Am vergangenen Wochenende ging das ADAC GT Masters in seine sechste und damit bereits vorletzte Saisonstation. Wie üblich gibt es am Sachsenring jährlich sehr wenige Veranstaltungstage. Das ADAC GT Masters hat hier schon immer einen Fixpunkt im Kalender gebildet – so auch in diesem Jahr.
In der Pause nach dem Event am Lausitzring gab es auf Seiten der Teams erneut Veränderungen. Wie im letzten Artikel hinzugefügt, hat die Madpanda Racing Mannschaft rund um Ezequiel Perez Companc sich dazu entschieden, die Saison im GT Masters zu beenden und sich der GT World Challenge zu widmen. Auch die Schubert Mannschaft war aufgrund der
Überschneidung mit dem DTM-Event in Spielberg mit nur einem M4 am Start. Weil auch keine Gaststarter dabei waren, schrumpfte somit das Feld auf 19 Fahrzeuge, so wenige wie lange nicht mehr in der Serie. Ein Trend, der die Serienverantwortlichen nachdenklich machen sollte. Ohne Frage ist das Feld qualitativ immer noch sehr stark, aber 19 Wagen sind angesichts des weiterhin boomenden GT3 Sports schon etwas schwach und sollten für das kommende Jahr zu denken geben. Ohne hier einer ausführlichen Saisonanalyse vorweggreifen zu wollen, muss man sich spätestens jetzt Gedanken über die weiteren Aussichten der Rennserie machen, denn: Es dürfte angesichts der wirtschaftlich komplizierten Lage eher schwierig werden, auf lange Sicht ein volles Starterfeld mit fast durchweg reinen Profibesatzungen zu bekommen, wie es in den letzten Jahren zweifelsohne der Fall war. Zu den Entwicklungen der Rennserie und möglichen Neueinsteigern wird es in der Nachbetrachtung des Saisonfinals etwas mehr geben. Nun aber zunächst zum sportlichen Geschehen am letzten Wochenende:
Samstag:
In der Qualifikation ging es nach längerer Zeit aufgrund der kühlen Morgentemperaturen erstmal darum, die Reifen über mehrere Warm Up Runden auf Betriebstemperatur zu bringen. Insgesamt wurde es eine sehr komplizierte Qualifikation für alle Beteiligten, da die ersten wirklich schnellen Runden erst in der zweiten Hälfte der Session begannen und es aufgrund
von Abflügen von Elias Sepännen und Joel Sturm zwei Rotphasen gab. Die Session endete in der Pole des Tabellenführers Raffaele Marciello vor seinem Markenkollegen Fabian Schiller. Dahinter waren im besten Rutronik Audi Kim-Luis Schramm, der ein sehr starkes Wochenende zeigen sollte und auf Platz vier der bis dahin größte Konkurrent um die Meisterschaft für Marciello in Form des Joos Porsche mit Christian Engelhart. Die Joos Mannschaft übertraf die eigenen Erwartungen, da man im zweiten freien Training einen kleinen Brand hatte, der gerade noch rechtzeitig gelöscht werden konnte.
Rennen 1:
Damit ging es mit dem Vorzeichen ins erste Rennen des Wochenendes hinein, dass Marciello eine Vorentscheidung im Titelkampf schaffen könnte. Auch dieses Mal war er mit seinem vierten unterschiedlichen Teamkollegen in dieser Saison mit Daniel Juncadella am Start, was sich auch in Hockenheim beim Finale nicht ändern soll.
Am Start passierte dem Italiener jedoch ein seltener Fehler. In der engen Rechtskurve nach dem Start ging er etwas weit und Fabian Schiller konnte innen vorbeigehen. Hinten im Feld bildete sich eine Kettenreaktion, durch die Joel Sturm im Allied Porsche und Jusuf Owega im bis dahin letztplatzierten Land Audi kollidierten. Jedoch blieben die Runden danach ohne besondere Ereignisse und ein eher ereignisloses Rennen nahm seinen Lauf.
