Ein wenig unerwartet holten sich Dan Lloyd im Restart Racing-Hyundai und Ford-Pilot Sam Osborne bei den BTCC-Rennen in Silverstone jeweils einen Sieg – für Osborne war es zudem der erste überhaupt. Auch Tom Ingram war einmal siegreich und konnte seinen Meisterschaftsvorsprung gegenüber Ash Sutton vor dem Saisonfinale minimal ausbauen.
Selbst eine schlechte Qualifikation konnte Tom Ingram bei der Jagd auf den diesjährigen BTCC-Titel nicht bremsen. Mit nur einer Sekunde zur Verfügung stehendem Zusatzboost pro Qualifikationsrunde schied der Meisterschaftsführende zum ersten Mal in dieser Saison bereits in der ersten Runde der Qualifikation aus und startete nur von Startplatz 14. Für Ingrams Konkurrenten im Titelkampf, Ash Sutton, lief es jedoch nicht wesentlich besser. Der vierfache BTCC-Champion schaffte es zwar knapp in die zweite Qualifikationsrunde, kam dort aber nicht über eine Zeit hinaus, die am Ende nur für Startplatz zwölf reichte. Auch Sutton, der lediglich eine Sekunde mehr Boost pro Runde hatte als Ingram, haderte schlichtweg mit der fehlenden Zusatzpower, die auf dem National Circuit von Silverstone besonders wertvoll war.
Die Show an der Spitze bestimmten somit zunächst andere. Im verregneten Top-Six-Qualifikationssegment holte sich BMW-Pilot Daryl DeLeon die Pole Position vor Toyota-Pilot Gordon Shedden, BMW-Markenkollege Jake Hill und Dan Lloyd im privat eingesetzten Hyundai von Restart Racing. Den Start zum ersten Lauf konnte Youngster DeLeon zunächst für sich behaupten, bekam aber schnell Druck von Gordon Shedden, der zu Beginn der zweiten Runde in Copse Corner am BMW vorbeiging und die Führung übernahm. DeLeon, durch Sheddens Attacke aus dem Rhythmus gebracht, musste sich in Maggots dann auch Lloyd und Hill geschlagen geben und fiel im weiteren Rennverlauf schließlich noch weiter zurück.
Dan Lloyd wiederum nutzte unmittelbar nach der Eroberung von Platz zwei seine Chance, zog auf der Wellington Straight neben Shedden und ging beim Anbremsen von Brooklands schließlich in Führung. Wenige Runden später musste Shedden auch Jake Hill passieren lassen, konnte sich anschließend jedoch recht mühelos auf der dritten Position behaupten – ein weiteres Indiz für den seit Donington anhaltenden Aufwärtstrend bei Speedworks Motorsport, den man durch den Wechsel von den originalen Corolla-Aggregaten auf den TOCA-Motor von M-Sport herbeigeführt hat.
Jake Hill, der in der Woche nach den Rennen in Silverstone bekanntgab, dass er die Serie zum Jahresende verlassen wird, setzte in den folgenden Runden den führenden Lloyd unter Druck, fand jedoch keinen Weg am Hyundai vorbei. Der Kampf um den Sieg und die weiteren Positionen endete in Runde 18 abrupt, als sich ein Feuer in Nic Hamiltons Cupra ausbreitete und längere Löscharbeiten erforderlich machte. Hamilton kam glücklicherweise unversehrt und aus eigener Kraft aus dem Auto.
Das Safety Car führte das Feld anschließend rundenlang um den Kurs, bis die maximale Rundenzahl erreicht war und die Rennleitung die schwarz-weiß-karierte Flagge zeigte. Ein überglücklicher Dan Lloyd holte somit am Ende den allerersten BTCC-Sieg für Restart Racing – passenderweise am gleichen Rennwochenende, an dem das noch junge Team den Titel in der Independent-Teamwertung sicherte. Jake Hill und Gordon Shedden komplettierten das Podium vor Senna Proctor, Josh Cook und Aiden Moffat, die rundenlang als Trio um die Plätze kämpften.
