in der ersten Kurve zwang. Das nutzte Verstappen, der sich dann auch sofort absetzte. Ebenso profitierte Russell, der sich Norris in der ersten Runde schnappte und sich den zweiten Platz sicherte. Das sorgte dann dafür, dass Norris von Anfang an in einer schlechten strategischen Position war.
Wie immer war der erste Stint im Rennen eher verhalten. Ein wenig Abwechslung gab es an der Spitze, wo Verstappen sich zunächst nicht von George Russell absetzen konnte. Dafür distanzierten sich beide von Norris, der in den ersten Runden seine Reifen schonte.
Dass sich im Rennen nach der ersten Runde wenig bis gar nichts tat, ist ein Phänomen, das wir aus den letzten Jahren kennen. Die Reifen haben ein enges Temperaturfenster, vor allem, wenn man hinter einem Konkurrenten fährt. Die Turbulenzen führen zu einem Abtriebverlust, das Auto rutscht mehr und somit heizen sich die Reifen mehr auf. Man kann ein paar Runden Druck machen, danach muss man dann den Abstand vergrößern. Was zu den Prozessionen führt, die man in den meisten Rennen sieht. Las Vegas war da keine Ausnahme und die Konzentration richtete sich dann auf die Boxenstopps.
Der erste kam von Kimi Antonelli, der in Q1 ausgeschieden war. Er hatte die Soft für den Start gewählt, legte diese aber schon in einer kurzen VSC-Phase in Runde 3 zugunsten der harten Mischung ab. Das sollte sich als eine ziemlich geniale Strategie herausstellen.
Der Rest des Feldes (abzüglich Hülkenberg, Hamilton und Ocon, die auf den harten Reifen gestartet waren) kam zwischen Runde 21 und 26. Der Medium zeigte sich also durchaus haltbar, die harten Reifen waren daher die klare Option für alle beim Stopp. Was auch bedeutete, dass das der einzige Stopp war, den die Fahrer in den Top Ten einlegen mussten. Was der Spannung im Rennen auch nicht weiterhalf.
Ein wenig Spannung kam dann immerhin im letzten Drittel des Rennens auf, in dem Lando Norris auf den harten Reifen plötzlich jede Menge Speed fand. Er war in der Lage, eine kleine Lücke zu Russell auf P2 zu schließen. Der McLaren ging auf der harten Mischung deutlich besser und Norris war schneller als Russell und Verstappen. In Runde 34 ließ er den Mercedes dann hinter sich. Allerdings hatte Verstappen auch noch Reserven im Auto und ließ an seinem Sieg am Ende keinen Zweifel.
Die Arbeit von Norris wurde am Ende nicht belohnt. Nach dem Rennen stellte man bei der Überprüfung der Autos von McLaren fest, dass die Skid-Blocks unterhalb der erlaubten Höhe von 9 Millimetern lagen. Schon im Rennen konnte man sehen, dass die McLaren ungewöhnlich viele Funken warfen, also oft mit dem Unterboden aufsetzten. Andrea Stella erklärte nach der Disqualifikation, dass die Autos im Rennen stärker oszillierten, als man das erwartet hatte. Das ist schon ungewöhnlich, denn die Tests mit vollen Tanks am Freitag verliefen unauffällig.
Von der Disqualifikation beider McLaren profitierte nicht nur Verstappen in der WM, sondern auch beide Mercedes. George Russell erbte den zweiten Platz, P3 ging an Kimi Antonelli. Und das war schon eine grandiose Leistung des Italieners. Wie erwähnt, hatte er schon in dritten Runde seinen einzigen Boxenstopp erledigt. Hinzu kam eine 5-Sekunden-Strafe, da er beim Start zu früh angerollt war.
Der frühe Stopp half Antonelli, dabei nach vorne zu schwimmen, allerdings hatte er auch einiges im Rennen dazu beigetragen. Er wühlte sich schnell durch das Mittelfeld, und als er vorn angekommen war, hatte er dann in den letzten 12 Runden mit Piastri und Leclerc hinter sich. Piastri hatte seine harten Reifen und Runde 22 aufgezogen, Leclerc in Runde 25. Beide halten also deutlich frischere Reifen auf dem Auto. Und doch konnte Antonelli seinen Mercedes vorn halten. Und am Ende seinen Vorsprung auf Leclerc auf über 5 Sekunden ausbauen. Man merkt dem Rookie mittlerweile deutlich an, wie viel Erfahrung er in diesem Jahr gesammelt hat. Das war eine Leistung, die man nur von wenigen Fahrern erwarten würde.
