Nach rund fünf Monaten NFL-Pause meldete sich die IndyCar Series im Februar mit den ersten offiziellen Testfahrten zurück. Im Gegensatz zu anderen Serien hat sich nur sehr wenig über den Winter geändert.

Die Entwicklung der Aero-Kits von Honda und Chevrolet wurde eingefroren, sodass sich die Wagen äußerlich nicht von denen im Vorjahr unterscheiden. Für die Saison 2018 wird dann aber eine ganz neue Einheitsaerodynamik eingeführt. Auch an der Technik unter dem Carbonkleid konnten die Hersteller nur minimale Anpassungen durchführen. So hofft Honda, mit einer Modifikation am Motor den Rückstand zu Chevrolet im Bereich der Aerodynamik kompensieren zu können. Eine größere Verschiebung im Kräfteverhältnis zwischen Honda- und Chevrolet-Teams hat sich beim ersten Test in Phoenix aber nicht angedeutet.

Mehr Freiheiten bekamen die Teams aber hinsichtlich der Aufhängungen. Einige Komponenten, zum Beispiel die Stabilisatoren, müssen nicht mehr zwingend von einem Einheitslieferanten bezogen werden. Die Teams dürfen die Teile nun nicht nur selbst herstellen bzw. herstellen lassen, sondern dürfen auch Veränderungen daran vornehmen. Gerade für die finanzstarken Teams dürften sich so Vorteile ergeben.

Im Vergleich zur NASCAR hat die IndyCar Series nur in homöopathischer Dosis Anpassungen am Regelwerk vorgenommen. Das Limit des Push-to-pass-Systems auf Straßen- und Stadtkursen basiert nun auf der aktivierten Zeit (150 oder 200 Sekunden je nach Strecke) und nicht mehr auf der Anzahl der Aktivierungen. Löst ein Fahrer das System aus, erhöht sich der maximale Ladedruck um 15 kPa auf 165 kPa (ca. 60PS mehr) für 15 bis 20 Sekunden, auch in Abhängigkeit der Strecke. Der Fahrer kann nun das System aber wieder deaktivieren und so Zeit für einen späteren Zeitpunkt aufsparen.

Für die Straßen- und Stadtrennen bekommen die Teams einen weiteren Satz der weicheren Option-Tires für das Wochenende zur Verfügung gestellt. Nach den freien Trainings muss je ein Satz der Option- und Prime-Tires abgegeben werden. Die Teams können so, ohne Rücksicht auf die Qualifikation oder das Rennen, die Option-Tires im Training nutzen. Bisher hatten die Teams nur drei Sätze der schnelleren Reifen, die man natürlich für die Qualifikation und das Rennen aufgespart hat.

Ansonsten wurden die Zeiten der freien Trainings auf Straßen- und Stadtkursen vereinheitlicht. Die Trainings beginnen immer um 11:00 a.m. und 3.00 p.m. local time und dauern jeweils 45 Minuten. Alle Trainings, die nicht von ABC/ESPN bzw. NBCSN übertragen werden, streamt die IndyCar Series über YouTube und Facebook live.

Teams

Massive Fluktuationen gab es aber bei den Teams. Chip Ganassi Racing ist von Chevrolet zurück zu Honda gewechselt. Erst zur Saison 2014 war man den umgekehrten Weg gegangen, weil man glaubte, gegen Team Penske nur mit demselben Material mithalten zu können. In den drei Jahren gingen aber zwei Meisterschaften an den Captain und nur 2015 konnte sich Scott Dixon im Tiebreaker gegen Juan Pablo Montoya durchsetzen. Im Gegenzug wechselte A.J. Foyt Enterprises, aber nur mit zwei Wagen, von Honda zu Chevrolet. Das hatte Auswirkungen auf Schmidt Peterson Hamilton Motorsports, die ernsthaft mit den Gedanken spielten, einen dritten Honda einzusetzen. Durch den Überhang an Honda-Wagen (13 von 21) war dies dann nicht möglich. Verstärkt wird der Überhang auch durch den Wegfall von KV Racing Technology.

Das Team von Jimmy Vasser und Kevin Kalkhoven war neben Dale Coyne Racing eines der letzten beiden überlebenden ehemaligen Champcar-Teams, die 2008 beim Zusammenschluss in die IRL gewechselt waren. In den letzten Jahren mussten schon Newman/Haas Racing, Conquest Racing und HVM Racing komplett aufgeben. Seit 2008 hat die IndyCar außerdem auch die Teams Beck Motorsports, FAZZT Race Team, Vision Racing, Panther Racing, Dreyer & Reinbold Racing, Dragon Racing, Sarah Fisher Racing und Bryan Herta Motorsport ganz oder teilweise durch Fusion, Serienwechsel oder Geschäftsaufgabe verloren. Nur durch die Aufstockung auf jeweils vier Wagen von Chip Ganassi Racing und Team Penske sind die Starterzahlen einigermaßen konstant geblieben. Trotzdem ist es für eine Serie kein gutes Zeichen, wenn zwölf von 21 Wagen im Feld von nur drei Teams (Andretti, Ganassi, Penske) eingesetzt werden.