Dahinter belegte Tom Ingram Rang sieben knapp vor Ash Sutton auf Platz acht. Beide hatten gleich nach dem Start einige Positionen gutgemacht. In der vierten Runde lag Ingram dann unmittelbar hinter Sutton, der zu diesem Zeitpunkt Neunter war. Einen kleinen Fehler von Sutton bei einer Attacke auf Charles Rainford nutzte Ingram aus und überholte seinen direkten Titelrivalen. Sutton blieb anschließend zwar an Ingram dran, fand aber – auch nachdem beide weitere Positionen gutgemacht hatten – keine Gelegenheit für eine Konterattacke, was Ingram letztlich einen weiteren Punkt Vorsprung in der Meisterschaft einbrachte. Hinter Ingram und Sutton komplettierten Dan Rowbottom und Adam Morgan die Top Ten.
Mit nun wieder deutlich mehr verfügbarer Extra-Power über den Turbolader drehten Ingram und Sutton im zweiten Lauf voll auf. Beim Start schnappte sich zunächst Jake Hill die Führung von Dan Lloyd, während sich dahinter Tom Ingram auf Platz fünf vorkatapultierte, in Becketts an seinem Teamkollegen Proctor vorbeiging und sich auf der Wellington Straight schließlich auch noch an Sheddens Toyota vorbeischob. Nur einen Umlauf später eroberte Ingram an gleicher Stelle Platz zwei von Lloyd und machte anschließend Jagd auf den führenden Hill, den er in der vierten Runde erfolgreich überholte.
Doch auch Ash Sutton blieb nicht untätig: Zu Beginn der zweiten Runde schnappte er sich Proctor und klemmte sich anschließend an Lloyd und Shedden im Kampf um Platz drei. Im Gegensatz zu Ingram fuhr Sutton diesen Lauf auf den härteren Medium-Reifen, weswegen er etwas langsamer vorankam als sein Rivale im Titelkampf. Zu Beginn der sechsten Runde war aber auch Sutton an Proctor und Shedden vorbei, und es trennte ihn nur noch Jake Hills BMW vom führenden Ingram. Der kleine Vorsprung, den sich Ingram zwischenzeitlich herausgefahren hatte, wurde dann ausgerechnet von dessen Teamkollegen zunichtegemacht: Tom Chilton probierte in Luffield eine etwas zu ungestüme Attacke gegen Charles Rainford, wodurch die Radaufhängung an seinem Hyundai brach. Er strandete anschließend im Kiesbett, was eine Safety-Car-Phase erforderlich machte. Kurios: Fast denselben Move hatte Chilton bereits im ersten Lauf gegen Mikey Doble versucht – ebenfalls erfolglos, was sowohl ihn als auch Doble das Rennen kostete.
Der Restart verlief dann etwas hektisch: Senna Proctor rodelte ins Aus, und bei Adam Morgan öffnete sich auf der Wellington Straight die Motorhaube bei voller Fahrt und knallte gegen die Windschutzscheibe. Ingram konnte sich dennoch wieder etwas absetzen, während Sutton Hill attackierte und diesen zwei Runden später in Brooklands erfolgreich ausbremste. Ingram, mit Soft-Reifen und ausreichend aufgespartem Zusatzboost unterwegs, blieb an der Spitze aber unantastbar und siegte schließlich mit einigen Wagenlängen Vorsprung vor Sutton. Damit wuchs sein Punktepolster in der Meisterschaft zwischenzeitlich auf 38 Zähler an.
Jake Hill konnte am Ende noch knapp den dritten Platz behaupten, musste sich in den letzten Runden aber gegen Ford-Pilot Dan Rowbottom verteidigen, der drauf und dran war, am BMW vorbeizugehen, bis er schließlich in der letzten Runde mit technischem Defekt ausschied. Auf Platz vier holte Árón Taylor-Smith, wie Ingram ebenfalls auf Soft-Reifen unterwegs, ein weiteres gutes Resultat für Toyota. Charles Rainford, Dan Lloyd, Gordon Shedden, Aiden Moffat, Josh Cook und Daryl DeLeon komplettierten die Top Ten.
Der von Formel-1-Veteran John Watson durchgeführte Reverse Grid für den dritten Lauf brachte eine maximal umgedrehte Startaufstellung mit Ford-Pilot Sam Osborne auf der Pole Position und Cupra-Pilot Mikey Doble neben ihm in der ersten Startreihe. Für beide bedeutete dies eine ideale Ausgangsposition: Für Osborne, dem zudem die weicheren Optionsreifen zur Verfügung standen, bestand eine realistische Chance, seinen ersten BTCC-Sieg einzufahren. Und Doble, der sich in einem engen Kampf mit den beiden Restart-Racing-Piloten Lloyd und Smiley um den Titel in der Independent-Wertung befindet, bekam die Möglichkeit, jüngst verlorenen Boden wieder gutzumachen.
