Home Formel EinsF1Formel Eins: Analyse GP von Abu Dhabi 2021 – FIA, wir müssen reden

Formel Eins: Analyse GP von Abu Dhabi 2021 – FIA, wir müssen reden

von DonDahlmann
7 Kommentare 6 minutes read

Die Saison und das letzte Rennen werden in die Geschichte eingehen und vermutlich noch in Dekaden diskutiert werden.

Das Rennen um die WM bestand eigentlich nur aus zwei Runden: der ersten und der letzten. Dazwischen tat sich wenig, was daran lag, dass Mercedes das deutlich bessere Auto im Rennen hatte. Hamilton hätte den WM-Titel locker auf der Strecke gewonnen, wenn denn nicht die sehr kontroverse Entscheidung der Rennleitung gewesen wäre, die Mercedes den Fahrer-Titel gekostet hat. Dass Mercedes nach dem Rennen vor Wut geschäumt hat, kann ich nachvollziehen, denn das, was da abgelaufen ist, war schon hart an der Grenze zur Manipulation. Rennleiter Michael Masi muss eine Menge Fragen beantworten.

Im Grunde bin ich mit den meisten Entscheidungen von Masi in den letzten zwei Jahren einverstanden. Er hat eine etwas offenere Kommunikation als das Charlie Whiting hatte, er hat auch eine etwas andere Herangehensweise in Sachen Racing. Offenbar will er den Fahrern etwas mehr Raum geben und nicht jede Berührung wird bestraft. Ob dies in einer Serie, die extrem schnell ist, immer so richtig ist, sei dahin gestellt. Viel problematischer ist allerdings, dass es offenbar unterschiedliche Bewertungen gibt. Wir sind gewohnt, dass Fahrer sich darüber beschweren, dass sie schlecht behandelt werden, doch in diesem Jahr haben sich die Beschwerden gehäuft. Und wenn Vettel und Alonso sagen, dass Manöver im Mittelfeld härter bestraft werden, als an der Spitze, ist da wohl was dran.

Dass Masi das Manöver aus der ersten Runde in Abu Dhabi, als Verstappen mit einer Dive-Bomb sich neben Hamilton setzte und dieser die Schikane daraufhin schlichtweg abkürzte, nicht für einen der beiden mit einer Strafe belegte, ist so ein Zeichen. Es deckt sich aber mit der Entscheidung aus Brasilien, als Verstappen den Briten auf der Außenbahn abdrängte. Das Ereignis in der ersten Runde in Abu Dhabi war grenzwertig – von beiden Fahrern. Seitens der Rennleitung nicht zu handeln ebenfalls, jedoch gerade noch vertretbar. Was dann aber in den letzten Runden passiert ist, geht überhaupt nicht.

Nach dem Unfall von Latifi handelte Masi richtig: Da das Auto am Ende einer unübersichtlichen Kurve mitten auf der Strecke stand, musste man ein Safety Car herausschicken. Es war unmöglich, das Auto unter VSC-Bedingungen zu bergen. Doch was dann folgte, war meiner Meinung nach, einfach falsch und ich kann verstehen, dass Mercedes extrem wütend ist.

Masi hatte zwei, den Regeln entsprechende und vor allem etablierte, Modus Operandi zur Verfügung. Entweder, man lässt die Überrundeten passieren, oder man verzichtet darauf. Beides ist durch das Reglement abgedeckt, beides hat man schon gemacht. Beide Fälle hätten unterschiedliche Ergebnisse gehabt. Hätte man die Fahrzeuge durchgelassen, wäre das SC erst in der letzten Runde in die Box gekommen. Da man vor der Ziellinie nicht überholen darf, wäre Hamilton Weltmeister gewesen.

Die Entscheidung, das Rennen nicht unter Gelb beenden zu wollen, ist nachvollziehbar und von Regeln gedeckt. Das hätte aber dann bedeutet, dass Verstappen nach seinem Stopp ebendiese fünf Autos vor sich gehabt hätte. Die Möglichkeit bestand, dass er sie in einer Runde hätte passieren können. Aber ob er das auch geschafft hätte, das werden wir nie erfahren.

Masi entschied sich für eine Dritte, nie da gewesene Variante: Er ließ nur die Autos durch, die zwischen Verstappen und Hamilton lagen und er holte das SC eine Runde früher als üblich an die Box. Er kann solche Entscheidungen treffen und vielleicht ist es auch keine schlechte Idee für die Zukunft, wenn zwei oder drei Autos um den Sieg kämpfen. Aber, und hier kommt der wichtige Punkt, man hat so was in der Formel Eins noch nie gemacht. Es gab keinen Hinweis darauf, dass eine solche Entscheidung in Erwägung gezogen werden könnte. Dass Masi eine völlig neue Variante der Regelauslegung ausgerechnet im letzten Rennen der Saison, in dem es um alles geht, macht, ist einfach falsch. Hinzu kam, dass er innerhalb von einer Minute seine Entscheidung änderte. Denn erst sollten die Autos bleiben wo sie waren, dann sollten sie plötzlich vorbeigehen. Beides war live im TV zu hören.