Das große Problem für die Teams besteht darin, dass es kaum Sponsoren gibt, die eine ganze Saison eines Wagens finanzieren wollen. Für einen Wagen über eine ganze IndyCar-Saison liegt das Budget zwischen drei und acht Millionen Dollar. Das ist natürlich gar kein Vergleich zur Formel 1, WEC oder NASCAR Cup. Trotzdem stimmt für die Sponsoren das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht. Mit Target hat selbst Chip Ganassi Racing einen langjährigen Sponsor verloren und bisher ist kein Ersatz verkündet worden. Zum Test in Phoenix trat Scott Dixon in einem rein weißen Wagen an. Mit 7-Eleven kehrt immerhin ein langjähriger Sponsor zurück auf das Auto von Tony Kanaan, aber auch nicht für die volle Saison.

Die IndyCar Series ist mit diesen Sorgen aber bei weitem nicht allein. Auch die oben genannten Serien haben über den Winter Wagen verloren. Interessant wird es, welcher Weg der Serien als erstes den Erfolg bringt. Die IndyCar Series setzt auf Konstanz, wohingen die NASCAR zum wiederholten Male ihr Regelwerk komplett überarbeitete. Auch die Formel 1 steht Dank Liberty Media vor größeren Änderungen.

Ohne entsprechende Sponsoren müssen die Wagen auf anderen Wegen, durch die Fahrer oder die Teamchefs selbst, finanziert werden. Hier liegt ein großer Vorteil für Team Penske. Zum einen kann Roger Penske ohne Probleme das Team aus seinem Privatvermögen bzw. über seine Unternehmen (Penske Logistics, Penske Truck Rental) finanzieren. Zum anderen kann er Sponsoren neben der IndyCar Series auch Werbefläche in der NASCAR, den australischen V8 Supercars und in Kürze wahrscheinlich auch in der WeatherTech Sportscar Championship bieten. Von diesen Möglichkeiten können Teamchefs wie Dale Coyne oder Sam Schmidt nur träumen.

Fahrer

Heißester Free-Agent auf dem Fahrermarkt war im letzten Herbst Josef Newgarden. Der junge US-Amerikaner hatte sich über die Jahre hinweg immer weiter verbessert und 2016 seinen endgültigen Durchbruch gefeiert. Auf sehr beeindruckende Art gewann er das Iowa Corn 300, nur wenige Wochen nach seinem schweren Unfall auf dem Texas Motorspeedway. Am Ende der Saison belegte er Platz 4 in der Meisterschaft und war damit der beste Fahrer, der nicht für Roger Penske fuhr. Newgarden konnte sich sein Team aussuchen und entschied sich für Team Penske. Er verdrängte dort Juan Pablo Montoya, der erstmal nur für das Indy 500 in einem fünften Penske-Chevrolet bestätigt ist. Weitere Einsätze zum Beispiel beim Indianapolis GP oder auch in Pocono sind aber nicht ausgeschlossen. J.R. Hildebrand ersetzt Newgarden bei Ed Carpenter Racing und geht in seine erste Vollzeitsaison seit 2012. In den letzten Jahren fuhr er nur die Rennen in Indianapolis, da aber schon für ECR. Ed Carpenter tritt bei den Ovalrennen weiterhin in seinem eigenen Auto an, das Spencer Pigot auf Stadt- und Straßenkursen pilotieren wird. Insgesamt dürfte es für ECR ohne Josef Newgarden ein schweres Jahr werden.

Nach Simon Pagenaud 2014 konnte Chip Ganassi wieder nicht den freien Topfahrer von seinem Team überzeugen. Es geht so mit dem gleichen Line-Up wie 2016 in die neue Saison. Scott Dixon ist ohne Frage einer der besten, vielleicht sogar der beste Fahrer im Feld. Er kann jederzeit und überall Rennen gewinnen und für die Meisterschaft muss man ihn schlagen. Tony Kanaan ist ein sehr schneller Veteran, der aber nicht die Konstanz über alle Rennstrecken aufweist wie zum Beispiel ein Dixon, Power oder Newgarden. Charlie Kimball stagniert seit Jahren in seinen Leistungen und hat sein Cockpit, wie auch Max Chilton, vor allem seinen Sponsoren zu verdanken. Im Vergleich zu Team Penske, das mit Simon Pagenaud, Will Power, Helio Castroneves und jetzt Josef Newgarden vier absolute Topfahrer aufbieten kann, ist ein gewisses Gefälle zu erkennen.

