Ein Jahr nach den schweren Erdbeben in und um Kumamoto kehrt die Super Formula erstmals seit 2015 wieder auf den hübschen wie auch anspruchsvollen Autopolis Circuit zurück. Erneut im Gepäck: Die weiche Reifenmischung von Yokohama, welche bereits in Motegi für einen unterhaltsamen Mehrwert sorgte.
Besser hätte sich Honda das zwanzigjährige Jubiläum des hauseigenen Twin Ring Motegi Anfang August nicht vorstellen können. Nach einem unterhaltsamen wie auch leicht dramatischen Rennen obsiegte ausgerechnet der amtierende Formel-2-Meister und Red-Bull-unterstützte Pierre Gasly – und mit ihm kamen die internationalen Schlagzeilen. Fast wäre es in Motegi jedoch zu einer anderen Sensation gekommen. Denn über große Strecken der rund 250-Kilometer-Hatz führte Kamui Kobayashi, der seit seinem Wechsel zu KCMG das ursprünglich aus Hong Kong stammende Team zu für sie in Nippon bislang unbekannten Höhen verhilft. Ausgerechnet ein Fehler beim Boxenstopp kostete dem Toyota-Werksfahrer jedoch die Führung. Am Ende musste er sich mit dem Silberrang begnügen, womit Kobayashi nicht nur sein bislang bestes Super-Formula-Resultat wiederholte, sondern gleichzeitig auch die bislang beste Platzierung für die KCMG-Mannschaft einfuhr. Es dürfte dennoch ein bittersüßer Moment für den Japaner gewesen sein, der laut eigener Aussage beim vermasselten Boxenstopp im Auto nur ironisch lachen konnte. Es war bereits der zweite Fauxpas, der eine bessere Position verhinderte, nachdem man am Fuji wegen eines abfallenden Benzindrucks eine mögliche Podiumsplatzierung verpasste. Einziger Trost: Die ansonsten gute Performance des Teams, wahrliche eine der dicksten Überraschungen in diesem Jahr.
Es ist eine emotionale Rückkehr der Super Formula nach Kyūshū. Im vergangenen Jahr musste der Lauf in der Autopolis wegen der schweren Erdbeben in und um Kumamoto abgesagt werden, als auch die rund 30 km entfernt liegende Strecke sowie die umgebenden Zufahrtsstraßen Schäden erlitten. Im Mai dieses Jahres feierte die Super GT ihre Rückkehr nach Kyūshū. Das Motto des Super-Formula-Comebacks dürfte ein ähnliches sein: Den Fans vor Ort ein unterhaltsames Wochenende liefern, das von den Alltagsproblemen ablenken soll. Denn bis dieser wieder in die Umgebung einkehrt, dürfte noch eine Zeit verstreichen. Der hübsch in die Natur eingebundene Autopolis Circuit ist eine Rennstrecke nahe der Kleinstadt Kamitsue (Ōita-Präfektur), direkt im Nationalpark von Aso Kujiyu. Kamitsue liegt rund 30 km nordöstlich von Kumamoto und ist mit 1258 Einwohnern (Stand 2003) relativ klein, was sich wie auch beim Twin Ring Motegi in einer schlechten örtlichen Infrastruktur wiederspiegelt. Um die Strecke herum sowie in Kamitsue gibt es nur wenige Hotels, weshalb die Besucher sich auf längere An- und Abfahrten einstellen müssen. Die Situation hatte sich nach der Eröffnung der Strecke 1990 zwar ein wenig gebessert. Das Ziel, die Formel 1 nach Autopolis zu holen, ist den Streckenbetreibern allerdings nie geglückt, obwohl man sogar in den Jahren 1990 und 1991 die Wagen von Benetton als Sponsor verzierte. Als bisher einzige international sehr große Rennserie fuhr die FIA Sportwagen-Weltmeisterschaft 1991 als finalen Saisonlauf ein 430-Kilometer-Rennen in Autopolis, das Michael Schumacher und Karl Wendlinger in einem Mercedes-Benz C291 gewannen.
