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WTCR: Aktuelle Situation und Kurzvorschau Bahrain & Dschedda

von Nils Otterbein
1 Kommentare 9 minutes read

Wirklich viel Neues gab es in den vergangenen Monaten nicht zur WTCR zu vermelden. Nach dem letzten Wochenende in Elsass Anfang August gab es die üblich lange Herbstpause, in der alle auf die zu erwarteten Updates im Rennkalender warteten. So wurde zunächst bekannt gegeben, dass die finalen Runden im mittleren Osten ausgetragen werden, genauer gesagt in Bahrain und auf dem F1 Kurs im saudi-arabischen Dschedda.

Dass man in Bahrain fährt, war angesichts des dortigen WEC Rennens keine große Überraschung und bot sich an. Das Finale in Dschidda hat dann schon etwas überrascht, nicht nur aus politischen Gesichtspunkten. Wie dann am 14.10.2022 vermeldet wurde, wird es nicht nur das letzte Rennen der Saison 2022 sein, sondern auch das letzte WTCR Wochenende in seiner aktuellen Form, denn die Serie wird nach fünf Jahren in ihrem derzeitigen Format eingestellt!

Viele hatten es vor allem nach dem plötzlichen Rückzug von Lynk & Co. schon befürchtet. Aufgrund der eingebrochenen Starterzahlen und der generellen wirtschaftlichen Lage sah man sich gezwungen, einen Schlussstrich unter die Serie zu ziehen. Im Nachhinein betrachtet ein Trend, der sich schon seit 2018 abgezeichnet hat.

Ein kleiner Rückblick auf fünf Jahre WTCR:

Ende 2017 wurde bekannt, dass die damalige WTCC als offizielle Tourenwagen Weltmeisterschaft mit der damaligen TCR International verschmelzen wird, die einst von Marcello Lotti gegründet wurde und ab 2015 das Grundgerüst für den damals noch boomenden TCR Sport stellte. Schnell bildeten sich attraktive nationale TCR Serien, um der hohen Nachfrage im Markt gerecht zu werden. Somit war es nicht überraschend, dass man sich Ende 2017 mit diesem Reglement auf einen neuen Tourenwagen Weltcup verständigte, zwar ohne offiziellen FIA WM Status ohne Werksteams, aber als offizieller FIA Weltcup.

Damit war praktisch eine Garantie gesetzt auf ein volles Tourenwagenfeld, was an die besten WTCC Jahre erinnern sollte. Einige WTCC Teams konnten mit den Kosten ihres gebrachten TC1 Fahrzeugs aus der WTCC mal eben drei bis vier TCR Modelle kaufen. Hinzu kamen die Teams aus der TCR International, die in den drei Jahren zuvor nach und nach ebenfalls ein attraktives Feld zusammenbekamen, dabei sogar mit ausgewählten Rennen im Rahmen der F1, u.a. in Bahrain und in Singapur. Auch wenn nicht alle Marken kamen und dabei blieben wie u.a. Volvoa, so hatte man genug Hersteller zusammen für ein starkes Feld. 2018 waren es über die komplette Saison ca. 30 Fahrzeuge mit einem auch qualitativ gutem Feld. Doch schon recht schnell merkte man, dass es zu kriseln begann.

Recht schnell wurde den kleineren Privatteams eines klar: Teams wie Hyundai N Squattra Corse, ALL-INKL.COM Honda mit Unterstützung von Jas oder Comtoyou Racing waren zwar auch eingesetzte Kundenteams, jedoch in Sachen Personal und mit Budet praktisch auf Werksniveau wie viele Mannschaften aus der weggefallenen WTCC. Damit wurde schnell deutlich, dass man ein solch attraktives Feld nicht lange halten konnte. Ein einschneidendes Erlebnis hatte man bereits im Juni 2018 in Form eines Massencrashs in Vila Real, der deutlich machte, dass ein großes Feld seine Tücken hat. Hinzu kam, dass der Broadcaster Eurosport mehr und mehr die Rennen in die digitalen Plattformen oder auf Eurosport 2 versendet hat, wodurch die Serie an Reichweite verlor.

