Zum Jahreswechsel schauen die Racingblog-Autoren auf das vergangene Jahr zurück und stellen ihre persönliche Highlights und Enttäuschungen zusammen. Und weil wir uns als Blog nicht an konventionelle Artikelformen halten müssen, ist diese Ausgabe in eine postmoderne, mehr oder weniger sinnergebende wie auch zusammenhängende Kurzgeschichte namens „Ein Kirschblütenbaum im Winter“ eingewickelt.

Courtesy of Twitter user @hirohero, April 2015 https://twitter.com/hirohero

2016 ist das letzte Jahr der Primzahlen-losen Serie. 2017 wird das erste und vorerst letzte Primzahl-nummerierte Jahr sein, bis wir alt und grau sind. Oder bis 2027 überleben, dann wäre es nämlich wieder so weit. Das ist auch alles, was ich zu dem Thema sagen kann. Etwas Besseres ist mir für die Einleitung nicht eingefallen. Aber das ist letztlich auch das Schöne an postmoderner Literatur. Anders als die anderen Epochen literarischer Ergüsse, muss das aktuelle Zeitalter keinen strikten Konventionen folgen. Vielmehr ist es eine Vermischung älterer Vorgehen. Alles geht, nichts muss. So ist gar die Kombination eines expressionistischen Kafkas mit der eines im Briefroman dichtenden Goethes möglich. Und während die einen (oder der eine in diesem Falle) ein von Haruki Murakami und Franz Kafka angehauchtes Prosastück über einen zitronengelben Fallschirm, geschrieben auf einem zitronengelben Stofftaschentusch, eine Geschichte über sich selbst und die Literatur, in der ein merkwürdiger Autor sich mit einer Japanerin nahe der Sanboner-Haltestelle in Gunpo, südlich von Seoul, Korea unterhält, in einer nachschwärmerischen Operation aufs Papier bringt, rasen zur gleichen Uhrzeit vermutlich irgendwo auf der Welt irgendwelche Autos verdammt schnell im Kreis. Meine Freunde, so dürfte sich ungefähr ein Rock-and-Roll-Herzinfarkt anfühlen.

Ein kluger Literaturkritiker meinte einst, dass egal um welches Genre es sich handelt, man niemals im ersten Satz mit dem Wetter, getreu der Marke „Es war eine stürmische Nacht“, auf den Leser einfallen sollte. Abgesehen davon lässt sich allerdings mit allem möglichen anfangen, selbst mit dem lyrischen Ich, das in der Küche steht und ein Spiegelei zubereitet. Und so stand ich also an einem tristen Wintertag in der Küche und schlug zwei Eier in die Bratpfanne. Draußen rieselte der Schnee stark und doch irgendwie langsam zu Boden. Dies war sicherlich nichts Besonderes. Schon seit Tagen strahlte mir von draußen jedoch ein Kirschblütenbaum entgegen. Eigentlich blüht die japanische Sakura, ein Symbol der vergänglichen Schönheit in Nippon, lediglich für eine sehr kurze Zeit im Frühling, sofern es sich nicht um die Fuyuzakura, die tatsächlich sporadisch zwischen November und Dezember blühen kann. Hier waren wir allerdings im Dezember, im Winter – und die pinken Blüten der Yaezakura strahlten durch die weißen Schneeflocken hindurch als wäre es das Ende der Hanami-Saison. Tag ein Tag aus kniff ich mir selbst in den Arm. Sicherlich muss ich träumen. Jedes Mal jedoch das gleiche Ergebnis: der Baum blieb. Und die fruchtlosen Blüten strahlten nun schon seit über einer Woche. Entweder befand ich mich also im Limbus, oder hinter dem im Moment gar nicht so vergänglichen Schönheitsanblick steckte deutlich  mehr. Nach einem japanischen Sprichwort, das auf das Meisterwerk „Sakura no ki no shita ni wa“ des Shōwa-Autoren Motojiro Kajii zurückgeht, werden unter den Bäumen leblose Körper vergraben, wodurch die Sakura erst ihre Schönheit erlangt. Welche Art von Körper spielt keine Rolle. Es könnten Körper eines ehrenvoll verstorbenen Samurais sein. Vielleicht aber auch die Hoffnung selbst. „Das Geheimnis dieses Kirschblütenbaumes im Winter, ich muss es lösen“, flüsterte ich mir zu. Was könnte unter dem Baum vergraben liegen? Weshalb blüht er so früh? Vielleicht ist es die Hoffnung, die dort begraben ist? Vielleicht ein Rennwagen? Vielleicht gar Toyotas TS050 Hybrid, der wie ein ehrenvoller Samurai in Le Mans ganze 23 Stunden und 57 Minuten durchhielt, ehe ein von Tränen gezeichneter Kazuki Nakajima sein Gefährt wegen eines technischen Defekts auf der Zielgeraden abstellte. Vielleicht aber auch Audis LMP1-Bolide, der seine letzte Fahrt in der Wüste von Bahrain gewann und dessen Nachwuchs nie das Licht der Welt erblicken wird. Vielleicht aber auch die GT500-Autos von Lexus, Nissan und Honda, die nach drei Jahren in der kommenden Saison von der nächsten Evolutionsstufe abgelöst werden. Vielleicht die Erinnerungen an Bryan Clauson, der bei einem Dirt-Track-Rennen in Kansas sein Leben verlor. Womöglich blühte der Baum aber auch so früh, weil die Hoffnung auf ein besseres 2017 hervorkommen möchte. Eventuell wollte der Baum aber auch nur sagen, dass selbst in den dunkelsten Stunden nicht alles schlecht war, auch wenn dieses Licht schnell wieder überschattet wurde. Vergängliche Schönheit eben. Meine Neugier war größer als die von McLaren anno 2007, als man hochinteressante Ferrari-Unterlagen in die Hände bekam. Eine etwaige Buddelarbeit unter dem Kirschblütenbaum kam nicht in Frage. Dafür war das Schneetreiben zu wild. So groß war die Neugier dann doch dich, als das ich mich in einen Polarbär verwandelt und die Kälte hätte ertragen können – und das obwohl ich die kalte Jahreszeit mag. So wandte ich mich vom Fenster ab und speiste das Spiegelei im Wohnzimmer.

