Ungarn gehört vor allem durch die erfolgreichen Auftritte von Norbert Michelisz und weiteren ungarischen Piloten schon seit einigen Jahren zu den Fixpunkten im Kalender des Tourenwagen-Weltcups. Abseits des großen Le Mans Wochenendes fand dort das dritte Saisonwochenende statt mit dem zweiten Renntag im Jahr 2022.
Es war deshalb der erst zweite Renntag in diesem Jahr, da bekanntlich die Nürburgring Läufe aus Sicherheitsgründen abgesagt wurden, nachdem es um die zehn Reifenschäden in den dortigen Trainingseinheiten gab. Eine ganze Menge war somit in den letzten Wochen los, um die Gründe für die Probleme herauszufinden. U.a. schob Goodyear einen kurzfristigen Test am Slovakiaring ein. Offiziell verlautbar wurde bislang nur, dass Goodyear bei seinen Reifen offenbar keine Beanstandungen hatte. Es ist somit davon auszugehen, dass einige Teams schlicht zu aggressive Sturz- und Druckwerte gefahren sind und sich diese mit dem harten Überfahren der Randsteine wohl nicht vertragen haben. Dennoch ein Wochenende was sicherlich noch lange Nachwehen haben wird und man darf gespannt sein, ob die Serie 2023 auf die Nordschleife zurückkehrt oder ggf. nur die GP-Strecke fährt, so wie es in der Vergangenheit oft auch andere Rahmenserien des 24 Stunden Rennens gemacht haben.
Doch nun zum Wochenende in Ungarn: Die BOP wurde auf dem Stand nach dem Auftaktwochenende in Pau unverändert gelassen, wodurch aufgrund der dortigen Doppelpole die Honda Civic mit dem Zusatzgewicht von 40 Kilogramm ins Wochenende gehen mussten. Audi hatte ja mit Mehdi Bennani die Pole am Nürburgring, von der man jedoch durch den Rennausfall nicht profitieren konnte. Zuladen musste man jedoch auch nichts.
Im Mittelpunkt stand zweifelsohne die Cupra Mannschaft von Zengo Motorsport, die traditionell ihr Heimspiel dort haben, was man erfahrungsgemäß mit vielen Veranstaltungen rund um die Strecke gebührend feiert. Da war es etwas verwunderlich, dass die Fahrzeuge noch in der samstäglichen Qualifikation nach wie vor mit den Fragezeichen auf den sehr weißen Cupras fuhren, um die Sponsorensuche zu verdeutlichen. Am Sonntag wurden dann jedoch zu den Rennen Sponsoren aufgedruckt.
Erfreulich war sicherlich die Meldung, dass es nach dem Nürburgring Desaster keine Rückzüge aus der Serie gab und alle 17 Stammfahrer an den Start gingen. Das hat man in einer nationalen deutschen TCR Serie in der Vergangenheit auch schon anderes erlebt, wenn es mal „Probleme“ zwischen Veranstalter und den Teams gab.
Wie üblich fand am Samstag Nachmittag die Qualifikation statt. Wie so oft fanden sich alle Fahrzeuge nach dem Q1 in einer Sekunde wieder. Auf den Plätzen 13 bis 17 landeten Thed Björk, Attila Tassi, Mehdi Bennani, Tom Coronel und Thiago Monteiro. Somit erneut beide Engstler Honda, die bislang den Speed der ALL_INKL-COM Kollegen gar nicht mitgehen können. Dazu zwei Audi und mit Björk etwas überraschend auch ein Lynk & Co. Fahrzeug. Die Plätze sechs bis zehn nahmen in Q2 Quing-Hua Ma, Norbert Michelisz, Nestor Girolami, Rob Huff und Santiago Urrutia ein, was in umgekehrter Reihenfolge die Top 5 für das zweite Sonntagsrennen ergab. In Q3 kamen somit Gilles Magnus, Mikel Azcona, Yann Ehrlacher, Nathanael Berthon und Esteben Guerrieri, was mit zwei Audi, einem Lynk, einem Honda und einem Hyundai ein sehr ausgeglichenes
Bild ergab. Auf Pole für das Hauptrennen setzte sich schlussendlich der Spanier Mikel Azcona vor Berthon und Ehrlacher. Damit wird sich Hyundai beim kommenden Rennen in Aragon und dem Heimspiel von Azcona über die Zusatzkilos freuen dürfen. Bei Hyundai scheint sich die Wachablösung immer weiter fortzusetzen. Norbert Michelisz scheint seinen Nummer eins Status im Hause Hyundai immer stärker an Azcona abgeben zu müssen. Lynk and Co. setzt unweigerlich die Taktik der letzten Jahre fort: Immer vorne dabei, aber eben selten mit Poles und Laufsiegen, dafür vier Wagen in den Top 10. Für Audi war es nach dem Nürburgring das nächste gutes Qualifying-Resultat.
Rennen 1:
Um 11 Uhr ging das erste Rennen über die Bühne, was ja seit diesem Jahr neuerdings das Hauptrennen ist und sich über die Distanz von 30 Minuten + einer Runde erstreckt. Man wird sich wohl daran gewöhnen müssen, dass dieses Rennen von den beiden eher das Ereignislosere ist, da einerseits das Feld durch das reelle Ergebnis der Qualifikation besser geordnet ist und darüber hinaus alle Fahrer daran denken sollten, dass sie das Auto fürs zweite Rennen halbwegs ohne Schaden lassen sollten, auch wenn die Reparaturzeit verlängert wurde.