Ferrari hatte wie erwartet ein zähes Rennen. Leclerc zeigte in den ersten Runden immerhin viel Einsatz und schnappte sich Piastri und Hadjar. Doch am Ende wurde der Einsatz aber nur wenig belohnt. P6 (P4 nach der Disqualifikation) lag im Bereich dessen, was man von Ferrari in Las Vegas erwartet hatte. Die Misere von Ferrari ist eine Sache, die von Lewis Hamilton eine andere.
Der Brite qualifizierte sich nur auf P20. Entschuldigungen fand man natürlich, aber die Tatsache bleibt, dass es dem Briten in der Session nicht gelungen war, eine vernünftige Runde hinzubekommen. Etwas, was selbst Colapinto im Alpine gelang, der es in Q2 schaffte. Hamilton war völlig von der Rolle und wirkte fast hilflos im Auto. Es machte zu keiner Zeit den Eindruck, dass er auch nur annähernd an die Leistungen von Leclerc anknüpfen konnte.
Das zeigte sich auch im Rennen. Während Leclerc zumindest zeitweise Plätze gutmachen konnte, eierte Hamilton im Mittelfeld herum. Es gelang ihm zwar am Start, das Chaos in der ersten Runde mit diversen Kollisionen auszunutzen, um P12 zu erreichen, danach war dann aber Schluss. Zwei weitere Positionen gewann er, als er in Runde 30 an die Box kam.
Dass er auf P8 gewertet wurde, lag dann nur an der Disqualifikation beider McLaren. Anders gesagt: Nach der ersten Runde konnte der siebenfache Weltmeister keine einzige Position gutmachen. Man kann Hamilton nur wünschen, dass er mit den Autos im nächsten Jahr besser zurechtkommt.
P5 ging an Carlos Sainz im Williams, die damit endlich mal wieder ein besseres Ergebnis hatten. Sainz hatte am Wochenende deutlich mehr Pace als Alex Albon. Der hatte in der Quali sein Auto in die Mauer gesetzt und musste im Rennen dann seinen Wagen mit einem technischen Problem abstellen. Aber der Williams funktionierte in Las Vegas gut und Sainz war zwischenzeitlich so schnell, dass er Leclerc unter Druck setzen konnte. Dass am Ende nur 4 Sekunden auf den Ferrari fehlten, zeigt, wie gut Williams am Wochenende war.
Das galt auch für beide Racing Bulls, die es in Q3 schafften. Lawson hatte dann einen Schaden an seinem Frontflügel, was ihn weit zurückwarf. Hadjar hielt sich im gesamten Rennen in den Punkten, ohne allerdings seinen Blick nach vorn richten zu können. Aber P6 ist für RB ein ausgezeichnetes Ergebnis.
P7 ging an Nico Hülkenberg. Der hatte Q3 knapp verpasst, lieferte aber einen guten Start und ein sauberes Rennen. Hilfreich war dabei ebenfalls die Entscheidung von Sauber, den Deutschen auf die harten Reifen zu setzen. Der lange Overcut brachte ihn zeitweise auf P5. Nach dem Stopp in Runde 31 lag er dann weiter vor Lewis Hamilton, der ihn im Rennen dann aber nicht unter Druck setzen konnte.
Die beiden letzten Punkteplätze gingen an die Haas. Las Vegas liegt dem Chassis nicht, und ohne die Disqualifikation beider McLaren wäre auch nichts Zählbares herausgekommen. Aber im engen Kampf in der Team-WM wird Haas die drei Punkte gerne mitgenommen haben.
In der WM sieht es jetzt so aus:
Norris 390
Piastri 366
Verstappen 366
Das nächste Rennen findet in einer Woche in Katar statt, eine Strecke, die dem McLaren eigentlich optimal liegen müsste. Es gibt dazu noch ein Sprintrennen. Aber angesichts der Tatsache, dass Verstappen den Abstand nun auf 24 Punkte reduziert hat, wird McLaren gar nichts anderes übrig bleiben, als Norris den Vorzug in der WM zu geben.
Ein Blick noch auf die Konstrukteurs-WM im Mittelfeld:
6. RB 90
7. Haas 73
8. Aston 72
9. Sauber 68
RB sollte P6 sicher haben, zwischen Haas, Aston und Sauber wird es allerdings noch sehr eng. Die besten Chancen scheint im Moment Haas zu haben, die im Herbst deutlich besser aussahen, als die Konkurrenz. Aston erweckt nicht den Eindruck, als könne man noch etwas bewegen, und Sauber benötigt mindestens zwei gute Rennen und viel Glück.




























Bilder: Pirelli




