Der Saisonauftakt bot am Samstagabend über die sechsstündige Distanz echtes Langstreckenfeeling. Trotz eines teilweise etwas zähen Verlaufs machte das Rennen Lust auf die weitere Saison und zeigte, dass sechs bis sieben Hersteller um Gesamtsiege fahren können.
Erstmals wurde der neue Pirelli-Slick gefahren, der ein breiteres Arbeitsfenster und eine kürzere Aufwärmzeit verspricht, was einen anderen Qualifikationscharakter erwarten lässt. Final wird man erst nach den ersten Qualifyings im Sprint Cups beurteilen können, wie sich die neuen Pneus auf die Abläufe auswirken. Bei recht kühlen 13 Grad am Samstagmittag konnten die beiden Mercedes von Winward mit Auer/Cairoli/Engel und Getspeed mit Stolz/Gounon/Schiller die erste Reihe stellen. Für Maro Engel war es die erste Endurance-Pole seit 2019, die vor allem durch jeweils dominante Segmente seiner beiden Teamkollegen Lucas Auer und Matteo Cairoli zustande kam. Dazu fanden sich die beiden Lamborghinis von Grasser und VSR sowie zwei Porsche von Rutronik und Schumacher CLRT in den ersten vier Startreihen. Eine besondere Geschichte im Rennen sollten vor allem die McLaren aus dem Gold-Cup spielen.
Wie üblich gab es BOP-Anpassungen nach der Qualifikation. Während Lamborghini und Audi zehn Kilo, bzw. Aston Martin 15 Kilo ausladen durften, mussten Ferrari und Mercedes zehn Kilo zuladen.
Rennen (Stunde 1 bis 2)
Der Start fand unter bewölktem Himmel statt und eine Regenwahrscheinlichkeit war für das Rennen nie ausgeschlossen, was man jedoch erst ganz am Ende, bzw. nach dem Rennen bemerken sollte. Maro Engel zog nach den ersten Ecken einige Wagenlängen vom 59 Auto starken Feld weg und bestimmte die Startminuten. Der Gewinner des Starts wurde Dean Macdonald im Garage59 McLaren aus dem Gold Cup, der den vierten Rang vor diversen Pro-Autos übernahm. Hinter Engel waren Jules Gounon im Getspeed Mercedes und Mirko Bortolotti im Grasser Lamborghini.
Kurz nach dem Start gab es auch die erste Schrecksekunde für die McLarens, als Marvin Kirchhöfer im Pro-Auto mit Kupplungsschaden in der vierten Rennrunde ausrollte. Es sollte nicht der erste Zwischenfall der Marke bleiben. Auch zwei Aston Martin hatten in den Startminuten Probleme: Nicolas Baert musste im Comtoyou Vantage zu einem Notstopp, da die Motorhaube hochgeklappt war. Dazu war einer der Walkenhorst Aston Martin in langsamer Fahrt.
In der Mitte des ersten Stints konnte Macdonald an Mirko Bortolotti für den dritten Rang vorbeigehen, bevor es zur ersten Full-Course-Yellow kam, da der weitwunde McLaren von Marvin Kirchhöfer im Streckenrand stand. Direkt konnte man ein neues Verfahren des neuen Rennleiters Nils Wittich feststellen. In den letzten Jahren waren kurze FCY-Phasen in der GTWC höchst selten. Fast immer wurde nach einer Neutralisation ein Safety-Car, teilweise nur für eine Runde auf die Strecke geschickt. Teilweise war dieses Verfahren sehr müheselig und entbehrte oft jeglichem gesunden Menschenverstand, vor allem dann, wenn kein nennenswerter Unfall passierte. Vor allem bei den 24 Stunden von Spa führte dies zu elendig langen SC-Prozeduren. Da es im sechsstündigen Rennen zu keinen nennenswerten Unfällen kam und allenfalls Autos vom Streckenrand gebracht werden mussten, kam es nur zu FCY-Phasen, ohne die herausgefahrenen Abstände zu neutralisieren. Somit erlebten wir nicht das spannendste Rennen, aber ein sportlich sehr würdiges ohne künstliche Spannungselemente.
