Ein überragender Fahrer, ein sehr gutes Chassis und ein sehr guter Motor. Für Red Bull lief fast alles sensationell.
Kurze Anmerkung: Die Sortierung der Artikel für den Rückblick erfolgt nach dem Stand der Konstrukteurs-WM, daher kommt Mercedes am Schluss. Dass Red Bull die Konstrukteursmeisterschaft nicht gewinnen konnte, scheint im Team nur wenige zu stören. Genauso, wie es bei Mercedes offenbar sehr wenige Leute gibt, die sich über den Titel freuen. Zwar galt der Fahrer-Titel schon immer etwas mehr, weil er sich PR-mäßig besser ausschlachten lässt, aber die Gewichtung hat sich insgesamt noch weiter verschoben. Der Team-WM-Titel ist „nice to have“, aber nicht so wichtig. Nicht mal das Geld, dass damit verbunden ist. Dafür sind die Top Teams zu reich.
Die guten Nachrichten für Red Bull fingen schon zum Ende des letzten Jahres an, als die FIA recht kurzfristig bekannt gab, dass man die hinteren Endplatten des Unterbodens beschneiden würde. Das gab den Teams wenig Zeit zu reagieren und vor allem Mercedes reagierte verschnupft. Denn das „low rake“ Konzept basiert vorwiegend auf einer Abdichtung des Unterbodens im Heckbereich. Red Bull setzt auf das gegenteilige „high rake“ Konzept. Dabei wird die Luft eher im vorderen Bereich des Autos verdichtet und dann zum Diffusor geleitet. Die größere Höhe des Hecks erlaubt einen höheren Luftdurchfluss des Diffussor und damit mehr Abtrieb im Heck. Beim „low rake“ verteilt sich der Abtrieb eher im Unterboden und nicht so sehr im Diffusor. Damit einher geht auch Radstand. Für ein „low rake“ braucht man einen langen Radstand, damit der Unterboden länger ist und mehr Abtrieb erzeugt. Beim „High Rake“ ist es das Gegenteil.
Nicht wenige im Paddock sahen in der Regeländerung der FIA auch den Versuch Mercedes einzubremsen, um nicht schon wieder eine Saison zu haben, die total von den Deutschen dominiert wird. Mercedes bezifferte den Verlust des Abtriebs bei 15 Prozent. Die Frage ist daher ein wenig, ob der Red Bull über den Winter so gut geworden ist, oder ob man einfach vom Performance-Verlust der Mercedes profitiert hat. Die Wahrheit wird vermutlich irgendwo dazwischen liegen, denn Red Bull war schon zum Ende der Saison 2020 deutlich besser geworden.
Was mir in diesem Jahr aber besonders auffiel, war fast komplett fehlerlose Performance des Teams. Mir ist, zumindest bei Verstappen, bei keinem Rennen aufgefallen, dass Red Bull einen strategischen Fehler gemacht hätte. Die Boxenstrategie funktionierte perfekt, Red Bull traute sich auch Entscheidungen zu treffen, die mehr Risiko in sich trugen. Man hatte während der gesamten Saison das Gefühl, dass Red Bull Mercedes strategisch vor sich hertrieb und die Deutschen immer wieder zu Fehlern zwang. Die Einstellung des Jägers bewahrte man sich auch, als man in der WM in Führung lag. Und auch als Mercedes den Spieß in den letzten Rennen der Saison umdrehte und überlegen erschien, verlor man nicht die Nerven.
Nicht vergessen darf man natürlich Honda. Die Japaner haben in diesem Jahr einen exzellenten Motor abgeliefert, der dem Mercedes absolut ebenbürtig war. Dies nicht nur in Sachen Leistung, sondern auch im Bereich der Zuverlässigkeit. Es gehört schon zu den erstaunlichen Geschichten der letzten zwei Jahre, wie schnell und wie sehr sich Honda verbessert hat. Ohne Zweifel wäre Red Bull nicht um den Titel gefahren, wenn man weiter auf den Motor von Renault gesetzt hätte. Die enge und harmonische Zusammenarbeit mit Honda hat das Team überhaupt erst in die Position gebracht, um den Titel kämpfen zu können.
Natürlich war der Sieg am Ende in Abu Dhabi sehr, sehr glücklich und über die Umstände wird noch zu reden sein. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Red Bull über weite Teile der Saison dominierte und sich eben weniger Fehler erlaubte, als das Mercedes machte. Die gesamte Struktur des Teams scheint gefestigt und das, obwohl man in diesem Jahr nicht nur das Auto für 2022 vorbereitete, sondern auch noch eine eigene Motorabteilung aus dem Nichts aufbauen musste. Dazu fiel Adrian Newey wegen eines Unfalls noch für einige Wochen komplett aus. Auswirkungen hatte das sicherlich und wie schwer die für 2022 wiegen, wird man sehen müssen.
