Die große Nachricht der letzten Wochen war eine Kalender-Neuigkeit für Formel 2 und Formel 3: beide Serien werden ab 2023 im Rahmenprogramm der F1 in Melbourne antreten. Das mag schön für das Event sein und auch ein paar zusätzliche, vielleicht sehenswerte Rennen im Frühjahr bieten – aber ökonomisch sinnvoll kann es eigentlich nicht sein. Gerade diese beiden Serien werden immer teurer und teurer und damit exklusiver. Der Formel 2-Kalender hat in diesem Jahr bereits einen neuen Rekord-Umfang erreicht, bereits in den letzten Jahren gab es immer wieder Piloten, die die Saison irgendwann abbrechen mussten, weil ihnen das Budget ausging. Das werden wir bei solchen Entwicklungen wahrscheinlich eher häufiger sehen…
Um eine andere Serie steht es aktuell schlecht: die Euroformula Open, die ich hier (mangels Bedeutung) bisher kaum erwähnt habe, verliert mit Van Amersfoort ein wichtiges und namhaftes Team. Damit werden dann an diesem Wochenende auf dem Hungaroring gerade einmal noch zehn Autos auf dem Grid stehen. Über die letzten Jahre hat die Starterzahl in der aus der spanischen Formel 3 hervorgegangenen Serie immer weiter abgenommen, auch die Qualität des Feldes ist nicht mit der FRECA vergleichbar, die die Rolle einer europäischen Serie besser eingenommen hat (und die übrigens auch dieses Wochenende am Hungaroring fährt). Die Gründe von van Amersfoort sind etwas kryptisch beschrieben, man habe keinen Raum für sich in der Meisterschaft gesehen, die gesetzten Ziele zu erreichen. Die Euroformula Open wird (und wurde in den letzten Jahren) vom deutschen Motopark-Team dominiert, zu dem auch das unter japanischer Flagge startende CryptoTower Racing gehört. Die aktuelle Saison führt der multinationale Oliver Goethe deutlich an, der für Motopark fährt.
Formel 2
Gestern hat Red Bull seine Entscheidung bekannt gegeben, Jüri Vips nach Befassung mit seinem rassistischen Ausruf bei einer Partie Call of Duty im Twitch-Livestream nicht dauerhaft aus dem Junior Team zu entfernen, sondern ihn in Sachen Bildung und mentale Gesundheit zu unterstützen. Die Signale sind allerdings gemischt: die Rolle als F1-Reservepilot hat er dauerhaft verloren und zwischen den Zeilen klingt es so, als würde er zum Saisonende das Programm verlassen. Vips hatte bereits die ganze Saison keine Red Bull-Lackierung auf seinem Hitech-Boliden, was mir sehr ungewöhnlich schien. Nun wurde auch bestätigt, was bereits letzte Woche gemunkelt wurde, dass nämlich Red Bull ihm ohnehin nicht diesen Sitz finanziert hat. Vips wird die F2-Saison weiter mit Hitech bestreiten.
Eine deutlich stärkere Saison als Vips fährt aber ohnehin Felipe Drugovich, der weiterhin die Meisterschaft anführt. Er hat zwar bei den beiden Events nach seinem Monaco-Sieg keine weiteren Rennen gewinnen können, aber nach vier Top 5-Resultate beträgt seine Führung immer noch 42 Punkte, auch wenn Theo Pourchaire ihm in Silverstone sieben Punkte abknöpfen konnte. Doch es müssten mal wieder Siege her für den Franzosen, wenn er gegen die Konstanz von Drugovich etwas ausrichten will, und die gab es seit Imola nicht mehr. Drugovich hat diese Saison im Griff und erlaubt sich wenige Ausrutscher. Das ist sein Trumpf. Bis auf einen Ausfall im Monaco-Sprint hat er jedes Mal gepunktet, meist in den Top 5.
