Zwei überaus actionreiche Rennen bot am vergangenen Wochenende der Tourenwagen-Weltcup bei seiner vierten Saisonstation im Motorland Aragon. Allmählich nimmt die Meisterschaft ein klareres Bild an und zumindest einer scheint sich in der Meisterschaft langsam etwas absetzen zu können. Aber der Reihe nach.
Bereits in der Qualifikation wurde deutlich, wie eng das Feld einmal mehr zusammenlag. Trotz der langen Rundenzeit von über zwei Minuten waren die besten zwölf nach Q1 gerade mal 0,6 Sekunden voneinander getrennt. Bereits in Q1 erwischte es auf den Plätzen 13 bis 17 bereits mit Atilla Tassi, Thiago Monteiro und zur Überraschung auch Nestor Girolami drei
Honda Civic, lediglich Esteban Guerrieri schaffte mit Platz 12 mit ach und krach die Hürde in Q2, wo dann mit P11 auch früh Schluss war. Dass Aragon keine Honda Strecke ist, war bekannt. Dazu hatte man immer noch mit den 40 Kilogramm Zuladung vom Saisonstart in Pau zu kämpfen. Zumindest für die nächste Veranstaltung in Vila Real sollte sich das erledigt haben. Neben drei Honda erwischte es in Q1 auch mit Tom Coronel und Mehdi Bennani zwei Audi. Umso überraschender, wenn man sich den weiteren Verlauf der Qualifikation ansah.
Im Q2 erreichten mit Rob Huff, Gilles Magnus, Yvan Muller, Yann Ehrlacher und Nathanael Berthon zwei Audi, zwei Lynk & Co. und ein Cupra das Top 5 Shootout. Vor allem die Pace von Cupra sollte an dem Wochenende noch eine wichtige Rolle
spielen. Auch der Cupra Teamkollege Daniel Nagy schaffte es mit Platz sieben weit nach vorne und sollte sich vor allem fürs zweite Rennen am Sonntag einen guten Startplatz sichern. Lynk & Co. hatte die übliche Taktik wie in den letzten Jahren. Zwar mit allen Autos gut dabei, aber bloß nicht zu weit vorne sein, um nicht zu viel Gewicht zuladen zu müssen. Somit sicherte sich Quing Hua Ma die Pole für Rennen zwei mit Platz zehn in Q2.
In Q3 sicherten sich schließlich die beiden Audi mit Gilles Magnus und
Nathanael Berthon die erste Startreihe. Dahinter Ehrlacher, Huff und nach einem Treffer in einen der Reifenstapel als Streckenbegrenzung Yvan Muller auf Platz fünf.
Rennen 1
Eine Startphase wie zu besten WTCR Zeiten 2018 oder 2019 erlebte man im ersten Rennen! Es würde den Rahmen sprengen, hier wirklich auf alle Zwischenfälle einzugehen, da die Kameras gar nicht alles einfangen konnten.
Die Audis hatten einen recht schwachen Start, auch wenn Magnus gerade so P1 halten konnte. Nathanael Berthon verlor schnell zwei Plätze gegen Huff und Ehrlacher, konnte sich dann den Platz gegen Ehrlacher aber zurückerobern. Gewinner der Startphase waren ganz klar die Hyundai von Norbert Michelisz und Mikel Azcona, die nach einer eher dürftigen Qualifikation einige Plätze gewannen und sich zwischendurch auf Platz fünf und sechs festsetzten. Dahinter tobten mehrere Rangeleien, vor allem zwischen Daniel Nagy, Esteben Guerrieri und mehreren Lynk & Co., u.a. Ma und Björk. Dies hatte zur Folge, dass Daniel Nagy nach zwei Runden aus den Top10 bereits trotz des guten Startplatzes rausfiel. Zudem gab es im hinteren Feld noch eine recht heftige Kollision zwischen Mehdi Bennani und Nestor Girolami.
Etwas überraschend, dass die Lynk & Co. und vor allem Ehrlacher in der Anfangsphase die Pace nicht mitgehen konnten. Schnell verlor er die Plätze gegen die beiden Hyundai und musste sich anschließend sogar gegen den Teamkollegen Urrutia verteidigen, der nach wie vor bester Lynk in der Meisterschaft ist! Somit bildete sich eine übliche Kolonne der „Blue Boys“ von Platz sechs bis neun, was bis zum Rennende so bleiben sollte.