Die beiden Mercedes von ZVO und Landgraf konnten sich weit absetzen. Marciello konnte auf Schiller permanent Druck ausüben, ohne jedoch eine wirkliche Überholchance zu haben. Hinter den beiden fuhren Kim-Luis Schramm, der in der Startphase einige Quersteher hatte und Albert Costa-Balboa, der im Verlauf seines Stints die hinteren Piloten wie Christian Engelhart oder Marvin Dienst nur mit aller Macht hinter sich halten konnte und viel an Boden verlor. Offenbar hatte man bei Emil Frey Racing bezüglich Abstimmung aufs falsche Pferd gesetzt. Vorab gesagt: Hier hatte man sich aus dem möglichen Titelkampf nach dem starken Lausitzring-Wochenende nun verabschiedet.
Schnell sehnte man den Fahrerwechseln entgegen, um etwas Würze in das Rennen zu bekommen. Die beiden führenden Mercedes machten die Stopps eine Runde versetzt. Schiller übergab an Jules Gounon, der nach überstandener Wirbelverletzung wieder zurückkehrte und damit kein GT Masters Wochenende auslassen musste. Dieser konnte die Führung knapp vorm Spanier Juncadella behalten und zog daraufhin sogar weg. Man hatte in den beiden Tagen das Gefühl, dass Gounon stärker denn je zurückkam!
Die großen Verlierer des Stoppfensters waren ganz klar Costa Balboa/Aitken für Emil Frey Racing. Hier fiel man von P4 auf P8 zurück. Ein glückliches Händchen hatte man bei der Rutronik Mannschaft, wo Dennis Marschall von Schramm übernahm und auf P3 blieb und die Besatzung mit Luca Engstler und Patrick Niederhauser von P8 auf P6 vorkam. Die Mannschaft war am Samstag Audi-intern deutlich schneller als die Land Mannschaft, die jedoch bei der #1 mit 20 Kg. Erfolgsbalast unterwegs waren. Der Sachsenring ist nun mal für Zusatzgewicht die unangenehmste Strecke im Kalender.
Für die Joos Mannschaft sah es mit zwischenzeitlich P4 nach Schadensminimierung aus. Wirklich viel Unterhaltung sollte auch nach den Fahrerwechseln nicht aufkommen. Im Laufe des Rennens gab es die unterhaltsamsten Duelle eher ab P10 aufwärts zu begutachten mit Beteiligung der insgesamt 4 Lamborghinis im Feld und Mattia Drudi im Car Collection Audi. Auch der Schubert BMW mit Jesse Krohn musste sich hart gegen Leute wie Winkelhock oder Norbert Siedler verteidigen. Für einen Ausfall sorgte Marco Mapelli, der sich im Paul Lamorghini einen Reifenschaden holte und sich an die Box schleppen konnte. Vor allem die rechte Reifenseite ist am Sachsenring bekanntlich arg belastet, was am Sonntag einige zu spüren bekamen!
Vorne blieb alles beim Alten, jedoch nicht ohne ein erneutes Drama rund um die Joos Mannschaft in der letzten Runde. Bereits in Zandvoort verlor man mit einem Getriebeschaden wichtige Plätze auf den letzten Metern. Hier gab es einen Reifenschaden, was glücklicherweise nur einen Platz kostete und man auf P5 hinter dem zweiten ZVO Mercedes von Jan Marschalkowski landete. Laut Christian Engelhart hatte man großes Glück, da der Druckverlust schon Runden vorher registriert wurde.
Durch den dritten Saisonsieg für das Drago Racing Team ZVO rückten nach dem Rennen Schiller/Gounon auf P3 in der Tabelle vor. Erstaunliche Leistungen für ein neues Team, bei dem die Kontakte zum Hause Zakspeed sicherlich eine große Hilfe sein dürften. Marciello baute seinen Vorsprung auf über 20 Punkte auf den Joos Porsche aus. Immer noch ein knappes Ding, wie man bis zum Sonntag dachte. Doch es sollte anders kommen!