Spannend ist um die Saisonmitte immer der Blick darauf, welche Rookies sich denn so langsam richtig in der Serie einfinden. Die meisten brauchen anfangs etwas, sich an die empfindlicheren Reifen zu gewöhnen. Silverstone hat deutlich gemacht, dass unter den Serien-Neulingen Logan Sargeant die Nase vorn hat. Der US-Amerikaner konnte von der Pole aus das Hauptrennen für sich entscheiden, nachdem er alle Attacken von Theo Pourchaire abgewehrt hatte. Carlin war in Silverstone aber auch allgemein gut unterwegs: Liam Lawson, der die Rolle des Test- und Reservefahrers des Red Bull F1-Teams von Jüri Vips geerbt hat, wurde Dritter.
Der US-Amerikaner Sargeant lief bei mir bisher etwas unter dem Radar, war aber eigentlich die ganze Saison schon sehr solide unterwegs; auch in Baku war er bereits Zweiter im Hauptrennen geworden, nun folgte der erste Sieg. Nachdem seine zweite F3-Saison (mit Charouz) schwächer war als seine erste (mit Prema, als er Meisterschaftsdritter hinter Piastri und Pourchaire wurde), hatte ich ihn gedanklich schon zurückgestellt, wohl zu Unrecht.
Nächstbester Rookie ist erst Jack Doohan auf Rang 8 der Tabelle, der im Silverstone-Sprint seinen ersten Sieg feiern konnte, zur Freude seines anwesendes Vaters, der Motorradlegende Mick Doohan. Jack hatte ich zu Saisonbeginn eher als Top-Rookie auf dem Schirm als Logan Sargeant, er hat auch schon mehrfach sein Potenzial gezeigt, aber eben bisher nicht konstant genug. 31 Punkte liegen im Moment zwischen diesen beiden im Kampf um die (inoffizielle) Rookie-Wertung, da kann sich auf jeden Fall noch etwas tun.
Es folgen Enzo Fittipaldi (der schon die halbe 2021er-F2-Saison bestritten hat), F3-Champion Dennis Hauger und Frederick Vesti. Hauger hatte viel Pech, so auch in Silverstone wieder: in der ersten Runde des Hauptrennens drängte ihn Roy Nissany ausgangs Stowe ins Gras, Hauger schlitterte geradewegs auf einen Sausage-Kerb zu, hob über diesen ab und traf Nissany auf Cockpit-Höhe – ohne Halo hätte dieser Unfall tragisch enden können, so konnten beide selbstständig aussteigen. Die Debatte um Sausage-Kerbs wurde damit aber wieder einmal befeuert.
Frederik Vesti ist so jemand, der jetzt zur Saisonmitte langsam das Auto in den Griff kriegt und besser in Schwung kommt. Der dänische Mercedes-Junior gewann den Sprint in Baku, in Silverstone qualifizierte er sich auf dem zweiten Platz, kam aber am Start des Hauptrennens nicht in die Gänge und verlor einige Plätze und damit ein mögliches Top-Resultat. Ich gehe aber davon aus, dass er in der zweiten Saisonhälfte öfter um Podien mitfahren und so auch in Richtung Top 5 der Meisterschaft vorstoßen wird.
Stand:
- Felipe Drugovich (MP Motorsport) – 148 Punkte
- Theo Pourchaire (ART, Sauber Academy) – 106 Punkte
- Logan Sargeant (Carlin, Williams Academy) – 88 Punkte
- Jehan Daruvala (Prema, Red Bull Junior Team) – 80 Punkte
- Liam Lawson (Carlin, Red Bull Junior Team) – 59 Punkte
- Marcus Armstroing (Hitech) – 59 Punkte
- Jüri Vips (Hitech, Red Bull Junior Team) – 59 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Red Bull-Ring, Spielberg (F1), 09.-10. Juli
Formel 3
An der Spitze der Formel 3 geht es deutlich enger zu als auf der nächsthöheren Ebene: die Top 5 liegen hier innerhalb von 17 Punkten. Ganz vorn streiten sich zwei Piloten in ihrem zweiten F3-Jahr um den Titel: Victor Martins aus der Alpine Academy, der im Mai in Barcelona seinen zweiten Saisonsieg einfuhr, und Arthur Leclerc aus der Ferrari Driver Academy, der in SIlverstone endlich mal ein richtig sauberes Wochenende hinlegte und das Hauptrennen gewann. Endlich mal musste er sich nicht nach schwacher Quali oder irgendwelchen Problemen durchs Feld kämpfen, und er blieb straffrei, anders als in Barcelona, wo der Monegasse zwei Zeitstrafen für fahrerische Vergehen erhielt; doch auch ohne die wäre er nur Elfter geworden.