Mercedes ist deswegen so extrem wütend, weil sie keine Chance hatten auf eine völlig neue und unbekannte Regeländerung zu reagieren. Man ging aufgrund der bisherigen Verfahrensweise davon aus, dass das Rennen entweder unter Gelb enden würde oder eben noch eine Runde zu fahren sei. In beiden Fällen standen die Chancen gut, dass man den Titel würde holen können. Mit diesem Wissen traf man die völlig richtige Entscheidung nicht an die Box zu kommen. Denn dann hätte man die Position und den Titel an Verstappen verloren.

Mercedes hatte keine Ahnung, dass Masi plötzlich nur diese fünf Fahrzeuge durchlässt und, dass Masi zudem das SC eine Runde früher als üblich an die Box zurückbeorderte, weil diese Variante nie seitens der Rennleitung besprochen wurde. Der Vorwurf der Manipulation ist zudem deswegen auf dem Tisch, weil Masi gewusst haben muss, dass Verstappen an der Box war und angefahrene Soft aufgezogen hatte. Er müsste dementsprechend auch gewusst haben, dass dies ein Vorteil war.

Für Mercedes kommen also zwei Dinge zusammen: Eine unangekündigte, nie besprochene Auslegung der Regeln, die dann erfolgte, als man besonders verwundbar war, und eine Entscheidung, die Red Bull im letzten Moment bevorteilte. Die WM wurde nicht auf der Strecke, sondern von Masi entschieden, so Mercedes. Und man kann dem Gedankengang durchaus folgen. Denn hätte man in den taktischen Überlegungen miteinbeziehen müssen, dass die Möglichkeit bestand, dass nur ein paar Autos durchgelassen werden, hätte man einen Boxenstopp in Erwägung ziehen können. Aber so hatte man keine Chance zu reagieren.

Um es klar zu sagen: Verstappen ist ein würdiger Weltmeister. Er hat diese Saison dominiert und die meisten Siege eingefahren. Ich gönne ihm, Red Bull und vor allem Honda den Titel, den sie sich hart erarbeitet haben. Und es tut der Serie auch gut, dass es endlich mal einen anderen Weltmeister gibt. Aber man muss auch sagen, dass Red Bull den Titel im letzten Rennen gegen Mercedes verloren hätte, wenn der Rennleiter nicht plötzlich auf die Idee gekommen wäre, die Regeln ausgerechnet in den letzten Minuten einer Saison neu auszulegen.

Der Protest von Mercedes wurde abgewiesen, was zu erwarten war. Ebenso erwarte ich, dass die Berufung abgewiesen wird. Würde die FIA das Rennergebnis auf den Kopf stellen, wäre das nicht nur schlechte PR, man müsste dann auch Masi entlassen und damit einen Fehler eingestehen. Angesichts der anstehenden Neuwahl des FIA-Präsidenten sehe ich nicht, dass das passiert.

Man wird aber in Zukunft etwas ändern müssen. Das ganze System „Rennleitung“ hat in diesem Jahr nicht so funktioniert, wie es sollte. Hier müssen entweder die Regeln oder die Besetzung angepasst werden. Ebenso finde ich unverständlich, dass sehr einflussreiche Teamchefs permanent mit der Rennleitung kommunizieren können. So amüsant das für das Fernsehen ist, ich sehe keinen Grund, dies zu tun. Es reicht, wenn einer aus dem Team eine Leitung zur Rennleitung hat, die er im Notfall (Teile auf der Strecke, Unfall etc.) nutzen kann.

Es ist sehr schade, dass eine so fantastische Saison auf diese Weise enden musste. Aber wie das immer so ist – man wird über diese Saison und dieses Ende noch in Jahrzehnten sprechen.

Bild: Daimler

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7 Kommentare

nona 13 Dezember, 2021 - 19:30

Stimme alles in allem zu, allerdings finde ich (bis jetzt) nichts in den aktuellen F1 Sporting Regulations, nach denen Masi die Autorität hätte, eine solche Detailentscheidung zu treffen (im Sinne von „er kann solche Entscheidungen treffen“ im Text) und damit so eine nie dagewesen Präzedenz zu kreieren. Er hat grundsätzlich das letzte Wort, ist aber in jedem Fall daran gebunden, sich an den bestehenden Regelsatz zu halten (Absatz 15.3), und die Regeln für die Beendigung des Safety Cars sehen nirgends vor dass nur manche bestimmte überrundete Fahrzeuge sich zurückrunden dürfen. Artikel 48.12 sagt entweder definitiv alle (im Fall von „lapped cars may now overtake“) oder definitiv gar keine (im Fall von „overtaking will not be permitted“). „…ANY CARS that have been lapped by the leader WILL BE REQUIRED to pass the cars on the lead lap and the safety car…“ – emphasis mine.