Seitdem machte die Strecke viele finanzielle Krisen durch, bis sie letztlich 2005 von Kawasaki gekauft wurde. Neben der Super Formula sind seit 2003 nahezu jährlich die Super GT sowie der D1 Grand Prix, die Super Taikyu und die MJF Superbike in Autopolis unterwegs. Die Strecke ähnelt wie viele der japanischen Kurse einer kleinen Achterbahnfahrt, schön eingebettet in die Natur, mit einem hübschen Ausblick. 12 Kurven ergeben auf 4,674 km, bei einer Renndistanz von rund 252 km, 54 technisch anspruchsvolle Runden. Da die Strecke im Hochland der Insel Kyūshū angesiedelt ist, ist die Luft relativ dünn, was sich auf Motorleistung sowie das Grip-Niveau auswirkt. Zudem besitzt die Berg- und Talfahrt Höhenunterschiede von bis zu 52 Metern. Während der erste Teil des Kurses quasi bergab führt, geht es im zweiten Teil wieder etwas hinauf. Die Strecke gilt aufgrund ihrer Charakteristik als besonders anspruchsvoll für Reifen und Material.
Im Folgenden eine Onboard-Runde mit Hiroaki Ishiura aus dem Jahr 2015:
Der reifenmordende Umstand stellt gleichzeitig auch das größte Fragezeichen an diesem Wochenende auf. Denn es wird der erste Super-Formula-Auftritt von Reifenhersteller Yokohama in der Autopolis sein, die 2016 als Alleinausstatter Bridgestone ablösten. Zwar testeten die Teams im Vorfeld mehrfach auf dem Kurs. Auf Erfahrungswerte unter Rennbedingungen können sie allerdings nicht zurückgreifen. Dies gilt selbstredend für beide Reifenmischungen, die jeweils einmal im Rennen zum Einsatz kommen müssen. Der optionale weiche Reifen kommt an diesem Wochenende zum vorerst letzten Mal in dieser Saison zum Einsatz. Die erste Bilanz nach Motegi fiel durchaus positiv aus. Nicht nur war der rotmarkierte Pneu spürbar schneller als sein Medium-Pendant. Er sorgte auch für einen sehr unterhaltsamen Mehrwert auf der Strecke. Hierbei sei insbesondere Koudai Tsukakoshi zu erwähnen, der nach Startschwierigkeiten von der letzten Position ins Rennen ging, anschließend aber durch selbiges pflügte. So viele Überholmanöver hatte der Zwillingsring in den letzten drei Jahren nicht gesehen. Anders als die Konkurrenz entschloss sich der Real Racing-Pilot für eine Zwei-Stopp-Strategie, die ihn zunächst bis in die Punkteplatzierung spülte, aus denen er nach dem zweiten Boxenbesuch jedoch wieder herausfiel. Für Tsukakoshi war klar: Ohne die Probleme am Start wäre mit Punkten aus der Tochigi-Präfektur abgereist.
Das Thema Reifenverschleiß spielte in Motegi keine allzu große Rolle, obgleich ein Unterschied zwischen den beiden Spezifikationen zu erkennen war. Laut Yokohama soll dieser in der Autopolis deutlich stärker ausfallen, was selbstredend auch auf die Streckencharakteristik zurückzuführen ist. Dieser Umstand könnte, je nach gewählter Strategie der elf Teams, große Auswirkungen auf den Rennverlauf haben. So verkamen die letzten beiden Rennen auf den Autopolis Circuit zu einer strategischen Prozession, da insbesondere auf dieser Bahn das Überholen wegen der sehr hohen Downforce des SF14-Boliden schwerfällt. Dass der weiche Optionsreifen aushelfen kann, wurde in Motegi bewiesen. Unklar ist jedoch, wie lange dieser letztlich im Renntrimm durchhalten wird. Ausgehend von einem normalen Rennverlauf liegt das Boxenstoppfenster zwischen Runde sechs und 40 der insgesamt 48 Umläufe. Keine Frage: Die Fahrer und Teams stehen vor einigen strategischen Überlegungen an diesem Wochenende. Zumindest eine nahm ihnen die Japan Race Promotion (JRP) etwas überraschend ab.
Wie nämlich diesen Freitag verkündet wurde, müssen im ersten der drei Qualifikations-Segmente die Medium-Reifen zum Einsatz kommen. Die Entscheidung sorgte für viele verwunderte Gesichter im Fahrerlager, da den Teams dadurch eine essentielle, taktische Komponente genommen wurde. Zwar möchte die JRP erst am Samstag auf ihrer an jedem Rennwochenende stattfindenden Pressekonferenz ein Statement zu der kurzfristen Regeländerung ausgeben. Innerhalb des Paddocks geht man allerdings davon aus, dass diese auf die lediglich zwei frischen Soft-Sets zurückzuführen ist. In Motegi standen den Teams hingegen insgesamt drei neue Sets an weichen Yokohama-Pneus zur Verfügung. Hierbei wird allerdings missachtet, dass alle Teams dennoch mit drei frischen Sets in die Autopolis reisen, da wegen des Starkregens in Motegi das Qualifying nach Ende von Q1 auf den Rennsonntag verschoben wurde. Zudem war die Reifenverteilung seit dem Rennen auf dem Fuji Speedway Anfang Juli bekannt, was wohl zur verwunderlichen Reaktion im Autopolis-Fahrerlager beigetragen haben dürfte. Genügend Vorbereitungszeit war somit vorhanden.
