Die inoffizielle GT3-Europameisterschaft hat am Sonntag ein zum Teil sehr denkwürdiges Rennen über drei Stunden gezeigt. Neben oft unnötigen Zwischenfällen hat ein Hersteller das Wochenende weitgehend bestimmt, ohne das Maximum herausgeholt zu haben.
Qualifying
Nach einem sehr überzeugenden Samstag, in denen die Mercedes das Freie Training sowie das Pre-Qualifying dominierten, gingen sie vorerst ohne BOP-Änderungen als klare Favoriten in den Sonntag, an dem das morgendliche Qualifying wie üblich in drei Segmente unterteilt war, von denen die Mittelwerte der Bestzeiten die Startposition ergaben. Nachdem die Qualifikation ohne rote Flaggen über die Bühne ging, konnten wenig überraschend die Pro-Besatzungen im Mercedes von Getspeed (Schiller/Gounon/Stolz) und Winward Racing (Engel/Auer/Cairoli) die erste Reihe übernehmen. Dahinter platzierten sich die Lamborghini von Grasser und VSR sowie in der dritten Reihe die beiden McLaren von Garage59, die an ihre starken Leistungen aus Le Castellet anknüpfen konnten.
Für das anschließende Rennen waren hochsommerliche Bedingungen erwartet, was für die neuen Pirelli-Slicks eine Bewährungsprobe darstellen sollte. Nach der Qualifikation bekamen u.a. die Mercedes zehn Kilo, die McLaren fünf Kilo Zusatzgewicht, während BMW fünf Kilo ausladen durfte und die Ferrari eine Begünstigung beim Ladedruck bekamen.
Rennen (Stunde 1)
59 Autos gingen ins Rennen, was in Monza wie erwartet einiges an Chaos in der ersten Schikane erwarten ließ. Maximilian Götz im Boutsen VDS und Kobe Pauwels im Comtoyou Aston Martin flogen in der Curva Grande ab, was nach diversen Berührungen und Abkürzungen anderer Teilnehmer zur ersten Safety-Car-Phase nach dem Start führte. Direkt begannen die taktischen Spielchen, bei denen sich manche ein Vorbild an WRT vom 2024er Rennen nahmen, die damals mit sieben Stopps gewannen. Wegen des Benzinverbrauchs wurde eine Stintlänge von 52 Minuten vorgegeben, bzw. von 57 Minuten, mit einer SC-Phase in den betreffenden Stints. Damit war klar, dass nicht wie üblich zwei, sondern mindestens drei Stopps für die dreistündige Distanz nötig sein würden, was zu mehr Varianz in den Taktiken führte.
Nach dem Restart führte Jules Gounon im Getspeed Mercedes das Feld vor Mirko Bortolotti im Grasser Lamborghini, Maro Engel im Winward Mercedes sowie Dean Macdonald im besten McLaren und Franck Perera im VSR Lamborghini. Alle genannten Top-Autos zogen ihren ersten Stopp vor, da es kurze Zeit später zur zweiten Neutralisation kam. Sven Müller drehte nach schwachem Qualifying in seinem Rutronik Porsche den Nordique Mercedes von Tim Sandler in der ersten Lesmo um, woraufhin sich der AMG in den Kies eingrub. Die etwa fünfminütige Full-Course-Yellow nutzten zunächst alle für ihren ersten Stopp, außer der Sainteloc Audi von Ivan Klymenko, der in Zandvoort so stark aufgefallen ist. Dieser ging erst in der anschließend umgewandelten SC-Phase rein. Damit war das Bild wieder bereinigt, nachdem die ursprüngliche Startaufstellung wiederhergestellt war, indem Engel in der Stoppphase an Bortolotti vorbeiging. Dieser verlor nach dem Restart einen weiteren Platz an Macdonald im McLaren.
