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Formel Eins: Ferrari verpflichtet Kimi Räikkönen

von DonDahlmann
5 Kommentare 5 minutes read

Ferrari hat heute offiziell Kimi Räikkönen als Nachfolger von Felipe Massa vorgestellt. Die Verpflichtung zeigt auch, dass Ferrari nicht so recht weiß, was man tun soll.

55946_070030braDie Gerüchte gab es seit dem frühen Sommer, aber die Vorstellung, dass man Räikkönen und Alonso in ein Team bekommt, war doch eher abwegig. Der als Kontrollfreak und Diva bekannte Spanier mit dem Finnen, dessen einziges Interesse es ist, im Auto zu sitzen? Räikkönen und Ferrari – das ist zudem schon mal schief gegangen. Der WM-Titel 2007 kam vor allem deswegen zustande, weil sich Alonso und Hamilton in einen Zweikampf verbissen hatten, den Ron Dennis widerspruchslos ausarten ließ. Immerhin: Räikkönen gewann den Titel, obwohl er nicht das beste Auto zur Verfügung hatte. Der Rauswurf erfolgte zwei Jahre später, weil Räikkönen zwei relativ lustlose Saisons hinter sich gebracht hatte. Der Wagen passte nicht, der Finne hatte keine Lust auf exzessive Simulatorsessions. (Hat er auch bis heute nicht, wie Eric Boullier neulich bestätigte.)

Das war und ist man bei Ferrari nicht gewöhnt. Luca di Montezemolo versteht Ferrari wie weiland Enzo Ferrari: Es ist eine Ehre, einen Ferrari zu fahren, selbst wenn der Wagen schlecht ist. Dann macht man als Fahrer für Ferrari halt alles, damit die Marke wieder besser da steht. Das passte bei Niki Lauda, Alain Prost und ganz sicher bei Michael Schumacher. Aber bei Kimi wohl eher nicht. Ein unvergessenes wie perfektes Bild lieferte der GP von Malaysia 2009 ab, als ein Wolkenbruch das Rennen unterbrach. Während Massa im Auto sitzen blieb und sich vollregnen ließ, um auf den Restart zu warten, stieg der Finne sofort aus und holte sich erst mal ein Eis.

Räikkönen ist vermutlich das, was man ein „etwas schlampiges Talent“ nennen kann. Er hält sich fit, er ist ehrgeizig, er kann einen Wagen perfekt abstimmen, und wenn der Wagen nicht perfekt ist, dann fährt er damit immer noch schneller als der Rest der Welt. Aber lange Technikersitzungen, Datenanalysen und Simulatorsessions sind seine Sache sicher nicht.

Fernando Alonso ist da bekanntermaßen ein ganz anderes Kaliber. In Spa saß er im letzten Jahr zwei Meter hinter mir im Ferrari-Motorhome und studierte Tabellen. Felippe Massa gab derweil Interviews. Alonso ist ein Besessener, ein Perfektionist und er ist extrem schnell. Er hält sich, wie jeder gute Rennfahrer, für den Besten und es ärgert ihn vermutlich bis ins Mark, dass Vettel ihn seit drei Jahren regelmäßig schlägt.

Der Frust darüber sitzt so tief, dass er sich im Sommer mehrere Fehltritte erlaubte. Er kritisierte sein Team öffentlich und auf die Frage, was er sich zum Geburtstag wünschen würde, antwortete er: „Einen Red Bull“. Das Verhältnis zwischen ihm und Ferrari gilt als angespannt. Wenn di Montezemolo öffentlich einen Fahrer abkanzelt, dann muss die Luft dick sein.

GP MONZA F1/2013Und die Verpflichtung von Kimi Räikkönen ist eine klare Ansage von di Montezemolo. Der Finne stand wohl schon länger auf der Shortlist von Teamchef Domenicali, aber der Ferrari-Chef tendierte bis in den Juli wohl eher dazu, Massa eine weitere Saison zu schenken. Was wiederum auch dem Wunsch von Alonso entsprach, der einen Wasserträger wie Massa schätzt. Als Alonso merkte, dass Montezemolo andere Ideen hatte, soll er sich für Nico Hülkenberg und Jules Bianchi starkgemacht haben. Aber Montezemolo wollte keinen zweiten Massa oder jemanden, den Alonso leicht in den Griff bekommen würde.

