Das Warten hat endlich ein Ende. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird es wieder Zeit für das Bathurst 1000 am Mount Panorama. Fünf der insgesamt sechs Trainings sind bereits absolviert (Stand: Freitagnachmittag) und lassen ein paar Rückschlüsse zu, auf wen am Wochenende besonders geachtet werden muss.
Leider hat sich der Berg auch schon wieder von seiner „schlechten“ Seite gezeigt und ich muss die Vorschau mit unschönen Nachrichten beginnen: Im Qualifying, das am gestrigen Freitag stattfinden sollte, hatte Chaz Mostert (Prodrive) einen schweren Unfall in The Dipper, bei dem er sich den linken Oberschenkel und das linke Handgelenk brach. Dabei wurden auch drei Marshalls verletzt, die in einem Flaggenposten standen, der vom Heck von Mosterts Wagen erfasst wurde, das nach dem Einschlag in der Mauer aufgestiegen war. Zum Glück ist wohl nichts ernsteres passiert und nur einer von ihnen musste ins Krankenhaus. Der Marshall soll aber in einem stabilen Zustand sein und sich keine Verletzungen an Kopf, Nacken oder Brustkorb zugezogen haben. Bei dem Unfall wurden auch einige Meter Zaun beschädigt, sodass das Qualifying nicht fortgesetzt werden konnte. Hoffen wir, dass es auch der letzte Unfall an diesem Wochenende war.
Für Mostert, schon allein wegen seiner Verletzungen, und seinen Co Cameron Waters ist das Wochenende damit bereits beendet, da Prodrive den Wagen mit der #6 vom Event zurückgezogen hat. Mostert wird zudem seine Titelhoffnungen begraben müssen und vermutlich wird er auch für den Rest der Saison ausfallen. Wer ihn in Surfers Paradise ersetzen wird, ist noch nicht bekannt, für danach hätte man mit Waters ja einen guten Ersatz.
Favoriten
Mostert (Bathurst-Sieger 2014) und Waters wären für mich die Favoriten auf die Pole und den Rennsieg gewesen, denn Mostert legte im ersten Training die Bestzeit hin, Waters gelang gleiches in der vierten Session. Durch den Unfall sind sie nun leider zum Zuschauen verdammt. Doch Prodrive hat mit Mark Winterbottom und Steve Owen in der #5 ja noch ein weiteres heißes Eisen im Feuer. Sie konnten zwar keine Trainingsbestzeit erzielen, fuhren aber regelmäßig in die Top 10. Hinzu kommt die Kombination aus großer Erfahrung und dem momentan besten Auto im Feld. Den beiden ist alles zuzutrauen.
Gleiches gilt für die beiden Red-Bull-Entries mit Jamie Whincup / Paul Dumbrell und Craig Lowndes / Steven Richards. Nicht nur weil Whincup im fünften Training Tagesbestzeit und mit 2:04.9097 einen neuen Rundenrekord fuhr, allein die Anzahl der Bathurst-Siege, die sich auf die beiden Autos verteilen, ist beeindruckend. Craig Lowndes gewann insgesamt fünfmal am Mount Panorama, davon dreimal zusammen mit Jamie Whincup. Für Whincup kommt dazu noch der Sieg 2012 mit Paul Dumbrell. Für Steven Richards stehen insgesamt drei Siege zu Buche, zuletzt 2013 mit Mark Winterbottom. Noch Fragen?
Ebenfalls schnell unterwegs waren David Reynolds und Dean Canto im Rod-Nash-Ford, die bislang in jeder Session in den Top 10 landeten, sowie Fabian Coulthard und Luke Youlden (BJR). Coulthard stellte mit einer 2:05.4786 den zwischenzeitlichen Rundenrekord auf, ehe Whincup diese Zeit später nochmals unterbieten konnte.
Dann wären da noch Star-Wars-HRTs mit Darth Vader Garth Tander / Warren Luff und Russell Ingall / Jack Perkins. In Sandown schlug man sich ganz ordentlich, jedoch war man mit einer bis dahin legalen Spritspartechnik unterwegs, die jetzt verboten wurde. Es handelte sich dabei wohl – einfach ausgedrückt – um ein vom Fahrer steuerbares Modul, das so eingestellt werden konnte, dass man selbst bei durchgedrücktem Pedal nie voll am Gas stand. Bisher war so eine Technik nicht ausdrücklich verboten. Das haben die V8 Supercars nun aber nachgeholt. In den Trainings waren beide HRTs vorne dabei. Mal sehen, ob sie das am Sonntag auch noch sind.
