Der Sieg von Sebastian Vettel ist keine Überraschung, nachdem Ferrari bei den Tests so gut war. Aber tatsächlich war der Deutsche gar nicht schneller als Hamilton.

Die Ausgangslage nach der Qualifikation war durchaus vielversprechend. Mercedes holte sich zwar die Pole, aber der Abstand zu Ferrari war deutlich kleiner als im letzten Jahr. Die drei Zehntel Vorsprung zeigten, dass Mercedes zwar immer noch das schnellste Auto auf eine Runde hat, aber Ferrari ist dran, vor allem in den Long Runs. Interessant war auch ein Blick in die Sektoren. Denn dort konnte man sehen, in der Quali wie im Rennen, dass Mercedes im ersten Sektor die Nase vorne hatte. Also in jenem Sektor, in dem es vor allem um den Topspeed geht. Im zweiten Sektor lagen beide Teams gleich auf, im letzten Sektor hatte aber Ferrari das schnellere Auto.

Das zeigte, dass Ferrari dort mehr Abtrieb hatte, und insgesamt sah man, dass der SF70H gegenüber dem W08 leichte Vorteile hatte. Der Wagen schien ruhiger zu liegen und nahm mehr Speed aus den Kurven mit. Auch hier galt das vor allem bei den Long Runs was vor allem eins deutlich machte: Ferrari hat den besseren, weil geringeren Reifenverschleiß.

Das Rennen entwickelte sich dann, wie man erwarten konnte. Hamilton konnte den Start gewinnen, sich aber nicht von Vettel absetzen. Der Deutsche blieb dran, hielt den Abstand bei rund 1,5 Sekunden und schien relativ locker unterwegs zu sein. Bei diesem Rennverlauf stellte sich dann die Frage, was besser war: Undercut oder Overcut?

Beide Strategien hatten Vorteile, wenn man in der Lage war, die Reifen am Ende des Stints noch ausquetschen zu können. Mercedes sah die Rundenzeiten von Hamilton kritisch. Er konnte keinen Puffer aufbauen und hatte wohl auch keine Reserven mehr für den Fall, dass Vettel früher an die Box gehen würde. Logischerweise würde Vettel mit den neuen Reifen schneller sein, der Undercut würde funktionieren.

Und genau hier machte Mercedes einen Fehler. Man holte Hamilton ein paar Runden zu früh rein. Runde 17 war definitiv zu früh und Mercedes musste sehen, dass man hinter Verstappen fallen würde. Die Hoffnung war, dass Ferrari auf den frühen Stopp reagieren würde und Vettel ebenfalls zum Stopp holen würde. Doch die Italiener dachten gar nicht dran. Sie ließen den Deutschen draußen, um zu sehen, ob Hamilton hinter Verstappen hängen bleiben würde. Und genau dies passierte.

Ein Blick auf die Zeiten zwischen Runde 17 und 26 zeigt das Dilemma.

HAM
1:46.345  (Pit), 1:33.568, 1:27.551, 1:28.473, 1:28.981, 1:29.879, 1:29.457, 1:31.474, 1:30.306, 1:27.952

Ab Runde 20/21 hing Hamilton hinter Verstappen fest, dessen Reifen am Ende waren. Die 1.30er Zeiten des Red Bull zeigten auch, dass das Reifenmanagment des RB13 nicht das allerbeste ist. Dagegen die Zeiten des Ferrari

VET
1:28.364, 1:28.478, 1:28.118, 1:28.224, 1:28.578, 1:28.501, 1:46.995 (Pit), 1:33.830, 1:27.726, 1:27.598

Man sieht, dass Hamilton den schnelleren Stop und die schnellere Outlap hatte. Wie falsch die Entscheidung von Mercedes war, sieht man, wenn man die Rundenzeiten von Hamilton vor dem Stopp mit jenen vergleicht, die Vettel alleine an der Spitze fahren konnte. Der Brite fuhr meist um die 1:28.4. Das war etwas langsamer als Vettel fahren konnte, aber nicht so langsam, dass der Ferrari eine Chance gehabt hätte.

Der Stopp war also zu diesem Zeit unnötig, man hätte warten können, bis man den nötigen Abstand auf Verstappen hatte. Genauso wie es dann auch Ferrari machte, als ihnen Mercedes die Chance bot. Der Ferrari war also nicht zwingend schneller, man verschaffte sich nur die bessere Ausgangsposition für das Rennen nach den Boxenstopps. Zudem hätte Ferrari Vettel gar nicht früher reinholen können, weil er dann ebenfalls hinter Verstappen gehangen hätte. Das macht die Entscheidung von Mercedes noch fragwürdiger.

Dass Mercedes nach dem Stopp nicht mehr an den Ferrari ranfahren konnte, war allerdings bemerkenswert. Hamilton versuchte, den Abstand zu verringern, was ihm aber nur teilweise gelang. Mercedes entschloss sich, die Hatz abzublasen, es machte wenig Sinn, den Motor zu stressen. Vielleicht wäre Hamilton an Vettel herangekommen, aber sicherlich nicht vorbei. Wenn man an Verstappen nicht vorbeikommt, der auf den alten Reifen gut 2 Sekunden langsamer war, würde man sicher nicht einen gleich schnellen Ferrari überholen können.

