Es war eigentlich eine klare Sache für Mercedes. Wären da nicht die Pirelli Reifen gewesen.
Die Abstände nach der Qualifikation waren deprimierend. Eine ganze Sekunde fehlte Max Verstappen auf Pole-Setter Lewis Hamilton. Der Rest des Feldes war noch weiter weg. McLaren und Racing Point: 1.5 Sekunden. Renault: 1.7 Sekunden. Nur Ferrari überraschte ein bisschen, da deren Abstand „nur“ 1.2 Sekunden betrug. Da hatte man mehr erwartet. Ein Blick zurück ins letzte Jahr. Ferrari war 0,079 Sekunden hinter den Mercedes, Verstappen 0,183 Sekunden. Renault 1 Sekunde.
Das Überraschende an der Sache ist aber, dass abgesehen von Mercedes und McLaren, fast niemand die Zeiten aus dem letzten Jahr erreichen konnte. Hier als Übersicht:
| 2019 | 2020 | |
|---|---|---|
| Mercedes | 1:25.093 | 1:24.303 |
| Red Bull | 1:25.276 | 1:25.325 |
| Ferrari | 1:25.172 | 1:25.427 |
| Renault | 1:26.182 | 1:26.009 |
| McLaren | 1:26.224 | 1:25.782 |
| Racing Point | 1:26.928 | 1:25.839 |
Das Problem der diesjährigen Formel Eins ist damit gut zusammen gefasst. Red Bull und Ferrari haben mächtig verwachst. Dabei kommt Red Bull noch ein bisschen besser, aber im Grunde hat nur Mercedes einen Schritt nach vorne gemacht. Sieben Zehntel sind zwar schon eine überraschend große Entwicklung für ein Jahr, in dem es keine neuen technischen Regeln gibt, aber ebenso erstaunlich ist es, dass die beiden Verfolger keine Fortschritte gemacht haben. Das führt dann am Ende zu der Situation, wie wir sie haben.
Die Vorteile nimmt Mercedes auch mit ins Rennen. Das wird besonders nach dem Start und den Restarts deutlich. Offenbar geben die Ingenieure dann die volle Leistung des Motors frei und den beiden Piloten gelingt es schnell den DRS-Abstand herauszufahren. Sobald das erreicht ist, nimmt Mercedes dann wieder Leistung weg. Im Rennen war man dann im Schnitt 0,6 Sekunden pro Runde schneller als Verstappen. Man ist aber in der Lage jederzeit zuzulegen und die 1.2 Sekunden aus der Quali finden sich dann auch im Rennen wieder. Red Bull kann also keinen Druck ausüben, auch nicht über die Strategie, so wie das im letzten Jahr öfter gelang.
Ferrari war, zumindest mit Charles Leclerc, in Silverstone, schon fast überraschend schnell. Ich hatte sie vor dem Rennen hinter Racing Point und McLaren gesehen. Aber die Italiener hatten ein Update fürs Heck mit gebracht und die schienen, zumindest bei Leclerc, zu funktionieren. Der Ferrari lag zwar klar hinter dem Red Bull, aber ein bisschen vor McLaren. Verwundert war ich aber über den Abstand von Vettel. Das er mal eine Quali verhaut – ok. Aber die Zeiten im Rennen waren auch schlechter, was eher ungewöhnlich ist. Eventuell hatte Ferrari nur ein Update für ein Auto dabei.
Der einzige Hoffnungsschimmer für die Verfolger war die beiden Reifenplatzer der Mercedes in den letzten Runden. Ferrari kam ohne durch, bei Red Bull war es wohl knapp vorne rechts. Aber das Hamilton und Bottas beide Reifenschäden hatten, war schon erstaunlich. Immerhin konnten die beiden vorne die meiste Zeit Gas rausnehmen. Der Riss in der Rüstung von Mercedes könnte also „Reifenverschleiß auf schnellen Kursen“ heißen. Auf der anderen Seite: Mercedes hätte im Rennen das Risiko minimieren können. Hätte man nur 2 Zehntel pro Runde zugelegt, hätte man problemlos den Abstand für einen Boxenstopp herausfahren können.
Ein bisschen Diskussionen gab es nach dem Rennen zum letzten Stopp von Verstappen, der drei Runden vor Schluss erfolgte. Er kam, nachdem Bottas seinen Reifenschaden hatte. Aber hätte man nicht gestoppt, dann wäre der Sieg drin gewesen, da Hamilton seinen Reifenschaden ja in der letzten Runde hatte. Ob der linke Vorderreifen von Verstappen aber gehalten hätte, ist dann wieder eine andere Frage. Der Niederländer selber war da skeptisch.
Die Geschichte des Wochenendes schrieb allerdings Racing Point. Am Donnerstag gegen halb drei musste Sergio Perez sein Team darüber informieren, dass er positiv auf Covid-19 getestet wurde. Auch der zweite Test fiel positiv aus. Ihm geht es, soweit wir wissen, aber bisher gut.
