Bei den BTCC-Läufen in Oulton Park holten sich die Meisterschaftsfavoriten Tom Ingram und Ash Sutton je einen Sieg, bevor Gordon Shedden im verregneten dritten Lauf für eine dringend benötigte Erlösung im Toyota-Lager sorgte.
Was die reine Pace angeht, führte bei den BTCC-Läufen in Oulton Park kein Weg an Tom Ingram im Hyundai i30 des Excelr8-Teams vorbei. Mit einem für BTCC-Verhältnisse geradezu astronomischen Vorsprung von über vier Zehntelsekunden holte sich der Champion des Jahres 2022 die Pole-Position vor Chris Smiley im Hyundai des Restart-Racing-Teams sowie dem Ford-Duo Dan Cammish und Ash Sutton und pulverisierte dabei zugleich den Rundenrekord.
Beim Start zum ersten Lauf ließ Ingram dann auch nichts anbrennen und behauptete die Führung souverän, während sich Cammish und Sutton dahinter an Smiley vorbei auf die Plätze zwei und drei schoben. Auch eine Safety-Car-Phase zur Wiederherstellung einer abgerissenen Streckenbegrenzung nach einer Kollision zwischen Sam Osborne und Stephen Jelley, die Ingrams zwischenzeitlich herausgefahrenen Vorsprung kurzzeitig wieder zunichtemachte, konnte den Hyundai-Piloten nicht stoppen. Am Ende siegte Ingram mit 5,5 Sekunden Vorsprung vor Dan Cammish und – kleine taktische Überraschung – nicht Ash Sutton, sondern Chris Smiley.
Sutton hatte zuvor im Rennen zaghaft versucht, seinen Teamkollegen Cammish zu attackieren, sich dann aber zunächst mit Platz drei begnügt und sich in den letzten beiden Runden bewusst zurückfallen und von Smiley überholen lassen. Der Grund für dieses Manöver lag auf der Hand: Wie bei den Rennen in Brands Hatch und Snetterton kam auch in Oulton Park die weichste Reifenmischung als Standardreifen zum Einsatz, während die härteste Mischung als Optionsreifen zählte, die in einem der drei Läufe von jedem Fahrer einmal aufgezogen werden muss.
Der Performance-Unterschied zwischen den beiden Mischungen ist enorm – in Oulton Park zwar nicht ganz so stark wie in Snetterton, aber generell galt die Regel, dass man mit der harten Mischung chancenlos ist. Mit der Zusatzregel, dass die ersten drei des ersten Laufs den zweiten Lauf auf der härtesten ihnen zur Verfügung stehenden Reifenmischung absolvieren müssen, ließ Sutton sich also bewusst zurückfallen, um von dieser Regel nicht betroffen zu sein – und eine perfekte Ausgangslage für den zweiten Lauf zu haben, in dem Tom Ingram, sein Hauptkonkurrent um den Meisterschaftstitel, auf den ungünstigen harten Reifen würde antreten müssen. Ein für den späten Nachmittag angekündigter Regenschauer gab Sutton zudem Hoffnung, dass er den harten Reifen womöglich gar nicht aufziehen müsste, da sämtliche Reifenregeln logischerweise ungültig sind, sobald die Strecke nass ist und Regenreifen verwendet werden müssen.
Bevor wir schauen, ob Suttons kleine taktische Zockerei aufgeht, noch eben die restlichen Ergebnisse des ersten Laufs: Hinter Sutton belegten Tom Chilton und Adam Morgan die Plätze fünf und sechs und unterstrichen damit eine insgesamt sehr starke Hyundai-Performance, die letzten Endes fünf Autos in den Top Ten sehen sollte. Morgan schaffte es dabei, seinen sechsten Platz in einem Fotofinish gegen BMW-Pilot Jake Hill zu verteidigen, der Siebter wurde. Dahinter folgte Senna Proctor im nächsten Hyundai, der sich kurz vor Schluss Jake Hill geschlagen geben musste, vor Honda-Pilot Josh Cook und Toyota-Pilot James Dorlin, der in der Qualifikation mit Platz fünf überzeugt hatte, das Tempo im Rennen aber nicht ganz mitgehen konnte.
Wie bereits geschildert, mussten Ingram, Cammish und Smiley den zweiten Lauf dann auf den ungeliebten harten Reifen absolvieren, während Sutton, Chilton, Morgan und Co. dahinter weich bereift auf ihre Chance lauerten. Beim Start konnte Ingram seine Führung zunächst behaupten, aber Sutton ließ dahinter nichts anbrennen und war bereits in Cascades an Smiley und Teamkollege Cammish vorbei. Kurz nach Beginn der zweiten Runde schnappte er sich in der Island Hairpin dann schließlich auch Ingram und übernahm die Führung.
