Home MotorsportWTCR: Analyse Vila Real – Ein neuer Klassiker im Rennkalender?

WTCR: Analyse Vila Real – Ein neuer Klassiker im Rennkalender?

von Nils Otterbein
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Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause kehrte die WTCR am vergangenen Wochenende in die Studentenmetropole Vila Real in Portugal zurück. Auf und neben der Strecke ging es heiß her, auch wenn der Lokalmatador an alte Leistungen beim Heimrennen nicht mehr anknüpfen konnte.

Beim selektiven Stadtkurs in Vila Real spricht man oft von einem Mittelding zwischen der Nordschleife und Macau. Der Vergleich erscheint durchaus plausibel, vor allem wenn man an die 20m Höhenunterschied auf dem knapp fünf Kilometer langen Kurs denkt. Was viele nicht wissen: Dort wird schon seit den 30ern Motorsport betrieben, auf internationalem Niveau allerdings tatsächlich erst seit dem WTCC Debüt 2015. Ein Stadtkurs, der sich hoffentlich noch lange halten wird, da er alles bietet, was einen guten Stadtkurs ausmacht!

Sportlich gesehen gab es nach dem Aragon Wochenende 40 Kg. Zuladungen für die Audis nach der Pole aus Aragon und nach wie vor die 40 Extra Kilo für Honda nach dem starken Auftaktwochenende aus Pau. Die Sessions der Qualifikation wurden aufgrund von zu erwarteten rot-Phasen etwas verlängert mit 30 Minuten in Q1, sowie 15 Minuten in Q2, was wie üblich im Einzelzeitfahren des Q3 mit den Top5 mündet.

In Q1 erwischte es mit Esteben Guerrieri und dem Lokalmatador Thiago Monteiro gleich zwei Honda Civic und mit Nathanael Berthon und Tom Coronel wie erwartet zwei Audi. Interessant jedoch, dass am gesamten Wochenende die Leistungsunterschiede zwischen Team- und Markenkollegen der Hersteller oft sehr groß waren. Passend dazu eine Aussage von Yann Ehrlacher, der sprach: „Balls are more important than the set Up“. Der Grundspeed erscheint auf dem Kurs also gar nicht das entscheidende Kriterium zu sein, sondern eher der Mut und die Risikobereitschaft der Fahrer. Somit konnten es z.B. bei Honda mit Nestor Girolami und Atilla Tassi immerhin zwei Piloten recht weit nach vorne schaffen.

Eine Demonstration gelang Lynk & Co. in Q2, als man gleich mit Yann Ehrlacher, Santiago Urrutia und Quing Hua Ma drei Fahrer ins Q3 brachte. Yvan Muller holte darüber hinaus noch die Pole für Rennen zwei mit Platz zehn. Nur Björk fiel mal wieder etwas ab, bei dem jedoch zu Beginn der Sessions auch noch die Antriebswelle getauscht werden musste. Vom Motto „Bloß nicht zu schnell fahren, um nicht zu viel Gewicht zu bekommen“ war hier nichts mehr zu spüren, da es intern zwischen Santiago Urrutia und Yann Ehrlacher um den Nummer eins Status geht und vor allem darum, auf welchen Fahrer der chinesische Hersteller nun den Fokus in Sachen Meisterschaft legen muss. Wie heiß das Thema ist, sollte man vor allem in Rennen eins sehen!

In Q3 konnte schließlich Urrutia seine starke Form zeigen und auf Pole fahren vor Ehrlacher. Dahinter schaffte Norbert Michelisz nach längerer Zeit mal wieder eine gute Qualifikation mit Platz drei. Girolami konnte sich trotz Zusatzkilo im Honda Civic auf Vier setzen vor Ma.

Rennen 1

Für die Rennen kam wie in den letzten Jahren in Vila Real ein Mittel zum Tragen, was im reinen Rundstreckensport einmalig ist: Der Einsatz einer Joker Lap, wie man sie üblicherweise aus dem Rallyecross Sport kennt. Wie in der WRX ging es hier in Vila Real darum, einmal im Rennen ab Runde drei eine längere Streckenvariante zu fahren, in diesem Fall einen Kreisverkehr von der linken, statt von der rechten Seite zu durchfahren. Man durfte gespannt sein, welche Taktiken hier gewählt werden. Schon mal vorab: Die riesige Rolle sollte es im ersten Rennen nicht spielen.

Vorne gab es einen recht geordneten Start, was das Safety Car nicht auf dem Plan rief, wie man es in Vila Real schon oft in der Vergangenheit hatte. Nur im Mittelfeld krachte es zwischen Yvan Muller und Gilles Magnus, dem Laufsieger aus Aragon. Dies hatte einen Reifenschaden von Muller zur Folge und einen Ausfall von Magnus. Für Audi war es wie erwartet ein schwieriges Event, bei dem neben dem Zusatzgewicht auch der lange Radstand des Audi RS3 Evo eher hinderlich war.

