Das Wochenende in Markham begann mit einer Peinlichkeit: Die Strecke war am Freitag noch nicht fertig. Die Brücken ins Infield waren noch im Bau und es fehlten an einigen Stellen Reifenstapel. Insgesamt war die IndyCar mit der Streckensicherheit nicht zufrieden. Es fehlten auch Kleinigkeiten wie LED-Wände bei der Haupttribüne. Als i-Tüpfelchen des Debakels waren auch nicht genug Arbeiter vor Ort, um die ganzen offenen Probleme zügig zu beheben. Für die erfahrenen Promoter, die unter anderem die Rennen in St. Petersburg und Portland ausrichten, war das ein Armutszeugnis. Entsprechend scharf fiel auch die Reaktion der IndyCar-Series aus. In der Folge wurden alle Aktivitäten vom Freitag abgesagt und auf den Samstag verschoben.
Als es am Samstag dann endlich losgehen konnte, setzte Alex Palou die erste Bestzeit. Überraschend stark präsentierten sich die beiden Rookies Caio Collet und Louis Foster auf den Plätzen zwei und drei; Foster konnte seine gute Leistung im zweiten Training mit der Bestzeit bestätigen. Entsprechend war es in der Qualifikation keine Überraschung mehr, als sich Louis Foster seine erste Pole-Position der Saison sicherte. Neben ihm ging Christian Lundgaard ins Rennen. Scott McLaughlin und Marcus Ericsson bildeten die zweite Startreihe vor Dennis Hauger und Rinus VeeKay. Auch Fosters Teamkollegen Graham Rahal und Mick Schumacher starteten mit den Plätzen 9 und 10 relativ weit vorne. Alex Palou hatte seinen Ganassi-Honda im zweiten Qualifikationssegment in die Reifenstapel gesetzt, sodass ihm nur Startplatz 11 blieb.
Beim Start kamen fast alle ohne Schaden durch die ersten Kurven, auch wenn es bei Felix Rosenqvist, Kyle Kirkwood und Pato O’Ward zu Kontakten kam, als sie nebeneinander durch Kurve 7 fuhren. Nur Caio Collet musste seinen Wagen nach der ersten Runde mit einem Aufhängungsschaden abstellen. Er war mit Felix Rosenqvist kollidiert. Der Schwede zog sich dabei einen schleichenden Reifenschaden zu und musste nach fünf Runden an die Box zum wechseln. Louis Foster setzte sich kontinuierlich vom Feld ab. Nach zehn Runden hatte er bereits mehr als zwei Sekunden Vorsprung auf Christian Lundgaard. Dahinter reihten sich dicht gefolgt Scott McLaughlin und Marcus Ericsson ein. Dennis Hauger konnte das Tempo nicht mitgehen und hatte nach zehn Runden bereits zehn Sekunden Rückstand auf Foster.
Da Rinus VeeKay hinter Hauger festhing, entschied man sich im Team, ihn als ersten Piloten der Spitzengruppe schon in Runde 13 an die Box zu holen. Davor hatten bereits die weit zurückliegenden Christian Rasmussen, Marcus Armstrong, Pato O’Ward und Josef Newgarden gestoppt. In Runde 15 setzte Mick Schumacher, der auf Platz 8 lag, seinen Wagen in die Mauer von Kurve 4, woraufhin Christian Lundgaard die Caution für seinen ersten Stopp nutzte. Nach dem Restart überholte Alex Palou David Malukas für Platz 5 und lag damit direkt hinter seinem Teamkollegen Scott Dixon. Malukas wollte kontern, geriet dabei aber in einen Zweikampf mit Dennis Hauger.
In der Folge brach in der Spitzkehre ein wenig Chaos aus. Fast ein Drittel des Feldes war daran beteiligt. David Malukas fiel bis auf Platz 16 und Dennis Hauger sogar bis auf Platz 19 zurück. Profitiert hat vor allem Nolan Siegel, der bereits einen Stopp absolviert hatte und nun bis auf Platz 8 nach vorne gespült wurde. Als erster Fahrer mit einer 2-Stopp-Strategie kam Alex Palou in der 26. Runde an die Box. Bevor alle anderen seinem Beispiel folgen konnten, drehte sich Marcus Armstrong in der Spitzkehre. Mit dem havarierten Wagen direkt hinter der Kurve fuhr das Pace-Car besonders vorsichtig und langsam. So würgte in der Folge erst Rinus VeeKay, dann Scott McLaughlin ihren Motor ab.
Während der Caution mussten nun auch Louis Foster, Scott Dixon und Kyle Kirkwood an die Box. Da viele Fahrer einer 3-Stopp-Strategie folgten, fielen sie nur auf die Plätze ab Platz 12 zurück. Die Spitze übernahmen Nolan Siegel und Romain Grosjean, die beide die 3-Stopp-Strategie verfolgten. Der bestplatzierte Pilot, der nur noch einen weiteren Stopp absolvieren musste, war Marcus Ericsson auf Platz drei. Auf derselben Strategie waren auch Will Power (Platz fünf) und Alexander Rossi (Platz sieben) unterwegs. Graham Rahal (Platz 6) folgte Siegel und Grosjean. Alex Palou (Platz 8) war vier Runden vor Ericsson und Co. an der Box und musste entsprechend Benzin sparen.