Nach dem starken Auftritt beim Heimspiel erhofft sich das Honda-Lager selbstredend eine Wiederholung des Motegi-Triumphs. Die Statistik spricht jedoch eine andere Sprache. So datiert der letzte Autopolis-Erfolg auf den Doppelsieg von Koudai Tsukakoshi und Takuzya Izawa für Docomo Dandelion Racing ins Jahr 2012 zurück. Seitdem dominierte das Toyota-befeuerte TOM’s-Duo André Lotterer (2013 und 2014) sowie Kazuki Nakajima (2015) die Naturbahn. Entsprechend geht das Gespann auch an diesem Wochenende mit der Favoritenrolle ins Rennen. Insbesondere Auftaktsieger Kazuki Nakajima hat einiges an Boden gutzumachen, nachdem er in Motegi zum wiederholten Male in dieser Saison punktlos blieb und auf den sechsten Tabellenrang mit 11,5 Zählern Rückstand auf Spitzenreiter Hiroaki Ishiura abgerutscht ist. Dieser luchste André Lotterer die Meisterschaftsführung mit einem sensationellen Rennen am Zwillingsring ab, als er nach einer verkorksten Qualifikation vom 17. Startplatz auf den vierten Platz vorfuhr. 2015 zelebrierte Ishiura einen Silberrang in der Autopolis. Ein Jahr zuvor gelang diese Platzierung seinem Teamkollegen sowie derzeitigen Titelverteidiger Yuji Kunimoto, der nach einem soliden Saisonstart lediglich nur noch am Fuji punkten konnte. Die derzeitige Bilanz: Ein enttäuschender neunter Tabellenrang mit lediglich sieben Meisterschaftszählern. Autopolis könnte somit die letzte Ausfahrt für den 26-jährigen Japaner bei der Mission Titelverteidigung darstellen. Der gebürtige Duisburger Lotterer kam in Motegi derweil nicht über den siebten Rang hinaus, nachdem er wegen eines vermeidbaren Unfalls mit Takuya Izawa mit einer Durchfahrtsstrafe belegt wurde.
Nach dem Silberrang streben Kamui Kobayashi und KCMG nach mehr. Der nächste Streich könnte bereits an diesem Wochenende folgen, zumal die kleine Truppe quasi auf Anhieb mit den weichen Reifen zurechtkam. Dass die hübsche Naturbahn Kobayashi liegt, hat er 2015 mit einem dritten Platz bewiesen. Impul-Pilot und letztjährige Rookie-Sensation Yuhi Sekiguchi betritt an diesem Wochenende hingegen Neuland, da er abseits der Testfahrten noch keine Rennrunden mit einem Super-Formula-Boliden auf dem Autpolis Circuit drehte. Auf dem fünften Tabellenrang mit 15 Zählern liegend, befindet sich der aus Tokyo stammende Japaner noch in Schlagdistanz zu Tabellenführer Ishiura. Ähnlich Sekiguchi ergeht es auch den diesjährigen Rookies Jann Mardenborough sowie Kenta Yamashita und Nick Cassidy, die allesamt zwar auf Formel-3- sowie Super-GT-Erfahrung auf der Strecke zurückgreifen können, an diesem Wochenende aber dort ihre Super-Formula-Premiere feiern. Insbesondere Yamashita dürfte auf Revanche aus sein, nachdem er zuletzt seine allererste Pole-Position lediglich auf dem sechsten Platz hinter Teamkollege Nick Cassidy endete. Absolutes Neuland betreten derweil Motegi-Sieger Pierre Gasly sowie Felix Rosenqvist, die im Gegensatz zu ihren Rookie-Kollegen auf keine vorherige Autopolis-Erfahrung zurückgreifen können. Der rasende Schwede kam in Motegi auf dem Bronzerang ins Ziel, nachdem er von der sechsten Position ins Rennen ging, womit er abermals seine Qualitäten unter Beweis stellte. Seine bisherigen Top-Resultate sorgten zudem dafür, dass er sich mit 16,5 Punkten auf dem derzeit dritten Tabellenrang inmitten des heiß umkämpften Meisterschaftskampfes wiederfindet. Eine Position dahinter befindet sich Pierre Gasly mit 15 Zählern.