So sitzt ihm der beste Rookie des Jahres, Isack Hadjar, seines Zeichens Red Bull-Junior, dicht im Nacken. Hadjar fährt eine enorm starke Saison, er gewann das Sprintrennen in Silverstone von Startplatz 4 im Reverse Grid aus und wurde von Startplatz 8 im Hauptrennen Fünfter, zeigte jeweils gute Pace und starke Überholmanöver. Der erst 17-jährige Franzose, der im Vorjahr in der FRECA vereinzelte schon von sich Reden machte (unter anderem mit einem Sieg in Monaco), ist bisher eine der Entdeckungen der laufenden Saison.
Hadjar sticht damit auch den F4-Dominator des Vorjahres aus, der als vermeintlicher Top-Rookie ohne des Umweg über die FRECA direkt in die F3 aufgestiegen ist: Ferrari-Nachwuchsstar Ollie Bearman im starken Prema ist bisher noch sieglos. Das ist für Rookie in der ersten Saisonhälfte grundsätzlich kein Makel, aber Hadjar zeigt eben deutlich mehr. Bearman verlor einen Sieg beim Auftakt in Bahrain wegen zu häufiger Verletzung der Track Limits, der zweite Platz dort ist aber bis heute sein bestes Saisonresultat.
In Silverstone hätte es beinahe für einen weiteren zweiten Platz gereicht, doch selbst mit „Anlehnen“ kam er in der letzten Kurve in Silverstone nicht mehr an Zak O’Sullivan vorbei. Der amtierende GB3-Meister konnte um Sekundenbruchteile seinen zweiten Platz behaupten und stand das erste Mal auf einem Formel 3-Podium. In der zweiten Saisonhälfte (die rechnerisch mit dem zweiten Lauf am Red Bull-Ring beginnt) wird es interessant sein, zu sehen, wie sich diese beiden britischen Piloten, jeweils Champions ihrer letzten Serien, entwickeln – gerade auch im Vergleich zu Hadjar.
Stand:
- Victor Martins (ART, Alpine Academy) – 77 Punkte
- Artur Leclerc (Prema, Ferrari Driver Academy) – 71 Punkte
- Isack Hadjar (Hitech, Red Bull Junior Team) – 68 Punkte
- Roman Stanek (Trident) – 61 Punkte
- Jak Crawford (Prema, Red Bull Junior Team) – 60 Punkte
- Oliver Bearman (Prema, Ferrari Driver Academy) – 44 Punkte
- Zak O‘Sullivan (Carlin, Williams Academy) – 33 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Red Bull-Ring, Spielberg (F1), 09.-10. Juli
W Series
Auch die W Series war am vollgepackten Silverstone-Wochenende mit am Start und – wie könnte es anders sein – Jamie Chadwick hat den einzelnen Lauf gewonnen. Chadwick gewann nicht einfach nur, sondern dominierte von der Pole aus. Sie lag um knapp sieben Sekunden vorn, als ihre beiden Verfolgerinnen in der vorletzten Runde in Club Corner aneinander gerieten, sodass der Vorsprung am Ende 19 Sekunden betrug.