Eine Caution führte zu einer weiteren Caution und so drehte sich Scott Dixon nach Kontakt mit Dennis Hauger und Christian Rasmussen wurde vom Ganassi-Dallara eingesammelt. Nach dem Restart holte sich Grosjean die Führung von Siegel, während Alex Palou Plätze an Will Power, Louis Foster, Pato O’Ward, Christian Lundgaard und Alexander Rossi verlor. Palou fuhr sehr vorsichtig. Das Gegenteil machte Louis Foster. Bis Runde 43 hatte er sich auf Platz 4 nach vorne gefahren. Beim Kampf mit Marcus Ericsson setzte er seinen Wagen jedoch hart in die Mauer von Kurve 3: Er war eigentlich schon an Ericsson vorbeigefahren, touchierte dann aber die Innenseite der Kurve.
Diesmal gehörte Alex Palou zu den aggressiven Piloten nach dem Restart und versuchte, Alexander Rossi in der Haarnadel zu überholen. In der Folge hatte Rossi einen Reifenschaden und Scott McLaughlin überholte Palou. In Runde 54 kam Romain Grosjean, der an der Spitze fuhr, an die Box. Mit vielen weiteren Runden unter Gelb konnte er das Ziel ohne weiteren Stopp erreichen. Kyle Kirkwood tat ihm direkt den Gefallen und setzten nur eine Runde später, vergleichbar zu Louis Foster, auch seinen Wagen in die Mauer von Kurve 3.
Beim nächsten Restart drehte Nolan Siegel Josef Newgarden um. Es gab also weitere Runden hinter dem Pace-Car. Durch einen Stopp während dieser Caution war man nun auch sicher, das Ziel ohne weiteren Stopp zu erreichen. An der Spitze dieser Strategiegruppe lagen Will Power (Platz 8), Pato O’Ward (Platz 10) und Christian Lundgaard (Platz 11). Die meisten Fahrer davor waren fünf Runden eher an der Box gewesen: Scott McLaughlin, David Malukas, Alex Palou, Rinus VeeKay und Dennis Hauger. An der Spitze lagen jedoch Marcus Ericsson, der mit Sicherheit noch einmal zum Nachtanken an die Box kommen musste, und Romain Grosjean. Die große Frage für das letzte Rennviertel war nun, wer wie weit kommt und wie schnell er fahren kann.
Da Marcus Ericsson kein Benzin sparen musste, fuhr er bis zu seinem Stopp in Runde 69 einen Vorsprung von 14 Sekunden auf Grosjean heraus. Nach seinem Stopp kam er auf Platz 6 und damit vor Dennis Hauger wieder auf die Strecke. Dieser verlor durch die Ablenkung von Ericsson aber Platz 7 an Will Power. Auch Ericsson konnte sich trotz der neueren Reifen nicht vor Power halten. In der Spitzengruppe überholte Alex Palou David Malukas und setzte Scott McLaughlin unter Druck. Kurze Zeit später ging Palou auch an McLaughlin vorbei. Es sah so aus, als müssten die Hondas weniger Benzin sparen. So waren Grosjean, Palou und Power die schnellsten Piloten im Feld. Will Power fuhr sich vor Runde 80 bis auf Platz 3 nach vorne und Marcus Ericsson folgte ihm im Windschatten.
Ab der 77. Runde war Romain Grosjean wieder schneller als Alex Palou und konnte seinen Vorsprung langsam vergrößern. Gleichzeitig kamen auch Will Power und Marcus Ericsson Palou näher. So kämpften in den letzten zehn Runden vier Honda-Piloten um den Sieg und das Podium. Die Chevrolets ab Platz fünf mit Scott McLaughlin waren hingegen chancenlos. In Runde 81 quetschte sich Marcus Ericsson in der Haarnadel an Will Power vorbei und machte Jagd auf Alex Palou. In Runde 83 zog Ericsson in der Haarnadel sauber an Palou vorbei. Damit hatte er noch 6,5 Runden Zeit, um 1,8 Sekunden Rückstand auf Romain Grosjean aufzuholen. Eine Runde später steckte jedoch schon seine Nase im Getriebe des Dale-Coyne-Hondas und am Ende der langen Geraden übernahm er die Führung. Bis ins Ziel hatte Marcus Ericsson mehr als sieben Sekunden Vorsprung herausgefahren. Die Strategie, in den letzten beiden Cautions nicht zu stoppen und stattdessen auf die „Clean Air” und die Geschwindigkeit des Wagens zu setzen, zahlte sich absolut aus.