Sonntag:
Man staunte nicht schlecht, als Jules Gounon seiner starken Leistung vom Samstag in den Morgenstunden nochmal einen draufsetzte und mit 0,5 Sekunden Vorsprung die Konkurrenz in der Qualifikation deklassierte! Ein Abstand, wie er in einer starken GT3 Serie bei trockenen Bedingungen selten vorkommt. Jedoch kurz danach der große Schock: Wie aus der Formel 1 bekannt müssen nach der Qualifikation gewisse Restmengen Benzin im Tank sein, in diesem Fall zwei Liter. Da man diese unterschritten hatte, wurden die Zeiten gestrichen und man musste von ganz hinten ins Rennen gehen. Da auch Ayhancan Güven mit P14 die Qualifikation verpatzte, schien es nun ein Matchball für Marciello zu werden. Der sechste Platz von Daniel
Juncadella war zwar auch nicht das gelbe vom Ei, aber angesichts der Patzer der Anderen immer noch Goldwert. Die Pole holte nach einem desaströsen Sonntag für die gesamte Land-Mannschaft Christopher Mies, der aus einer bis dahin eher verkorksten Saison nun das Bestmöglichste rausgeholt hat. Neben ihm stand der am Samstag starke Rutronik Audi mit Dennis Marschall. Er und Schramm empfehlen sich in diesen Tagen für noch höhere Aufgaben im Hause Audi, vor allem nach den Abgängen von Leuten wie René Rast, Nico Müller und evtl. noch weiteren großen Namen!
Paul Motorsport schaffte es mit Marco Mapelli beim zweiten Heimspiel nach dem Lausitzring für die neuformierte Mannschaft auf P3 und das vor allen Emil Frey Huracans.
Aufgrund der teils kuriosen Startreihenfolge sollte es eines der besten und vor allem unterhaltsamsten Rennen der Saison werden.
Rennen 2:
Dieses Mal ging der Start nicht ohne SC-Phase aus. Zunächst drehte sich Konsta Lappalainen im Lamborghini in Turn 1 ins Kies. Einige Kurven später ging dann das Drama für die Joos Mannschaft weiter: Güven müsste aufgrund eines Rückstaus abbremsen, woraufhin ihm Luca Engstler hinten reinfuhr, was das Aus für Beide bedeuten sollte. In der gleichen Sequenz wurde Jack Aitken ins Kiesbett geschickt. Eine Situation, die die Kameras insgesamt schwierig auflösen konnten.
Kurz vor Ausrufens des Safety-Cars konnte Juncadella an seinem Markenkollegen Jan Marschalkowski noch auf P5 vorbeigehen. Vorne blieben zu diesem Zeitpunkt Mies, Marschall, Mapelli und Dries Vanthoor, der zum zweiten Mal in diesem Jahr im Land Audi für Ricardo Feller einsprang aufgrund der DTM-Überschneidung.
Auch nach dem Restart tobte das pralle Leben im Feld. Jesse Krohn im Schubert M4 drehte u.a. Sven Müller im Allied Porsche um, als dieser nach der ersten Kurve in die Penalty Lap wegen inkorrekter Startposition musste.
Ein Abziehbild der bisherigen Saison hatte Christopher Mies, als er nach wenigen Minuten einen Notstopp in Führung liegend einlegen musste wegen eines Reifenschadens. Laut ihm hatte er sich wohl ein Karbon Teil aus der Güven/Engstler-Kollision eingefahren. Es sollte jedoch nicht der letzte Reifenschaden bei Audi gewesen sein. Unbehelligt durch die vielen Zwischenfälle und teilweise auch Ausfälle konnte Jules Gounon von ganz hinten bis in die Punkteränge fahren – jedoch nur zwischenzeitlich.