Dass die Wahl auf Räikkönen fiel, war dann logisch. Zum einen ist der Finne schnell, vielleicht in der Quali nicht so schnell wie Alonso, aber im Rennen kommt er an den Speed des Spaniers problemlos ran. Zum anderen kennt Montezemolo die Dickköpfigkeit des Finnen aus eigener Erfahrung. Als man Räikkönen Ende 2009 pikanterweise gegen Alonso austauschen wollte, stellte sich der Finne stur. Natürlich wollte Ferrari den Vertrag auflösen, vielleicht gegen eine kleine Entschädigungssumme. Räikkönen beharrte auf Vertragserfüllung, kassierte (laut Gerüchten) 17 Millionen Euro für ein Jahr und ging auf eine ausgedehnte Partytour. Montezemolo soll getobt und geschworen haben, dass der Finne nie mehr das Gelände in Maranello betreten darf. Wie sehr der Finne in Ungnade gefallen war, konnte man im Ferrari-Museum sehen. Dort kann man sich nicht nur die Weltmeister-Autos anschauen, sondern auch große Porträts und Devotionalien der Fahrer, etwa Helme und Handschuhe. Von Kimi Räikkönen findet sich nur das Auto dort.

Dass Luca di Montezemolo offenbar über seinen Schatten und den von Enzo Ferrari springt, ist die eigentliche Sensation dieser Verpflichtung. Auf der anderen Seite ist Räikkönen die einzig logische Wahl. Mark Webber hat man erst nicht bekommen, dann hatte der Australier keine Lust mehr. Hamilton geht gar nicht, Rosberg ist fest, Button will sich Alonso nicht antun. Da bleibt nur der Finne übrig, weil er der einzige aus der ersten Garde ist, der verfügbar ist. Dazu kommt, dass Räikkönen mit den beiden Entwicklungschefs Pat Fry und James Allison schon zusammengearbeitet hat und sich mit beiden gut versteht. Das könnte im nächsten Jahr ein wichtiger Faktor sein.

Aber es zeigt auch, dass bei Ferrari vieles nicht in Ordnung ist. Man kann und will auf Alonso nicht verzichten, man bekommt ihn und seine Politik aber offenbar auch nicht so recht in den Griff. Hätte man Hülkenberg verpflichtet, wäre die Gefahr offenbar groß gewesen, dass Alonso ihn im Team kaltgestellt hätte. Das bedeutet für Ferrari aber auch, dass man wieder die Chance verpasst, einen sehr guten Nachwuchsfahrer aufzubauen. Man fragt sich, ob und wie ein Team, dass intern von einem komplizierten Geflecht aus Neid, Missgunst, Erfolgsdruck und Politik gesteuert wird, Weltmeister werden kann. Und Weltmeister müssen sie werden, sie haben jetzt zusammen mit Mercedes die nominell stärkste Fahrerpaarung im Feld. Zwei ehemalige Weltmeister in einem Team sind aber noch kein Garant, wie man bei McLaren gesehen hat.

Aber spannend ist die Konstellation Alonso/Räikkönen alle mal. Wer wird wohl zuerst wahnsinnig? Alonso, weil ihn der Stoiker Räikkönen mit seinem Desinteresse zur Weißglut bringt, oder der Finne, weil er von Alonsos Ränkespielen genervt ist. Das hat auf jeden Fall sehr großes „Popcorn“-Potenzial. Ob es für Ferrari gut ist, das ist dann wieder eine andere Frage.

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5 Kommentare

nona 11 September, 2013 - 18:51

Herrliche Personalie. Da zeichnen sich diverse interessante Aspekte ab:

-Nach ehemals McLaren auch hier die wieder erstarkende Tendenz zu „Superteams“ mit Top-Fahrerpaarungen wenn nicht sogar zwei Weltmeistern, anstatt Paarungen wie „klare Nummer 1 und Nummer 2“ oder jung/alt oder jung/jung. Alonso ist damit natürlich definitiv nicht mehr die klare Nummer 1, und hat keinen Wasserträger mehr. Grossartige Entwicklungsarbeit kann man von Kimi auch nicht erwarten. Auch wenn man dabei bedenken muss, dass 2008 mit Massa Ferraris „nomineller“ Nummer-2-Fahrer vor Kimi beinahe Weltmeister geworden wäre (bevor Hamilton in der letzten Kurve von Interlagos doch noch… etc.). Für Ferrari ist es das erste mal seit sehr langer Zeit dass sie keine eindeutig erkennbare „Nummer 2“ beschäftigen, mindestens seit der „Casino Grande“-Ära in den frühen 90ern mit der Paarung Alesi/Berger. Das ist also durchaus ein relativ drastischer Strategiewechsel. So oder so ist es eine klare Ansage an Alonsos Adresse (ich will es nicht „Degradierung“ nennen, das ist es eher für Massa).