Recht rasch gingen auch die Teamkollegen Morgan und Chilton an Ingram vorbei, und es schien nur eine Frage der Zeit, bis der Hyundai weiter durch die Ränge purzeln würde. Aber Ingram, der die harten Reifen bislang kein einziges Mal an diesem Rennwochenende gefahren war, untermauerte einmal mehr, dass er und sein Hyundai in Sachen Performance die Kombination waren, die es in Oulton Park zu schlagen galt. Während Cammish und insbesondere Smiley sukzessive weiter zurückfielen, hielt sich Ingram hartnäckig auf Platz vier. Hinter ihm lauerte Jake Hill, aber der amtierende Champion, der seinerseits fast das gesamte Rennen über Dan Rowbottom und Josh Cook dicht hinter sich im Rückspiegel hatte, fand keinen Weg an Ingram vorbei. Eine sehr lange Safety-Car-Phase nach einem massiven Abflug von Dan Lloyd half Ingram dabei zusätzlich.
Letzten Endes schaffte Sutton es, seinen Plan in die Realität umzusetzen und den zweiten Lauf für sich zu entscheiden. Das Hyundai-Duo Adam Morgan und Tom Chilton komplettierte das Podium vor Team- und Markenkollege Tom Ingram, der mit Platz vier keinerlei Boden in der Meisterschaft auf Ash Sutton verloren hatte (Sutton war im vorangegangenen Lauf ja ebenfalls Vierter) – mit dem Zusatzpunkt für die Pole-Position im ersten Lauf machte er letzten Endes sogar einen Zähler auf Sutton gut. Jake Hill, Dan Rowbottom und Josh Cook mussten sich Ingram geschlagen geben und belegten am Ende die Plätze fünf, sechs und sieben. Senna Proctor, Gordon Shedden mit seinem bis dato besten Saisonresultat und Dan Cammish, der sich mit den harten Reifen immerhin auf Position zehn retten konnte, komplettierten die Top Ten.
War Ingrams Leistung, seine Position auf den harten Reifen zu verteidigen, schon bemerkenswert, war das, was Toyota-Pilot Gordon Shedden dann im dritten und letzten Lauf zeigte, fast schon eine Sensation. Wie bekannt, schwächeln die Toyotas in dieser Saison enorm. Gegenüber den Vorjahren fehlt es allen vier Corollas massiv an Performance, und die besten Resultate sind in der Regel Platzierungen im hinteren Bereich der Punkteränge. Für den dritten Lauf ging die Pole-Position nun an Altmeister Gordon Shedden, der nach mehrjähriger Pause in dieser Saison in die BTCC zurückgekehrt ist und bislang deutlich hinter den eigenen Erwartungen unterwegs war. Mit der Pole-Position fand Shedden sich nun urplötzlich in einer perfekten Ausgangslage wieder, nachdem das Rennwochenende für den zweifachen BTCC-Champion eher schlecht angefangen hatte. Nach der Qualifikation sprang nur der letzte Startplatz heraus, nachdem ihm mehrfach Rundenzeiten wegen Track Limits gestrichen worden waren. Im ersten Lauf reichte es auf den harten Reifen zu Platz 16, bevor es im zweiten Lauf mit Platz neun endlich ein zählbares Resultat gab.
Angesichts der bisherigen Toyota-Performance in dieser Saison und der in der Startaufstellung hinter Shedden lauernden Konkurrenz war die allgemeine Erwartungshaltung trotz der Pole-Position aber doch eher, dass der Schotte eine Sitting Duck sein würde. Doch Shedden sollte alle eines Besseren belehren. Zugutekam ihm dabei zusätzlich, dass es zwischenzeitlich tatsächlich angefangen hatte zu regnen – worauf ja auch Sutton und andere mit Blick auf die Reifenstrategie spekuliert hatten – und dass das Rennen durch zwei Safety-Car-Phasen unterbrochen wurde, die Shedden immer wieder etwas Luft zum Durchatmen verschafften.