2019 kam mit Lynk & Co. ein weiterer Hersteller, der das Grundprinzip der Serie verkannte. Ein Hersteller innerhalb des chinesischen Geely Konzerns, zu dem auch die Marke Volvo gehört, die 2017 mit Thed Björk den letzten WTCC Champion stellen konnte. Viel merkte man davon im Feld noch nicht, aber man sah, wo die Entwicklungen hingingen. Für die weggefallene Tourenwagen EM (ETCC) wurde die TCR Europe ins Leben gerufen, die eine Art zweite Liga des internationalen TCR Sports bilden sollte und die sich vom Konzept perfekt für reine Privatteams anbot. Ende 2019 wurde darüber hinaus bekannt, dass mit VW der erste große Hersteller aussteigt, um dem Ruf der Elektromobilität gerecht zu werden. Auch die Felder der nationalen TCR Serien wurden nach und nach kleiner aufgrund der Kosten. Auch ein TCR Modell kostete damals schon über 100.000 Euro in der Rennversion, kaum weniger als ein GT4 Sportwagen. Für das Preisleistungsverhältnis mit Sprintrennen und abgesehen von den VLN Läufen Rennformaten mit einem Fahrer einfach nicht lukrativ.

Dann kam 2020 die Pandemie hinzu. Die Saison begann erst im September und man bekam immerhin noch einen geschrumpften Kalender zusammen. Durch die wirtschaftliche Gesamtlage erlebten vor allem viele nationale TCR Serien einen deutlichen Einbruch in den Starterzahlen, allen voran die ADAC TCR Germany, die seitdem zwischen zehn und 15 Startern aufweist (in der zweiten Saison 2017 waren es oft um die 40 Starter!).

Man hat es im Vergleich zum GT3 oder GT4 Sport von Seiten der Verbände und Organisatoren schlicht verschlafen, ein technisch einheitliches Reglement für alle TCR Serien zu entwickeln. Unterschiedliche Regularien und viel technischer Aufwand machen es schlicht unattraktiv für Rennteams auf einen oder mehrere TCR Wagen zu setzen, um sie ggf. International einzusetzen.

In der WTCR hat sich an der Situation 2021 und 2022 nicht viel geändert. Nachdem Yann Ehrlacher 2020 und 2021 den Titel holen konnte, hat selbst Hyundai den Aufwand zurückgefahren und setzt 2022 nur noch zwei Wagen ein. Audi ist in der Serie noch gut vertreten wegen dem finanziell gut situierten Comtoyou Team. Die Serie hätte man 2023 sicherlich ohne den Ausstieg von Lynk & Co. durchführen können. Dieser hat das Fass leider zum überlaufen gebracht.

Planungen für 2023

Für das kommende Jahr hat man sich auf ein neues Konzept verständigt, was in den kommenden Wochen und Monaten noch genauer festgelegt werden muss. Am 14.10.2022 wurde in einem Atemzug von Serienpromoter Discovery Sports unter der Führung von Francios Ribeiro das Konzept einer “TCR World Tour” vorgestellt. Die Idee dahinter ist die, dass man 15 Fahrzeuge für neun TCR Events auf vier Kontinenten gewinnen kann, bei denen man sich innerhalb nationaler TCR Veranstaltungen beteiligt. Heißt de facto, dass beispielsweise ein Lauf zur Australischen TCR Serie (Bathurst?) weiterhin ein nationaler Lauf bleibt, jedoch unter der Benennung eines TCR World Tour Wochenendes werden könnte, falls die neue Organisation hier einen Lauf austragen würde. Ein vergleichbares Konzept gibt es ja bereits in der Intercontinental GT Challenge (IGTC) unter der Führung der SRO, bei denen man u.a. einen acht Stunden Lauf von Indianapolis als Rennen zur GT World Challenge America auslobt, aber als übergeordnetes Rennen auch zur IGTC mit internationalen Startern zählt. Die Traumvorstellung für ein Rennen in Deutschland wäre zweifellos ein Rennen zur ADAC TCR Germany auf der Nürburgring Nordschleife im Rahmen des 24 Stunden Rennens mit einer Beteiligung der World Tour (nur mal so als Gedankenspinnerei!).

Unterhalb der World Tour Teilnehmer soll es eine weltweite Rangliste geben, in denen Fahrer aus nationalen TCR Serien Punkte einfahren. Die besten 45 dieser Piloten sollen zusammen mit den 15 World Tour Fahrern dann Ende des Jahres ein TCR Weltfinale ausrichten. Ähnlich findet man ein solches Konzept bei den World Finals im Kartsport. In früheren Jahren gab es solche Finals auch schon im Formel Ford Bereich und beim Formel 3 Weltfinale in Macau.