Auch für BMW-Pilot Daryl DeLeon auf Startplatz drei hätte dieser dritte Lauf eine hervorragende Ausgangslage sein können – zum einen, um seine im ersten Lauf verpasste Siegchance erneut zu nutzen, zum anderen, um im Kampf um die Jack Sears Trophy wertvolle Punkte auf seinen Teamkollegen Charles Rainford gutzumachen. Doch Silverstone sollte für DeLeon einfach kein Glück bereithalten: Auf dem Weg in die Startaufstellung brach eine Antriebswelle, und der Youngster war aus dem Rennen, noch bevor es begonnen hatte.
Nach dem Start konnte Sam Osborne seine Führung erfolgreich behaupten, während Mikey Doble, der nach dem verheerenden Feuer im Sommer, bei dem der Teamsitz mitsamt den Vauxhall Astras zerstört wurde, auf den langsameren und ungewohnten Cupra Leon angewiesen ist, das Tempo an der Spitze nicht mitgehen konnte und mehrere Positionen verlor. Als ärgster Konkurrent von Osborne entpuppte sich rasch Josh Cook, der von Startplatz vier gestartet war und sich – nachdem er zwischenzeitlich eine Position an Aiden Moffat verloren hatte – im Verlauf der zweiten Runde auf Platz zwei vorarbeitete.
Auch Cook, der in Donington noch im Gegensatz zu seinen Teamkollegen Shedden und Taylor-Smith mit dem ursprünglichen Corolla-Motor unterwegs war, profitierte in Silverstone nun sichtbar von der besseren Leistung und Fahrbarkeit des M-Sport-Motors. Er setzte Osborne fast das gesamte Rennen über konstant unter Druck. Osborne, ohne dies despektierlich zu meinen, als Sohn des Alliance-Racing-Teamchefs eher der Liga der ambitionierten Gentleman-Driver zuzuordnen, behielt jedoch kühlen Kopf und profitierte zudem von seinem Reifenvorteil gegenüber Cook, dem nur noch ein Satz Medium-Reifen zur Verfügung gestanden hatte.
Als Cook gegen Rennende ausgangs Luffield einen kleinen Quersteher hatte, verschaffte dies Osborne endgültig die nötige Luft, und er fuhr überglücklich seinen ersten BTCC-Sieg ein. Hinter Cook belegte Ash Sutton, in diesem Lauf nun ebenfalls auf Soft-Reifen unterwegs und mit dem sprichwörtlichen Messer zwischen den Zähnen unterwegs, Platz drei. Sam Osborne muss vermutlich Josh Cook nun eine große Flasche Whisky mit einer Dankeskarte zuschicken, da dieser es geschafft hatte, Sutton hinter sich zu halten. Denn wäre Sutton noch an Cook vorbeigekommen, wäre – Sohn des Teamchefs hin oder her – garantiert ein Positionstausch zwischen Osborne und Sutton erfolgt, um Sutton die maximale Punkteausbeute für den Meisterschaftskampf zu ermöglichen.
Hinter den Podiumsplätzen belegte Jake Hill Rang vier vor Tom Ingram, der in der letzten Runde noch knapp eine Position gegen Aiden Moffat gutmachen konnte, der am Ende Sechster wurde. Ingram, nach dem vorangegangenen Sieg nun wieder mit minimalem Boost unterwegs, hatte während des Rennens versucht, an Sutton dranzubleiben. Doch die taktisch kluge Entscheidung von Sutton, sich den weichen Optionsreifen für den letzten Lauf aufzusparen, zahlte sich aus und verschaffte ihm in diesem Rennen klar den Vorteil gegenüber Ingram. Auf den Mediums tat sich Ingram wesentlich schwerer, Positionen gutzumachen, und musste sich zwischenzeitlich sogar Suttons Teamkollege Dan Rowbottom geschlagen geben. Damit lagen kurzzeitig bis zu drei Autos zwischen ihm und Sutton, was den möglichen Punkteverlust deutlich größer hätte werden lassen.