Im Vorfeld erklärte Honda, dass die Charakteristik des Autopolis Circuit eher zum eigenen Turbo-Aggregat passen würde. Nach dem Sieg in Motegi lässt sich allerdings bestätigen, dass die neuste Ausbaustufe des selbigen auch beim Heimspiel, bei dem man sich zunächst nur geringe Hoffnungen ausrechnete, den benötigten Schub lieferte. Das Momentum möchte insbesondere Naoki Yamamoto nutzen, nachdem sein Teamkollege Pierre Gasly den ersten Honda-Erfolg in der Super Formula seit Yamamotos Suzuka-Auftaktsieg im Jahr 2016 feierte. Den ersten Grundstein legte er bereits in der Trainingseinheit am Freitag, die aufgrund der zum Einsatz kommenden Gebrauchtreifen jedoch nur bedingt als Ausblick auf das Wochenende dient. Im Gegensatz zur Konkurrenz zog der Champion von 2013 in letzter Minute einen Satz weicher Yokohama-Pneus auf – und brannte mit 1:27.423 die absolute Bestzeit in den Asphalt. Damit war er allerdings fast eine Sekunde langsamer als der von ihm aufgestellte Streckenrekord im Jahr 2014 (1:26.469). Mit großer Sicherheit werden die Zeiten während der Qualifikation aber purzeln. Nach ihren guten Performances zählen neben Yamamoto und Gasly auch Koudai Tsukakoshi sowie Takuzya Izawa zum Favoritenkreis aus dem Honda-Lager auf die Top-Positionen.
News: Neuigkeiten zum möglichen Einsatz von DRS
Wie wir bereits in unserer ausführlichen Motegi-Vorschau berichteten (weitere Hintergründe und Informationen lassen sich aus dieser entnehmen), nahm der japanische Automobilverband JAF dass aus der Formel 1 bekannte Drag Reduction System (DRS) ins technische Reglement der Super Formula für 2018 auf. Im Rahmen des vierten Saisonlaufs gab JRP-Präsident Akira Kurashita einen kurzen Kommentar diesbezüglich ab. So gäbe es derzeit keine konkreten Pläne, DRS in der Super Formula einzuführen. Stattdessen dient die Reglementänderung lediglich der Erprobung des „Klappflügel-Systems“ im kommenden Jahr. Ob DRS lediglich bei Testfahrten oder ähnlich der weichen Reifenmischung als eine Art Testballon auch während eines Saisonrennens erprobt wird, sagte er hingegen nicht. Kurashitas Aussage bestätigt jedoch die von mir in der Motegi-Vorschau aufgestellte Vermutung, dass eine finale Entscheidung in diesem Fall noch lange nicht getroffen wurde. Fest steht lediglich, dass 2019 der neue Super-Formula-Bolide eingeführt werden soll.
TV-Zeiten Autopolis
Trotz Hurrikan Irma wird die Premium-Streaming-Plattform Motorsport.tv, die ihren Sitz in Miami, Florida hat, auch diesen Sonntag das Super-Formula-Rennen auf dem Autopolis Circuit live übertragen. Wie zuletzt wird der englische Kommentar von Tom Gaymor jedoch wohl erneut lediglich der Video-on-Demand-Variante der Übertragung hinzugefügt werden. In Japan überträgt der Pay-TV-Sender J Sports 3 die Qualifikation am Samstag ab 6:30 Uhr live. Am Sonntag muss hingegen etwas früher aufgestanden werden. Dann beginnt J Sports 3 nämlich bereits um 5:40 Uhr mit der Übertragung. Der Rennstart erfolgt 25 Minuten später um 6:05 Uhr deutscher Zeit. Kurz zuvor wird sich auch der der japanische Free-TV-Sender BS Fuji in die Übertragung einklinken. Trotz der hohen Luftfeuchtigkeit wird sich das Wetter mit spätsommerlichen Temperaturen um die 27 Grad und lediglich einem geringen Regenrisiko präsentieren.
Copyright Photos: Japan Race Promotion