Montoya12j 13 Dezember, 2021 - 23:16

@NONA genau deswegen muss Mercedes in Berufung gehen.Diese Schweinerei muss richtig gestellt werden.

Der Gipfel ist ja noch das Masi einfach weiter machen darf und nächstes Jahr wieder irgendwas erfindet.
Der Mann gehört sofort gefeuert und durch jemanden ersetzt der sich nicht von Horner/RB beeinflussen lässt.

Verstappen und würdiger Weltmeister nie im Leben.Allein was er in den letzten 4 Rennen veranstaltet hat dafür gehört er eigentlich aus der F1 geschmissen und die Lizenz entzogen.

nona 14 Dezember, 2021 - 08:53

„Richtig gestellt“ wird da mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit nichts werden, wenn sie denn überhaupt in Berufung gehen. Das Kind liegt schon viel zu tief im Brunnen. Denkbar allerdings dass sie in Berufung gehen um sozusagen für die Geschichtsbücher ein entwertendes Sternchen an diese Titelvergabe anzuheften, das die Umstände dokumentiert und sicherstellt, dass eben in der Tat „noch in Jahrzehnten“ drüber gesprochen wird. Was sonst noch an offiziellen Konsequenzen aus diesem Fiasko gezogen werden könnten – ich denke da ist alles drin, von Regelanpassungen über Veränderungen der Kommunikationskanäle bis hin zu einer Versetzung Masis (eventuell auf Betreiben von Mercedes hin), oder auch nichts davon. Aber klar ist Verstappen ein würdiger Weltmeister, denn er ist konsistent schnell, und darum geht’s. Dass er davon abgesehen per Fahrverhalten eine kompromisslose Wildsau ist, die von den Regelhütern viel zu selten und von seinem Umfeld überhaupt nie eingefangen wird, tut dabei wenig zur Sache. Eher im Gegenteil, sowas ist gut für die Quote denn es bedeutet Spektakel und Schlagzeilen.

Montoya12j 14 Dezember, 2021 - 12:43

Ich hab seit 1994 jedes F1 Rennen gesehen.Aber so eine Schweinerei wo der Rennleiter bestimmt wer WM wird hab ich in all den Jahren Motorsport noch nie gesehen. Das jetzt das alles einfach so hin genommen wird und nicht mal für Gerechtigkeit gesorgt wird ist sehr bedenklich.

Manuel Xavier 14 Dezember, 2021 - 18:50

Komisch nennt sich Montoya und jammert über Verstappen der sehr Montoya like unterwegs ist . Und wenn Du Dir die Rennen vor 94 angeschaut hättest würdest Du einen gewissen gelben Helm kennen der auch diese Fahrweise hatte. Es ist F1 und kein Kindergeburtstag.

Oliver Rüssel 14 Dezember, 2021 - 22:38

Auch wenn ich mir hier keine Freunde machen werde, ich finde die Entscheidung für den Motorsport eine richtige.

Ein Hamilton darf einfach nicht öfters Weltmeister als Schumi werden. Dafür habe ich gebetet und ich wurde durch Herrn Masi erhört. Also gerne 2022 wieder.

Die beste Entscheidung für mich wäre übrigens eine rote Flagge gewesen. Dann hätte man noch 5 Runden Racing gehabt und der in diesem Moment bessere hätte sich durchgesetzt. Eine WM-Entscheidung unter Gelb will kein Fan sehen.

Georg 15 Dezember, 2021 - 15:05

Hallo!

Zuerst einmal vielen Dank für den hervorragend argumentierten Artikel, bei dem man auch die Begeisterung für den Motorsport erblickt.

Genauso wie bei Sportregeln gibt es auch bei Gesetzen und Verordnungen eines Staates einen Ermessensspielraum für die ausführende Verwaltung. Dieses Ermessen kann aber nicht beliebig verwendet werden, sondern muss letztendlich im Sinne des Gesetzes erfolgen. Und genauso müssen im Sport Ermessensentscheidungen im Sinne des Sportes ausfallen, in concreto darf eine Entscheidung kurt vor Schluss einfach nicht das Ergebnis eines ganzen Rennens umkrempeln. Und wenn das doch passiert, dann ist einfach das Ergebnis ​unfair, also nicht den Regeln entsprechend.

Der Umstand, dass diese klare und offensichtliche Unfairness von den meisten Medien und Fans nicht nur ignoriert, sondern sogar noch goutiert wird, sagt viel über den Zustand der europäischen Gesellschaften aus und zeichnet sich auch in vielen politischen Entwicklungen ab. Dass der Benachteiligte, der seit Beginn seiner F1-Karriere Strafe um Strafe einstecken musste, der Einzige „PoC“ ist, verleiht der ganzen Angelegenheit nach der dauernden BLM-Heuchelei einen krönenden Abschluss. Die FIA-Offiziellen können jetzt so richtig stolz auf sich sein.

Viele Grüße,
Georg

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