Der Puls wird vor allem bei Goodyear nach dem Nürburgring Debakel wohl erneut nach oben geschnellt sein, wenn sie die Ausfälle im Rennen sahen. Tom Coronel hatte offensichtlich einen Reifenschaden nach einer Berührung mit Quing Hua Ma und auch Daniel Nagy und Atilla Tassi vielen mit Reifenschäden aus. Jedoch in diesem Fall kein Wunder, wenn man die diversen Kollisionen bedenkt!
So aufregend die Startphase war, so ruhig verlief die Phase ab der Rennmitte. Das Salz in der Suppe bot zwischen Platz drei und vier das Duell zwischen Nathanael Berthon und Mikel Azcona. Beim Spanier war klar zu sehen, dass er das große Ganze im Kopf hat und nur so aggressiv reinhält wie unbedingt nötig. Somit konnte Berthon Platz drei halten.
Vorne holte Gilles Magnus seinen zweiten Karrieresieg in der WTCR nach seiner zweiten Karrierepole am Vortag. Rob Huff konnte nach Budapest sein zweites Podest in Folge einfahren, was ihn prompt im Championat nach vorne bringt. Es war auch der erste Audi-Sieg der Saison nach einem eher harzigen Saisonstart in Pau und den eher unglücklichen Rennabsagen am Nürburgring, wo man sicher eine Rolle um den Sieg gespielt hätte.
Ob die Pace von Lynk & Co. wirklich so schwach war, durfte man fürs zweite Rennen abwarten, in dem Quing Hua Ma auf Pole stand.
Die alte Weisheit, dass man durch das sortierte Feld im ersten Rennen ruhigeres Racing erwarten sollte, wurde in diesem Fall klar entmachtet!
Rennen 2
Die Pause betrug obligatorisch ca. drei Stunden. Eine Zeit, die einige Teams nach den vielen Rangeleien sicher gut gebrauchen konnten. Für den ersten heißen Moment sorgte Gilles Magnus bereits vor dem eigentlichen Start, als ihm in der Installation Lap hinein in die Startaufstellung der linke Hinterreifen wegfiel, womöglich ein Mechaniker Fehler. Im Rennen konnte er jedoch regulär von Platz zehn durch den reversed grid starten.
Rennen zwei begann mal mindestens genauso turbulent, in diesem Fall mit mehr Schrott als der Beginn des Renntags. Nach einem recht ruhigen Start ging es in den darauffolgenden Kurven heiß her, was in einer Kollision zwischen Norbert Michelisz und Quing Hua Ma an der Spitze mündete. Michelisz musste dabei einmal neben die Bahn, wo an einer Stelle ein Reifenstapel als Track-limit Begrenzung diente, was einen Ausfall beim Ungarn zur Folge hatte. Ein Sinnbild für seine bisherige Saison! Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass er gegenüber Azcona, Hyundai-intern nur noch die Nummer zwei sein wird.
Im gleichen Moment hatte Tom Coronel einen Abflug der heftigen Sorte, indem ihm ein Vorderrad samt Aufhängung rausgerissen wurde und er sich hierbei fast überschlug. Wie es genau dazu kam, konnte die Regie leider nicht auflösen. Ohnehin hab ich bei der WTCR oft das Gefühl, dass die Regie und Kameraführungen oft etwas hektisch geraten und man die Geschehnisse oft nicht genau auflösen kann. Jedenfalls war es für Tom Coronel der zweite Ausfall des Tages, was den großen Abstand zwischen den beiden Audi Werksfahrern Gilles Magnus und Nathanael Berthon zur Coronel und Bennani verdeutlicht.
Zwei Runden blieb das Safety-Car draußen und beim Restart erlebte man einen faustdicken Paukenschlag, indem Daniel Nagy im Cupra an die Spitze ging und sich am Chinesen Ma sauber vorbeischob. Kurze Zeit später musste der Ungar jedoch die Führung gegenüber Mikel Azcona abgeben, wonach anschließend ein teaminterner Platztausch gegenüber seinem Kollegen Rob Huff erfolgte.