Der Vorfall sah wie folgt aus: Abbi Pulling startete einen etwas halbherzigen Überholversuch gegen Emma Kimiläinen, die wiederum etwas hart in Richtung Kurvenscheitel reinzog – ein Rennunfall, so sahen es auch die Stewards. Und trotz des Zusammenstoßes konnten die beiden Pilotinnen ihrer Podiumsplätze knapp vor Fabienne Wohlwend halten, auf die sie wiederum vorher großen Vorsprung hatten. Für die Finnin Kimiläinen, Siegerin i, Vorjahr in Spa, war es das erste Podium dieser Saison.
Es bleibt die Frage: wohin führt diese Serie? Chadwick ist bereits Doppel-Champion und zeigt nun nochmal, dass sie ihre Konkurrentinnen immer wieder im Griff hat. Geht nichts gravierend schief, wird sie den Titel ein weiteres Mal verteidigen. Das ist eine starke, bewundernswerte Leistung – aber was folgt dann? Wenn die W Series sich als Nachwuchsserie begreift, muss es der Meisterin doch möglich sein, mindestens in die Formel 3 aufzusteigen. Gern würde ich Jamie Chadwick dort sehen.
Stand:
- Jamie Chadwick (Williams Academy) – 100 Punkte
- Abbi Pulling (Alpine Academy Affiliate) – 53 Punkte
- Beitske Visser – 41 Punkte
- Emma Kimiläinen – 40 Punkte
- Alice Powell – 33 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Le Castellet (F1), 23. Juli
F4 Italia
Nun ist es soweit: nach dem verkorksten Saisonstart hat Andrea Kimi Antonelli nahezu alles gewonnen und nun „endlich“ die Meisterschaftsführung von Rafael Camara übernommen. Der Brasilianer folgte dem jungen Italiener meist auf den Fuß, doch im zweiten Lauf in Vallelunga zog er sich bei einem dicken Verbremser einen Reifenschaden zu und gab das Rennen in der Box auf, um en übrigen Reifensatz für den dritten Lauf zu sparen. Dort konnte er dann wiederum Zweiter hinter Antonelli werden. James Wharton, ebenfalls Rookie und wie Camara FDA-Mitglied, kommt nicht an die beiden heran und streitet sich meist mit Charlie Wurz um den dritten oder vierten Rang.
Antonelli jedenfalls gewann alle drei Läufe souverän von der Pole aus. Nur am Start von Rennen 2 musste er sich gegen harte Attacken von Kacper Sztuka wehren, der ihn sogar anstupste und ins Schlingern brachte, doch davon lässt sich ein Kimi in bester Iceman-Manier nicht aus der Ruhe bringen. So führt der Mercedes-Junior, der kurz vor Ende der nun anstehenden Sommerpause 16 wird, nun die Meisterschaft bereits mit einem Puffer an. Acht Siege hat er nun auf dem Konto und ist auf dem besten Wege, die elf von Ollie Bearman aus dem Vorjahr ebenfalls zu holen.
Alex Dunne ist weiterhin der stärkste Nicht-Prema-Pilot, schied aber im dritten Lauf nach einem Zusammenstoß mit seinem Teamkollegen Marcus Amand aus. Prema konnte so im Dritten Lauf mal wieder die Plätze 1-4 sichern. Die italienische F4 geht nun für gut zwei Monate in die Sommerpause, erst im September geht es am Red Bull-Ring weiter. Im August fährt immerhin einmal in diesem langen Zeitraum die ADAC Formel 4, wo wir einige der Protagonisten aus dieser Serie ebenfalls sehen.
Stand:
- Andrea Kimi Antonelli (Prema, Mercedes Junior Team) – 219 Punkte
- Rafael Camara (Prema, Ferrari Driver Academy) – 183 Punkte
- Alex Dunne (US Racing) – 132 Punkte
- James Wharton (Prema, Ferrari Driver Academy) – 112 Punkte
- Charlie Wurz (Prema) – 104 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Red Bull-Ring, Spielberg (International GT Open), 10.-11. September
(Quelle Beitragsbild: Williams Racing)