Bereits nach zwei Runden hatten die beiden Lynk & Co. von Urrutia und Ehrlacher einen riesen Vorsprung, was die dominante Pace der „Blue Boys“ durch ihre gute Beschleunigung zeigte. Dahinter war das Feld in Sachen Herstellern bunt durchgemischt mit Girolami, Ma, Michelisz, Bennani, Huff, Azcona, Björk und Tassi. Es war klar, dass sich die Joker Laps dann lohnen, wenn die ersten Abstände entstehen. Somit zogen Urrutia und Ma den ersten Joker. Zwei Runden später ging dann Ehrlacher in die etwa 86 Meter längere Variante des Kreisverkehrs und konnte die Führung behalten, wohl durch die zwei Runden freie Fahrt an der Spitze. Zunächst sah es so aus, dass Lynk dies bewusst gesteuert hätte, um Ehrlacher wie in den Vorjahren zu begünstigen. Doch es kam anders!

Nach ca. zehn Minuten hatte fast das gesamte Feld auf den relevanten Positionen die Joker Lap absolviert, die wie gesagt in diesem Rennen nicht die ganz große Rolle spielte. Negativ fiel im Mittelfeld Thed Björk auf, der sich extrem aggressiv gegen den Tabellenführer Mikel Azcona verteidigte und diesen fast in die Leitplanke drückte, um seinen Teamkollegen zu helfen. Zwischen Platz sieben bis elf entwickelte sich durch viele Zweikämpfe ein veritables Kampfknäul, was kurze Zeit später darin mündete, dass Björk dem Audi von Mehdi Bennani heftig in die Karre fuhr. Dies hatte beim Schweden einen Reifenschaden zur Folge. Mit gröberen Kollisionen war es das bereits im ersten Rennen, da sicherlich alle ans Rennen am späten Nachmittag dachten.

Nach ca. 15 Minuten erfolgte dann ein Funkspruch an Ehrlacher, dass man den Platz zurückgeben musste gegen Urrutia. Zunächst dachte man an eine Ansage der Rennleitung, aber schnell wurde klar, dass Lynk offenbar ähnlich wie Ferrari bei der F1 in Silverstone Zielzeiten vorgegeben hat, die regeln sollten, wer von den Beiden nun Vorrang bekommt. Urrutia sagte nach dem Rennen, es sei abgesprochen gewesen, Ehrlacher konnte/wollte sich an die Ansagen nicht mehr erinnern. Also lies er ihn vorbei, ohne jedoch seinen Frust nach dem Rennen darüber zu vertuschen. Es erinnerte mich ein wenig an eine Situation in Zandvoort aus dem Jahr 2019, als Lynk ebenfalls so dominant war, dass sie das Spielchen machen konnten und sogar mehrmals die Führung auf Anweisung wechseln ließen. Jedenfalls zeigt die Situation eine beginnende Wachablösung im Team und eine Distanzierung der Taktik „Alle für Ehrlacher“, wie man es 2020 und 2021 exerzierte. Wäre nicht überraschend, wenn nun Urrutia der Mann für die Meisterschaft sein soll, vor allem bei einem Blick auf den Meisterschaftsstand.

Hinter den Beiden waren die Positionen weitestgehend bezogen und mit Nestor Girolami konnte sich zumindest ein Honda Pilot im Meisterschaftskampf halten. Dahinter auf Platz vier Michelisz im besten Hyundai Elantra. Ärgerlich war für das Liqui Moly Team Engstler eine fünf Sekunden Strafe für Atilla Tassi, der hinter Ma und Huff auf Platz sieben ins Ziel kam und ihm am Ende einen Top10 Platz kostete. Aber es war mal ein Lebenszeichen der Allgäuer Mannschaft, die klar Letzte in der Teamwertung sind. Aber für das zweite Rennen sollte man ja noch einen guten Startplatz haben! Für den Lokalmatador Thiago Monteiro war es mit Platz 11 ein erneut sehr unauffälliges Rennen. Allmählig muss man sich wohl mit dem Gedanken anfreunden, dass es bei ihm für Top Resultate nicht mehr reichen wird.

Rennen 2

Nachdem sich die Gemüter im Hause Lynk & Co. hoffentlich alle beruhigt hatten, ging es nach etwas mehr als drei Stunden Pause und einer kleinen Verzögerung durch das Rahmenprogramm ins zweite Rennen. Durch die wenigen Zwischenfälle konnten alle 17 an den Start gehen, was ja auf Stadtkursen im Tourenwagensport nicht immer der Fall ist!