Meine Gedanken blieben jedoch bei der Kirschblüte. Meine Vorstellungen nach dem Wieso und was dort wohl begraben liegen könnte nahmen fast schon Kafka-esque Auszüge an. Kafka-esque wurde es auch fast nach der diesjährigen Ausgabe der Suzuka 1000 km, dem sechsten Saisonlauf der Super GT, meinem persönlichen Lieblingsrennen des Jahres. Sicherlich fehlte es dem Rennen an Drama eines Le Mans, dem Feel-Good-Moment eines Indianapolis 500, als Rookie Alexander Rossi sein Pech dank einer strategisch wertvollen Überlegung von Bryan Herta im Spritkrimi in einen Sensationssieg ummünzte, oder dem Hagelfall oder Finish eines 24-Stunden-Rennens am Nürburgring. Im Gegensatz zu all diesen genannten Läufen verkam der japanischen Langstreckenklassiker jedoch zu keiner Zeit der Langeweile. Lediglich im Mittelteil kam für wenige Minuten Langstreckencharakter auf, der dank des wechselhaften Wetters doch wieder schnell verfiel. Von den Piloten wurde alles abverlangt: Immer wieder spannten die Zuschauer über dem Suzuka Circuit die Schirme auf, um sich vor dem Regen zu schützen. Schutz gab es für die Fahrer keinen. Diese mussten mit ihren Slick-Reifen nämlich irgendwie ihre Boliden auf der Piste halten. Gewiss kein einfaches Unterfangen, war die Piste doch zu feucht für Trocken-, aber nicht nass genug für Regenreifen. Vielmehr: Zu keinem Zeitpunkt stand der Sieger fest. In beiden Klassen (GT500 und GT300) kämpften gleich mehrere Teams um den Sieg. Zumindest international wurde das Spektakel jedoch durch einen winzigen Moment überschattet, als der letztliche Sieger Yuji Tachikawa (zusammen mit Hiroaki Ishiura) im Zent Cerumo RC F Lexus-Markenkollege Nick Cassidy (zusammen mit Daisuke Ito) im au TOM’s RC F eingangs der Löffelkurve überholte, als just im gleichen Moment an gleicher Stelle die gelbe Flagge gezückt wurde. Skandal! Kontroverse! Da muss es eine Strafe geben! Selbst Stunden nach dem Rennen waren die kritischen Worte des Radio-Le-Mans-Kommentators Sam Collins noch zu hören. Immer und immer wieder. Dabei war die Szene überhaupt nicht so kontrovers, wie sie vielleicht schien. Selbst die TV-Aufnahmen, die passenderweise kurz nach dem Überholmanöver vom japanischen Fernsehsender J SPORTS eingespielt wurden, belegten, dass die gelbe Flagge erst dann herauskam, als Tachikawa schon fast an seinem neuseeländischen Markenkollegen vorbei war. Wie der Beauftragte der leitenden GT-Association (GTA) und Rennfahrer Naoki Hattori bestätigte, konnte Tachikawa die Flagge zum Zeitpunkt des Überholmanövers nicht mehr sehen, da diese sich bereits im toten Winkel befand. Doch selbst wenn: kurze Zeit nach der Szene ließ Tachikawa Cassidy in der Schikane vorbei, nur ihm ihn kurz darauf wieder für den Sieg zu überholen. Eine künstliche Kontroverse sozusagen, die jedoch in keiner Weise über das exzellente Rennen hinwegtrübte. Den Sieg nur knapp verfehlt: Der hochspannende Lauf der Super GT im Sportsland Sugo, der feinsten Motorsport bis zur allerletzten Sekunde bot, wegen einer späten roten Flagge jedoch ein vorzeitiges Ende brachte und somit die Fans um ein packendes Finish brachte — eine Entscheidung, die Super-GT-Boss Masaaki Bandoh wenige Minuten nach Rennende zu entschuldigen bat. An just gleicher Stelle demonstrierte Yuhi Sekiguchi in der Super Formula sein Talent, als ihn eine Safety-Car-Phase am falschen Fuß erwischte, er aber mit anschließend Schumacher-esquen Qualfikationsrunden den benötigten Abstand herausfuhr, um als einzig verbleibender Stopper beim Nachtanken nicht die Führung zu verlieren. Nach dem Rennen kam Impul-Teamchef und japanische Motorsportlegende Kazuyoshi Hoshino nicht aus dem Lob heraus, erklärte gar, dass wenn er die Möglichkeit hätte, er lieber seinen Schützling anstelle von Stoffel Vandoorne in die Formel 1 schicken würde.