Im Mittelfeld hat sich sehr wenig getan. Bei Andretti Autosport übernimmt Honda-„Werksfahrer“ Takuma Sato das Steuer von Carlos Munoz. Seine Teamkollegen sind Ryan Hunter-Reay, Marco Andretti und Alexander Rossi. Abseits des Indy 500 ist nicht unbedingt mit Topplatzierungen zu rechnen. Bei Rahal Letterman Lanigan Racing und Schmidt Peterson Motorsport setzt man ganz auf Konstanz und tauscht keine Fahrer aus. Interessant wird sein, wie die drei Teams mit der neuen Konkurrenz von Chip Ganassi Racing im eigenen Honda-Lager umgehen werden.

Größere Investitionen tätigten die beiden Hinterbänklerteams A.J. Foyt Enterprises und Dale Coyne Racing. Durch den Wechsel zu Chevrolet verlor Foyt Takuma Sato an Andretti Autosport. Den entgegengesetzten Weg ging Carlos Munoz. Mit Conor Daly, der für den sehr enttäuschenden Jack Hawksworth kam, hat man nun zwei junge solide bis gute Fahrer. Vor allem Munoz hat beim Indy 500 immer ganz starke Leistungen gezeigt. Bei Dale Coyne verabschiedete man sich vom wöchentlichen Verkauf eines Cockpits und verpflichtete mit Sebastien Bourdais und Ed Jones, amtierender Indy Lights Champion, zwei Vollzeitfahrer. Mit Bourdais wechselten auch einige Ingenieure von KV Racing Technology zu Dale Coyne Racing. Der Input sollte das Team nach vorne bringen.

Im Einzelnen sieht das Feld wie folgt aus:

Team Hersteller Nr. Fahrer Rennen
A.J. Foyt Enterprises Chevrolet 4 Conor Daly alle
14 Carlos Munoz alle
Andretti Autosport Honda 26 Takuma Sato alle
27 Marco Andretti alle
28 Ryan Hunter-Reay alle
Andretti Herta Autosport Honda 98 Alexander Rossi alle
Chip Ganassi Racing Honda 8 Max Chilton alle
9 Scott Dixon alle
10 Tony Kanaan alle
83 Charlie Kimball alle
Dale Coyne racing Honda 18 Ed Jones alle
19 Sebastien Bourdais alle
Dreyer & Reinbold Racing Chevrolet 24 Sage Karam Indy 500
Ed Carpenter Racing Chevrolet 20 Ed Carpenter Ovale
20 Spencer Pigot Stadt- und Rundkurse
21 J.R. Hildebrand alle
Rahal Letterman Lanigan Racing Honda 15 Graham Rahal alle
16 Oriol Servia Indy 500, Detroit
Schmidt Peterson Motorsports Honda 5 James Hinchcliffe alle
7 Mikhail Aleshin alle
Team Penske Chevrolet 1 Simon Pagenaud alle
2 Josef Newgarden alle
3 Helio Castroneves alle
12 Will Power alle
22 Juan Pablo Montoya Indy 500

Bei den 500 Meilen von Indianapolis werden auch wieder viele alte bekannte Gesichter da sein. So wird Tony Stewart einen dritten Wagen von Schmidt Peterson Motorsports sponsern. Der Fahrer steht aber noch nicht fest. Auch Pippa Mann, Buddy Lazier und Townsend Bell werden wahrscheinlich wieder antreten. Neu dabei sein wird Juncos Racing, ein Indy Lights-Team, das das Equipment von KV Racing Technology aufgekauft hat. Als Fahrer dürfte Kyle Kaiser eingesetzt werden. Gerne würde man auch einen zweiten Wagen, besetzt mit einem Veteranen wie Ryan Briscoe, an den Start zu bringen. Das Team von Ricardo Juncos, eines Emigranten aus Argentinien, plant auch für 2018 oder 2019 Vollzeit in der IndyCar Series anzutreten.

Ein großes Fragezeichen steht hinter den Plänen von Carlin (u.a. Indy Lights, European F3). Lange hielt sich das Gerücht, dass Carlin einen Start in der IndyCar Series, z.B. durch Übernahme von KV Racing Technology, anstrebt. Da aber Juncos Racing zum Zuge kam, ist bisher völlig unklar, was Trevor Carlin plant. Das gilt, nach dem Aus von KV, auch für PIRTEK Team Murray, die gemeinsam im letzten Jahr einen Wagen für Matthew Brabham eingesetzt haben. Im Gegensatz zum Vorjahr gibt es kaum Gerüchte über Teams, die irgendwie beim Indy 500 antreten wollen. Natürlich hatte die 100. Austragung noch eine andere Anziehungskraft als die Nummer 101. Von den Grace Autosport, Sachs und Marotti Racing hat es ja auch keiner im letzten Mai nach Indianapolis geschafft.

