Zum Jahreswechsel schauen die Racingblog-Autoren auf das vergangene Jahr zurück und stellen ihre persönliche Highlights und Enttäuschungen zusammen.

Das Jahr 2016 ließ motorsporttechnisch wenig zu wünschen übrig. Es gab großartige Rennen wie die 24h von Spa, packende Finishes wie das zum Daytona 500, Sensationssieger wie Alexander Rossi beim Indy 500, aber auch unfassbare Dramen wie das um Toyota bei den 24h von Le Mans. Zudem gab es packende Duelle auf der Strecke, allen voran bei den Tourenwagenserien wie den Supercars oder der BTCC. Aber auch die Openwheeler-Serien lieferten durch die Bank packenden Motorsport in diesem Jahr, und lieferten dabei sogar (zumindest gefühlt) weniger Schrott ab, als noch 2015. Doch leider muss man auch an die unschönen Momente denken, die trotz allem noch einen Schatten über das Motorsportjahr 2016 werfen. Da wäre vor allem Bryan Clauson, der mit gerade mal 27 Jahren nach einem Unfall in einem Midget Car in Belleville sein Leben verlor. An dieser Stelle möchte ich euch nochmal die Dinner-with-Racers-Episode mit Clauson ans Herz legen.

Außerdem muss ich auch oft an den bereits vom Kollegen Phil angesprochenen Andrew Palmer (Pirelli World Challenge) denken, von dem es seit seinem schweren Unfall in Lime Rock keine Neuigkeiten gibt. Oder auch an Peter Li, der in Spielberg beim ersten Formel-3-Lauf auf Ryan Tveter aufgefahren war und mehrere Meter durch die Luft flog. Frakturen an vier Wirbeln und einem Fuß verhinderten weitere Renneinsätze in der F3-Saison.

In diesem Jahr möchte ich den Fokus bei meinem Best Of 2016 jedoch rein auf die Supercars legen. Nicht nur, weil ich die Serie am intensivsten verfolge und ich fürchte von allem anderen schon zu viel vergessen zu haben, sondern auch weil die abgelaufene Saison es einfach wert ist, ein eigenes Best Of zu bekommen. Fangen wir also wie immer mit dem besten Rennen 2016 an.


Bestes Rennen

Für diese Kategorie habe ich direkt mehrere Kandidaten. Da wäre zum Beispiel das Regenrennen von Adelaide (Lauf 3), das mit Nick Percat von Lucas Dumbrell Motorsport auch noch einen überraschenden aber verdienten Sieger fand. Oder auch, wie eigentlich jedes Jahr, das Bathurst 1000, das in diesem Jahr allerdings vor allem durch das Nachspiel, als Red Bull eine Strafe der Rennleitung vor ein Sportgericht brachte, überschattet wurde. Da ich mich aber festlegen muss, wähle ich das Sandown 500 zu meinem Rennen des Jahres. Ständig wechselnde Bedingungen verlangten den Fahrern alles ab und trennten die Spreu vom Weizen (ja, die fünf Euro liegen bereits im Phrasenschwein). Am Ende gewannen in einem spannenden Finish Garth Tander und Warren Luff vor Shane van Gisbergen und Alex Prémat.

Last laps of the V8 supercars 2016 Wilson… by DRIKALOT


Bestes Finish

Auch hier fällt mir die Wahl schwer. Bei einigen Rennen gab es sehr enge Finishes, auch um Podestplätze. So sicherte sich zum Beispiel James Courtney in Townsville den zweiten Platz mit einer Splitterlänge Vorsprung vor Mark Winterbottom. Meine Wahl fällt aber auf das Finish des ersten Laufs beim Sydney Supersprint in Eastern Creek. Shane van Gisbergen und Jamie Whincup lieferten sich rundenlang ein hartes Duell, in dem sich van Gisbergen schließlich durchsetzen konnte und 0,2 Sekunden vor Whincup die Ziellinie erreichte.