Die Super GT. Selten darf eine Serie ihren Namen mit stolzer Brust tragen wie es die japanische GT-Meisterschaft tut. Und als ich den letzten Bissen meines Spiegeleis nahm und mich darüber wunderte, ob die Kombination aus Ei und grünen Tee nun gut ist, kam mir das beste Finish des Jahres in den Sinn, als just jene Meisterschaft im August zum zweiten Mal auf dem Fuji Speedway gastierte. Während in der GT500 Hironobu Yasuda und Joao Paulo de Oliveira im Calsonic Impul GT-R ihre Revanche für den tragischen, kurz vor Schluss in Führung-liegenden Ausfall erhielten, kämpften in der GT300 Shinichi Takagi und Takashi Kobayashi im ARTA BMW M6 GT3 gegen Richard Lyons und Tomonobu Fujii im Hitotsuyama Audi R8 um den Sieg. Die Entscheidung fiel in einem der knappsten Zieleinläufe der Super-GT-Geschichte, als sich der orangene BMW gegen den drückenden Audi in einem Fast-Foto-Finish behauptete. Und das ganz ohne eine Safety-Car-Phase, welche wenige Runden vor Schluss das Feld wieder aneinanderrücken ließ. Fairerweise, dachte ich mir, als ich den letzten Schluck grünen Tee nahm, war der Zieleinlauf des Daytona 500 ebenfalls nicht schlecht. Nur erwartet man das bei einem Restrictor-Plate-Rennen der NASCAR fast schon – obgleich das diesjährige Finish die Definition des Kompositums „Foto-Finish“ im Motorsport-Wörterbuch sein sollte.

„Seoul?“ schrieb ich in mein E-Mail-Fenster. „Woher soll ich das Geld für einen Flug nach Korea auftreiben?“ warf ich hinterher. Vor wenigen Wochen antwortete ich einer mittlerweile in Korea lebenden, taiwanesischen Freundin, die mich in ihr Elternhaus einlud. Wir hatten uns viel zu lange nicht mehr gesehen. Ich wollte die Reise unbedingt antreten, da es vielleicht die einzige Chance sei, uns abseits der Virtualität des World Wide Web endlich wiederzusehen. „Versuch es als blinder Passagier“ war die Reaktion, die ich prompt erhielt. Ein Abenteuer also. Ein Abenteuer wilder als die Rallye Dakar, das allerdings genauso gefährlich wie auch tragisch enden könnte. Von irgendwo erhielt ich dann doch irgendwie das nötige Geld für den Flug. Als ich einen Tag vor Heiligabend in Seoul ankam, befand ich mich in der prekären Lage, in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache ich nur in simplen, gebrochenen Worthülsen spreche. In der prekären Lage, in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache ich nur in simplen, gebrochenen Worthülsen spreche und außerdem mit einem leeren Handy-Akku vor den Eingangshallen des Flughafens stand. Klug wie ich war, hatte ich nämlich vergessen diesen vor dem Flug aufzuladen, geschweige das Gerät im Flieger gänzlich auszustellen. Offenbar hat der Flugmodus auch den letzten Saft aus der Batterie gezogen. Natürlich hatte ich die Nummer des Elternhauses lediglich auf dem Smartphone gespeichert, womit selbst ein Anruf über das altmodische Münztelefon nicht möglich war. Ich hatte lediglich eine ungefähre Weganweisung im Kopf. Eventuell könnte ich, wenn ich diese befolgte, einen Weg finden, meine Freundin zu kontaktieren.

Gemäß ihrer Anweisung nahm ich den Bus nach Suwon, mit dem ich bis nach Pyoung Chon fuhr. Dort angekommen wurde ich von einem Kaufhaus der NewCore-Kette begrüßt, schnappte mir im nächstliegenden Dunkin’ Donuts eine Tüte und begab mich auf die Suche nach einem PC-Bang. Ein PC-Bang ist ein koreanisches Internet-Café. Allerdings sollten wir nicht so blasé sein und es auch tatsächlich als solch eines zu bezeichnen; ein PC-Bang ist eine komplett andere Erfahrung als in den mittlerweile ausgestorbenen Internet-Cafés in Deutschland oder gar jenen in Tokyo. In letzteren wird man von aggressiven Tabakrauchwolken begrüßt und muss genau auf die Uhr achten, da jede sekündliche Überschreitung der Maximalzeit beim Nutzungspreis sofort auf die nächste volle Stunde aufgerechnet wird, während Faxmaschinen im Minutentakt Pop-Jingles von sich geben; in Deutschland kostete dafür ein kleines Glas Orangensaft hingegen ungefähr so viel wie eine Flasche Bier an der nächstliegenden Tankstelle. Die Ausnahme sind die sogenannten Manga-Cafés, welche als ruhige, wenn auch nicht immer ganz bequeme Alternative mitsamt Nutzung diverser Unterhaltungsmedien angesehen werden dürfen. Wer sich das Trommelfell raushauen möchte, der geht lieber in eine Pachinko-Halle und schaut Zombie-ähnlich reinblickenden Geschäftsmännern zu, wie sie in einem nur schwer verständlichen Glücksspiel eine Minikugel nach der anderen in einen Automaten werfen. Wer wie ein bekennender Profi in einer Pachinko-Halle auffallen möchte, der bringt seine eigenen Ohrstöpsel mit. Das hat dann schon etwas von Live-Motorsport, sofern man so weise war und wegen des mitunter lauten Motorenlärms vorgesorgt hat. Weshalb PC-Bangs in Korea im Zeitalter der Hochtechnologisierung, insbesondere in einem Land, das wie Japan einen gesunden und hochfrequentierten Internetausbau genießt, nicht an Popularität verloren, liegt hauptsächlich an der Atmosphäre. Die günstigen Preise mit bis zu umgerechnet lediglich einen Euro pro Stunde tun ihr übriges. Außerdem verkaufen sie Nong Shim Kimchee Ramen. Ich war mir sicher: in einem PC-Bang würde ich ein Lebenszeichen von mir geben können.

