Eine Disqualifikation und eine Strafe wegen eines Wechsel von Motorkomponenten konnten Lewis Hamilton nicht vom Sieg abhalten. Das bemerkenswerteste des Wochenendes war aber der Speed von Mercedes.
Vor dem Rennen bin ich davon ausgegangen, dass Red Bull in São Paulo für eine Vorentscheidung sorgen kann. Die Strecke liegt dem Red Bull und der Honda-Motor ist auch nicht mehr schlechter als der von Mercedes. Die erste Überraschung gab es aber schon in Qualifikation für das Sprint-Rennen. Statt Verstappen stand Hamilton auf der Pole und das mit satten 4 Zehntel Vorsprung vor dem Niederländer. Das war schon eine echte Überraschung und eine Analyse der Daten zeigte, dass der Brite vorwiegend auf den Geraden Zeit gutmachen konnte. Schätzungsweise bis zu 5 Zehntel alleine auf der langen Start/Ziel auf der man auch rund 20 km/h schneller war. Das warf Fragen auf, vor allem bei Red Bull. Dort vermutet man, dass man bei Mercedes mit dem Heckflügel trickst und Komponenten verwendet, die sich unter Belastung mehr vorformen, als sie sollten.
Tatsächlich war die Freude bei Mercedes sehr kurz. Denn am Samstag gab die FIA bekannt, dass der Heckflügel bei Hamilton nicht regelkonform war. Der DRS-Slot darf nicht mehr als 85 mm betragen, aber das war beim Mercedes der Fall. Laut FIA waren es 0,2 mm zu viel. Aber wie immer – auch wenn es nur 0,05 mm gewesen wären, hätte eine Disqualifikation erfolgen müssen. Warum sich der Slot mehr öffnete als er sollte, ist allerdings noch ungeklärt. Die FIA geht von einem technischen Versagen aus. Viel gebracht hätten die 0,2 mm natürlich nicht. Die Mercedes waren auch so deutlich schneller.
Aber für Hamilton bedeutete die Entscheidung der FIA, dass er seine Pole für das Sprint-Rennen verlieren würde und stattdessen Verstappen auf P1 stand. Zur Entspannung von Mercedes gewann allerdings Bottas den Sprint, in dem er den Red Bull am Start hinter sich lassen konnte. Aber das Rennen am Samstag zeigte, wie stark die Mercedes waren. Hamilton standen 24 Runden zur Verfügung und die nutzte er. Innerhalb weniger Runden lag in den Top Ten und am Ende schaffte er es sogar auf P5. Das war mehr, als man erwarten konnte. Aber das war nicht seine Startposition, denn weil Mercedes ihm einen frischen Motor gegeben hatte, musste er fünf Plätze zurück und konnte nur von P10 starten.
Für Mercedes sprach, dass Bottas auf der Pole stand. Die ideale Situation war also gegeben und der Finne hätte von vorne das Tempo vorgeben können. Aber offenbar ist der zweite Startplatz in Brasilien der bessere. Im Sprint schnappte sich Bottas Verstappen, im Rennen war genau umgekehrt. Und es wurde für Mercedes nicht besser, als Perez auch noch an Bottas vorbeiging. Derweil hatte sich aber Hamilton schon auf P6 nach vorne gefahren und in der fünften von 71 Runden lag er schon auf P3, rund 5 Sekunden hinter Verstappen. Eine SC-Phase (es lagen Teile auf der Strecke) half dabei. In Runde 18 passierte der Brite dann Perez, der sich gegen den Topspeed des Mercedes nur einmal kurz wehren konnte. Damit war das Rennen dann komplett offen.
Was folgte, waren ein knapp 40 Runden langer Zweikampf der zurzeit vielleicht besten Fahrer in der Formel Eins. Verstappen fuhr mit dem etwas langsameren Red Bull ein brillantes Rennen. Bis zum ersten Stopp konnte er Hamilton aus dem DRS-Fenster halten und für einen Moment sah es aus, als ob der Vorteil der Mercedes in der Dirty Air des Red Bulls verschwand. Die beiden Spitzenteam entschieden sich für frühe Stopps, die man zwischen Runde 25 und 27 erledigte. Man setzte auf die harten Reifen, aber nach dem Sprint-Rennen war auch klar, dass man noch mal würde stoppen müssen.
Aber auch nach dem Stopp änderte sich an der Reihenfolge vorne nichts und Hamilton konnte Verstappen nicht zwingend unter Druck setzen. Beim zweiten Stopp hatte Red Bull Angst vor einem Undercut der Mercedes. Man holte den Führenden in Runde 39 rein. Mercedes wartete ein wenig, wohl auch aus der Befürchtung, dass man bei einem frühen Stopp am Ende Probleme mit den Reifen bekommen würde. Gleichzeitig konnte man aber auch nicht zu lange warten, denn so groß waren die Abstände nach hinten auch nicht. Hamilton kam drei Runden nach Verstappen und damit war der Kampf um den Sieg dann eröffnet.