V8 Supercars 2016 Round 18 & 19 Sydney… by PRMotorTV


Bester Fahrer

Ohne Zweifel Shane van Gisbergen. Er war der überragende Fahrer dieser Saison, auch wenn er sich erst beim letzten Rennwochenende in Sydney den Titel endgültig sichern konnte. Doch nach dem Enduro Cup war sein Vorsprung auf Whincup in der Gesamtwertung bereits so groß geworden, dass es schon mit dem Teufel hätte zugehen müssen, um noch abgefangen werden zu können. Momentan ist van Gisbergen wohl der beste Tourenwagenfahrer der Welt und gehört wohl auch Kategorieübergreifend zu den besten Rennfahrern zur Zeit. Davon zeugt nicht nur der Gewinn der Meisterschaft bei den Supercars, sondern sein Sieg bei den 12h von Bathurst und der Sieg der Endurance-Wertung in der Blancpain Endurance Series (Hoffentlich heißt das so, ansonsten rauft sich Phil wahrscheinlich gerade die Haare…).

Zu erwähnen wäre aber noch Jonathon Webb. Der Teamchef von Tekno Autosports, der auch noch selber ins Cockpit steigt, gewann in diesem Jahr in Bathurst sowohl das 1000-Kilometer-Rennen der Supercars als Co-Driver von Will Davison, als auch die 12h zusammen mit van Gisbergen und Álvaro Parente im eigenen McLaren 650S GT3. Beide Rennen in einem Jahr zu gewinnen gelang vor ihm noch niemanden, auch vor dieser Leistung ziehe ich meinen Hut.

Bestes Team

© Red Bull Racing Australia

Um Red Bull Racing Australia wird man da nicht herumkommen. Die meisten Siege und Pole Positions 2016, in der Fahrerwertung die ersten beiden Plätze belegt und auch die Teamwertung für sich entschieden. Nach dem man im Vorjahr ja “nur” die Teamwertung gewinnen konnte, zeigte man in diesem Jahr der Konkurrenz wieder die Grenzen auf. Momentan arbeitet DJR-Penske aber offenbar daran diese Dominanz zu brechen. Anders sind die Verpflichtungen von Scott McLaughlin und Ludo Lacroix, dem Strategie-Superhirn von Red Bull Racing, nicht zu bewerten. Die nächsten Jahre dürften also äußerst spannend werden.


Überholmanöver des Jahres

Am Überholmanöver des Jahres gibt es überhaupt keinen Weg vorbei. Natürlich ist es das von Scott McLaughlin gegen Mark Winterbottom im zweiten Rennen zum Gold Coast 600. Bei seiner Divebomb kamen Können aber auch eine gehörige Portion Glück zusammen, schließlich hätte Frosty auch einfach die Tür zu machen können, das hätte aber wohl beide aus dem Rennen genommen. So kam McLaughlin noch auf allerletzter Rille an Winterbottom vorbei.

V8 Supercars Gold Coast 2016 Race 2 McLaughlin… by Motorsports56


Duell des Jahres

Hier sticht meiner Meinung nach vor allem eine Szene heraus. Es war der zweite Lauf zum Clipsal 500 in Adelaide, als James Courtney und Jamie Whincup in der Schlussphase um den Sieg kämpften und dabei Tourenwagensport vom allerfeinsten lieferten. Mehrmals sah man sie schon in der Mauer hängen, vor allem als sie quer durch die ultraschnelle Rechtskurve von Turn 8 rasten. Das war schon große Klasse von den beiden. Für solche Szenen steht man dann auch gerne um fünf Uhr morgens auf. Leider gibt es davon kein gescheites längeres Video, weshalb ich an dieser Stelle nur einen kurzen Clip vom Twitter-Account der Supercars einfügen kann.


Überraschung des Jahres

© Nissan Australia

Die Überraschung des Jahres teilen sich gleich drei Fahrer. Zuerst gehört sicherlich Michael Caruso zu dieser Kategorie, der in Darwin für den einzigen Saisonsieg von Nissan sorgte und zwischenzeitlich sogar Führender in der Gesamtwertung war – als erster Nissan-Pilot seit Mark Skaife 1992. Aber auch Tim Slade mit seinen beiden Laufsiegen in Winton fällt in diese Kategorie. Zudem bin ich mir sicher, dass für ihn und Ash Walsh der Sieg beim Bathurst 1000 drin war, wäre nicht ein Feuer bei einem Pitstop dazwischen gekommen. Last but not least dann noch der oben bereits erwähnte Sensationssieg von Nick Percat beim Chaos-Rennen von Adelaide.


Enttäuschung des Jahres

Ich könnte hier jetzt die äußerst schwachen Leistungen von HRT und Prodrive in der abgelaufenen Saison anführen, das wäre dann aber doch etwas zu hart. Zum einen muss Prodrive ohne die Werksunterstützung von Ford zurechtkommen, und zum anderen musste HRT (oder eben Walkinshaw Racing) den Weggang von Holden verkraften, die in Zukunft nur noch Red Bull Racing werksseitig unterstützen werden.