Keine zwei Stunden in einem fremden Land, dessen Sprache ich nur in simplen, gebrochenen Worthülsen spreche und außerdem mit der Weisheit eines entladenen Smartphones betrat, wanderte ich mit einer Tüte Dunkin’ Donuts unter dem linken Arm in einen PC-Bang. Der Anblick muss komisch gewesen sein. Ich begab mich zur Theke und wurde mit einem warmherzigen Lächeln begrüßt, von dem die Kinder auf den Kinder-Schokolade-Verpackungen nachts nur träumen können. „Starcraft?“ schoss es wie aus der Pistole durch die Lippen der jungen Dame an der Theke, ehe ich überhaupt etwas sagen konnte. „Eigentlich wollte ich nur E-Mails checken“, erklärte ich in gebrochenen Koreanisch, in der Hoffnung nichts Falsches zu sagen. „Der Akku von meinem Smartphone ist nämlich leer.“ Ein leichtes, fast schon enttäuschtes „oh“ war von der Empfangsdame, die maximal zwei bis drei Jahre jünger als ich gewesen sein dürfte, zu hören. Ihr glattes schwarzes Haar war sorgsam zu zwei Zöpfen geflochten. Sie zeigte mir den Weg zu meinem Platz und öffnete den Internet-Browser. Im besten Kalifornien-Englisch fragte sie: „Woher kommst du?“ Damit war auch dieses Thema erledigt, da ich mich in den kommenden Stunden nicht stotternd mit lediglich vereinzelten Wortfetzen ausdrücken musste. „Deutschland“, erklärte ich ihr. „Oh, Deutschland! Der Bruder meiner Schwester ist auch Deutscher.“ Die von mir vielleicht nur eingebildete Enttäuschung der vorherigen Minuten war wie aus ihrem Gesicht gewischt. „Von wo genau aus Deutschland stammt der Freund deiner Schwester?“, fragte ich. „Rothenburg ob der Tauber.“ „Oh, Rothenburg. Schönes Städtchen. Viel Historie“. In den nächsten Minuten kamen wir immer mehr ins Gespräch. Sie fragte, was sich so treibe, wenn ich nicht gerade durch Asien mit einem entladenen Handy reise. Ich erklärte ihr, dass ich Motorsport-Blogger bin. Da schrie sie auf, als wären die Jungs der populären K-Pop-Boyband EXO vor ihr gestanden: „Ich liebe Formel 1!“

„Verrückter Zufall“ dachte ich mir, ehe ich natürlich fragen musste, wer denn ihr Lieblingsfahrer sei. „Rosberg!“. Erneut wie aus der Pistole schoss der Name des amtierenden Formel-1-Weltmeisters über ihre Lippen. „Nicht Hamilton?“, fragte ich. „Nein, nein. Nico Rosberg. Der hat eine viel sanftere und sympathischere Art. Ich mag sein blondes Haar“. Stolz präsentierte sie mir auf ihrem Smartphone ein Foto, das sie zusammen mit Rosberg beim bisher letzten koreanischen Formel-1-Grand-Prix in Yeongam aufnahm. „Er war dieses Jahr mit Mercedes zusammen einfach der Beste! Du hast bestimmt auch schon andere Fahrer getroffen, oder?“ „Leider nein“, erklärte ich ihr. „Als Blogger lebe ich von Wasser und Brot. Maximal übernehmen die ‘echten‘ Journalisten etwas ohne Quellenangabe von mir.“ Zusätzlich erklärte ich ihr, dass mein Spezialgebiet die beiden japanischen Super-GT- und Super-Formula-Meisterschaften sind – absolute Nischenserien im Westen. „Da fahren sogar ehemalige Formel-1-Piloten wie Heikki Kovalainen oder Kamui Kobayashi mit. Kovalainen gewann sogar die Meisterschaft.“ Die Namen schienen ihr Interesse geweckt zu haben. Zu einer weiteren Kontaktaufnahme kam es allerdings nicht, da der Chef nach ihr rief. Wenige Minuten später klickte ich mich durch das koreanische Browser-Fenster und rief meine E-Mails ab. Zu meiner erwartenden Enttäuschung habe ich weder eine Einladung zu einem der Jahresabschluss-Festivals der japanischen Big 3 (Toyota, Honda, Nissan) am Fuji Speedway sowie Twin Ring Motegi noch irgendwelche geldbringenden Aufträge erhalten. Trotzdem füllte sich das Postfach mit 127 neuen E-Mails. Ich gab meiner Freundin ein Lebenszeichen und hoffte darauf, dass sie meine Nachricht rechtzeitig lesen werde. Als ich mein Postfach schloss, wandte sich mein Blick auf den geöffnet Battle.net-Klienten. Die freundliche Empfangsdame, deren Namen ich leider nie erfuhr, öffnete ihn, bevor sie zu ihrem Chef eilte: „Falls du es doch probieren möchtest“, zwinkerte sie mir zum Abschied zu. Ich startete Starcraft und befand mich umgehend in einem Match. Keine 120 Sekunden später war es auch bereits vorbei. Ich konnte meinen Gegenspieler nicht mal richtig begrüßen, da überrannte mich seine Armee bereits. Ich grinste, während ich mich hastig umschaute, ob im Meer der jungen Menschen im PC-Bang das Gesicht eines zufriedenen Gewinners zu erkennen war. Fehlanzeige. Vermutlich saß er oder sie in einem anderen Teil Koreas.