Testfahrten

Am 10. und 11. Februar fanden die offiziellen Testfahrten der IndyCar Series auf dem Phoenix International Raceway statt. In vier Abschnitten mit je drei Stunden wurden über 5000 Runden von den 21 Fahrern absolviert. Wer unter starker Langeweile oder Schlafstörungen leidet, kann sich den ganzen Test im Channel der IndyCar auf YouTube ansehen. Auffällig war, dass bei den Tagessessions die Chevrolets und bei den Abendsessions die Hondas schneller waren. Im April findet die Qualifikation am Tag und das Rennen am Abend statt. In die Richtung werden die Teams auch getestet haben.

In Summe der vier Abschnitte absolvierte J.R. Hildebrand die schnellste Runde. Dahinter folgte fast geschlossen Team Penske. Den schnellsten Honda pilotierte Mikhail Aleshin auf Platz 6. Zu Hildebrand fehlten ihm aber nur 0,2 Sekunden. Bei den beiden Abendsessions lagen die Andretti-Honda ganz vorne im Zeitentableau. Dicht gefolgt von Sebastien Bourdais im Dale Coyne-Honda. Überzeugt im letzten Abschnitt haben auch Carlos Munoz und Conor Daly für A.J. Foyt Racing.

Beim Test in Sebring diese Woche ließen die Topteams die Muskeln spielen. Am ersten Tag gingen die ersten vier Plätze geschlossen an Chip Ganassi Racing, die folgenden vier an Team Penske. Dahinter reihten sich Munoz und Daly für Foyt vor Hinchcliffe und Aleshin für Schmidt ein. Andretti Autosport ging einen Tag später auf die Strecke und lag auf Augenhöhe von Chip Ganassi Racing und Team Penske. Insgesamt deutete sich, sowohl in Phoenix als auch in Sebring, kein großer Vorteil für einen der Hersteller an, so dass wir uns auf eine spannenende Saison freuen können.

Kalender

Auch am Kalender spiegelt sich der Wunsch nach Konstanz der IndyCar Series wider. Mit dem Rennen auf dem Oval des Gateway Motorsports Park erhöht sich die Rennanzahl auf 17. Zwischen 1997 und 2003 fanden schon vier CART- und drei IRL-Rennen auf dem 1,25 Meilen Oval in der Nähe von St. Louis statt. Gewonnen haben dort alle großen Fahrer jener Jahre im US-amerikanischen Formel Rennsport: Tracy, Zanardi, Andretti, Montoya, Unser jr., de Ferran, Castroneves.

Die Rennen in Phoenix und Long Beach haben die Wochenenden getauscht. Die restlichen Rennen finden am selben Wochenende wie 2016 statt. Der Saisonstart erfolgt wie gewohnt in den Straßen von St. Petersburg und das Finale in den Bergen bei Sonoma. Nachdem Watkins Glen im Vorjahr kurzfristig für den Boston GP übernommen hat, bleibt der Kurs auch 2017 im Programm. Die ganze „Planung“ des Boston GP war übrigens ein großer Betrug der „Veranstalter“. Niemals war ein Rennen in den Straßen von Boston geplant.

Die 17 Rennen verteilen sich gleichmäßig auf 5 Stadt-, 6 Rund- und 6 Ovalkurse:

Datum Strecke Art
12. März Streets of St. Petersburg Stadtkurs
9. April Streets of Long Beach Stadtkurs
23. April Barber Motorsports Park Rundkurs
29. April Phoenix International Raceway Oval
13. Mai Grand Prix of Indianapolis Rundkurs
28. Mai Indianapolis 500 Oval
03. Juni Detroit/Belle Isle Park Stadtkurs
04. Juni Detroit/Belle Isle Park Stadtkurs
10. Juni Texas Motor Speedway Oval
25. Juni Road America Rundkurs
09. Juli Iowa Speedway Oval
16. Juli Streets of Toronto Stadtkurs
30. Juli Mid-Ohio Sports Car Course Rundkurs
20. August Pocono Raceway Oval
26. August Gateway Motorsports Park Oval
03. September Watkins Glen International Rundkurs
17. September Sonoma Raceway Stadtkurs

Zur Einstimmung auf die neue Saison nimmt uns J.R. Hildebrand in seinem Ed Carpenter-Chevrolet mit:

Wie in den Vorjahren wird es eine RB-IndyCar Fantasy League geben. Nähere Information, wie das Passwort der Liga, werde ich in der Vorschau auf den Grand Prix of St. Petersburg geben können.

(c) Photos: IndyCar Media; Chris Jones, Chris Owens, Joe Skibinski