Kurz vor der Stundenmarke gab es die zweite FCY-Phase, die u.a. die beiden Porsche von Schumacher CLRT mit Ayhancan Güven und Sven Müller im Rutronik für die ersten Stopps nutzten. Der Großteil entschied sich für reguläre Stopps um die festgelegten 61 Minuten Stintlänge, wodurch Güven und Müller nun bereinigt in Führung gingen. Vor dem Stoppfenster konnte Dean Macdonald an Maro Engel vorbeigehen und ging auf die dritte Position, wohlgemerkt als Gold-Fahrzeug. Dieser konnte im Verlauf des zweiten Stints sogar die Gesamtführung übernehmen. Der Getspeed Mercedes #17 mit u.a. Jules Gounon fiel im Rennverlauf aus der Entscheidung raus, da er die vorgeschriebene Stint-Zeit überschritt. Möglicherweise ging das Team davon aus, dass auch bei einer kurzen FCY die Stintzeit verlängert wird, was sich jedoch nur bei einem Safety-Car auf 66 Minuten verlängert hätte. Es folgte eine Durchfahrtsstrafe.
Im weiteren Verlauf dominierte Macdonald sogar das Rennen, wie man es von einem Gold-Piloten bislang selten, bis gar nicht gesehen hat. Zu diesem Zeitpunkt war nur die Frage, wie gut seine Silber-Kollegen in Form von Adam Smalley und Louis Prette performen sollten. Im Verlauf des zweiten Stints lies Maro Engel im
Winward etwas nach und bekam Druck von Ugo de Wilde im WRT BMW, was die „Mamba“ als Short-Run-Auto vermuten ließ. Nach knapp zwei Stunden Rennlänge kam erstmals Endurance-Feeling auf. Nach den zweiten Stopps lag der Rutronik Porsche mit Alessio Picariello vor dem McLaren von Louis Prette und dem Schumacher CLRT Porsche von Klaus Bachler in Führung.
Rennen (Stunde 3 bis 4)
Ab Einbruch der Dunkelheit wurde das Rennen zunehmend trister, allerdings immer noch mit sehr engen Abständen. Der McLaren war so gut, dass selbst Prette als Silberpilot den Garage 59 Boliden auf dem dritten Rang halten konnte und vor seinem Stopp nur den zweiten Platz an Charles Weerts verlor. Wie so oft konnte der BMW ab den kühleren Luft- und Asphalttemperauren richtig auftrumpfen. Der McLaren verlor weitere Positionen nach einem sehr zögerlichen Losfahren nach seinem Stopp.
Zur Rennhalbzeit waren sechs Marken unter den ersten Sieben. Nur Lamborghini, Ford, Corvette und Audi waren auf den ersten Gesamtplätzen nicht vertreten. Hinter den Erstplatzierten Alessio Picariello und Ugo de Wilde konnte Matteo Cairoli an Klaus Bachler vorbeigehen. Diese vier Autos sollten die zweite Rennhälfte an der Gesamtspitze bestimmen. Kurz nach Rennhalbzeit sollte der nächste McLaren #188 in technische Probleme kommen, was nur der Vorbote für einen Tag war, an dem Garage59 viel mehr hätte erreichen können. Nach dem vierten Stopp um die Vier-Stunden-Marke rollte der überraschend stark fahrende McLaren #58 am Ende der Boxenausfahrt aus. Möglicherweise kündigte sich das Problem schon eine Stunde vorher an. Damit waren zwei der drei Garage59 raus. Lediglich die #188 aus dem Bronze Cup rettete sich mit viel Rückstand in die Wertung. Die alten Zuverlässigkeitsprobleme des McLaren GT3 wurden damit wieder sichtbar.
Für die letzten zwei Schlussstunden änderte sich an der vorderen Reihenfolge recht wenig. Der Rutronik Porsche blieb vorne und wurde für die letzten beiden Stunden von Patric Niederhauser gefahren. Dahinter fuhr Kelvin van der Linde seinen ersten Doppelstint für BMW in der GTWC – und hatte gleich die Chance auf seinen dritten Endurance-Sieg der Karriere. Dahinter waren Lucas Auer im Winward Mercedes und Laurin Heinrich im Schumacher CLRT Porsche mit gehörigen Respektabständen in Form von über 20, bzw. 30 Sekunden.