Die Niederlage gab mir jedoch zu denken: Wenn ich von der ersten Sekunde an mit solch einem Blitzangriff gerechnet hätte, hätte ich mich wohl dagegen verteidigen können. Makellos war diese Taktik also nicht. Und irgendwie galt dies auch für Nico Rosberg sowie Mercedes. Zwar führte der Deutsche für einen Großteil des Jahres die Weltmeisterschaft an, erlebte aber vor der Sommerpause sowie zum Ende des Jahres einen leichten Hänger. Lewis Hamilton nutzte dies aus – und gewann fast seinen dritten Titel in Folge. Dass es nicht klappte, lag zum einen an der generellen Konstanz Rosbergs, der nur selten patzte. Zum anderen aber auch an Mercedes selbst, bei denen die Defekthexe erneut mehrmals zuschlug. Anders als die Jahre zuvor traf es jedoch Hamilton anstatt Rosberg, der offensichtlich überhaupt nicht mit diesem Umstand zurechtkam. Und so entwickelte sich eine wahre Schlammschlacht zwischen den beiden Piloten, in die auch das Team hineingezogen wurde. Mitunter konnte man gar glauben, dass seitens Hamiltons das Vertrauen in seinen Arbeitgeber fehlen würde, auch wenn er Aussagen in diese Richtung binnen von wenigen Stunden oder Tagen widerrief. Dies ging gar so weit, dass der Brite nach dem berüchtigten Barcelona-Unfall, als all die Anspannung zwischen den beiden Piloten in einer von den Fans stark umjubelnden Kollision und dem Premierensieg Max Verstappens mündete, gar für kurze Zeit an einen Rücktritt dachte. Nein, Rosberg gegen Hamilton war gewiss kein Frost gegen Nixon. Es war auch kein Prost gegen Senna und schon gar nicht ein Schumacher gegen Häkkinen, das niemals in einer Schlammschlacht ausartete. Zwar bekriegten sich Hamilton und Rosberg nicht immer aktiv auf der Strecke. Trotzdem war stets eine Anspannung zwischen den Beiden zu spüren, die natürlich beim Finale in Abu Dhabi gipfelte. Selbstredend ist Mercedes nun auf Schmusekurs unterwegs, schließlich bleibt nur noch Hamilton als Top-Fahrer übrig, nachdem Rosberg überraschend sein Karriereende wenige Tage nach dem Titelgewinn bekannt gab. Dies Alles tut meinem persönlichen Duell des Jahres natürlich keinen Abbruch, das wegen der immer heißer kochenden Emotionen in einer anderen Rennserie wie der NASCAR vermutlich im Wrestling-Ring geendet wäre.

„Und dennoch“, sagte ich mir zu, während ich langsam das Starcraft-Fenster schloss und versuchte die Koreanerin zu erblicken, um mich von ihr zu verabschieden, die allerdings leider nicht mehr zu finden war. „Waren Rosberg und Mercedes das beste Team des Jahres?“ Natürlich hat Mercedes dominiert. Das ist etwas was sie schon seit Jahren machen. Und natürlich waren erneut lediglich Rosberg und auch Hamilton die einzig realistischen WM-Kandidaten. Ehre wem Ehre gebührt. Wohl aber wegen der Fehltritte sowie Durchhänger des Jahres tue ich mir aber schwer, erneut einen der beiden Sternenkrieger auf oberste Podest zu heben. Tatsächlich tue ich mir überhaupt schwer einen Fahrer oder eine Mannschaft zu finden, die das gesamte Jahr über makellos war. Am besten auch noch ohne irgendwelche „Skandälchen“ oder anderen Celebritiy-Gossip-Unfug. Nissan war auf dem besten Wege als Top-Dominator des Jahres zu gelten, als sie gleich die ersten vier Saisonrennen in der Super GT gewannen. Anschließend ließen sie den Ball jedoch härter als American-Football-Spieler Dez Bryant fallen, gewannen dank der strategischen Meisterleistung von Kondo Racing aber immerhin noch ein weiteres Rennen beim großen Finale in Motegi. Der Titel ging allerdings an Toyotas Luxusmarke Lexus. Doch gerade Japan zeigte, dass auch die Underdogs groß herauskommen können. 2015 schockte Cerumo Inging Motorsport Nippons Motorsportszene, als sich Hiroaki Ishiura zum Super-Formula-Champion krönte. 2016 tat ihm das Teamkollege Yuji Kunimoto mit zwei Saisonsiegen gleich. Konstanz war erneut das Schlüsselwort, das in den letzten Jahren zum Erfolg in sowohl der Super Formula wie auch GT führte. Vielmehr jedoch: Erstmals in ihrer jungen Geschichte setzte sich Cerumo Inging Motorsport auch in der Teamwertung gegen die Todesstern-Mannschaften von TOM’s sowie Impul durch. Das ist vergleichbar mit einer Niederlage von Penske gegen eines der deutlich kleineren Teams. Penske dominierte in der IndyCar Series, was bemerkenswert und ehrenwürdig ist, zumal, abgesehen der Aero-Kits sowie der Motorenwahl, alle Teilnehmer mit den gleichen Voraussetzungen ins Rennen gehen. Dies ist in der Super Formula nicht anders. Nur dort Schlug David Goliath; Cerumo Inging Motorsport schlug TOM’s und Impul – auch bei meiner persönlichen Wahl zum besten Team des Jahres.

