Mit sechs Titelkandidaten ging es nach einer ausgeglichenen Saison in ein überaus spannendes Finale im Sprint Cup. Wie schon in den letzten Jahren sollte auch dieses Sprint-Finale nicht enttäuschen und bot am Samstag eines der kuriosesten Rennen der letzten Jahre.
Samstag
Wie schon einleitend erwähnt, führt das Punktesystem im Sprint Cup immer wieder dazu, dass die Saisonfinals meist sehr spannende Vorzeichen haben. Der Samstag sollte schon in der Qualifikation dazu führen, dass den Titelkandidaten rein gar nichts geschenkt wurde – und manche in der „Carbon Area“ des
Mittelfelds starten mussten. Da es in den frühen Morgenstunden eine rasante Track Evolution gab und der Pro- und Gold Cup in die ersten zehn Minuten des Qualifyings gingen, wurde mit Dennis Marschall und Bastian Buus die erste Startreihe aus Fahrzeugen des Bronze Cups gebildet. Für Marschall war es nicht die erste Pole in dieser Saison, wodurch er sich klar für den Pro Cup 2026 empfiehlt.
Das Bild war bezüglich der einzelnen Kategorien bunt durchgemischt. Da Alessio Rovera im AF Corse eine nach diversen Strafpunkten aus dem Saisonverlauf eine Grid Penalty im fünf Plätze bekam, hielten sich von den Titelaspiranten nur Lucas Auer und Luca Engstler im Winward Mercedes, bzw. Grasser Lamborghini weitgehend schadlos mit den vierten und fünften Plätzen. Keine gute Runde erwischten Benjamin Goethe im Garage59 McLaren als bisher einziges Auto mit zwei Sprint-Siegen und Charles Weerts im tabellenführenden WRT BMW, die beide weit im Mittelfeld des 40 Auto starken Felds standen. Wie es kommen musste, sollte das Drama im Rennen nicht lange auf sich warten lassen.
Rennen 1
Unter „Chaos pur“ könnte man die erste Runde zusammenfassen. Innerhalb der ersten drei bis vier Kurven knallte es mehreren Ecken. Charles Weerts wurde von Dylan Pereira im Attempto Audi torpediert, nachdem dieser mit einem Sainteloc Markenkollegen kollidierte und ohne Kontrolle über die Grasfläche rutschte – und daraufhin in den Belgier im WRT BMW hinein. Unabhängig davon wurde der McLaren von Benjamin Goethe von einem Barwell Lamborghini beschädigt. Für den Garage59 McLaren war der Tag damit erledigt, WRT konnte im Verlauf des Rennens wenigstens noch ein paar Testrunden fahren, da man sonst vor dem kurzen zehnminütigen Qualifying am Sonntag keine Runden mehr gehabt hätte. Selbst vermeintlich unbeteiligte Titelfavoriten wie Rovera oder Niederhauser im Rutronik Porsche verloren Plätze durch einen Notstopp in der Safety-Car-Phase – wohl aufgrund von Reifenschäden in Folge der Trümmerteile. Nach dem Trümmerbild
erstaunlich, dass nach nur sieben Minuten das Rennen freigegeben werden konnte und es noch eine recht lange Distanz bis zu den Stopps gab.
Anschließend folgte auf der eher überholarmen Strecke ein ruhigerer Stint, in dem die Reihenfolge durch die beiden Bronze Autos von Dennis Marschall und Bastian Buus an der Spitze noch etwas provisorisch war, da jene Starter eine Mindeststandzeit erhalten. In der „bereinigten“ Führung befanden sich demnach Thomas Fleming im Garage59 McLaren und Thierry Vermeulen im Emil Frey Ferrari, beide aus dem Gold Cup. Engstler und Auer blieben in Schlagdistanz und wurden für ihre guten Qualifying-Leistungen belohnt, ohne im Mittelfeld festzuhängen. Durch den Ausfall von WRT und Garage59 sowie dem weit hinten platzieren Rutronik Porsche war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass das Feld punktemäßig für das Sonntagsrennen noch enger zusammenrücken sollte.