Shane van Gisbergen und Jonathon Webb (Tekno) sollte man ebenfalls auf der Rechnung haben. Van Gisbergen, der ja eigentlich in allem schnell ist, was vier Räder hat, scheint in Bathurst immer über sich hinauszuwachsen. Das hat er nicht nur in den GTs bewiesen, sondern vor allem auch mit seiner Pole-Lap aus dem vergangenen Jahr.
Mit Abstrichen würde ich auch Scott McLaughlin und Alex Prémat (Polestar-GRM) zu den Favoriten zählen. Im vergangenen Jahr war man schon Richtung Podium unterwegs, ehe ein Crash von McLaughlin die beiden aus dem Rennen nahm. In diesem Jahr ist eher die Zuverlässigkeit des Autos das Problem. Hält das Auto, werden sie auch vorne reinfahren können.
Scott Pye (DJR-Penske) konnte im fünften Training mit der zweitschnellsten Zeit aufhorchen lassen. Auch Marcos Ambrose, der zuletzt 2005 in Bathurst fuhr, fühlte sich anscheinend wohl im Auto. Als mögliche Sieger sehe ich sie zwar nicht, aber mit etwas Glück ist ein Top-5-Ergebnis definitiv drin. Gleiches gilt für SuperBlack Racing mit Andre Heimgartner und Ant Pedersen.
Den vier Nissan traue ich zu, in die Top 10 zu fahren, mehr aber auch nicht. Ein Sieg oder Podium würde mich schon sehr überraschen. Ähnlich schätze ich die Mercedes ein.
Für die Gaststarter von Novocastrian Motorsport mit Aaren und Drew Russell und die Prodrive-Wildcard mit Simona de Silvestro und Renee Gracie geht es wohl darum – so hart es klingen mag – nicht Letzter zu werden. Nach den bisherigen Trainings liegt Novocastrian Motorsport im Wildcard-Duell mit 3:2 vorne.
Die Strecke
Zur Strecke in Bathurst muss man ja eigentlich gar nichts mehr sagen. Der Mount Panorama Circuit ist eine der anspruchsvollsten
Kurse der Welt, er hat nur an ganz wenigen Stellen wirkliche Auslaufzonen und verzeiht keine Fehler. Fast jede Kurve kann davon eine eigene Geschichte erzählen. Zudem schaut auch gerne Mal die heimische Fauna vorbei, was für Tier und/oder Fahrzeug leider nicht immer gut endet.
Nach Hell Corner (Turn 1) geht es zunächst auf die 1000 Meter lange Mountain Straight. Mit Quarry (Turn 2) folgt eine Bergauf-rechts, hier löste sich im vergangenen Jahr der Asphalt auf, was zu einer langen Unterbrechung des Rennens führte. Hoffentlich nicht auch an diesem Wochenende.
Danach geht es dann hinein in den Betonkanal, der den Berg hinaufführt. Es geht durch The Cutting (Turn 3 und 4), Reid Park (Turn 7). Ist man oben angekommen erwarten einen mit Sulman Park (Turn 9) und McPhillamy Park (Turn 10) zwei schnelle Linkskurven. Ein wenig Auslauf ist zwar vorhanden, aber auch hier gilt es, keinen Fehler zu machen, die Mauer ist auf beiden Seiten sehr nah.
Über Brock’s Skyline geht es dann zu den Esses (Turns 11 bis 17), einer Passage von schnell aufeinanderfolgenden Schikanen, die auch noch steil abfallen. Hier muss man extrem präzise fahren. Ist man einmal zu spät auf der Bremse oder lenkt zu früh ein, war es das eigentlich schon, und man hat Glück, wenn man den Wagen noch in einem Stück bis an die Box bringen kann.
Mit The Dipper (Turn 18) folgt die langsamste Stelle des Kurses, durch die man auf die Conrod Straight einbiegt. Von hier an geht es fast eineinhalb Kilometer mit Vollgas den Berg hinab. Kurz vor „The Chase“ (Turns 20 bis 22) kratzt man an der 300km/h-Schallmauer, ehe man auf 120km/h herunterbremsen muss.
Hat man es heil durch diese Kurvenkombination geschafft, wartet mit Murray’s Corner (Turn 23) nur noch eine Kurve, und man hat eine Runde überstanden.
https://www.youtube.com/watch?v=6IyXGBfDGE4
Zeitplan
Die Qualifikation ist wie bereits erwähnt auf den frühen Samstagmorgen um 3:30 Uhr verschoben worden, und beim Erscheinen dieses Artikels bereits beendet. Um 8:10 Uhr folgt dann das Top-10-Shootout.
Rennstart ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 2:00 Uhr. Wer einen Stream hat oder zum erlauchten Kreis der vier Menschen gehört, die Motors TV empfangen, hat eigentlich keine Ausrede, nicht mal reinzuschauen. Außerdem kann man ja am Sonntagmittag beim Russland-GP der Formel 1 etwas Schlaf nachholen…