Azcona setzte sich am Start durch und lies Berthon, Ehrlacher, Magnus und Ma hinter sich. Der Verlierer des Starts war Esteban Guerrieri, der nach den ersten Ecken ins Mittelfeld zurückfiel, der Gewinner war hingegen Rob Huff beim Heimspiel für Zengo Motorsport im Cupra, der an beiden ALL-INKL-COM Civic vorbeiging, die klar ihre 40 Kg. Zuladung bei den heißen Temperaturen spürten. Dahinter sammelte sich eine Lynk and Co. Truppe rund um Platz 10 mit Urrutia, Muller und Björk. Generell macht Yvan Muller bislang ein paar Sorgen. Er scheint den Speed der jungen Kollegen nicht mehr mitgehen zu können und muss bereits jetzt schon den Wasserträger spielen. Würde mich nicht wundern, wenn es seine letzte Saison im professionellen Motorsport sein wird.
Aufsehen erregte Tom Coronel, der in der zweiten Runde dem Zengo-Junior Daniel Nagy mal ordentlich in die Seite führ, was eine fünf Sekunden Zeitstrafe zur Folge hatte. Eine vergleichbare Aktion hatte Santiago Urrutia, der Esteben Guerrieri um ca. Rennmitte in die Seite fuhr, am Ende ohne Strafe der Rennleitung.
Im späteren Rennverlauf bildete sich eine große Lücke zwischen Huff auf Platz 6 und den beiden argentinischen Honda Piloten Girolami und Guerreiri dahinter, wie schon erwähnt aufgrund des hohen Erfolgsbalast.
Für die schnellsten Runden im Rennen sorgten vorne an der Spitze Mikel Azcona, der am Ende seinen zweiten Sieg im dritten Saisonrennen einfuhr und Yann Ehrlacher, der mit gutem Reifenmanagement kurz vor Schluss den zweiten Platz von Nathanael Berthon übernahm, der schlussendlich auf Platz 3 das Podium komplettierte. Dahinter reihten sich Magnus im Audi, Ma im Lynk, Huff im Cupra, sowie Girami im Honda, Urrutia im Lynk und Guerrieri im Honda ein, was die Ausgeglichenheit des Feldes nochmal unterstreicht. Alles in allem ein Rennen ohne die großen Highlights, typisch Hungaroring eben!
Rennen 2:
Kurz nach Beendigung der 24 Stunden von Le Mans startete gegen 16:45 Uhr das zweite Rennen, nach einer somit recht langen Pause zwischen den beiden Läufen. Allzu viele Reparaturen gab es bekanntlich nicht zu erledigen.
Das reversed Grid Rennen ergab die interessante erste Reihe zwischen Santiago Urrutia, der in Budapest schon 2021 gewann und Rob Huff, den man zuletzt eher selten auf derartigen Positionen sehen konnte. Die ungarischen Fans hofften natürlich auf Norbert Michelisz, der von vier neben Nestor Girolami ins Rennen ging. In den Top5 änderte sich nach dem Start praktisch nichts. Jedoch stellte man anschießend eine deutlich härtere Gangart fest, wie wir es bereits in Pau im zweiten Lauf erleben durften: U.a. schoss Tom Coronel an exakt der gleichen Stelle Daniel Nagy ab, der anschließend sein Rad durch eine Berührung an Thed Björk verlor. Viel unschuldiger kann man als der junge Ungar in eine Kollision nicht reingeraten! Eine Kurve vorher sorgte Bennani für eine ähnliche Aktion gegen die beiden gleichen Kontrahenten. Nach ca. zehn Minuten bildete sich dann eine gewisse Ordnung im Rennen ohne große Aufreger.
Sehr überraschend, dass Nestor Girolami Platz drei halten konnte, während es für seinen Kollegen Guerrieri weit ins Mittelfeld ging. Nach etwa zwölf Minuten ergab sich die einzige Safety-Car Phase des Sonntags, als Mehdi Bennani Yvan Muller in Turn 1 in die Seite fuhr, was in einem Aufhängungsbruch beim Marokkaner mündete. Zwischendurch hat das Rennen an beste WTCC/WTCR Zeiten mit vielen ungestümen Aktionen erinnert!
Nach dem Restart ca. 10 Minuten vor Schluss tat sich nicht mehr allzu viel. Santiago Urrutia konnte seinen zweiten Karrieresieg am Hungaroring nach Hause fahren, auch wenn er am Ende nochmal richtig Druck von Rob Huff bekam. Platz drei konnte sehr überraschend trotz 40 Kilo Zuladung Nestor Girolami
halten, was am Ende der Meisterschaft Goldwert gewesen sein könnte! Für Michelisz reichte es beim Heimspiel nur für den vierten Platz. Dahinter waren zwei weitere Lynk & Co. mit Quing-Hua Ma und Yann Ehrlacher, der kurz vor Schluss den sechsten Platz von Gilles Magnus übernahm. Erneut kurz vor Schluss ein Platzgewinn für den Elsässer! Für den Tabellenführer Mikel Azcona reichte es am Ende für den neunten Platz, nachdem er wegen reversed grid von Platz zehn starten musste.
In Sachen Meisterschaft ergibt sich bislang kein klares Bild. Fakt ist, dass wie die letzten Jahre die schiere Konstanz entscheidet. Die nächsten Wochen werden für alle Beteiligten sehr turbulent: In 14 Tagen geht es nach Aragon, bevor es direkt aufeinanderfolgend in Vilareal auf dem Stadtkurs in Portugal weitergeht. Im Juli/August folgen dann noch zwei weitere Veranstaltungen in Vallelunga und im Elsass. Ein ziemlich attraktiver Kalender, weil oft Rennstrecken enthalten sind, die nicht den typischen Tilke und GP-Maßen entsprechen!
Bildquelle: WTCR Photos https://www.fiawtcr.com/de/photos/?fid=1803-03-_-wtcr-race-of-hungary-2022