Zwar hatte sich Verstappen knapp 3,5 Sekunden Vorsprung herausgefahren, aber den fuhr Hamilton innerhalb weniger Runden wieder zu. Der sich dann entwickelnde Zweikampf zwischen den beiden WM-Kandidaten war spannend und fair. Der einzige strittige Moment ergab sich, als Hamilton es in T4 außen versuchte. Beide waren spät auf der Bremse und Verstappen rutschte auf der Innenseite etwas von Apex weg, weil er etwas zu schnell war. Als Folge mussten beide den Notausgang nehmen, was zu kurzen Diskussionen führte. War das etwa Absicht von Verstappen?
Leider zeigte die Regie nicht die Onboard-Aufnahmen von Verstappen. Da hätte ich gerne die Lenkbewegung gesehen. Von außen sah es allerdings so aus, als sei er eben etwas zu schnell gewesen und der Red Bull nach dem Einlenken ins Rutschen kam. Die Rennleitung hat sich das Material aber sehr wohl angesehen und kam zum Schluss, dass keine Absicht vorlag. Da kann man mit leben.
Zumal Hamilton sich nicht beirren ließ und in Runde 59 an gleicher Stelle noch mal ansetzte. Dieses Mal mit Erfolg. Es war ein erstaunliches Rennen des Briten, dem allerdings auch zugutekam, dass es eben zwei Rennen am Wochenende gab. Wäre die Disqualifikation nach einer Quali am Samtag erfolgt, hätte er das Rennen von P20 starten müssen. Da hätten seine Chancen auf den Sieg nicht gut ausgesehen. Auf dritten Platz trudelte Bottas ein, dahinter lag Perez.
Ansonsten gab es in den Top Ten wenig zu vermelden. Zur Abwechslung war es an der Spitze spannend, weiter hinten eher nicht so. Die Ferraris lieferten ein solides Wochenende ab und landeten auf P5 und P6. Viel Druck hatten beide Fahrer nicht. Die McLaren konnten erneut das Tempo der Roten nicht halten. Dazu kam, dass Lando Norris am Start mit Sainz touchierte und sich einen Reifen aufschlitzte. Das warf ihn weit nach hinten, aber immerhin konnte er am Ende noch einen Punkt ergattern. Ricciardo war in der Quali zum Sprint-Rennen erneut schneller als Norris, was darauf hinweist, dass er seine Probleme mit dem McLaren endgültig behoben hat. Im Rennen fiel er mit einem Motorproblem aus. Das war schlecht für McLaren, denn jetzt beträgt der Vorsprung von Ferrari schon 31,5 Punkte. Das wird schwer aufzuholen sein, selbst wenn beide Ferrari mal ausfallen sollten.
Pierre Gasly rette für Alpha Tauri mit P7 wichtige Punkte, dahinter lagen dann beide Alpine. Die hatten ein enges Rennen mit Gasly und sowohl Alonso als auch Ocon versuchten sich an Gasly, mussten sich aber geschlagen geben. Immerhin kamen beide Alpine mal wieder in die Punkte. Das war auch nicht ganz unwichtig, denn Alpine und Alpha Tauri haben exakt die gleiche Anzahl an Punkten in der WM. In den Top Ten wären die Aston Martin auch gerne gelandet. Aber Stroll leidet weiter an einer merkwürdigen Formschwäche und bekommt nichts auf die Reihe. Vettel startete in den Top 10, musste aber Alonso passieren lassen. Somit gab es keine Punkte für die Aston.
Verstappen hat noch 14 Punkte Vorsprung, aber angesichts der nun wieder schnellen Mercedes könnte das für die WM nicht ausreichen. Die letzten drei Rennen stehen nun auf dem Programm. Schon am nächsten Wochenende geht nach Katar und da ist die F1 bekanntermaßen noch nicht gefahren. Allerdings liegen genug Simulatordaten vor, denn neu gebaut ist die Strecke ja nicht. Es folgt dann allerdings Saudi-Arabien, da ist noch keiner gefahren. Wer auf diesen Strecken das bessere Auto hat, ist schwer einzuschätzen.
Bilder: Alfa Romeo, Alpine F1, Aston Martin, Daimler AG, Ferrari, Haas F1, McLaren, Williams F1



