Kurze Zeit später kam es zur dritten Neutralisation dieses ersten turbulenten Stints, nachdem Rolf Ineichen im Gold-Fahrzeug von Herberth Motorsport Ende Start/Ziel torpediert wurde. Leider ein typisches Bild in diesem Rennen. Immer wieder kam es zu mitunter billigend in Kauf genommenen Berührungen in den Anbremszonen. Man kann nur hoffen, dass die Rennleitung den Piloten vor den 24 Stunden von Spa nochmals intensiv ins Gewissen redet, um das größte Rennen des Jahres mit über 70 Teilnehmern nicht zu einem zerfahrenen Schlachtfest werden zu lassen. Diese Situation wurde mit einer recht kurzen Neutralisation belassen, weshalb nach der FCY- keine SC-Phase folgte. In den letzten Jahren wurde dieses Verfahren nur sehr selten angewandt. Der neue Rennleiter Nils Wittich hat bereits in Le Castellet zwei Mal einen Zwischenfall mit einer FCY-Phase gelöst, was sich auf den Rennverlauf positiv auswirkt. Der Rest des Stints lief deutlich ruhiger ab und an der Gesamtspitze blieb alles beim Alten. Nachdem die Stopps bekanntlich vorgezogen wurden, gab es um die Stundenmarke nicht das sonst typische Boxenstoppfenster.
Rennen (Stunde 2)
Kurz nach der Stundenmarke wurde der Lionspeed Porsche mit u.a. Ricardo Feller vom Kessel Ferrari umgedreht. Nachdem dieser im Kies der Variante Rettifilo stand, wurde erneut eine kurze Neutralisation ausgerufen, bei der dieses Mal die Box geschlossen wurde. Da die Stintzeit von 52 auf 57 Minuten verlängert wurde, konnten ab diesem Zeitpunkt alle mit zwei weiteren Stopps rechnen. Nachdem kurze Zeit später der Mustang mit u.a. Jann Mardenborough Ausgangs der Variante de la Roggia stand und sich mit einem Reifenschaden nicht zurück an die Box schleppte, war der Reigen der regulären Stopps bereits in vollem Gange. Maro Engel im Winward Mercedes und Nicki Thiim waren die Profiteure davon, dass der Rennleitung die langsame Fahrt und die verlorenen Teile des Mustangs zu gefährlich war und eine Full-Course-Yellow ausrief. Just in den Moment, als der bis dahin führende Getspeed Mercedes drin war, wurde die Neutralisation ausgerufen. Zeitgleich stand noch an anderer Stelle der McLaren von CSA Racing. Damit führte Winward nun vor Comtoyou Racing, was einen immensen Einfluss auf das restliche Rennen haben sollte. Der VSR Lamborghini mit u.a. Ex-DTM-Fahrer Alessio Deledda aus dem Silver Cup ging offensiv auf Track Position und war plötzlich auf der dritten Position zu finden.
Die Runden nach dem Restart führten zu immensen Unterschieden innerhalb der Top-Gruppe, da es bei Rennen außerhalb der 24 Stunden von Spa keinen Pass-Around oder ähnliches gibt. Die Fahrzeuge blieben hinter dem führenden Winward Mercedes in der Position, die sie vor der Neutralisation hatten, was einen riesigen Vorteil für Matteo Cairoli in der „Mamba“ brachte. Er konnte seinen Vorsprung weit ausbauen, da Marco Sörensen im Aston Martin nur schlecht durch den Verkehr kam, weil der Aston Martin aufgrund der BOP unter einem Topspeed-Nachteil litt. Wenige Runden nach dem Restart ging Schiller im Getspeed Mercedes an ihm vorbei, um die Mercedes-Doppelführung wiederherzustellen. Die letzte Rennstunde wurde mit einer kurzen Full-Course-Yellow eingeläutet, nachdem der Rowe BMW Teile verlor und das Rennen beenden musste. Zu diesem Zeitpunkt lagen an verschiedenen Stellen kleine Trümmer, ein Gedenk der mitunter rüden Fahrweisen. Möglicherweise erklärte das einige Zwischenfälle in der Schlussphase des Rennens.
Rennen (Stunde 3)
Kurz nach der kurzen Phase mit 80 Km/h verlor Sörensen den nächsten Platz an Marvin Kirchhöfer, der sich auf den Weg machte, eines der seltenen Gesamtpodien für McLaren im GT3-Sport einzufahren. Die letzten Stopps, die um 50 Minuten Restzeit erfolgten, brachten nochmal ordentlich Drama. Luca Stolz musste auf dem zweiten Rang liegend das Rennen beenden, nachdem das vordere linke Rad nicht festgezogen war und sich aus dem Radhaus löste. Mit letzter Mühe konnte er das Auto nach den Lesmos vor einer Leitplankentasche abstellen, womit sein Markenkollege an der Spitze seine souveräne Führung halten konnte. Den letzten Stint absolvierten nun Lucas Auer (Winward), Joseph Loake (Garage 59), Mattia Drudi (Comtoyou) und Jens Klingmann (WRT-Goldcup) in der Spitzengruppe.