Rennen (Stunde 5 bis 6)
Nun kam es um den Sieg zum Duell der beiden ehemaligen GT Masters Champions von 2019. Mit Rutronik war ausgerechnet jenes Team vorne, für das die Beiden den Titel mit einem Audi R8 einfahren konnten. Van der Linde machte jedoch kurzen Prozess und konnte schnell am Schweizer vorbeiziehen. Es zeigte, dass der M4 Evo seine alte Klasse unter kühleren Bedingungen nochmal verstärken konnte. Auch er hatte nach dem Markenumstieg keine Anpassungsprobleme, ähnlich wie Cairoli im Mercedes.
Machen wir es kurz und schmerzlos: Dem WRT M4 war der Sieg daraufhin nicht mehr zu nehmen und Kelvin Van der Linde konnte souverän seinen ersten BMW-Sieg einfahren.
Daran konnte auch eine späte FCY-Phase nichts ändern, die durch einen Defekt des Dinamic Porsche notwendig wurde. Die Phase kam mit 70 Minuten vor Ende etwas zu früh, als dass sie einen technischen Gamble ermöglicht hätte. Nur Joel Sturm im Herberth Porsche #92 zog seinen letzten Stopp vor, der allerdings im Gold Cup nichts mehr zu verlieren hatte. Da es keine SC-Phase mehr gab, wurde der Poker im Keim erstickt. Auch Rowe Racing spekulierte mit Rafaelle Marciello darauf, der jedoch nicht über den siebten Gesamtplatz hinwegkam. Den siebten Platz konnten sie schlussendlich retten, da es kurz vor Schluss aufgrund eines Defekts des Paul Lamborghinis zur letzten Neutralisation kam, die Rowe zum notwendigen Splash/Dash nutzen konnte.
Spannend waren vor allem manche Positionskämpfe im hochklassigen Gold- und stark besetzten Silver-Cup. CSA-Racing zeigte der erfahrenen Garage59 Truppe in ihrem ersten McLaren-
Rennen, wie Zuverlässigkeit funktioniert und konnte den sechsten Gesamtrang mit Arthur Rougier, James Kell und Simon Gachet einfahren, vor etlichen Pro-Besatzungen! Das starke Rennen im Gold-Cup wurde auch von 2Seas Motorsport mit Verstappen.com Racing komplettiert, die in der Schlussphase mit Harry King an Jens Klingmann im AlManar WRT BMW vorbeigingen. Wenigstens für Max Verstappen ein Highlight an diesem Wochenende!
Ein weiteres erfolgreiches Debüt wurde im Silver-Cup durch Steller Motorsport eingefahren, die sensationell Zweite im Cup hinter dem BMW von Paradine Competition wurden. Ein 19. Gesamtrang ist hier wirklich als Riesenüberraschung zu bezeichnen. Die Spitzenautos waren im Silver-Cup permanent im Pulk um den 20. Gesamtrang zusammen und zeigten tollen GT-Sport.
Paradine Competition war auch im Bronze-Cup auf dem Podium. Dieser Cup fällt bezüglich der medialen Aufmerksamkeit aufgrund des aufgewerteten Silver-Cups etwas ab. Vor und
hinter dem BMW konnte Kessel Racing beide Ferrari auf das Klassenpodest stellen. Bemerkenswert, dass Dustin Blattner und Dennis Marschall bei ihrem Ferrari-Debüt sofort die Klasse gewannen.
Ausgerechnet in der letzten Rennrunde setzte an einigen Stellen Platzregen ein. Gar nicht auszudenken, wenn das früher passiert wäre. So haben wir ein sportlich sauberes Ergebnis und können einige Eindrücke für den weiteren Saisonverlauf mitnehmen. Zusammengefasst haben mehrere Fahrer ein starkes Debüt für ihre neuen Hersteller gezeigt. Insbesondere BMW hat deutlich gemacht, dass sie die diversen Neuzusammenstellungen gut verkraften konnten. Was man von dem Rennen für den weiteren Saisonverlauf auch mitnehmen sollte: Jede Klasse bietet intensivste Competition, auch der Gold- und Silver-Cup, die in den letzten Jahren oft etwas dünn besetzt waren! Damit hat die SRO ihr Ziel der Klassenstrukturen absolut erreicht.
Weiter geht es Anfang Mai mit dem Auftakt des Sprint Cups in Brands Hatch, bevor Anfang Juni in Monza der Endurance Cup das erste Rennen über drei Stunden austrägt.
Bildquelle: gt-world-chellenge-europe.com (https://www.gt-world-challenge-europe.com/gallery_meeting?filter_season_id=25&filter_meeting_id=230)
