Pattaya kennen viele – Bangkok wahrscheinlich sogar alle. Der Badeort Bangsaen (oder Bang Saen) hingegen scheint für Europäer nahezu unbekannt zu sein. Ebendort wurde am vergangenen Wochenende der zehnte Bangsaen Grand Prix nachgeholt, was die Gelegenheit bietet, mal einen Blick auf den thailändischen Motorsport zu werfen.

Man ist stolz. Stolz auf das Jubiläum und auf das eigene, kleine Motorsportmekka im Norden des Golfs von Thailand. Deswegen hat man vor etwa einem halben Jahr massiv in die Infrastruktur des Bangsaen Street Circuits investiert, um dem eigenen Anspruch einer Veranstaltung mit Weltformat gerecht zu werden. Neben einer großflächigen Neuasphaltierung und Streckenverbreiterungen haben sogar TECPRO-Barrieren Einzug gehalten. Als Belohnung für diese Anstrengungen bekam Bangsaen den FIA-Grade 3, welcher in den Werbefilmen ähnlich gefeiert wird wie die Piloten.

Der Ort

„Es war einmal…“ – so fangen bekanntlich Märchen, Sagen oder Legenden an. Mit dieser Phrase beginnt jedoch auch die Erzählung über die Ursprünge Bangsaens, die so wirkt, als stamme sie aus der Feder William Shakespeares.
Irgendwann im 18. Jahrhundert soll ein Junge namens Saen in einem kleinen thailändischen Fischerdorf gelebt haben. Der Sohn einer sehr reichen Familie ließ gerne seinen Drachen steigen, aber eines Tages riss die Schnur und das Fluggerät landete schließlich in einem fremden Garten. Saen folgte ihm und betrat ohne große Überlegungen den Garten, in welchem die Tochter des Besitzers erschrocken zu ihm aufblickte. Nachdem Saen der beunruhigten Muk sein Anliegen erklärt hatte, war die Furcht verschwunden und sollte der Freundschaft weichen. Aus dieser wurde schlussendlich sogar die große Liebe. Saen schwor, dass nur der Tod sie trennen könne.
Saens Vater hatte aber andere Pläne für seinen Sohn, der keinesfalls eine Arme heiraten solle. Aus diesem Grund arrangierte er einen Hochzeitstag samt reicher Braut. Dies brach Muk das Herz und ließ sie erklären, dass sie sich umbringen werde, wenn Saen eine andere ehelichen würde. Trotzdem war sie als Gast bei der Zeremonie anwesend. Nachdem Muk dem Bräutigam das Beste gewünscht und sich verabschiedet hatte, rannte sie davon. Saen ertrug diesen Anblick nicht und folgte ihr bis zu einem Kliff. Vor dem Abgrund stehend legte sie ihre Hände aufeinander und bekundete mit der traditionellen thailändischen Geste (Wai) ihre Liebe und ihren Respekt. Daraufhin stürzte sie sich in die Tiefe. Saen folgte Muk ohne zu zögern.
Der Vater bat die Bewohner des Dorfes, das Kliff „Sam Muk-Hügel“ und den Strand „Bangsaen“ zu nennen.

Im Gegensatz zu anderen Badeorten dieser Region sind internationale Besucher entlang des feinkörnigen Sandstrandes eindeutig in der Minderheit – falls überhaupt vorhanden. Viele Gäste stammen aus dem Umfeld der Metropole Bangkok und nehmen die einstündige Fahrt gerne auf sich, um dem Trubel der Götterstadt am Wochenende zu entkommen. Deshalb sind die bekannten „spezielleren“ Unterhaltungsformen kaum in Bangsaen anzutreffen. Neben dem Tourismus gilt die Burapha-Universität als weiterer wesentlicher Wirtschaftsfaktor der Region Chonburi. Neidisch auf den Strand-Campus? Ich ebenfalls! Das Image des ruhigen Familienseebads ändert sich jedoch einmal im Jahr kehrtwendenartig, wenn im November (ab diesem Jahr Juli) der Leitschienentunnel installiert wird und zum Speed Festival bzw. Grand Prix geladen wird.