Ehrenvolle Nennung: VivaC Team Tsuchiya in der Super GT, die erstmals alleine die GT300-Meisterschaft gewannen und sich mit dem Toyota-86-Mother-Chassis der Marke Eigenbau gegen große Hersteller wie BMW, Audi und Nissan behaupteten. Am komplettesten bei den Fahrern wirkte hingegen Simon Pagenaud in der IndyCar Series, der das Jahr mit gleich drei Siegen sowie zwei silbernen Plätzen in den ersten fünf Rennen begann. Bereits damals war klar: Sollte er keinen allzu großen Patzer haben, wird er nur schwer zu schlagen sein. Und so kam es auch: Kontrolliert, abgehärtet und auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere krönte er sich in Sonoma zum IndyCar-Champion – und zu meinem persönlichen Fahrer des Jahres.

Während die Leistung von Cerumo Inging Motorsport in der Super Formula eine der Überraschungen des Jahres war, so wurde sie von Lexus Team WedsSport Bandoh in der Super GT getoppt. 2011 den „Wahnsinn“, so die Worte von Teamchef Masataka Bandoh, des Wechsels in das Haifischbecken der GT500 gewagt, fuhr die kleine Privatmannschaft dank einer hervorragenden Leistung von Yuhi Sekiguchi und Yuji Kunimoto in Buriram ihren allerersten Sieg in der obersten Kategorie der japanischen GT-Meisterschaft ein. Es war der finale Schritt einer explosiven Leistungssteigerung im vergangenen Jahr. 2016 punktete man in jedem Rennen. Der finale Schritt zu einem Laufsieg fehlte jedoch. Und fast wäre der Traum wegen eines Reifenschadens geplatzt, als Yuhi Sekiguchi wenige Meter vor der Boxeneinfahrt noch die Kontrolle über den Wagen halten konnte. Glück im Unglück sozusagen. Die anschließende Anspannung von Teamkollege Yuji Kunimoto konnte man sofort erkennen. Am Ende wehrte der Super-Formula-Champion die Angriffe von Tadasuke Makino jedoch gekonnt ab. Und als der heulende Super-GT-Boss Masaaki Bandoh seinen Sohn Masataka Bandoh kräftig umarmte, flossen nicht nur im Tränenlager die Freudentränen. Die Überraschung des Jahres war gleichzeitig auch einer der Feel-Good-Momente des Jahres.

Wieder in Deutschland erreichte mich die freudige Nachricht, dass nicht alles in 2016 schlecht war. Eine gute Freundin hatte endlich wieder Zeit für ein kurzes Treffen. Es sind viele Monate wie auch Monde vergangen, als ich Momo, oder lieblich Momo-chan, das letzte Mal gesehen habe; seit ihrem Job-Wechsel jettet sie sprichwörtlich um die Welt. Nun saßen wir jedoch wie in fast alten Zeiten in ihrem koreanischen Lieblingsrestaurant. Bei vielen Köstlichkeiten gab es noch viel mehr erzählen. Sie berichtete mir von ihrem neuen Job, ich ihr von meinem letzten wilden Kneipenbesuch, als mein ehemaliger Zimmernachbar Kazuki uns alle einlud, als er stolz wie Oskar seinen ersten Check als Security für Rock-Shows erhielt. Wir lachten, wir aßen, wir tranken. „Bist du glücklich?“ fragte sie aus heiterem Himmel. „Nein“, antwortete ich ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne dass ich überhaupt die Chance für eine weitere Ausführung hatte, erklärte sie, dass ein ehemaliger, 13-jähriger Schüler sie dies Anfang des Jahres fragte. „Kannst du das glauben?“ Ich zuckte mit den Schultern: „Ja, kann ich.“ Solch eine Frage wirkte realistisch. Sie legte ihre metallenen Essstäbchen auf die Seite: „Ach, du… Weißt du was er mich als nächstes gefragt hatte?“ „Ob du einen Freund hast?“ Sie griff wieder nach ihren Essstäbchen: „Genau! Woher weißt du das?“ „Erfahrung? Menschenkenntnisse? Keine Ahnung“, sagte ich, als ich mir ein weiteres Glas Wasser einschenkte. „Kannst du glauben, dass ein 13-Jähriger seine Lehrerin so etwas fragen würde?“ Ich konnte es, entschied mich aber einen Gang zurückzuschalten: „Nicht wirklich. Teenager heutzutage…“

Glück. Glücklich sein. Glückseligkeit. War ich 2016 glücklich? Für andere. Für mich selbst? Nicht unbedingt. Darf man die Frage nach dem glücklich sein verneinen, obwohl es einem eigentlich nicht schlecht geht, aber man dennoch das gewisse Etwas im Leben vermisst? Ist dies egoistisch? Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich nahm einen weiteren Bissen. Glück ist etwas, was Menschen unterschiedlich definieren. Ein Glückspilz kann etwa jemand sein, der eine tragische Situation unbeschadet überstand. Bryan Clauson hatte dieses Glück leider nicht. Katsumasa Chiyo hingegen schon. Sein Unfall mag vielleicht nicht ganz so spektakulär wie jener des auf dem Dach durch Macau schlitternden Laurens Vanthoor oder Peter Li (Formel 3, Spielberg) und Joseph Newgarden (IndyCar, Texas) gewesen sein, die nach jeweils zwei schweren Unfällen sich glücklicherweise „lediglich“ Frakturen zuzogen. Newgarden konnte gar kurze Zeit später wieder ins Cockpit einsteigen und gewann gar vier Wochen später im Oval. Für Li war die Formel-3-Saison hingegen beendet. Chiyo wirkte auf den ersten Blick unverletzt. Selbst eine erste Diagnose im Krankenhaus, in dem er vorsichtshalber die Nacht verbrachte, wurden keine Verletzungen festgestellt. Erst eine weitere, wenige Tage später durchgeführte Untersuchung stellte eine Verletzung am Rücken des Japaners fest, die er sich bei seinem Unfall auf dem Fuji Speedway zuzog, als er wegen Bremsversagens mit 289 km/h in die Streckenbegrenzung der ersten Kurve knallte. Was die Verletzung so gefährlich macht, ist das sie zuerst nicht diagnostiziert werden konnte. Zum anderen der Unfall selbst, der, wenn Chiyo anders in die Barriere geknallt wäre, weitaus schlimmer hätte ausfallen können. Ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt, den Suzuka 1000 km sowie für zwei weitere japanische Formel-3-Rennen, musste Katsumasa Chiyo pausieren, ehe er beim thailändischen Gastspiel in Buriram zurück in das Cockpit seines GT500-Nissan schlüpfte.