Ob ein solches Konzept wirklich zu realisieren ist, bleibt abzuwarten. Erstmal müssen sich Teams nach dem Ende der WTCR finden, die tatsächlich neun Events auf vier Kontinenten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fahren wollen. Bislang hat man wohl Comtoyou Racing als Team für diese Idee gewinnen können. Das Team hat jüngst aber auch mehrere R8 LMS Evo für den GT3 Sport gekauft. Falls ein TCR World Tour Konzept scheitern würde, wäre es für das Team sicherlich kein Weltuntergang. Hinzu kommt, dass im TCR Sport generell die technischen Reglementierungen in den einzelnen Märkten unterschiedliche sind und bestimmte Marken auch nur in bestimmten Märkten aktiv sind. Klingt nach einer weitaus schwierigeren Aufgabe, als ein solches Konzept im GT3 Sport zu realisieren. Einen zentralen Medienpartner scheint man auch nicht mehr zu haben, da Discovery Sports mit der Eurosport Plattform nur als Broadcaster für das World Tour Final genannt wird. Somit wird man voraussichtlich auf die Medienpartner und TV Produzenten der jeweiligen Länder zugreifen müssen, was erfahrungsgemäß einer Meisterschaft auch selten gut tut.

Fragen über Fragen, die vor dem Jahreswechsel sicher nicht komplett gelöst sein werden. Eine Chance sollte man dem neuen Format aber sicherlich geben, denn: Nach aktuellem Stand gibt es für Tourenwagensport dann keinen Weltcup mehr und schon gar keine Weltmeisterschaft. Das Konzept der TCR Europe soll wohl unangetastet bleiben und soll eine europaweite Serie bleiben. Diese steht ohnehin mit recht stabilen Feldern auch 2022 da.

Es bleibt vor allem den Mitarbeitern der Teams zu wünschen, dass die geplanten Konzepte funktionieren und die Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Kurzvorschau Bahrain

Neben den Meldungen der letzten Wochen scheint die Luft in der Meisterschaft ohnehin etwas raus zu sein. Mikel Azcona kommt mit über 30 Punkten Vorsprung zum vorletzten Wochenenende. Mit seiner Konstanz aus der gesamte Saison, bei dem er jedes Wochenende mindestens ein Podium mitnahm, geht er als klarer Favorit in die letzten vier Saisonläufe. Um hier Rückendeckung zu geben, hat Hyundai nach zwei Jahren Abstinenz mal wieder Allzweckwaffe Nick Catsburg zurückgeholt, der bereits 2019 und 2020 für die Koreaner in der WTCR aktiv war und als Allrounder gilt, jedoch inzwischen seit zwei Jahren ohne Fahrpraxis mit Fronttrieblern.

Wie wenig Relevanz die Gesamtmeisterschaft für manche ist, sieht man an der Tatsache, dass Rob Huff nicht am Start steht und das trotz dem dritten WM Rang. Huff ist bereits sicher Meister der Privatfahrer und Cupra hat offiziell aus Budgetgründen Rob Huff durch den Ungarn Bence Boldizs ersetzt, der bereits 2021 für Zengo fuhr. Ob Huff in Dschedda startet, ist derzeit nicht bekannt. Eine sehr überraschende Meldung nach einer erstaunlich guten Saison für das private Team aus Ungarn.

Hinzu kommen erfreulicherweise zwei weitere Audi RS3 von Comtoyou Racing, die damit in Bahrain ganze sechs Wagen an den Start bringen. Hier werden der TCR Europe Meister Franco Girolami (Bruder von Honda Pilot Nestor Girolami) und der Mazedonier Victor Davidowski die Audi Mannschaft verstärken. Vor allem von Girolami darf man gute Mittelfeld Platzierungen erwarten, zumal der RS3 traditionell auf langen Geraden wie in Bahrain sehr gut funktionieren sollte.

In Bahrain wird das erste Rennen bereits Freitags Abend unter Flutlicht gefahren, das Zweite am frühen Samstagmorgen für dem WEC Rennen. Bereits das Saisonfinale 2019 fand in Sepang unter Flutlicht statt.

Auch wenn die Serie in den letzten Jahren nicht immer die besten Schlagzeilen geschrieben hat, geben wir ihr doch nochmal eine Chance! Immerhin haben die meisten anderen Serien ja bereits Winterpause.

 

 

Bildquellen: WTCR Media (Photos – FIA WTCR | World Touring Car Cup)

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1 Kommentare

Racer89 14 November, 2022 - 22:03

Danke für den sehr interessanten und aufschlussreichen Artikel!

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