Das Erstaunliche in diesem Jahr war auch, wie es dem Team gelang seine Verbissenheit zumindest teilweise abzulegen. Zumindest, solange Dr. Helmut Marko nicht vor den Mikrofonen stand. Christian Horner, gefühlt seit hundert Jahren Teamchef, leitete das Team, bis auf das übliche PR-Bashing, ruhig und erstaunlich gelassen durch die hektische Saison. Da wirkte Mercedes deutlich angefressener. Aber die selbst zugeschriebene Rolle des Underdogs hielt man gut durch.
Max Verstappen ist natürlich ein würdiger Weltmeister. Der Niederländer ist nicht nur biestig schnell, er ist es auch in allen Momenten. Egal, ob es feucht, nass oder trocken ist. Richtige Fehler macht er wirklich sehr selten, aber sie tauchen auf. Wie bei der Qualifikation in Saudi-Arabien, als er eine sichere Pole wegwarf. Unbestritten ist allerdings auch, dass er die Grauzonen des Fahrens oft zu sehr ausnutzt. Rücksicht ist nicht seine Stärke und seine Einstellung, dass die anderen schon zurückstecken werden, ist reine Arroganz. Bis in diese Saison funktionierte das auch, aber irgendwann steckte Lewis Hamilton eben nicht mehr zurück. Die Folge waren die Unfälle in Silverstone und in Monza.
Der pure Speed von Verstappen ist aber unbestritten und die Frage ist tatsächlich, ob es im Moment jemanden im Feld gibt, der so schnell ist wie der Niederländer. Hamilton musste sich enorm strecken, um Verstappen im Rennen Paroli zu bieten, in der Quali gelang das nur selten. Vielleicht haben Leclerc oder Russell ein vergleichbares Talent, aber sicher bin ich mir da nicht. Dass Verstappen auf jeder Strecke und in jedem Wetter der schnellste auf der Piste ist, sagt schon einiges aus. Verstappen ist 24 und hat mit Sicherheit noch zehn oder zwölf Jahre in der Formel Eins vor sich. Und wie bei Lewis Hamilton dürfte er über die Jahre eher noch besser werden. Wenn er seine arrogante und oft rücksichtslose Fahrweise etwas eindämmt, dürfte er im richtigen Auto schwer zu schlagen sein.
Das musste in diesem Jahr auch Sergio Perez erleben. Der Mexikaner hatte arg zu kämpfen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er von der Mercedes-Kopie des Racing Point zu „high rake“ Konzept des Red Bull gewechselt ist. Die Unterschiede für den Fahrer sind dabei groß und man kann ihm kaum verwerfen, dass er dafür Zeit benötigt hat. Wenn das gesamte System für den Fahrer nicht passt, ist es halt schwer. Auf der anderen Seite war da seine Rennperformance, die hauptsächlich im ersten halben Jahr nicht gut war.
Zu oft blieb er mit einem eigentlich überlegenen Auto im Mittelfeld hängen, aus dem er Probleme hatte herauszukommen, weil er immer etwas weiter hinten startete. Da das Mittelfeld generell etwas näher an die Spitze rückte, waren die 5 Zehntel, die von Verstappen trennten, oft einfach zu viel. Manchmal wirkte Perez hilflos und schien sich mit dem Ergebnis abgefunden zu haben. Das änderte sich dann im Verlauf der Saison, in der immer mal wieder näher an Verstappen heranrückte. Geholfen hat sicher auch, dass er sich mit seiner Rolle als Nummer Zwei abgefunden hatte. Je mehr sich in den Dienst des Teams stellte, desto besser wurden seine Rennen. Es half offenbar, dass er sich selber nicht mehr so sehr unter Druck setzte, sondern das Maximale für das Team herausholen wollte.
Dass er fahrerisch weiter zu den besten Piloten gehört, zeigte er dann in Abu Dhabi, als er Lewis Hamilton einen fanatischen Kampf lieferte. Da blitzte das Können des Mexikaners auf. Aber Rennerfahrung und der Speed auf eine schnelle Runde sind da noch zwei paar Schuhe. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er seinen Teamkollegen in der Quali regelmäßig schlagen kann. Seine Situation dürfte die von Bottas bei Mercedes sein. An guten Tagen ist er daran, an schlechten fehlt halt eine halbe Sekunde. Das macht ihn für Red Bull allerdings sehr wertvoll, denn mit Perez hat man endlich mal wieder einen zweiten Fahrer, der einem die Team-WM sichern kann.
Bilder: Daimler AG, Alpine