Glück und Enttäuschung gehen oft miteinander Hand in Hand. Und während Rennfahrer wie Joao Paulo de Oliveira nach viel Pech mit wenigstens zwei Siegen ein zumindest teilweise versöhnliches Jahresfazit schließen können, so dürften die Köpfe bei Honda nach einer weiteren Pleitensaison noch tiefer als der Bass von Masayoshi Yamashita hängen. Generell lief es für die Marke, welche mittlerweile wohl nach Power träumt, nicht gut. Platz sechs in der Konstrukteurs-Wertung ist für das in der Vergangenheit erfolgreiche McLaren-Honda-Gespann sicherlich eine kleine Steigerung zu 2015, hängt allerdings noch weiter hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Viel schlimmer lief es in der Heimat, wo man in der Super GT erstmals seit 1997 sieglos blieb. Mit dem Unterschied, dass sich Hondas GT-Programm damals erst im zweiten Jahr befand und auf lediglich zwei Fahrzeuge konzentrierte. Das Gesicht in Japan zu verlieren ist eine der schlimmsten Erniedrigungen. Der NSX Concept-GT, welcher seinen Hybrid-Antrieb zu Beginn des Jahres verlor, wodurch man wegen des Gewichtgewinns Aufschwung erhoffte, jedoch zunächst in einem Balance-Problem mündete, wurde von einigen Insidern wie auch Fans schamvoll als GT400 betitelt – ein Ausdruck, der ursprünglich lediglich für schnelle wie auch dominante Fahrzeuge der GT300-Klasse verwendet wurde. Mit einem weiteren Motoren-Update zur Saisonhalbzeit versuchte Honda die Schande wettzumachen. Als die Gewichts-Handicaps der Konkurrenz zunahmen, ergaben sich gleich mehrere Chancen, die aber lediglich in einer Pole-Position in Suzuka sowie einem zweiten Platz dank Rookie-Sensation Tadasuke Makino in Buriram mündeten. Ausgerechnet beim Saisonfinale in Motegi dann die traurige Ohrfeige: Alle fünf NSX Concept-GT belegten die letzten fünf Plätze. Es war das passende Ende für eine verkorkste Saison. Was bleibt ist die Hoffnung für Honda, mit dem neuen NSX GT alle Baustellen der Concept-Variante für 2017 ausgemerzt zu haben. Wer weiß, vielleicht sah auch Honda einen Kirschblütenbaum diesen Winter?

Am Ende des Abends verabschiedeten sich Momo-chan und ich mit einer herzigen Umarmung. Jeder Mensch definiert Glückseligkeit für sich selbst. Irgendwann, so sagte ich mir, werde ich vielleicht ihre Spuren im Schnee gehen können, einen ähnlichen Weg einschlagen können. Zum Abschied gab sie mir Natsume Soseikis Roman Kokoro zurück, den ich ihr vor über einen Jahr auslieh. Erst zu Hause bemerkte ich, dass sie bestimmte Stellen über die Vergangenheit und Liebe kennzeichnete sowie kommentierte. Ich nahm den letzten Zug des Tages nach Hause. Bei diesen Fahrten erlebt man mitunter kuriose Dinge. Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ein Uber-Taxi zu rufen. Vielleicht wäre Marco Andretti ja mein Fahrer gewesen. Dieses Mal blieb es im Zug glücklicherweise ruhig. Lediglich ein Mann sprach mich an, der von sich selbst stolz behauptete, bereits mit jedem einzelnen Zug in Tokyo gefahren zu sein. Gewiss ein seltsames Hobby. Aber letztlich auch nicht merkwürdiger als andere Hobbys. Er erklärte mir, dass diese Personen Hoop-Shooters genannt werden. Von ihnen soll es viele geben; und man würde sie leicht erkennen. Der Trick sei lediglich Augenkontakt zu den Personen aufzubauen und sich den Namen der nächsten Station zu merken. Am einfachsten sei dies auf der Yamanote-Linie in Tokyo, die wie eine Raute aufgebaut ist, auf den Karten aber aus Gründen der Einfachheit wie ein Kreis dargestellt wird. Sie könnte durchaus tatsächlich ein Kreis sein, da die Yamanote-Linie eine sprichwörtlich kreisförmige Rundfahrt rund um Tokyo macht. Steigt man beispielsweise in Ueno ein, kann man problemlos die Augen schließen und sich seinen Träumen hingeben. Verschläft man, kann man sich sicher sein, nach rund einer Stunde wieder in Ueno zu sein. Dies sei letztlich, so der fremde Mann, auch der Trick, um Shoot-Hooper-Kameraden zu identifizieren. Sind sie nach einer Rundfahrt beim Halt an der gleichen Station, von denen die Yamanote-Linie 29 hat, an der sie eingestiegen sind, noch immer im Zug und bauen auch noch Augenkontakt auf, dann dürfen laut Gesetz zwei Shoot-Hooper miteinander Reden und gar miteinander anfreunden.

