Das war keine leichte Saison für das erfolgsverwöhnte Team. Aber es gab auch gute Nachrichten für Mercedes.
Als Mercedes beim zweiten Test mit dem echten neuen Auto auftauchte, war die Konkurrenz leicht geschockt. Ein extrem schlankes Auto, das praktisch ohne Seitenkästen auskam, war schon ungewöhnlich. Die Ausbuchtungen an der Seite des Cockpits gab es nur, weil man die FIA-Vorgaben der Crash-Struktur einhalten musste. Der W13 war von Anfang an so ungewöhnlich, dass sich eigentlich nur zwei Alternativen boten. Entweder, Mercedes hatte hier was entdeckt, was allen anderen Teams verborgen geblieben war und sich damit einen enormen Vorteil verschafft. Oder Mercedes hat sich in der Entwicklung verheddert und eine Gurke produziert.
Die Wahrheit lag ein wenig dazwischen. Zunächst hatte man massive Propoising und das Auto hüpfte wie ein Springbock. Die Folge war, dass man den Wagen härter abstimmen musste, um die Frequenz des Hüpfens zu reduzieren. Was wiederum zur Folge hatte, dass man das Auto nicht so tief legen konnte, wie man das gerne gehabt hätte. Mercedes war gegenüber Red Bull und Ferrari weit zurück und sah sich sogar im Mittelfeld gefangen. Dennoch beharrte man darauf, dass das Konzept eigentlich funktionieren würde und sobald das Propoising verschwunden sei, würde das Auto funktionieren.
Ganz so einfach war es aber nicht. Ein paar Rennen später gestand Mercedes ein, dass man noch nicht verstanden habe, wo das Problem mit dem Auto genau liegen würde. Man probierte viel herum, echte Fortschritte gab es allerdings nicht. Die kamen erst später in der Saison. Ab Spanien hatte man das Porpoising einigermaßen im Griff und der W13 zeigte sich leicht verbessert. Der Aufwärtstrend war allerdings schleppend und eher langsam. Erst gegen Ende der Saison war das Chassis, zumindest auf einigen Strecken, in der Lage auch um Siege mitzufahren. Aber mehr als Erfolg in São Paulo war dann nicht drin.
Im Verlauf der Saison gab Mercedes dann zu, dass das Konzept des Fahrzeugs einen fundamentalen Fehler beinhalten würde. Wo genau der lag, sagte man allerdings nicht. Aber offensichtlich lag das Problem in einem Bereich, den man nicht ändern konnte, bzw. nur ändern kann, wenn ein neues Auto baut. Es habe Korrelations-Probleme zwischen den errechneten Werten gegeben, so Mercedes. Was vermutlich dann auch bedeutet, dass man 2023 mit einem komplett neuen Auto an den Start gehen wird.
Das war also nichts in diesem Jahr, auch wenn man am Ende Ferrari in der Konstrukteurs-WM noch auf die Pelle rücken konnte. Was dann die positive Meldung für Mercedes ist. Auch wenn man bei der Entwicklung des Autos daneben lag, zwei Dinge sind in dem Zusammenhang wichtig. Zum einen war man bei Mercedes mutig genug, einen sehr außergewöhnlichen Weg zu gehen. Normalerweise gehen Top Teams selten einen radikalen Weg, von daher muss man auch seitens des Managements feststellen, dass man nicht aus Angst vor Experimenten stehen bleibt. Die andere Sache ist, dass Mercedes im Verlauf des Jahres ein Umschwung gelungen ist. Das Auto war dann am Ende stellenweise konkurrenzfähig, was im krassen Gegensatz zum Start des Jahres stand.
Die Fahrer haderten mit dem Auto, gaben, aber ihr Bestes. Schön war zu sehen, dass George Russell sehr schnell das Niveau von Lewis Hamilton erreichte. Der Ex-Weltmeister ist hier und da immer noch eine Ecke schneller, aber er dürfte den Druck spüren, den Russell auf ihn ausübt. Der Neuling im Team erlaubte sich zudem nur sehr wenig Fehler, was auch ihn spricht. Hamilton war unzufrieden mit dem Auto und hatte Probleme, sich zurechtzufinden. Das sagt viel über das Auto, denn Hamilton gehört zu den Fahrern, die sich gut auf den Charakter eines Autos einstellen können, auch wenn das Fahrverhalten ihm nicht so liegt.
Für Mercedes wird 2023 ein wichtiges Jahr. Zum einen muss man ein Auto bauen, dass von Anfang an konkurrenzfähig ist und nicht nur eine Kopie von Red Bull oder Ferrari darstellt. Zum anderen wird auch beim Motor nachlegen müssen. Zwar ist der Mercedes Motor nicht so schlecht, wie viele zu Beginn des Jahres dachten, aber Honda und Ferrari schienen in diesem Jahr das bessere Aggregat zu haben. Es gibt also erstaunlich viele Baustellen bei Mercedes, die man über den Winter angehen muss.
Bilder: Mercedes



