Während Mercedes und Ferrari von Bestzeit zu Bestzeit hetzen, bleibt Red Bull weiter kaum sichtbar. Was ist los beim ehemaligen Weltmeisterteam?

Zwei Rundenzeiten sorgten für leicht erhöhte Augenbrauen am gestrigen Tag. Bottas fuhr im Mercedes eine 1.19.705 min, Vettel eine 1.19.952 min. Das liegt beides unterhalb der bisher schnellsten Zeit eines F1 in Barcelona. Den Rekord hatte bisher Mark Webber aus dem Jahr 2010 gehalten, als er in der Quali eine 1.19.995 min hinlegte. Zwar behält er den Rekord, da die Testfahrten ja nicht offiziell sind, aber er kann sich schon mal langsam davon verabschieden. Denn im Mai wird es noch schneller werden. Die Zeit von Mercedes ist schon nicht schlecht, aber die des Ferrari ist noch besser. Denn während Bottas mit den Supersoft unterwegs war, hatte Vettel nur die Soft auf dem Auto. Aber natürlich bleibt die Frage nach den Spritmengen.

Wie im gestrigen Bericht schon angemerkt, konnte man auch heute einen leicht untersteuernden Mercedes beobachten. In der sehr schnellen T3 konnte Vettel laut Autosport Reporter Gary Anderson voll fahren, Bottas musste kurz lupfen. Auch die Bilder zeigten immer wieder ein Untersteuern, so als ob der Fahrer einen Moment benötigt, um das Auto geradezustellen. Das kann auf Probleme mit dem Abtrieb an der Vorderachse hindeuten, was man entweder mit einem anderen Setup oder mit veränderten Frontflügel und Turning Vanes ändern kann. Mercedes schien aber keine neuen Teile an der Front auszuprobieren, aber vielleicht kommen die erst in Bahrain oder Australien. Ein anderer Grund könnte aber sein, dass Mercedes, auch bei einer Quali-Simulation, mehr Sprit im Auto hat als die Konkurrenz. Das Untersteuern kann genauso gut von einem schweren Auto herkommen, das beim Einlenken einfach träge reagiert. Sollte letzteres der Fall sein, dann hat Mercedes mal wieder mehr Reserven, als der Konkurrenz lieb sein kann.

Die Zeit des Ferrari ist aber durchaus positiv. Wie überhaupt auch der erste Test des SF70H extrem ruhig und gut verläuft. Seit der ersten Runde dreht der Ferrari problemlos und vor allem schnell seine Runden. Gary Anderson hält den Ferrari im Moment für das beste Auto auf der Strecke, vor allem weil sich das Auto weder in langsamen noch in schnellen Kurven viel bewegt. Der Wagen bleibt neutral und macht dem Piloten offenbar auch wenig Arbeit. Vielleicht ist Ferrari da wirklich ein Glücksgriff gelungen und sie sind auf Augenhöhe mit den Mercedes. Oder sogar vor ihnen.

Und Red Bull? Zwar fuhr Ricciardo heute eine 1.21.153 min auf den Soft, aber das ist dann doch ein gutes Stück vom Ferrari entfernt. So ein bisschen wundert man sich dann im Moment schon. Der RB13 wirkt verglichen mit der Konkurrenz sehr schlicht. Keine komplexen Barge Boards, eine relativ einfach gestrickte Aufhängung vorne, insgesamt wenig Schnickschnack. Gleichzeitig macht Red Bull bei jedem Stopp ein großes Geheimnis, indem man Sichtblenden aufstellt – bei den privaten Tests ist das erlaubt. Das keimt die Vermutung auf, dass irgendwas unter dem Auto bzw. unter der Verkleidung passiert, was Red Bull gerne geheim halten möchte. Die Öffnung an der Nase kann ein Teil des Rätsels sein.

Offiziell dient die der “Fahrer-Belüftung” und ist nicht mit dem S-Duct verbunden. Luft wird dabei ins Cockpit geleitet, was den Vorteil hat, dass ein Druckausgleich zwischen der großen Öffnung des Cockpits und der vorbei strömenden Außenluft entsteht. Der normalerweise durch die Öffnung entstehende Unterdruck wird ausgeglichen, der komplette Luftstrom über die Motorabdeckung dadurch beruhigt. Aber es kann nur ein Teil der Lösung des Rätsels sein, denn die Luft darf nur ins Cockpit und nicht weiter geführt werden.

