Nach einer bislang sehr abwechslungsreichen Saison wurden beim vierten von fünf Sprintwochenenden die Weichen für das Saisonfinale im September gestellt. Erstmals konnte eine Fahrerbesatzung zum zweiten Mal ein Rennen gewinnen und fast hätte es sogar einen Doppelsieger gegeben.
Auch wenn der Kalender meist nur ein bis zwei Änderungen von Saison zu Saison erfährt, hat die Auswahl der Strecken durchaus ihren Reiz. Nach dem langen Kurs in Brands Hatch wurde nun im französischen Niemandsland wieder eine Strecke ausgewählt, die von den großen Rennserien mittlerweile eher gemieden wird, und vor allem deswegen ihren Reiz hat.
Samstag
Wie in Misano wurde die Qualifikation in eine A- und B-Gruppe unterteilt, bei der am Samstag die Pro- und Gold-Fahrzeuge in die ersten zehn Minuten gegangen sind. Obwohl der Ablauf der Qualifikation immer erst
Anfangs der Rennwoche kommuniziert wird, wird man sich bei regelmäßigen Starterfeldern von 40 Autos nun dauerhaft auf diese zweigeteilte Art der Qualifikation einstellen müssen. Ohnehin erleben wir mit den veränderten Abläufen in den Qualifyings und gesonderten Stoppregeln für beide Rennen, eine Saison mit vielen improvisierten Anpassungen, um pragmatische Lösungen für das volle Starterfeld zu bewirken.
Wie schon in Misano konnte sich Dennis Marschall mit seinem Kessel Ferrari aus dem Bronze Cup die Pole sichern, um damit einen riesigen Grundstein für einen späteren Klassensieg zu legen. Das Ferrari-Ergebnis aus der Qualifikation konnte sich durchaus kurios lesen lassen, wenn der besagte Kessel Ferrari, ein AF Corse Ferrari aus dem Silver Cup und der Emil Frey Ferrari aus dem Gold Cup alle deutlich vor den beiden Pro Autos von AF Corse lagen – zunächst! Eine zunächst gestrichene Rundenzeit von Alessio Rovera wurde anschließend reinstalliert, womit er sich hinter Luca Engstler und vor Patric Niederhauser auf der dritten Position qualifiziert hat. Marschalls Runde wurde derweil nach einem Track Limit Vergehen gestrichen.
Rennen 1
Ausgerechnet der nach vorne gesetzte Alessio Rovera wurde in der engen Haarnadel, womöglich an der langsamsten Stelle im GTWC-Kalender von Jim Pla im CSA McLaren umgedreht, wofür der McLaren-Pilot mit einer Durchfahrtsstrafe ebenfalls aus der Entscheidung fiel. Luca Engstler führte das Feld vor Patric Niederhauser, Pla und Luca Stolz an, bevor es nach einer Kollision zwischen dem HRT Mustang von Romain Andriolo, dem Attempto Audi von Ezequiel Perez Companc und dem Barwell Lamborghini kam, bei der sich der Mustang-Pilot enorm verschätzte. Das Auto konnte auch am Sonntag nicht mehr starten, womit das Feld nach dem Verlust der Corvette Mannschaft nun um zwei Marken ärmer wurde.
Auf den Spitzenpositionen gab es bis zum erstmals zweigeteilten Stoppfenster keine nennenswerten
Vorkommnisse. Für die Pro- und Gold-Besatzungen waren die Stopps in den ersten fünf, für Silver und Bronze in den zweiten fünf Minuten vorgesehen, womit strategisch wenig Varianz in den Stopprhythmen vorhanden war. Der Rutronik Porsche von Sven Müller konnte direkt in der Box durch eine kürzere Standzeit vor Jordan Pepper in Führung gehen. Unmittelbar nach dem Stopp hatte man aber ein ähnliches Gefühl wie bei den 24 Stunden von Spa zwischen den beiden Teams – nach dem Motto „den kann er nicht lange hinter sich halten.“
Rundenlang lieferten sich die beiden ein tolles Duell, was ebenfalls an das große 24 Stunden Rennen Ende Juni erinnerte. Müller fuhr meist weitere Linien, während Pepper im Lamborghini mit besserem Topspeed
und engeren Linien immer wieder zum Überholen ansetzte. Der Rest mit Kelvin van der Linde im WRT BMW, Maro Engel im Winward sowie Maxime Martin im Boutsen VDS Mercedes sahen gegen die beiden keine Chance.
Daran änderte auch die zweite Rennneutralisation nichts, als der CSA McLaren von Isaac Tutumlu Lopez wie schon in Misano für eine Full Course Yellow sorgte, dieses Mal jedoch deutlich länger nach einem Einschlag als Ergebnis einer Kollision mit Darren Leung. Jener Pilot, der am Feuerunfall mit Georgi Donchew beteiligt war. Der Spanier brach sich bei dem Crash zwei Rippen, da der vergleichsweise leichte Einschlag mit einem flachen Winkel in eine Betonwand ging.
Nach dem Restart wurde das Rennen zugunsten Jordan Pepper entschieden, nachdem Sven Müller einen Fehler in der sogenannten Imola-Passage
unterlief. Demnach wurde Grasser Racing der siebte verschiedene Sieger im siebten Sprintrennen – neuer Rekord für die Rennserie. Die restlichen Klassen wurden dieses Mal alle recht deutlich entschieden. Der Gold- und Silver Cup wurde für den Garage59 McLaren auf dem sechsten Gesamtrang für Fleming/Prette, bzw. Pauwels/Day im Comtoyou Aston auf einem überraschend starken siebten Platz entschieden. Im Bronze Cup ging der Sieg an den Lionspeed Porsche mit Buus/Mardini.