Die Strecke

Schon das Grundszenario zwingt uns einige Vergleiche auf. Asien? Macau! Meer und Strand? Monaco! Und so ganz falsch sind diese Parallelen nicht. Der 3,7 Kilometer lange Bangsaen Street Circuit liegt im nördlichen Teil des Ortes und verbindet de facto besagtes Kliff mit dem Strand. Auf die lange Start-Ziel-Gerade folgt eine Passage am Fuße des Hügels, die in eine sehr enge Haarnadelkurve samt Überholverbot mündet. Die Melco-Hairpin Macaus lässt grüßen. Nach einem 500 Meter langen Zwischensprint gelangen die Fahrer am Rand einer Bucht an, deren Westspitze sie umfahren. Sehr markant ist dort eine Schikane um ein Denkmal herum, was in seiner Gesamtheit an den Brunnen in Long Beach erinnert. Ohje, noch ein Vergleich! Das letzte Hindernis auf dem Weg zur vollen Runde ist eine enge Doppel-Links, die daraufhin mit einem Rechtsknick in die SZ-Gerade übergeht. Dank der Streckenanpassungen wurde das Sicherheitsniveau zwar angehoben, aber teils immer noch sehr enge Kombinationen sehen Fahrfehler weiterhin äußerst ungerne.

Das (verspätete) Jubiläum

Die erste Ausgabe des Speed Festivals im Jahre 2007 fand zu einer Zeit statt, in welcher der thailändische Motorsport noch in den Kinderschuhen steckte bzw. verharrte. So war die Rennanzahl um etliches geringer als das, was wir am Wochenende gesehen haben. Im Laufe der darauffolgenden Jahre erlebte der Thai-Automobilsport eine zunehmende Wachstumsphase, die jedoch im Gegensatz zu den veralteten und gefährlichen Bedingungen von Bangsaen stand. Deswegen wurden 2014 erste Streckenverbesserungspläne vorgestellt. Der Initiator dieser Reformen war die Racing Spirit Co.-Organisation, zu der auch die Thailand Super Series gehört. Dieser nationale Rennserienverband umfasst eine Vielzahl von Kategorien, welche neben Pickups auch verschiedenste Cup-Boliden, Kleinwagen und GT3-Renner enthalten. Die Einweihung des überarbeiteten Kurses war zwar bereits für November 2016 avisiert, aber musste aufgrund des Todes von König Bhumibol Adulyadej verschoben werden. Somit fand auch das TSS-Saisonfinale 2016 erst Monate später statt.

Das Rennwochenende

Eines konnte man schnell festhalten: das Anheben der Sicherheit ist eine sehr gute Idee gewesen. Denn bereits das erste via Stream übertragene Rennen in der Form eines 6-Stunden-Laufes wurde von einem gewaltigen Stau nach einem brutalen Abflug gestoppt. Während auch die anderen kleineren Kategorien größere Unfälle zeigten, waren die beiden Headliner eher zahm. Die Thailand Super Car GTM, die immer als Abschluss des Renntages fungierte, bietet vor allem Cup-Rennern eine Heimat. So war eine Vielzahl von Cup-Porsches zu sehen, die sich unter anderem mit Ferrari 458 Italia Challenge-Boliden und Lamborghini Huracán Super Trofeo die Strecke teilten. Sehr beliebt sind zudem die umgebauten Toyota GT86, welche somit einen Hauptsponsor des Wochenendes repräsentierten, und ein australisch-neuseeländischer Renneinsatz mit einer sehr besonderen Geschichte. In allen drei Läufen dominierte Darryl O’Young (#14 B-Quik Racing Team Porsche 997 GT3 Cup).

Die Thailand Super Car GT3, welche nur aus drei Teilnehmern bestand, war Teil des Thailand Super Car GTC-Feldes. In der GTC trifft man auch deswegen eine noch buntere Mischung an. Etliche GT4-Fahrzeuge, extrem aufgerüstete Mazda RX-7 bzw. RX-8, Mitsubishi Evolution X und viele weitere Exoten gab es zu sehen. Auch ein besonderer Gaststarter der GTC mit Wurzeln in den Vereinigten Staaten wollte Werbung für sich und eine tollkühne Idee machen: ein Trans Am Mustang (TA2). Ob das „Pony“ weitere Klassengegner anlocken kann, bleibt fraglich, aber sein Auftreten wird ihm viele Sympathien eingebracht haben.