Ein paar Worte noch zu Bottas. Dass er sich in der Quali Hamilton geschlagen geben musste, war nicht überraschend. Die etwas mehr als drei Zehntel waren sogar etwas weniger, als man vielleicht erwarten konnte. Dass sich Vettel vorbeischob, war dann allerdings für Mercedes ärgerlich. Denn tatsächlich hätte man das Rennen gewinnen können, wenn Bottas seinen Teamkollegen hätte abschirmen können. Und das wird dann auch vermutlich die Strategie für die nächsten Rennen sein. Denn sollte Ferrari weiter auf Augenhöhe sein, wird man bei Mercedes sehr schnell entscheiden, dass man Hamilton zum Titel bringen will.

Aber wer hatte jetzt das schnellere Auto? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Man wird die Rennen in China und Bahrain abwarten müssen, aber es gibt eine Tendenz, die auf den Long Runs für den Ferrari spricht.

So interessant der Kampf an der Spitze auch war, eins war erschreckend: der Abstand der Top-Teams zum Rest des Feldes. Während Verstappen auf P5 „nur“ 28 Sekunden zurücklag, also rund 0,5 Sekunden pro Runde verlor, wurde der Rest gedemütigt. Massa auf P6 verlor 83 Sekunden, also knapp 1,4 Sekunden pro Runde. Und der Williams hatte null Probleme und keine Zweikämpfe, weil Massa schneller als das Mittelfeld war. Alle anderen wurden überrundet und verloren rund 2 Sekunden pro Runde. Das ist einfach zu viel. Und wird sich in der Saison auch nicht verändern, denn das Wettrüsten vorne hat gerade erst begonnen.

Das Mittelfeld lag wie erwartet eng zusammen, aber nicht so eng, wie man vielleicht gehofft hatte. Die Haas waren eine Überraschung. Dass Grosjean vor Massa in der Quali stand, kam wirklich aus dem Nichts, zeigte aber, dass der Haas auch in diesem Jahr wieder eine Rolle im Mittelfeld spielen wird. Allerdings fielen beide Haas auch aus.

Die Toro Rosso kamen beide in die Punkte, was ein sehr großer Erfolg war, mit dem man so nicht rechnen konnte. Zwar konnte Perez den Force India vor den Toro Rosso platzieren, aber die Italiener waren einen guten Tacken schneller als die Renault. Was dann schon erstaunlich war, immerhin hat man den gleichen Motor im Heck. Das dürfte dem Werksteam überhaupt nicht gefallen. Denn eine wirkliche Chance auf einen Platz in den Top 10 hatten die Franzosen nie.

Eine wirkliche Überraschung war der Auftritt von Alonso im McLaren. Der Speed war schon in der Quali besser, als man erwarten konnte. Im Rennen rutschte Alonso durch den Ausfall von Ricciardo und Grosjean auf P10. Und konnte sich da halten, bis er am Ende doch ausfiel. Aber es war nicht der Motor, der einging, sondern ein Teil der Aufhängung hinten links. Eine genaue Analyse der Rundenzeiten zeigt aber, dass McLaren immer noch zu langsam ist. Zwar hatte Alonso die ganze Zeit Ocon im Nacken und konnte nicht frei fahren, aber die Rundenzeiten lagen bei 1.30.5 und höher. Der Spanier konnte im Rennen nicht eine Runde unter 1.30 min fahren. Und damit war er das langsamste Auto auf der Strecke. Sogar langsamer als der Sauber.

Und wie war das mit den Überholmanövern? Australien ist bekannt dafür, dass man nicht besonders gut überholen kann. Die Gerade ist zu kurz, selbst mit DRS. Das war letztes Jahr auch schon so. Allerdings bestätigte sich auch nicht die Vermutung, dass die breiteren Autos für mehr Windschatten sorgen. Ein gutes Beispiel war der Zweikampf zwischen Ocon und Alonso. Der Neuzugang bei Force India kam nicht am McLaren vorbei. Als Alonso aus dem Weg war, fuhr er dann knapp 2 Sekunden schneller.

Man darf das Rennen in Australien wegen der Besonderheiten der Strecke nicht als Maßstab für den Rest der Saison nehmen. Auch wenn das Rennen Hinweise geliefert hat, in China und vor allem Bahrain wird sich die ganze Wahrheit zeigen. An der Spitze, im Mittelfeld und auch in Sachen Überholmanöver. Was allerdings bleiben wird, ist der massive Abstand der Top-Teams zum Mittelfeld. Und das ist kein gutes Zeichen.

Bilder: Daimler AG, Ferrari, Red Bull Mediahouse/Getty Images, Force India, McLaren F1, Sauber F1, Renault Sport, HaasF1, Williams F1