Letztlich konnte Ingram jedoch Rowbottom, nachdem diesem der Zusatzboost ausgegangen war, wieder überholen und landete am Ende nur zwei Plätze hinter Sutton – was einen Verlust von gerade einmal fünf Meisterschaftspunkten zugunsten Suttons bedeutete. Hinter Ingram und Moffat komplettierten Adam Morgan, Tom Chilton, Dan Cammish und Mikey Doble die Top Ten. Für Chilton und Cammish, die nach der Qualifikation beide wegen zu niedriger Fahrzeughöhe disqualifiziert worden waren, waren dies die ersten halbwegs zählbaren Resultate an diesem Tag. Chilton war zuvor nach jeweils guten Aufholjagden – wie bereits geschildert – durch von ihm selbst ausgelöste Kollisionen zurückgeworfen worden, und Cammish rollte nach schwachem erstem Lauf am Ende der Aufwärmrunde zum zweiten Lauf mit technischem Defekt an die Box. Für Mikey Doble wiederum dürfte der zehnte Platz trotz des Positionsverlusts nach Startplatz zwei recht zufriedenstellend gewesen sein, da er damit im Endklassement vor den beiden Restart-Racing-Hyundais lag, was ihm ein paar wichtige Zähler für die Independent-Wertung einbrachte.
In der Gesamtmeisterschaft führt weiterhin Tom Ingram. Der Hyundai-Pilot reist nun mit einem komfortablen Vorsprung von 33 Zählern gegenüber Ash Sutton zum Saisonfinale nach Brands Hatch. Damit Sutton noch ernsthafte Chancen auf den Titel hat, müsste Ingram in mindestens einem der drei Läufe in Brands Hatch eine Nullnummer hinlegen – ansonsten ist die zweite Meisterschaft so gut wie sicher. Im Kampf um den dritten Platz in der diesjährigen Gesamtwertung führt aktuell noch knapp Dan Cammish mit vier Zählern vor BMW-Pilot Jake Hill. Cammishs Teamkollege Dan Rowbottom ist dagegen auf den fünften Platz abgerutscht und hat nun 18 Zähler Rückstand auf Cammish.
Richtig spannend wird es beim Saisonfinale in der Herstellerwertung, in der aktuell Ford (Alliance Racing) mit einem einzigen Punkt vor Hyundai (Excelr8 Motorsport) liegt. Derselbe Kampf spiegelt sich auch in der Teamwertung wider, wo Alliance Racing/NAPA Racing UK drei Zähler Vorsprung vor Excelr8 Motorsport/Team VERTU hat.
In der Independent-Wertung läuft alles auf einen engen Dreikampf zwischen den beiden Restart-Racing-Piloten Dan Lloyd und Chris Smiley sowie PMR-Racing-Pilot Mikey Doble hinaus. Vor dem Saisonfinale führt Lloyd mit fünf Punkten vor Doble und 13 vor Smiley. In der Independent-Teamwertung hat Restart Racing den Titel dagegen, wie bereits erwähnt, uneinholbar gesichert.
In der Jack Sears Trophy, für den Fahrer, der vor Beginn der Saison noch kein Resultat auf dem Podium erzielt hatte, bleibt der Kampf zwischen den BMW-Teamkollegen Daryl DeLeon und Charles Rainford eng. Aktuell führt DeLeon trotz seines Pechs im dritten Lauf mit acht Punkten vor Rainford.
Alle Meisterschaftsstände sowie die detaillierten Ergebnisse der drei Läufe aus Silverstone können wie üblich auf der offiziellen BTCC-Website oder bei TSL Timing studiert werden.
Das Saisonfinale am kommenden Wochenende auf dem altehrwürdigen GP Circuit von Brands Hatch verspricht also gleich in mehrfacher Hinsicht Spannung. Im vergangenen Jahr sicherte sich hier Jake Hill seinen ersten BTCC-Titel, nachdem er punktgleich mit Tom Ingram in das Saisonfinale gegangen war.
Und last but not least noch eine News am Rande, die sich in den kommenden Wochen hoffentlich rasch mit mehr Inhalt füllen wird: Jason Plato – zweifacher BTCC-Champion, Tourenwagen-Haudegen, Legende, Publikumsliebling oder welche Attribute man sonst noch verwenden möchte – verkündete in Silverstone, dass er in der kommenden Saison ein eigenes BTCC-Team an den Start bringen möchte. Die Sponsorenpakete sollen bereits geschnürt sein, und angeblich will Plato auch einen neuen Hersteller in die Serie bringen. Wir dürfen also gespannt sein, welche Neuigkeiten es hierzu in den nächsten Wochen geben wird.
Bilder: btcc.net

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