Nur zwei Autos größer als die „TA2-Klasse“ war die GT3. Tomáš Enge, der schon öfter in Bangsaen zu Gast war, pilotierte einen Chevrolet Camaro GT3, der Japaner Akihiro Asai einen Lamborghini Extenso R-EX GT3 und der Thailänder Chonsawat Asavahame einen McLaren 650S GT3. Letzterer hat eine sehr zwielichtige Vergangenheit, die Kollege Yankee in seiner Vorschau zum Super GT-Lauf in der anderen Motorsporthochburg Thailands genauer beschrieben hat. Das erste Rennen der neu formierten Division gewann Asai, der von einem katastrophalen Fehler des McLaren-Piloten in der engen Haarnadel-Kurve profitierte. In Lauf zwei war das Glück hingegen auf Asavahames Seite, der den wohl schnellsten Rennwagen der thailändischen Szene auf Platz eins liegend ins Ziel brachte.

Was bleibt

Der zehnte Bangsaen Grand Prix war eine unterhaltsame Veranstaltung. Die Organisatoren haben mit einem aufwendigen Streamingprogramm (via YouTube) gute Arbeit geleistet und bewiesen, dass man sich zu Recht im Weltmotorsport etablieren möchte. Im Juli wird die TCR Asia den sagenumwobenen Strand besuchen und möglicherweise auch die GT Asia Series mitbringen. Nachdem die Thailand Super Series nun endlich ihre 2016er Saison abschließen konnte, plant man aktuell für den Rest des Jahres.

Am kommenden Wochenende…

… beginnt die neue Saison der Australian GT. Die Reformen und Erläuterungen aus der Saisonvorschau 2016 sind – bis auf kleinere Anpassungen – weiterhin aktuell. Leider werden offizielle Streams für Europäer wohl nur im Umfeld der Endurance Championship angeboten, denn auch der Saisonstart auf dem Adelaide Parklands Circuit mit dem Charaktertest in der Form der achten Kurve wird ausschließlich von Fox Sports übertragen.

In Down Under feiert man quasi ebenfalls ein Jubiläum: zehnter Adelaide-Besuch der AGT. Zur Feier dieses Anlasses werden sich Stand Montag 27 Renner Richtung Gulf Saint Vincent begeben. Zwar wird Christopher Mies nicht mehr dauerhaftes Mitglied des Paddocks sein, aber der Champ aus dem Jahr 2015 wird vom südafrikanischen Audi-Kollegen Kelvin van der Linde vertreten werden. Er unterstützt Geoff Emery, welcher im letzten Jahr so schwer verunfallte, bei seinem Comeback im #74 Jamec Pem Racing Audi R8 LMS. Mit Côme Ledogar im #59 Tekno Autosports McLaren 650S GT3 (Ross/Ledogar) wird ein weiterer bekannter Vertreter der europäischen Szene nach Australien reisen, wo er seinen ehemaligen McLaren-Co-Piloten Shane van Gisbergen möglicherweise trifft. Kenner der AGT werden nahezu alle bekannten Gesichter am Volant und in der Box wieder sehen, was eine spannende neue Saison verspricht. Die zeitlichen Ansetzungen der drei 40minütigen Rennen findet Ihr wie immer in unseren TV Zeiten. Gute Unterhaltung!

Nächste Rennen mit GT3-Beteiligung:
03. – 05. März 2017:
Australian GT (Adelaide)
10. – 12. März 2017: Pirelli World Challenge (St. Petersburg)
17. – 18. März 2017: 12 Stunden von Sebring (GTD-Klasse der IMSA SportsCar Championship); 12 Stunden von Mugello (24H Series)

Bilderquelle / Copyright: Thailand Super Series; Audi Motorsport
Anmerkung: Danke an den Kollegen Max/Gok, der angefragt hat, ob der GT3-Report nicht mal über Thailand berichten könne.