Der Reigen der Stopps begann mit einer lokalen Gelbzone, die durch einen im Kies stehenden Comtoyou Aston Martin verursacht wurde. Diese Geldphase sollten einigen ein gutes Ergebnis verhageln, denn: Mit den in der World Challenge vorgeheizten Pirelli-Slicks erreicht man zwangsläufig eine gute Rundenzeit in seiner Outlap. Nach dem Rennen wurden daraufhin 14 Fahrzeugen eine Zeitstrafe von 26 Sekunden aufgebrummt, weil sie in der Phase der local yellow ihre schnellste Runde fuhren. Am Ende des Rennabschnitts hierzu mehr. Chris Lulham und Louis Prette übernahmen den Ferrari, bzw. McLaren aus dem Gold Cup nach dem Stopp vor den beiden Pro-Autos von Pepper und Engel. Die Rennleitung ließ auf das Stoppfenster eine FCY folgen, um den Aston Martin aus dem Kies zu bergen. Wie seit diesem Jahr öfters, blieb es bei der Neutralisation ohne SC-Phase, wodurch Emil Frey Racing den großen Vorsprung behielt und (zunächst) souverän zum Sieg fahren konnte. Ein erstaunliches Bild
zu diesem Zeitpunkt: Es befanden sich nach den Stopps Fahrzeuge aller vier Kategorien innerhalb der besten Acht. Ich kann mich nicht erinnern, sowas mal gesehen zu haben.
Jordan Pepper konnte in der Schlussphase noch den McLaren von Louis Prette aus dem Gold Cup überholen, was im Nachhinein noch entscheidend werden sollte. Der Südafrikaner konnte sich auch von Engel in der „Winward-Mamba“ lösen, der über den vierten Platz nicht mehr hinauskam. Im Gold-, Silver- und Bronze Cup gewann jeweils der Meisterschaftsführende, wodurch im Silver Cup bereits das Comtoyou-Duo mit Jamie Day und Kobe Pauwels den Titel gewannen. Nicht zum ersten Mal in den Top10! Im Bronze Cup konnten nun Marschall/Blattner eine perfekte Ausgangslage herausfahren. Im Gold Cup wurde nochmal enger als gedacht,
da Vermeulen/Lulham zu denjenigen gehörten, die eine Zeitstrafe nach dem Rennen bekamen. Trotz 26 Sekunden reichte es noch für den vierten Platz, was den riesigen Vorsprung verdeutlicht.
Die klar engste Klasse sollte ausgerechnet der Pro Cup sein. Nach dem Rennergebnis, in dem bis auf Grasser und Winward alle patzten, sollten nur 8,5 Punkte zwischen den Van der Linde/Weerts, Auer/Engel, Goethe/Kirchhöfer, Engstler/Pepper und Müller/Niederhauser liegen. Ein Finale, wie es eventuell auch demnächst bei der DTM in Hockenheim ansteht.
Sonntag
Aufgrund der umgekehrten Reihenfolge in der Qualifikation, die Pro- und Gold Cup in der B-Gruppe vorsah, war dieses Mal das Kräfteverhältnis deutlich „erwartbarer“ als noch am Samstag. Nur Aurelien Panis im Boutsen VDS Mercedes konnte in das Feld der Titelaspiranten eindringen. Auch dieses Mal machte Grasser Racing den besten Job mit der Pole für Jordan Pepper – der damit den nicht zu verachtenden Punkt für die Pole mitnahm. Hinter Panis qualifizierten sich anschließend Kirchhöfer/Van der Linde und Müller. Nur Maro Engel patzte in der Qualifikation, wodurch sich der Mercedes von Winward mit dem 16. Platz aus dem Titelkampf verabschiedete. Bei der Startaufstellung konnte man erwarten: Gewinn des Rennens=Titelgewinn!
Rennen 2
Und auch in diesem Rennen musste nach dem Start das Safety-Car rausfahren, nach dem Abflug eines Walkenhorst Aston Martin und einer Beschädigung am Emil Frey Ferrari von Ben Green. Nach dem Restart konnte Kelvin van der Linde am Boutsen VDS Mercedes vorbeigehen, womit nun zwischen ihm und Pepper in führender Position sowie Kirchhöfer im McLaren der Titel ausgefochten wurde. Maro Engel konnte zwar am Start einige Plätze gutmachen, hing aber am Ende der Top10 fest, womit der mögliche Titel bereits in der Qualifikation verloren wurde. Auch Sven Müller im Rutronik Porsche konnte das Tempo mit der Spitzengruppe nicht mitgehen, womit sich der nächste Titelaspirant früh im Rennen verabschiedete. Damit war nach der Startphase klar: Es ging im Grasser, Garage59 und WRT.