Danach traten zwei unabhängige Reifenschäden beim Getspeed Mercedes aus dem Silver Cup und beim RJN McLaren auf. Beide schleppten sich nicht ungefährlich an die Box zurück. Kurze Zeit später kam es zur gefährlichsten Situation, als Ivan Ekelchik im Grasser Lamborghini einen Reifenplatzer auf Start/Ziel hatte, während Kelvin van der Linde im WRT BMW direkt in dessen Windschatten war. Nur durch eine gekonnte Reaktion konnte er einen weitaus schlimmeren Unfall verhindern. Drei Reifenschäden in kurzer Zeit lassen mehrere Gedankenspiele zu: Waren es einfach zu viele Trümmerteile? Vielleicht waren die empfohlenen Reifendrücke in Bezug auf die hohen Asphalttemperaturen von über 50 Grad nicht geeignet? Die neuen Pirelli-Slicks hatten zumindest in Europa diese Temperaturen dieses Jahr noch nicht gehabt.
In der Schlussphase gab es noch einen interessanten Kampf um den sechsten Platz zu beobachten, indem sich der Walkenhorst Aston Martin von Henrique Chaves versuchte, gegen Ayhancan Güven und Thomas Preining zu verteidigen. Dabei kamen sich ausgerechnet Güven und Preining in die Quere, die in den nächsten Wochen viel gemeinsam vorhaben mit der DTM in Zandvoort und als Manthey-Paarung beim 24 Stunden Rennen am Nürburgring. Am Ende konnte sich Güven im Schumacher CLRT Porsche durchsetzen.
Auch eine „Mini-FCY“ durch einen im Kies stehenden VSR Lamborghini brachte vorne keine Veränderungen mehr. Winward gewann am Ende mit 16 Sekunden Vorsprung, was mehr als nur ein Statement für das kommende 24 Stunden Rennen in Spa gewesen ist. Ähnlich souverän fuhr Kirchhöfer den zweiten Platz für
Garage59 nach Hause. Comtoyou Racing rettete noch den dritten Rang vor dem bestplatzierten Gold-Fahrzeug, trotz einer zeitweise etwas dünnen Pace, wohl aufgrund von fehlendem Topspeed.
Fazit
Jens Klingmann war nach dem Sieg im letzten Jahr erneut einer der Hauptprotagonisten von BMW und gewann mit dem vierten Gesamtrang klar den Gold-Cup. Am Ende waren es vier BMW unter den besten acht in der Gesamtwertung. Im Silver Cup gewann Century Motorsport knapp vor WRT, während der Bronze Cup an den Rutronik Porsche ging, in dem Loek Hartog und Antares Au zu zweit fuhren, da Morris Schuring
ersatzweise zu Schumacher CLRT berufen wurde. Laurin Heinrich war mit der IMSA in Detroit bei einem nicht minder zerfahrenen Rennen beschäftigt. Alle Klassensieger waren damit in den Top10, was durchaus eine Besonderheit darstellt.
Eine weitere Besonderheit: Über die Ferrari lässt sich nach einem höchst unauffälligen Wochenende nichts schreiben, außer, dass der beste 296 auf dem 20. Gesamtrang landete. Auf dem dort platzierten AF Corse fuhr Andrea Bertolini mit 51 Jahren sein letztes Rennen. Bertolini ist aus der GT-Szene rund um Ferrari nicht mehr wegzudenken und hatte seine größten Erfolge in der designierten Vorgängerserie der World Challenge, in der FIA GT Weltmeisterschaft gehabt, in der er mit Michael Bartels drei Mal Weltmeister für Vitaphone Racing im berühmten Maserati MC12 wurde.
Weiter geht es in vier Wochen mit dem Saisonhighlight im weltweiten GT3-Sport, den 24 Stunden von Spa. Mit über 70 Fahrzeugen ist mal wieder ein neues Rekordstarterfeld angekündigt, was alle 90 Meter ein Auto auf dem sieben Kilometer langen Kurs bedeuten wird. Ob wir dort hochklassigen GT-Sport sehen werden oder ein zerfahrenes Schlachtfeld mit Motorsport-Unterbrechung, warten wir mal ab.
Bildquelle: gt-world-challenge-europe.com (https://www.gt-world-challenge-europe.com/gallery_meeting?filter_season_id=25&filter_meeting_id=233)