Beim Start gelang es Shedden zunächst, seine Führungsposition erfolgreich zu verteidigen. Die größte Konkurrenz erwuchs ihm zunächst durch Josh Cook und Jake Hill, der sich von Startplatz fünf auf Position drei nach vorne katapultiert hatte. Cook und Hill waren jedoch zunächst eher mit sich selbst beschäftigt, wodurch Shedden sich leicht absetzen konnte. Nachdem Cook in der zweiten Runde mit Bremsdefekt aus dem Kampf um einen möglichen Sieg ausschied, konnte Hill sich nun voll auf die Jagd nach dem führenden Toyota konzentrieren.
Zeitweise wurde es sehr eng für Shedden, doch der Routinier schaffte es, sein Auto immer so zu platzieren, dass Hill keinen Weg vorbei fand. Auch die beiden Restarts nach Safety-Car-Phasen zur Bergung der gestrandeten Autos von Max Hall und Mikey Doble brachte Shedden souverän über die Bühne, und die allmählich abtrocknende Strecke schien dem Toyota zusätzlich entgegenzukommen, während Hill zunehmend Probleme mit den an seiner Hinterachse heiß werdenden Regenreifen bekam. Zudem musste Hill sich auch abwechselnd mit den hinter ihm lauernden Dan Rowbottom und Ash Sutton auseinandersetzen.
In der vorletzten Runde – Hills BMW war in den Runden zuvor erneut sehr nah an Sheddens Toyota herangekommen – verlor Hill das Auto dann ausgangs Cascades in einem wilden Quersteher. Sutton, Rowbottom und die weiteren Kontrahenten zogen vorbei, und Shedden hatte nun eine komfortable Lücke, die ihn über die letzten anderthalb Runden rettete. Somit holte sich Gordon Shedden überglücklich einen überraschenden, aber nicht unverdienten Sieg, der ihm und der Speedworks-Truppe hoffentlich reichlich Auftrieb vor der Sommerpause verleiht.
Hinter Shedden komplettierten Ash Sutton und Dan Rowbottom das Podium vor Tom Ingram, der während des Rennens auf nasser Strecke zeitweise größere Probleme hatte und aus den Top Ten herausgefallen war. Auf der dann zunehmend abtrocknenden Strecke ging der Hyundai dann aber wieder besser, und Ingram konnte bis zur Zielflagge mehrere Positionen gutmachen. Senna Proctor, Dan Cammish, Jake Hill (nach seinem Quersteher), James Dorlin, Charles Rainford und Sam Osborne komplettierten die Top Ten in einem sehr ausfallreichen Lauf. Kleines Shoutout an dieser Stelle an Finn Leslie, der das Rennen bei den schwierigen Bedingungen fehlerfrei über die Bühne brachte und sich Platz zwölf sicherte. Der gerade einmal 17-Jährige gab in Oulton Park sein BTCC-Debüt im Toyota Corolla als Ersatz für Ronan Pearson, der offenbar Probleme mit der Zahlung von Sponsorengeldern hatte.
In der Meisterschaft bleibt es dabei, dass es weiterhin nach einem engen Fight zwischen Ash Sutton und Tom Ingram aussieht. Der Ford-Pilot konnte mit dem besseren Resultat gegenüber Ingram im dritten Lauf seine Führung leicht ausbauen und hat nun zehn Punkte Vorsprung. Dan Cammish auf Meisterschaftsplatz drei hat bereits mehr als 70 Zähler Rückstand auf Sutton.
Die einzelnen Resultate der drei Läufe aus Oulton Park sowie der Meisterschaftsstand können wie üblich auf den Websites von TSL Timing und der BTCC im Detail studiert werden.
Ein besonderes Highlight dieses Wochenendes war zudem der Abschied des renommierten Sport-Reporters Steve Ryder als TV-Moderator bei der BTCC – sein letzter Einsatz im Senderstudio fand live in Oulton Park statt und wurde über den gesamten Tag mit diversen Einspielern aus den vergangenen Jahren und Grußworten aus der Rennsportwelt würdig zelebriert. Der 75-jährige Brite beendet nach über 45 Jahren in der Sportberichterstattung seine beeindruckende Karriere, die u.a. Stationen bei der BBC und ITV umfasst. Mit Ryder wird der BTCC eine echte Institution und ein überaus von allen Seiten geschätzter Charakter fehlen.
Die BTCC verabschiedet sich nun erst einmal in die Sommerpause. Der Start in die zweite Saisonhälfte erfolgt dann am Wochenende des 2. und 3. August in Croft. Im Vorjahr waren hier „Mr. Croft“ Colin Turkington, Josh Cook (damals noch im Toyota) und Tom Chilton erfolgreich.
Bilder: btcc.net