-Mit der Verpflichtung eines solchen Fahrers dampft Di Montezemolo Alonso auch weiterhin klein, nach den diversen Dämpfern der letzten Wochen. Im kompletten Gegensatz zu Alonso (der versucht hat, die internen Reibereien als von aussen eingesät zu erklären, während intern ja alles rosig sei) bestätigte er in kurzen Interviews am Rande in Monza auch durchaus die interne Schieflage der Dinge, und bekräftigte ausdrücklich das eigene Selbstverständnis, dass Ferrari an sich ohne Frage grösser ist als jeder Fahrer. Alonso sollte nicht nur seine Kreide-Diät fortsetzen, sondern sich Ratschläge bei Nikki Lauda holen, der in seiner unnachahmlichen Klartext-Art derzeit nicht müde wird zu betonen, wie man als Fahrer bei Ferrari gefälligst Optimismus und Zuversicht zu verbreiten hat auch wenn mal alles schiefläuft und kein Land in Sicht ist. Allerdings, um Alonso vielleicht mal etwas in Schutz zu nehmen, er hat nicht gesagt dass er sich „einen Red Bull“ wünscht, das wäre als Affront vielleicht zu plakativ gewesen, sondern lediglich „ein Auto wie die anderen“ – wobei natürlich trotzdem klar ist, was er meint. Auch die Schimpftiraden im Funk beim Monza-Qualifying (vulgo „Mamma Mia, ihr seid wirklich Idioten“) rund um das Debakel mit dem Windschatten würde ich ihm jetzt nicht so sehr anlasten wollen wie es mitunter getan wird. Solche Sprüche fallen bei allen Teams sicherlich öfters mal, da liegt es eher an der Regie des World Feeds dass sie gerade das rauspicken und einspielen.

-Alonso will für den Rest seiner Karriere für Ferrari fahren. Räikkönen unterschreibt bei Ferrari einen Zwei-Jahres-Vertrag (sagt Ferrari), oder einen Ein-Jahres-Vertrag (sagen einige Medien). Interpretieren Sie bitte … jetzt.

-Die wieder einmal deutlich werdenden, äh, „Führungsqualitäten“ von Éric Boullier, der am Sonntag noch Interviews gab, in denen er sich zuversichtlich zeigte, in der Folgewoche Kimis Vertragsverlängerung bei Lotus verkünden zu können. Und das schien keineswegs abwiegelnd oder vorgegaukelt. Er wusste es wohl schlichtweg nicht besser. Bei Lotus läuft anscheinend des öfteren das eine oder andere am Team Principal vorbei, und das was nicht an ihm vorbeiläuft wird scheinbar mit viel Peitsche, wenig Zuckerbrot, und erkennbaren Sympathien und Antipathien dirigiert. Ich würde da nicht arbeiten wollen. Boullier ist eben gelernter Ingenieur, nicht gelernter Manager.

-Red Bull könnte als Team-Serienweltmeister zumindest bei den Buchmachern erstmal ausgedient haben. Von Vettel kann man erwarten, dass er auch 2014 wieder zu den Fahrerfavoriten gehört und realistische Chancen auf den Titel hat, aber Ricciardo ist dann doch noch zu sehr Nachwuchsfahrer als dass man höhere Erwartungen an ihn haben könnte, und in der Summe sehen andere Fahrerpaarungen dann doch einfach namhafter aus. Räikkönen wird, anders als Massa, wirklich regelmässig oben mit dabei sein – wenn das Auto es hergibt.

DonDahlmann 11 September, 2013 - 19:15

@ nona:
Interessante Gedanken, besonders was die Strategieänderung bei Ferrari angeht.

Was Boullier angeht – das darf man nicht so ernst sehen. Er muss vermutlich nebenbei mit Sponsoren verhandeln und hat evtl. wirklich nichts gewusst. Vermutlich erst am Montag, oder Sonntag nach dem Rennen. Wird eh interessant, was Lotus jetzt macht. Hülkenberg steht wohl auf P1 der Wunschlist.

nona 11 September, 2013 - 20:21

Hülkenberg im Lotus ist natürlich sehr gut denkbar (auch wenn’s da Parameter gibt, die dagegen sprächen, die will ich aber mal nicht öffentlich breitspekulieren). Stellt sich aber auch die Frage, was mit Massa wird – über seinen fahrerischen Zenit hinaus ist er meines Erachtens noch nicht wirklich, und bringt nach so vielen Jahren in einem solchen Top-Team natürlich einen gewaltigen Erfahrungsschatz mit. Eigentlich gute Voraussetzungen, um woanders nochmal so richtig aufzublühen. Massa im Lotus oder wieder im Sauber könnte ich mir schon vorstellen. (Endlich mal etwas Schwung in der silly season. :)

littleskill 11 September, 2013 - 23:00

nona schrieb:

Hülkenberg im Lotus ist natürlich sehr gut denkbar (auch wenn’s da Parameter gibt, die dagegen sprächen, die will ich aber mal nicht öffentlich breitspekulieren).

Diese Parameter würde ich gerne hören ;-) er ist noch relativ jung, aber schon ziemlich erfahren und hat immer gute Leistungen gezeigt. Außerdem dürfte er nicht so viel kosten wie z.B. ein Massa.

Speedy 15 September, 2013 - 17:15

@ littleskill:
Er ist „Deutscher“ ;)

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