Es war kein gewöhnliches Rennen, war es doch das 100. Rennen der WTCR Geschichte seit Marrakesch 2018. Wer wenn nicht Yvan Muller, könnte dort mit seiner Startnummer 100 auf Pole Position stehen, ist er doch einer von nur Drei im Starterfeld, die bislang alle WTCR Rennen mitgefahren sind. Wer sind wohl die anderen Beiden? Gerne in die Kommentare!

Beim Start ergaben sich fast keine Platzwechsel in den Top 10. Doch schnell konnte man sehen, dass Yvan Muller sich absetzte und Atilla Tassi auf Platz zwei die Pace nicht ganz gehen konnte und den Rest etwas aufhielt. Dahinter reihten sich Mikel Azcona ein vor Rob Huff, Mehdi Bennani, Norbert Michelisz, Quing Hua Ma und Nestor Girolami. Erstaunlich, dass Bennani das ganze Wochenende bester Audi Pilot war. Von Magnus und Berthon sah man recht wenig. Ehrlacher und Urrutia konnten die Top 10 abschließen, aber nach vorne ging es für beide auch nicht wirklich. Nach ca. zehn Minuten veränderte sich das Rennen durch eine Honda-interne Kollision zwischen Thiago Monteiro, der durch einen Reifenschaden in einer Linkskurve nach außen an die Leitplanke kam und hier Esteben Guerrieri mitriss. Damit dürften die Meisterschaftschancen von Guerrieri endgültig dahin sein – mal wieder.

Nach dem Restart bildeten sich einige Lücken, da einige Fahrer direkt nach der SC-Phase die Chance zur Joker Lap nutzten, die letztlich das Rennen um den Sieg entschied. Die Ersten in der Spitzengruppe waren Azcona und Tassi in Sachen Joker Lap, um dem dichten Verkehr etwas zu entkommen. Als Muller den Joker ziehen musste, hätte er locker in Führung bleiben können, aber er bremste zu spät und musste sehr „eckig“ den Kreisverkehr durchfahren, was ihn auf Platz 4 hinter die eben erwähnten Azcona und Tassi zurückwarf. Solch ein Flüchtigkeitsfehler hätte man ihm nicht zugetraut. Somit ging Rob Huff in Führung, der den Vorsprung halten konnte und auch nach der Joker Lap den Sieg nach Hause fuhr.

Der Sieg stand fest, nachdem das Rennen hinter dem Safety Car zu Ende geführt wurde. Daniel Nagy krachte in einer der Schikanen in die Leiplanke, wonach Coronel nicht ausweichen konnte und ihm in den Cupra fuhr. Nagy konnte das gesamte Wochenende die Leistungen aus Aragon und die seines Cupra Teamkollegen Rob Huff gar nicht zeigen. Für Coronel ist es der nächste Ausfall in einer ganzen Saison mit permanenten Ausfällen.

Damit konnte Huff seinen ersten Saisonsieg einfahren. Ob sich Teamchef Zoltan Zengo am heutigen Mittwoch beruhigt hat, wage ich zu bezweifeln. Selten einen so emotionalen Teamchef erlebt! Huff gilt ja nicht umsonst als „Mr. Macau“, wenn es um Stadtkurse geht. Toll, dass mit Zengo nicht nur ein Privatteam auf dem Podest war, auch die Mannschaft von Franz Engstler konnte endlich einen Befreiungsschlag landen mit dem zweiten Platz von Atilla Tassi, auch wenn die Fans sicher lieber seinen Teamkollegen da oben auf dem Podium gesehen hätten. Für Mikel Azcona war es zwar mal ein Wochenende ohne Sieg, dafür aber ein erneut wichtiger dritter Platz, der ihn an der Tabellenspitze hält.

Die beiden Lynk & Co. von Urrutia und Ehrlacher sind durch den Sieg im ersten Lauf näher herangerückt und auch Rob Huff hält sich mit viel Konstanz weit vorne in der Meisterschaft. Der beste Honda mit Girolami und der beste Audi mit Magnus müssen um den Anschluss nun etwas kämpfen. Hier wird man hoffen, dass keine Veranstaltungen ausfallen und sich mögliche Ersatztermine finden lassen, da man sicherlich nicht nach China und Macau reisen wird.

Weiter geht es im Kalender bereits in drei Wochen in Vallelunga, wo man schon recht lange keine internationalen Rennserien mehr gesehen hat, abgesehen vom Auftakt der Pure ETCR im letzten Jahr.

Bildquelle: WTCR Media (https://www.fiawtcr.com/de/photos/?fid=1841-wtcr-race-of-portugal-2022)

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