Es gab ein paar, aber erfreulich wenig Anfragen, ob wir Bilder des Unfalls von Jules Bianchi zeigen oder ob wir eine Quelle kennen. Ich möchte unsere Politik diesbezüglich noch einmal klarstellen.

Als ich dieses Webzine vor ein paar Jahren gegründet habe, war eine der ersten Fragen, die ich mir gestellt habe, jene, wie ich mit Unfallbildern umgehe. Wie ich überhaupt mit Bildern von zerstörten Fahrzeugen umgehen möchte. Eine Antwort darauf ist weit weniger einfach zu finden, als man glaubt. Als Journalist steckt man ein wenig in der Zwickmühle. Einerseits will man berichten und Unfälle, nebst der Bildern, gehören zum Motorsport. Auf der anderen Seite habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum “Katastrophen-Voyeurismus”, der aber, da muss man ehrlich sein, mal mehr, mal weniger in uns allen steckt.

Dieser “Katastrophen-Voyeurismus” ist von den meisten Menschen nicht mal böse gemeint. Die Schwere eines Unfalls wird für viele Menschen erst dann verständlich, wenn man die Bilder dazu sehen kann. Viele haben, und ich meine das nicht böse, die Vorstellungskraft dafür verloren, wie es aussehen kann, wenn ein Fahrzeug bei hoher Geschwindigkeit einen Unfall hat. Unsere mediale, auf Bildern aufgebaute Welt, hat uns in diesem, wie in vielen anderen Bereichen, die Vorstellungskraft geraubt. Manche Menschen, besonders jene, die sich nur selten mit Motorsport beschäftigen, können die Schwere eines Unfalls erst dann bemessen, wenn sie die dazu gehörigen Bilder und Videos sehen. Das führt dann zu der vielleicht etwas schizophrenen Situation, dass in einem Posting ein fürchterliches Video verteilt wird, während man gleichzeitig erschüttert dem Fahrer eine baldige Genesung wünscht. Man sollte da nicht den Stab über jemanden brechen, denn wir waren schon einmal alle in der Situation. Spätestens am 11.09.2001 als wir die Bilder aus New York gesehen haben. Wir konnten unseren Blick nicht abwenden und waren uns doch bewusst, dass da gerade, live im Fernsehen, Menschen starben, indem sie verbrannten, aus dem Fenster sprangen oder von den zusammenstürzenden Hochhäusern erschlagen wurden. Aber wir brauchten die Bilder auch, um zu verstehen, was da gerade passierte.

Ich verurteile also niemanden, der diese Redaktion fragt, ob wir die Bilder des Unfalls von Jules Bianchi zeigen werden. Aber die Antwort ist immer gleich: Nein.

Die Politik bezüglich Bildern oder Videos von Unfällen ist einfach: Wenn die Gesundheitssituation eines Unfallbeteiligten unklar ist und wenn wir nicht wissen, ob der Unfall schwere, bleibende Schäden hinterlässt, werden wir keine Bilder zeigen.

Wir zeigen sehr wohl Bilder von Unfällen, bei denen niemand zu Schaden gekommen ist oder nur leicht verletzt wurde. Beispiele dafür finden sich im Bilderarchiv. Wir zeigen sie meist dann, wenn wir anhand der Bilder und Videos besser analysieren können, was genau da passiert ist. Und ja, es mag etwas schizophren sein, aber wir zeigen sie auch, wenn sie “spektakulär” aussehen, wie jene, die man meist mach einem “Big One” in der NASCAR zu sehen bekommt. Aber auch hier gilt: Diese Bilder werden nur gezeigt, wenn klar ist, dass alle Beteiligten heil davon gekommen sind. Diese Politik gilt für all unsere Kommunikationskanäle, auch (und ganz besonders) für den Chat. Alle Admins werden unangebrachte Links zu Fotos oder Videos sofort löschen.

Das bedeutet nicht, dass wir über den Unfall nicht berichten. Unsere Berichterstattung ist dabei klar aufgeteilt:

1. Wir berichten per Twitter oder über Liveticker im Blog über folgende Dinge:
a) Was ist passiert?
b) Wie geht es dem Fahrer?
Wenn wir nicht selber vor Ort sind (wie im letzten Jahr bei Unfall von Alan Simonsen) verlassen uns dabei auf verlässliche, vertrauenswürdige Quellen. Das können Institutionen sein (FIA, IMSA, NASCAR, ACO usw.), die Teamverantwortlichen, nahe stehende Personen (Partner, Manager usw.), einige Newsportale (Autosport, AMuS, Motorsport-Total usw.) und, etwas eingeschränkt, Journalisten. Bei den Journalisten verlasse ich mich entweder auf jene, die ich selber kenne und schätze (James Allen, Adam Cooper, Will Buxton, John Hindhaugh und ein paar andere mehr) oder auf jene, die sich im Laufe der Jahre als verlässliche Quelle erwiesen haben.

2. Wir berichten über die Unfallursache bzw. den Unfallhergang, weil das zum nachfolgenden Punkt gehört.

3. Wir analysieren, welche Konsequenzen aus einem Unfall gezogen werden sollten oder gezogen werden müssen.

Zum zweiten Punkt muss ich erwähnen, dass wir uns Unfallbilder und Videos anschauen. Es ist leider in den meisten Fällen unerlässlich, um den Unfallhergang wahrheitsgemäß schildern zu können. Denn oft sind es ja mindestens zwei Piloten, die an einem Unfall beteiligt sind. Sich die Bilder des Unfalls anzuschauen, ist oft nicht einfach, gerade wenn jemand zu Schaden gekommen ist. Es hat mich ein paar Tage und einiges an Überwindung gekostet, mir die Aufzeichnung des Unfalls von Dan Wheldon anzuschauen, aber ich wusste auch, dass ich als Journalist hier auch eine Pflicht habe. Nämlich zu verstehen, was genau da eigentlich passiert ist, um mit dem Wissen eine Analyse schreiben zu können. Für mich persönlich ist die Entscheidung, was ich mir anschaue, schon schwer genug. Aber ganz bestimmt will ich nicht auch noch die Bilder von einem Unfall verteilen.

Wir werden diese Politik auch in Zukunft hier genauso weiterführen. Es wird keine Ausnahmen geben.

Keep fighting, Jules!