Die letzten Runden lag der Fokus auf dem Feuerwerk, wo man gefühlt alles abgefeuert hat, was noch aus Spa übrig geblieben ist ;). Selten wurde so ein Flair bei einem Sprintrennen entfacht. Da haben manche Langstreckenveranstaltungen weniger Brimborium. Eine bessere Kulisse für das letzte Nachtrennen der Saison hätte man nicht haben können.
Sonntag
Nach einem späten Zieleinlauf ging es nach umso früher am Sonntag weiter. Die Qualifikation dauerte dieses Mal nach einer roten Flagge durch einen Abflug des AF Corse Ferrari mit Jeff Machiels aus dem Silver Cup etwas länger als üblich. Wie schon in Misano wurde dieses Mal die Reihenfolge der Klassen umgedreht, womit der Pro- und Gold Cup die schnelleren Bedingungen im zweiten Teil bekommen, was noch mehr für eine Exklusivität der besten Besatzungen in den vorderen Reihen sprach. Zum dritten Mal binnen weniger Wochen konnte sich Marvin Kirchhöfer die Pole im McLaren sichern. Eine ähnliche Serie kannte man in den letzten Jahren allenfalls von Maro Engel in den verschiedenen Serien. Dahinter landete der Samstagsieger Jordan Pepper vor den drei Ferrari von Vermeulen, Leclerc und Abril.
Rennen 2
Der Gewinner des Starts wurde Kelvin van der Linde, der an den beiden AF Corse Ferraris vorbeiging und sich hinter Kirchhöfer, Pepper und Vermeulen für einen erneut sehr ruhigen ersten Stint einreihte. Provisorisch war er auf der dritten Position, da Vermeulen eine fünf Sekunden Strafe beim ersten Stopp absitzen musste, da er in der Startrunde die Nürburgring-Schikane abkürzte. Einen noch „verrückteren“ Start hatte der Niederländer Mex Jansen im Paradine Competition BMW, der mit neun Platzgewinnen in der Startrunde die Führung im Silver Cup übernahm. Derweil war sein Teamkollege Darren Leung mal wieder in eine Kollision mit anschließendem Reifenschaden beteiligt. Auch wenn es für Kollisionen immer zwei braucht – drei Zwischenfälle, davon zwei mit beträchtlichen Schäden in drei Rennen sind einfach zu viel!
Dieses Mal wurde das Stoppfenster auf je 7,5 Minuten für beide Klassen ausgedehnt, was die Stopps von der 22,5. Minute bis zur 37,5. Minute erstrecken lies – immer mal was Neues! Die Top drei mit Kirchhöfer, Pepper und Van der Linde kamen bereits in der ersten möglichen Runde rein, die dahinter liegenden Sven Müller und Maro Engel eine Runde später. Das verkorkste Wochenende für die Ferrari ging weiter, nachdem Chris Lulham und Thomas Neubauer nach ihren Stopps kollidierten. Der Emil Frey Ferrari fiel mit einem Reifenschaden weit zurück, während Neubauer eine zehnsekündige Strafe nach dem Rennen bekam.
Es entstand in der Folge ein ähnlich hartes Duell wie am Samstag, erneut mit Grasser in der Verfolgerposition. Dieses Mal waren es nicht Müller und Pepper, sondern Goethe und Engstler, die um den
Sieg kämpften, ebenfalls mit Respektabstand zum restlichen Feld. Einmal wurde Goethe grenzwertig in der Nürburgring-Passage in die Auslaufzone geschickt, ansonsten blieb das Duell bis zum Schluss ohne große Aufreger.
Wieder wurde das Rennen kurz vor Schluss für einige Minuten mit einer Full-Course-Yellow neutralisiert – und wieder war es ein CSA McLaren, dieses Mal die #111 mit einem Abflug, nachdem die #112 wegen der Verletzung von Tutumlu Lopez nicht starten konnte. Goethe machte jedoch nicht den gleichen Fehler wie Sven Müller tags zuvor und fuhr den Sieg nach Hause. Damit ist Garage59 der erste Doppelsieger in der aktuellen Saison. Der WRT BMW fuhr auch heute mit Van der Linde/Weerts einen geradezu unauffälligen dritten Platz vorm AF Corse Ferrari mit Rovera/Abril und Rutronik Porsche nach Hause.
Während der Gold Cup nach dem Reifenschaden von Emil Frey Racing klar an den Sainteloc Audi von Evrard/Magnus ging, war es im Silver- und Bronze Cup weitaus enger. Kobe Pauwels im Comtoyou Aston Martin musste sich einige Runden gegen Aurelien Panis verteidigen, um den nächsten Klassensieg einzufahren – auch dieses Mal mit einem Top10-Platz. Das Pro-Duo von Walkenhorst hat man damit klar im Griff. Im Bronze Cup konnte Marvin Dienst bei seinem GTWC-Comeback den Sieg für Winward Racing vorm starkfahrenden Duo des Kessel Ferrari ins Ziel bringen.
In der Meisterschaft ist nun ein Vierkampf vor dem Finale in Valencia entstanden. WRT mit Weerts/Van der Linde führt dank einer konstanten Saison mit 72 Punkten vor Goethe/Kirchhöfer mit 70,5 Punkten. Auch für
Müller/Niederhauser und den Verlierern des Wochenendes in Magny-Cours, Auer/Engel ist noch alles drin.
Die GT World Challenge macht Ende August mit dem vorletzten Endurance Rennen weiter, bevor am 20./21. September das Sprint Finale in Valencia folgt.
Bildquelle: gt-world-challenge-europe.com (https://www.gt-world-challenge-europe.com/gallery_meeting?filter_season_id=25&filter_meeting_id=236)