„Ein ziemlich komisches Gesetz ist das.“ „Ich habe es nicht erfunden.“ „Wer dann?“ Der Mann zuckte nur mit den Schultern. „Shinzo Abe?“, fragte ich lachend. „Es ist ja nicht so, dass Menschen sich komische Dinge ausdenken“ erwiderte der Mann. Er hatte Recht. Dass die Formel 1 und mittlerweile auch die WEC merkwürdige Entscheidungen bei Regen treffen ist nicht unbedingt neu. Wenn mir allerdings jemand vor einem Jahr erzählt hätte, dass die IndyCar ein Rennen anfängt und erst zwei Monate später beendet, hätte ich das YouTube-Video vom lachenden Jonah Jameson heraussuchen müssen. Fairerweise: Die IndyCar-Rennleitung handelte goldrichtig. Das Wetter spielte nicht mit. Das Firestone 600 auf dem Texas Motor Speedway musste bereits wegen Regen sowie Schwierigkeiten beim Trocknen der Strecke von Samstag auf Sonntag verlegt werden. Als dann eine weitere Regenfront nach 71 Runden über dem Nudeltopf aufbrach, war endgültig Schluss. Anstatt jedoch die Fans enttäuscht nach Hause zu schicken und halbe Punkte zu verteilen, entschloss sich die IndyCar den Rest des 248-Runden-Rennens zu verlegen – auf August. Zwei Monate später fand der Texas-Marathon somit seinen Abschluss. Ein Kuriosum, das nach „typisch IndyCar“ klingt, aus Sicht der Fans jedoch die goldrichtige Entscheidung war.

Ähnlich kurios war Laurens Vanthoors Sieg beim FIA GT World Cup in Macau, den er auf dem Dach schlitternd einfuhr. So entschloss sich die Rennleitung nach seinem Unfall das Rennen nicht mehr anzupfeifen, wodurch die Wertung der vorherigen Runde als offizielles Ergebnis herangezogen wurde, in welcher der Belgier noch führte, da er erst wenige Skeunden vor seiner Flugeinlage von Earl Bamber überholt wurde. Dass Vanthoor jedoch der Auslöser des Abbruchs war, schien die Rennleitung nur wenig interessiert zu haben. Das Rennen und der Wettbewerb selbst verkamen zu einer Farce, nachdem die bereits zuvor gestartete TCR dank Kleinschrott ein Schleichtfahrt hinter dem Safety Car zelebrierte. Für nächstes Jahr sollte eventuell das Regelwerk angepasst werden. Über die kuriosen Schlagzeilen wird man jedoch sicherlich dankbar gewesen sein – solch einen glimpflich ausgegangenen Anblick bekommt man schließlich nicht alle Tage.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster blickte, wurde ich erneut vom im Winter strahlenden Kirschblütenbaum begrüßt. Ich brühte mir einen grünen Tee auf, während ich das Treiben der Schneeflocken durch das Fenster hindurch beobachtete. Anschließend brachte ich die Ereignisse und Gedanken der letzten Tage zu Papier. Vielleicht wird sie irgendwann jemand lesen. Vermutlich werden sie als unnötige Zeitverschwendung betrachtet werden. Das ist okay. Im Leben ist nicht immer alles wertvoll, was man macht. Egal ob es ein überlanger Blog-Eintrag, eine kurios und langweilig anmutende Kurzgeschichte oder gar das Coca-Cola 600 beziehungsweise eines der weiteren langweiligen Rennen auf den 1,5 Meilen Ovalen des NASCAR Sprint Cup war, das vielleicht auch noch wegen Regen verspätetet angepfiffen wurde. Der Tee war kalt, als ich die letzte Zeile in mein Textprogramm tippte. Das wilde Schneetreiben hatte überraschend aufgehört, die Sonne schien gar durch das Meer der grauen Wolken hindurch. Es war womöglich die einzige Chance, die ich bekommen würde, am Kirschblütenbaum zu graben. Zu jenem Zeitpunkt war ich mir jedoch sicher, dass ich sein Geheimnis wohl nie lüften könne. Vielleicht musste ich das auch nicht. Vielleicht sei es auch besser so. Vielleicht ist seine zu früh blühende sowie vergängliche Schönheit auch als Metapher zu verstehen. Ähnlich einer Raupe, die sich für kurze Zeit in einen hübschen Schmetterling verwandelt, als ein Symbol der Zuversicht und Hoffnung. Was könnte unter dem Baum also vergraben liegen, was dies Alles auslöste?

Ich schnappte mir meinen Schal, meine Mütze und zog meinen Mantel an, über den selbst ein gewisser britischer Doktor neidisch gewesen wäre. „When in Tokyo, do as your heart tells you“, sagte ich zu mir und krallte eine Schaufel aus dem Schuppen nebenan. Ich fing zu graben an. Stunden vergingen. Erst als die Sonne langsam unterging und sich der graue Himmel leicht errötete, stieß ich auf etwas. Es war ein großes Buch. Ich öffnete es, doch alle Seiten waren leer. Dies überraschte mich sehr. Leicht erfroren hatte ich nicht mehr die Kraft über den Fund nachzudenken, war gar bereit das Buch wieder zu vergraben, ehe ein kalter Windstoß den Dreck vom Deckel fegte und ich einen Teil des Titels erkennen konnte:

Verdammt noch mal, 2016