Kelvin van der Linde sprach anschließend im Interview in der überschwänglichen Euphorie von einem der besten Stints seiner Karriere. Man konnte ihm
das berühmte Messer zwischen den Zähnen förmlich von außen ansehen, vor allem durch das rigide Überfahren der Kerbs. Zunächst ging er recht schnell an Kirchhöfer vorbei, um den Abstand auf den Lamborghini nicht zu groß werden zu lassen. Bereits vor dem Fahrerwechsel konnte er dann durch besseres Rausbeschleunigen auf Start/Ziel die Führung von Jordan Pepper gegen seinen Landsmann übernehmen. Da auch der McLaren das enorme Tempo der Spitze nicht mitgehen konnte, formierte sich das Titelduell um Grasser vs. WRT, bei dem der Stopp enormen Wert haben sollte.
Charles Weerts und Luca Engstler übernahmen beide Fahrzeuge und kamen rund zwei Sekunden hintereinander aus der Box raus. Besser kann man sich als Veranstalter ein Finale nicht vorstellen: Die
beiden Meisterschaftsaspiranten direkt hintereinander um den Sieg und die gleichbedeutende Meisterschaft! Nach den Stopps waren die führenden Plätze bezogen. Während dahinter die Winward-Mamba ein paar Plätze gewann, verlor der Rutronik Porsche einen weiteren Platz. Grasser und WRT ließen der Konkurrenz an diesem Tag nicht den Hauch einer Chance.
Weerts zeigte einen zunächst ähnlich guten Stint wie Van der Linde. In den letzten zehn Minuten wurde es jedoch nochmal richtig knapp, da er drei Autos recht aufwendig überrunden musste, wovon Luca Engstler profitierte. Zu einer nennenswerten Überholchance kam es jedoch nicht mehr. Charles Weerts fuhr damit seinen vierten Titel im Sprint Cup ein, seinen ersten für BMW, nachdem er mit Dries Vanthoor drei Mal im WRT Audi Titelträger wurde. Für Kelvin van der Linde ist es bereits im ersten Jahr mit BMW ein internationaler GT3-Titel, auch wenn er keinen Hehl daraus
macht, gerne einen DTM-Auftrag bekommen zu haben. Trübsal musste man bei Grasser jedoch nicht blasen. Den Titel hatte man zugegebenermaßen schon vor dem Saisonfinale verloren. Mit dem Rückstand wäre der Titel schon ein Wunder gewesen – genau wie ein Doppelsieg bei einem solch engen Feld.
Fazit
In den weiteren Klassen konnten die Meisterschaftsführenden ihre Titel ohne größere Aufregungen nach Hause fahren. Im Gold Cup, der nach der Strafe gegen den Emil Frey Ferrari nochmal eng geworden war, konnten Vermeulen/Lulham in ihrem ersten gemeinsamen Jahr dennoch den Titel mit einem Klassensieg einfahren. Begünstigt wurden sie heute durch eine zehnsekündige Zeitstrafe gegen Louis Prette im Garage59 McLaren. Im Silver Cup stand der Titel für Day/Pauwels im Comtoyou Aston Martin schon fest, was jedoch den starken vierten Platz von Panis/Gazeau im Boutsen VDS Mercedes nicht schmälern sollte. Wenn das Team erstmals die nötige Konstanz hinbekommt, könnte da für 2026 auch im Pro Cup noch deutlich mehr gehen. Im Bronze Cup konnten wie erwartetet Marschall/Blattner im Ferrari von Kessel Racing den Titel einfahren. Der Laufsieg ging dieses Mal an Bashar Mardini/Bastian Buus im Lionspeed Porsche. Ohnehin wurde die Saison von beiden Duos sehr stark dominiert.
Marschall und Buus haben sich damit auf jeden Fall für den Pro Cup 2026 empfohlen, obgleich die zahlenden Kunden natürlich auch Anspruch auf potente Platin-Fahrer haben.
Was noch im Pro Cup auffallend war: Eine punktemäßige Dominanz der großen Fünf, die um den Titel fuhren, während dahinter zu AF Corse und dem Rest eine riesige Lücke war. Kurios am Ende: So spannend der Titel um die Gesamtwertung war, hatte der Pro Cup den zweitgrößten Abstand nach dem Gold Cup zwischen den Erst- und Zweitplatzierten im Championat. Im Bronze Cup waren es am Ende fünf, im Silver Cup sechs Punkte Differenz.
Das Finale in Valencia hat auf jeden Fall keine Wünsche offengelassen! Mal sehen, was das Endurance Finale in Barcelona am 12. Oktober noch bereithält!
Bildquelle: gt-world-challenge-europe.com (https://www.gt-world-challenge-europe.com/gallery_meeting?filter_season_id=25&filter_meeting_id=240)