Um sich aus dem Verkehr raus zu bringen, waren Juncadella und Gounon die ersten beim Stopp. Angesichts der unterschiedlichen Startplätze waren die beiden Erstplatzierten des Samstags erstaunlich nah zusammen. Hier ereignete
sich bei ZVO das Drama schlechthin! Als Fabian Schiller beim Fahrerwechsel die Pedalbox auf seine Größe anpassen wollte, rastete das System nicht ein. Man muss hierzu wissen, dass in den modernen GT Fahrzeugen der Sitz eine feste Position hat und die Anpassung über das Lenkrad und die Pedalen vorgenommen wird. Ich verfolge den GT Sport seit zehn Jahren und kann mich auch bei Langstreckenrennen nicht erinnern, ein solches Problem mal gesehen zu haben. Jedenfalls führte das Problem zu einem Ausfall, was damit die Meisterschaft wohl entschieden haben dürfte.
Vorne konnte nach dem Wechsel der Rutronik Audi mit Kim-Luis Schramm seine Führung behalten vorm besten Land Audi mit Jusuf Owega und dem Paul Lamborghini, der nun von Maximilian Paul gesteuert wurde. Der Platz zwischen den beiden Mercedes wechselte dahinter jedoch erneut und Marvin Dienst, der das Jahr bei ZVO zu Ende fahren wird, konnte an Marciello vorbeigehen, der ab diesem Zeitpunkt nur noch auf Ankommen fahren musste.
Die beiden Mercedes hatten wie schon gestern einen guten zweiten Stint und konnten im Verlauf an Paul vorbeigehen, der
das Tempo seinen Kollegen Marco Mapelli nicht ganz halten konnte. Lange Zeit sah es nach einem Audi Doppelsieg aus, bis Jusuf Owega wie schon sein Teamkollege Mies einen Reifenschaden hatte. Hier dürfte wohl zu enges Cutten in der ersten engen Rechtskurve der Grund gewesen sein. Kurze Zeit später ahnte man, dass sich bei Kim-Luis Schramm ähnliches anbahnte und er deutlich Vorsprung auf Marvin Dienst verlor.
Rund vier Minuten vorm Ende ging Dienst mit einem recht harten Manöver an Schramm in der vorletzten Linkskurve vorbei für den Sieg. In der DTM wurde am vergangenen Wochenende schon deutlich weniger hartes Racing bestraft. In der vorletzten Runde dann das nächste Audi Drama: Schramm hatte hier hinten links den nächsten Reifenschaden für die Ingolstädter zu beklagen. Ein Problem, was beim R8 Evo nicht das erste Mal auftaucht. Auch bei den 24 Stunden von Spa gab es hier einige Zwischenfälle. Am Sachsenring in der Kombination mit rauem Asphalt und viel Fahrstrecke auf den Kerbs keine große Überraschung.
Durch die diversen Dramen ergab sich damit wie schon am Samstag ein nicht möglich gehaltener Mercedes Doppelsieg, erneut mit der Reihenfolge des Drago Racing Teams ZVO vor dem meisterschaftsführenden Landgraf Mercedes. Mit
Marschalkowski haben wir somit einen neuen Laufsieger in der Serie. Für Dienst war es der zweite Sieg nach Sachsenring 2019 mit Schütz Motorsport, ebenfalls in einem Mercedes. Dienst empfiehlt sich damit für ein dauerhaftes Engagement im kommenden Jahr. Den ersten Podestplatz sicherte sich die neuformierte Paul Motorsport Mannschaft, die ja einen der T3 Motorsport Wagen übernahmen.
Für die Landgraf Mannschaft war es zweifelsohne ein vorgezogenes Weihnachten: So viele Geschenke innerhalb eines Renntags waren nie zu erwarten. Marciello braucht damit in Hockenheim nur noch wenige Punkte mit seinem 42 Punkte Polster auf den Joos Porsche. Damit steuert er seinem ersten GT Masters Titel entgegen, nachdem er ja erst am vergangenen Wochenende zum wiederholten Male die Gesamtmeisterschaft der GT World Challenge Europe gewann und ggf. auch noch am kommenden Wochenende Meister der Endurance Wertung innerhalb der Ratel-Serie werden könnte. Die fleißige Titelsammlung scheint beim Italiener kein Ende zu nehmen!
Das Finale in Hockenheim folgt dann vom 21.-23. Oktober!
Bildquelle: ADAC Motorsport (https://media.adac-motorsport.de/index.php?ID_dir=2,8,2393,2573)