Schnell wurde im Rennen klar, dass der eher schwache Speed von Lynk & Co. Im ersten Rennen offenbar kein taktischer Bluff war, sondern man
tatsächlich in Aragon die Pace der Spitze nicht gehen konnte. Nach ca. der Hälfte des Rennens verlor Ma teamintern gegen Urrutia sogar noch den vierten Platz, woraufhin er auch gegen Ehrlacher den Platz tauschen musste. Somit entstand im Rennen wieder das typische „Lynk & Co. Paket“, in diesem Fall von Platz vier bis acht. Ehrlacher sprach nach der Qualifikation in einem Interview von „politischen Spielchen“ der Konkurrenz. Natürlich ist Lynk & Co. NIEMALS durch BOP-Spielchen und Tricks aufgefallen.;)
Das Rennen verlief ähnlich wie das erste Rennen, indem einer aufregenden Startphase eine eher geordnete zweite Rennhälfte folgte. Das letzte nennenswerte Manöver setzte Santiago Urrutia gegen Daniel Nagy um den dritten Platz, damit wenigstens einer der „Blue Boys“ aufs Podest fuhr. Erstaunlicherweise konnte Nagy den Rest der Flotte hinter sich halten und sorgte damit für das wohl beste Zengo Ergebnis der WTCR mit Platz vier.
Das beste Zengo Ergenis deshalb, weil Rob Huff erneut den zweiten Platz einfuhr hinter dem Sieger Mikel Azcona, der nach seinem 25. Geburtstag am Vortag sein Heimrennen gewinnen konnte. Damit hat Azcona an bisher allen drei Wochenenden einen der Läufe gewonnen, was ihn in der Tabelle souverain an der Tabellenspitze hält. Nicht schlecht, wenn man die eher schwache Hyundai-Pace aus der Qualifikation zur Rate zieht.
Mann der Stunde ist aber zweifelsohne Rob Huff, der mit zwei Podiumsplätzen an einem Wochenende etwas schaffte, was mit dem reversed-grid Format eher schwierig umzusetzen ist. Schon überraschend, wenn man an sein eher schwieriges Jahr 2021 denkt und mit einbezieht, dass es sich bei Cupra um einen reinen Werkseinsatz handelt, zumal sein Drive erst ca. eine Woche vor Saisonstart publik wurde.
In der Tabelle zeichnet sich wie eingangs erwähnt langsam ein etwas klareres Bild ab, zumindest an der Spitze. Azcona hat mit den drei Siegen bereits 30 Punkte Vorsprung auf Gilles Magnus, der übrigens im zweiten Lauf nicht über Platz 11 hinaus kam, was nach dem ersten Rennen schon etwas überraschte. Die Chancen dürften nicht schlecht stehen, dass der Vorsprung noch etwas größer wird, da durch die eher mittelmäßige Pace in der Qualifikation, Zusatzgewicht bei Hyundai vorerst nicht zu erwarten ist. Nochmal der Hinweis: In diesem Jahr zählt nur noch die Pace im Qualifying als Referenz für die BOP.
Dahinter sind die Abstände nur marginal. Bester Lynk & Co. Ist etwas überraschend Santiago Urrutia, hatte man doch hier die letzten Jahre immer konstant auf Ehrlacher gesetzt. Auch Huff ist durch die gute Phase mit drei Podien am Stück nun Vierter in der Tabelle. Honda droht durch unkonstante Ergebnisse erneut den Anschluss in Sachen Meisterschaft zu verlieren.
Weiter geht es am kommenden Wochenende in Vila Real, wo die Meisterschaft nach zwei Jahren Pandemiepause wieder zurück ist. Der Kurs gehört weltweit zu den wohl attraktivsten Stadtkursen und liefert immer spektakuläre Tourenwagenrennen. Danach geht es in Vallelunga weiter, wonach im August ein Rennen auf einer eher unbekannten Strecke im Elsass folgen soll. Generell gibt es im Rennkalender eine Vielzahl an Ungewissheiten, da es mit Rennen im chinesischen Raum (in diesem Fall Ningbo und Macau) pandemiebedingt nach wie vor schwierig aussieht. Außerdem steht noch zur Diskussion ob und wo möglicherweise die Rennen vom Nürburgring nachgeholt werden. Am einfachsten dürfte es wohl sein, ähnlich wie in der Pandemiesaison 2020 für zwei Wochenenden zum alten WTCR Format mit drei Rennen zurückzukehren. Dazu dürft es in den kommenden Wochen etwas Klarheit geben!
Bildquelle: WTCR Media (https://www.fiawtcr.com/de/photos/?fid=1826-wtcr-race-of-spain-2022)