Als zweites muss man natürlich auch über die äußerst schwache Rennleitung in diesem Jahr reden. Es fing an mit dem Regenchaos in Adelaide, als man nach dem Rennabbruch plötzlich das eigene Regelwerk vergaß. In Symmons Plains ließ man das Feld am stehenden Safety Car vorbeifahren – bei voller Fahrt und noch unter grün. In Bathurst belegte man Whincup für seine Kollision mit McLaughlin mit einer Zeitstrafe, und ließ dann entgegen der Regeln einen Protest von Red Bull Racing zu, nur damit das Gericht dem schlussendlich widersprach, die Zeitstrafe bestehen blieb und Will Davison und Jono Webb als rechtmäßige Sieger bestätigte. Im letzten Saisonrennen ließ man dann ein derart offensichtliches Unsafe Release von van Gisbergen ohne Folgen, dass man eigentlich nur hoffen konnte, dass die Race Control gar nicht mehr anwesend war und sich schon längst im Urlaub befand. Im großen und ganzen pendelten die Strafen der Rennleitung in diesem Jahr zwischen zu lasch und zu hart, und das teilweise für gleichwertige Vergehen. Man kann nur hoffen, dass die Absetzung von Jason Bargwanna als Driving Standards Observer nun Besserung bringt.

Meine persönliche Enttäuschung des Jahres ist aber, dass Garth Tander ausgerechnet nach seinem Sieg beim Sandown 500 von seinem Team mitgeteilt bekam, dass man in Zukunft ohne ihn plant. Gerade einer wie Tander, der so lange und so erfolgreich in diesem Team fuhr, hat einen besseren Umgang verdient.


Langweiligstes Rennen

Mit dieser Kategorie möchte ich mich nicht lange aufhalten. Dazu gehören leider die vier Rennen in Pukekohe. An sich eine großartige Strecke, aber ein falsches Format mit zu kurzen Rennen, gepaart mit harten Reifen, ergeben nun mal keine gute Mischung für Spannung. Das Resultat: Vier langweilige Rennen.


Glückspilz des Jahres

Das ist wahrscheinlich James Golding. Eine kleine Kollision beim Start zum Sandown 500 hatte zur Folge, dass ihm beim Anbremsen in Turn 6 die Aufhängung brach und er fast ungebremst in die Reifenstapel krachte. Den Unfall überstand er zum Glück unbeschadet.


Pechvogel des Jahres

Da komme ich einfach nicht an Scott Pye vorbei. Zu oft wurde ihm in diesem Jahr durch Missgeschicke an der Box oder technische Defekte ein gutes Ergebnis zunichte gemacht. Zu guter letzt verlor er sein Cockpit bei DJR-Penske auch noch an Scott McLaughlin. Bei Walkinshaw findet er ab 2017 aber ein neues Zuhause und es wäre ihm zu wünschen wenn dort auch wieder das Glück zurückkommt.


Spruch des Jahres

“What’s my dad doing on TV?” – Shane van Gisbergen auf dem Weg zum Sieg in Lauf zwei beim Auckland Supersprint in Pukekohe.


Wünsche für das Jahr 2017

Für 2017 wünsche ich mir, wie eigentlich jedes Jahr, spannende Rennen und möglichst wenig schwere Unfälle, und dass sie wenn sie dann doch passieren wenigstens glimpflich ausgehen. Außerdem sollte es doch endlich mal möglich sein, eine konsequente Rennleitung aufzustellen, das gilt nicht nur für die Supercars, sondern auch für zu viele andere Serien. Außerdem (entschuldigt bitte noch das Genöle am Ende) sollte man aufhören an einer gut funktionieren Rennserie ohne Ende herumzupfuschen, auch hier spreche ich mehrere Serien an. Und zuletzt, wie immer, weg mit dem unsäglichen DRS aus der Formel 1, der GP2, der DTM und bald leider auch GP3. Warum ich mich damit einfach nicht anfreunden kann, habe ich in Podcasts und im Chat sicherlich mehrfach erklärt. Jetzt aber Schluss mit dem Gejammer.

Ich möchte mich abschließend bei allen Lesern für ihr Interesse bedanken und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen.

Bilderrechte / Copyright: Dinner with Racers, Nissan Australia, Red Bull Racing Australia, Prodrive Racing Australia, Leigh Ellis