Romain Grosjean hatte im Prinzip keine Chance auf den Sieg. Dafür musste er zu sehr auf seinen Benzinverbrauch achten. Mit Platz zwei fuhr er aber seine beste Platzierung seit April 2024 ein. Natürlich wäre ein Sieg schöner gewesen und fast alle in der IndyCar hätten sich für Grosjean und Dale Coyne gefreut. Dale Coyne wartet seit dem Sieg von Sébastien Bourdais im Jahr 2018 auf den nächsten Erfolg, Romain Grosjean sogar noch sieben Jahre länger. Den dritten Platz auf dem Podium verteidigte Will Power vor Alex Palou. Palou hatte fünf Runden eher den letzten Stopp gemacht und musste entsprechend mehr Benzin sparen. Erst zum Rennende hin, als sein Verbrauch wieder im grünen Bereich war, konnte er zulegen.
Als erster Chevrolet-Pilot erreichte Pato O’Ward das Ziel und sicherte sich den fünften Platz vor Christian Lundgaard und Rinus VeeKay. Bei den Chevrolet-Teams war das Thema Benzinsparen noch dringlicher als bei den Hondas, insbesondere bei Team Penske. In Runde 55 lagen Scott McLaughlin, Alex Palou, David Malukas und Rinus VeeKay auf den Plätzen fünf bis acht. Alle kamen dann zeitgleich zu ihrem letzten Stopp an die Box. VeeKay verlor bis ins Ziel mehr als 10 Sekunden auf Palou. Scott McLaughlin wiederum verlor weitere 3,5 Sekunden auf VeeKay, obwohl er in Runde 70 noch auf Platz 2 lag und damit vor Palou und VeeKay. David Malukas beschädigte seinen Wagen bei einem der zahlreichen Scharmützel und musste in Runde 84 einen zusätzlichen Stopp einlegen. Mit Rundenrückstand wurde er auf Platz 17 gewertet.
Das gesamte Ergebnis kann auf der Homepage der IndyCar-Series (PDF) nachgelesen werden.
Nach dem Debakel am Freitag und dem vielen Chaos im zweiten Renndrittel entwickelte sich ein richtig gutes Rennen. Durch die unterschiedlichen Strategien und die Überholstellen der Strecke hat es beim Zusehen richtig viel Spaß gemacht. Geholfen hat sicherlich auch, dass Alex Palou nicht davonfahren konnte. Die Passagen Kurven 1 bis 3, 10 und 11 sowie das Anbremsen von Kurve 6 sind sehr anspruchsvoll. Das ist halt kein ganz typischer IndyCar-Stadtkurs. Einzig die Haarnadel könnte ein wenig schneller sein.
Da weder Kyle Kirkwood (409 Punkte) noch David Malukas (405 Punkte) ein gutes Ergebnis erzielen konnten, hat sich der Vorsprung von Alex Palou (542 Punkte) noch einmal deutlich vergrößert. Wenn er in Washington 25 Punkte mehr als Kirkwood und Malukas sammelt, ist ihm der fünfte Meistertitel auch rechnerisch nicht mehr zu nehmen.
Vorschau: Freedom 250 Grand Prix of Washington, D.C.
Zieht die IndyCar-Series von einem Debakel ins nächste? Der Promotor hatte ein Jahr Zeit, um das Event in Markham vorzubereiten, doch die Strecke war am Freitag immer noch nicht fertig. Das Rennen in Washington wurde erst Ende Januar angekündigt und die finale Streckenführung wurde noch später festgelegt. Die Vorbereitungszeit betrug also nur wenige Monate. Immerhin sollten sich die örtlichen Behörden mit der Sicherung des Gebiets sehr gut auskennen. Die Start- und Zielgerade befindet sich vor dem Kapitol, und die IndyCar fahren in Richtung des Weißen Hauses. Der aktuelle Bewohner ist außerdem ein großer Befürworter des Events, sodass eigentlich nichts schiefgehen kann. Es sei denn, er kommt auf die Idee, die IndyCar mit Dampfkatapulten aus der Boxengasse zu beschleunigen.
Strecke
Die etwa 2,7 Kilometer lange Strecke umfasst sieben Kurven. Sie ist ein sehr typischer IndyCar-Stadtkurs, vergleichbar mit den Straßen Detroits. Die kurze (ca. 350 Meter) Start-Ziel-Gerade mündet in eine 110-Grad-Linkskurve. Direkt dahinter befindet sich auf der linken Seite die enge Boxeneinfahrt. Kurve 3, eine 70-Grad-Linkskurve am Ende der längsten Geraden, ist die beste Überholstelle der Strecke. Die beiden nächsten 90-Grad-Kurven führen auf die zweitlängste Gerade. Die 90-Grad-Linkskurve ist eine weitere potenzielle Überholmöglichkeit. Die schikanenartige Passage aus den Kurven 6 und 7 bringt die Fahrer schließlich zurück auf die Start- und Zielgerade.
Zeitplan (eastern time/MESZ)
Samstag, 22. August
09:00 a.m. (15:00) – NTT IndyCar Series practice #1
01:00 p.m. (19:00) – NTT IndyCar Series practice #2
05:00 p.m. (23:00) – Qualifying for the NTT P1 Award
Sonntag, 23. August
09:00 a.m. (15:00) – NTT IndyCar Series Warmup
01:00 p.m. (19:00) – Fox on Air
01:13 p.m. (19:13) – Freedom 250 Grand Prix of Washington (147 Laps/149,9 Miles) Fox, Sky (live)