Einige Beobachter sehen die “Schuld” an den eher mittelmäßigen Zeiten bei Renault. Der Motor des Renault klingt leiser als die Konkurrenz, was die Vermutung nahe legt, dass man nicht mit der vollen Leistung unterwegs ist. Aber macht die reduzierte Leistung Sinn? Jein. Einerseits bekommt man die Werte ja so oder so, egal wie schnell der Wagen zum Beispiel beschleunigt. Andererseits geht man halt nicht ans Limit und testet die Grenzen aus, was für die Fahrer und die Kühlssysteme des Motors ja durchaus wichtig ist. Was genau bei Red Bull los ist, lässt sich also schwer sagen. Aber dass der Renault und der Sauber fast zeitgleich sind, deutet eher darauf hin, dass Red Bull mauert.

Bei Mclaren lief es heute etwas besser. Immerhin schaffte Alonso 72 Runden, das ist mehr, als an den beiden ersten Tagen zusammen. Die Zeiten waren allerdings bescheiden und zudem auch noch auf den Ultra-Soft herausgefahren. Und selbst damit reichte es nur zu Platz 10. Hier kann man allerdings ziemlich sicher davon ausgehen, dass Honda nicht die volle Leistung freigibt. Alonso fuhr am Mittwoch auch keine längeren Stints, sondern kam nach ein paar Runden immer wieder an die Box. Ein Zeichen dafür, dass man bei McLaren gestern nur am Basis-Setup gearbeitet hat, was man an den anderen Tagen wegen der Probleme nicht konnte. Man hat zwei volle Testtage verloren, was sich aber noch aufholen lässt. Im Moment wirkt es aber nicht so, als ob man an die Top 5 Anschluss hat.

Force India und Toro Rosso fuhren am Mittwoch nur Rennsimulationen mit vollen Tanks, die Zeiten kann man streichen. Haas war ebenfalls konservativ unterwegs, während Renault immerhin ein Lebenszeichen sendete. Dass Palmer und Hülkenberg fast die gleichen Zeiten hinlegten, deutet darauf hin, dass man Vormittags wie Nachmittags gleiche Programme abspulte, die vor allem dem Setup für die Fahrer galten.

Selbiges gilt für Williams, die zudem mal wieder durch einen Unfall von Lance Stroll behindert wurden. Immerhin schaffte der 18-Jährige 98 Runden, in Runde 99 erwischte es ihn beim Beschleunigen aus T5 (Haarnadel). Da trafen wohl Motivation und kalte Reifen auf mangelnde Erfahrung. Könnte eine teure Saison für Williams werden.

PostionFahrerTeamZeitAbstandReifenRunden
1Valtteri BottasMercedes1.19.705Ultrasoft75
2Sebastian VettelFerrari1.19.9520.147Soft139
3Daniel RicciardoRed Bull1.21.1531.448Soft70
4Joylon PalmerRenault1.21.3961.691Soft51
5Nico HülkenbergRenault1.21.7912.086Soft42
6Marcus EricssonSauber1.21.8242.119Supersoft126
7Lewis HamiltonMercedes1.22.0902.385Soft95
8Romain GrosjeanHaasF11.22.1182.413Supersoft56
9Lance StrollWilliams1.22.3512.646Soft98
10Fernando AlonsoMcLaren1.22.5982.893Ultrasoft72
11Carlos SainzToro Rosso1.23.5403.835Medium32
12Alfonso CelisForce India1.23.5683.863Supersoft71
13Daniil KvyatToro Rosso1.23.9524.247Medium31

Gefühlte Reihenfolge im Moment:
Mercedes
Ferrari
Red Bull
Force India
Williams
Renault
Haas
McLaren
Sauber

Bilder: Daimler AG, Ferrari, Red Bull Mediahouse/Getty Images, Force India, McLaren F1, Sauber F1, Renault Sport, HaasF1, Williams F1