Das Team musste nun aber schnell Ersatz finden. Dafür hatten sie dann aber nur 18 Stunden Zeit. Vandoorne fiel als Ersatz aus, weil er Mittwoch in Berlin bei der Formula E fahren muss. Der zweite Ersatzpilot, Esteban Guiterrez ist nie für RP gefahren. Otmar Szafnauer hatte aber eine Idee: Nico Hülkenberg. Als langjähriger Force India Fahrer kennt er das Team und die aktuellen Autos. Denn wenn man es genau nimmt, hat der Deutsche bisher nur die Wintertests und die ersten drei Rennen verpasst.
Hülkenberg ereilte der Anruf gegen 16 Uhr in seiner Heimat Monaco. Zwei Stunden später saß er in einem Privatjet auf dem Weg nach Silverstone. Racing Point baute ein Ersatzchassis auf, der Sitz wurde provisorisch angepasst, ebenso die Kopfpolster. Um 10 Uhr am nächsten Tag saß Hülkenberg im Auto, nachdem sein Corona Test negativ ausgefallen war.
Erstaunlicherweise war der Deutsche schnell wieder im Rhythmus. Seine Rundenzeiten waren gut, er lag meist nur zwei, drei Zehntel hinter Lance Stroll. In der Quali kann man die Zeiten gut vergleichen, weil beide Autos mit den gleichen Einstellungen, Gewicht usw. unterwegs sind
Q1:
Stroll: 1:26.243
Hulk: 1:26.327
Q2:
Stroll: 1:26.501
Hulk: 1:26.566
Hülkenberg scheiterte an Q3 um gerade 65 Tausendstel. Das ist schon beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er 48 Stunden vorher noch auf dem Sofa gesessen hat, das Auto nicht kennt und in Sachen Sitz und Headrest mit einem Provisorium vorlieb nehmen musste. Das Team war beeindruckt, die Konkurrenz auch.
Um so frustrierender war dann der Sonntag. Der Motor wollte nicht anspringen und damit konnte Hülkenberg nicht starten. Das Pech, das den Deutschen durch fast seine gesamte Karriere begleitet hat, schlug bei seinem Comeback erneut zu. Allerdings wird er vermutlich eine zweite Chance bekommen. Die FIA gibt nach einem positiven Test eine Quarantänezeit von mindestens 10 Tagen vor. Damit würde Perez für das Rennen am kommenden Wochenende ebenfalls ausfallen. Allerdings ist der Einsatz von Hülkenberg bisher nicht offiziell vom Team bestätigt. Es wäre aber überraschend, wenn Racing Point sich gegen den Deutschen entscheiden würde. Zumal es nicht sicher ist, ob Perez in Spanien antreten kann.
Enttäuschend war allerdings auch die Pace von Racing Point. Fast alle hatten darauf getippt, dass Mercedes und RP die vorderen Plätze belegen würde. Davon war RP aber weit entfernt. Stroll rutschte gerade so in Q3 und im Rennen hatte er wenig zu melden. Dabei fuhr der Kanadier ein wirklich kämpferisches Rennen, in dem er sich mit beiden McLaren und den Renault auseinandersetzen musste. Am Ende musste er sich aber nicht nur denen, sondern auch Gasly im Alpha Tauri und dem von hinten anstürmenden Alex Albon beugen.
McLaren war am Wochenende stark, aber Renault gelang eine kleine Überraschung. Die Franzosen brachten beide Autos in Q3. Im Rennen lief es zunächst zäh, aber gegen Ende hatten beide Renault mehr Reserven, als die McLaren. Sainz ereilte ein Reifenplatzer, Ricciardo konnte Norris in den letzten Runden niederringen. Viel (1,2 Sekunden) fehlten dem Australier am Ende dann auch nicht auf Leclerc auf P3.
Auch wenn es vorne eine eher eintönige Sache war, die nur durch die beiden Reifenschäden der Mercedes spannend war – der Kampf im Mittelfeld war sehr spannend. Das wird dann auch sicher nächste Woche wieder der Fall sein.
Bilder: Daimler AG, Ferrari, McLaren, Renault, Racing Point, Williams, HaasF1, Alfa Romeo





















2 Kommentare
RP hat wirklich nicht geglänzt, aber STR hat es mit Medium in Q3 geschafft und ist daher mit Medium gestartet. Das frühe SC durch den Unfall von KVY seine Strategie gekillt.
KVY hatte definitiv einen Reifenschaden: https://mobile.twitter.com/AlphaTauriF1/status/1290724862051459073
Besonders beeindruckend finde ich den Funk zwischen HAM und Bono in der letzten Runde. Ohne Bilder würde man denken es ist ein FP1 oder so. Beide sehr ruhig, fokussiert ohne jegliche Hektik: https://www.formula1.com/en/latest/article.watch-and-listen-to-hamilton-fight-for-survival-on-last-lap-of-british-gp.4Ok89xPidk3Bv69d7ra4nT.html
Perez in Barcelona oder nicht, ist denn mittlerweile sicher ob in Barcelona überhaupt gefahren wird bzw. werden kann? Speziell was die wieder verschärften Beschränkungen und vor allem die zweiwöchige(?) Quarantäne für Einreisende aus nicht-EU-Ländern (Grossbritannien…) angeht war das doch zuletzt noch einigermassen unklar, oder nicht?
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