Home Tourenwagen24H NürburgringBest of 2024 (Phil) – Schnelle Zeiten, schwere Zeiten

Best of 2024 (Phil) – Schnelle Zeiten, schwere Zeiten

Über Vielfalt, Trios und Präsidenten

von Philipp Körner
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Nach außen ging es dem Rennsport 2024 so gut wie selten zuvor. Hersteller standen – und stehen – überall Schlange, um auf den Party-Zug Racing aufzuspringen. Allen voran die Formel 1 und die Le-Mans-Szene rollen sowohl sportlich als auch wirtschaftlich glänzend in ihre Zukunft. Andere Meisterschaften haben derweil Weichen für eine Trasse gestellt, deren Zielbahnhof aktuell eher schwer zu erkennen ist. Trotz der trüben Gesamtlage wirkt der Motorsport dennoch unter Volldampf. Aber wird es so bleiben?

Manchmal macht es einfach keinen Spaß. Selbst wenn man mit den besten Hoffnungen an etwas herangeht, fällt es schwer, sich komplett dafür zu begeistern. Womöglich ging es Euch wie mir bei einigen Renn-Highlights in diesem Jahr. Sicher haben die ewig jungen Klassiker ihren Reiz. Doch wenn die Realität da draußen so grau wirkt, bleibt selbst die rasante Parallelwelt gerne mal hinter den Erwartungen zurück. Aber: In der Abschlussbilanz kommt das Rennsportjahr 2024 blendend davon.

Obwohl die neu aufgekommene Spannung der Formel 1 nicht mit dem ganz großen Gala-Feuerwerk final belohnt wurde, leuchtete der Sport der Königsklasse hell. Max Verstappen bewies dank durchmischter Karten, dass er anhaltend auf einem völlig anderen Level agiert. McLaren lieferte in Form des ersten Konstrukteurs-Titels seit 1998 danach eine echte Feel-Good-Story. Dazu kommen die Pseudo-Rückkehr von Toyota bei Haas und das Ende der peinlichen Cadillac-Farce.

Das konstante Regelwerk für 2025 verspricht noch engere Fights an der Spitze zwischen McLaren, Ferrari, Red Bull, Mercedes und vielleicht anderen? Gleichzeitig lässt die Regel-Revolution ab 2026 die Techniker im Hintergrund rotieren. Wenn ich etwas ankreiden müsste, ist es eindeutig der erschöpfende Kalender. Bei 24 Rennen wird man fast dazu gezwungen, regelmäßig Grands Prix auszusetzen, um den Spaß am Sport lebendig zu halten. „Casual fans“, die eh häufiger auf Rennen verzichten, werden mit der Fülle hingegen wohl keine Probleme haben.

Tifosi, Titel und T-Rex

Solche Zuschauer gibt es in Le Mans natürlich ebenso. Besonders über den WEC-Einstieg von Ferrari, der 2024 durch den zweiten Sieg endgültig vergoldet worden ist, fanden neue Fans an die Sarthe. In der Breite kann man das Publikum allerdings mit einem Wort überschreiben: Nerds. Sonst wären die Tickets nicht nach nur wenigen Tagen restlos über die französische Ladentheke gegangen. Die über 300.000 24-Stunden-Ultras, welche schon in der abgeschlossenen Saison belohnt wurden, können sich auf noch bessere Zeiten freien.

Schrittweise stimmen Aston Martin und Hyundai bzw. Genesis in das Konzert der Großen mit ein. McLaren, Ford und Co. duften derweil durch die Gerüchteküche der Topklasse. In der LMGT3 gibt 2025 obendrauf Mercedes sein Le-Mans-Comeback. Lamborghini-Ausstieg bzw. -Pause? Absolut verkraftbar. Dass Porsche nun endlich einen WM-Titel als LMDh-Hersteller (und GT3-Kundensportprogramm) einsacken konnte und Toyota nach der erneuten LM-Schlappe bester Hersteller war, schenkt zudem Abwechslung.

Im nordamerikanischen Gegenstück IMSA sammelte Porsche noch mehr Pokale. Titel in der GTP– und GTD-Pro-Division stehen für eine historische Saison. Acura und Cadillac mussten hingegen etwas abreißen lassen, was unter anderem an Defiziten beim Reifen-Aufwärmen liegt. Durch den Einstieg von Aston Martin tritt ab Sebring 2025 erstmals ein LMH-Fabrikat in der IMSA an. Genesis gab seine Einstiegserklärung für die nahe Zukunft ebenfalls ab.

Boooah in the U.S.A.

Wenn wir schon im Land of the (gar nicht mal mehr so) free sind: Dort holten Ganassi-Racer Álex Palou und Penske-Boy Joey Logano ihre dritten Titel. Sowohl die IndyCar als auch die NASCAR verzeichneten Aufwärtstrends, aber haben einige schwere Hürden vor sich. Bei beiden spielt ein Charter-System die tragende Rolle. Während die frisch hybridisierte IndyCar sich davon wirtschaftliche Stabilität erhofft, welche in ein neues Auto-Paket ab 2027 münden muss, gibt es in der NASCAR reichlich Zoff wegen ihres Systems. Es wird spannend zu sehen sein, wie sich die wandelnden wirtschaftlichen Voraussetzungen auf beide Meisterschaften auswirken. Womit wir kurz den Bogen zum Anfang schlagen: Ohne Weltpolitik geht es eben nicht.

Unser nächster Reiseabschnitt bringt uns über den Pazifik nach Asien und Australien. Für Einblicke in Super GT, Super Formula und Co. seien Euch Yankees Vor-Ort-Artikel der letzten Wochen sehr ans Herz gelegt. Zurückhaltende Aussagen über Hybrid-Technik, wie sie SGT-Boss Masaaki Bandoh mit einer bemerkenswerten Konstanz über die letzten Jahre bot, entsprechen auch in unseren Kreisen immer mehr der Realität. Als perfekte Beispiele können hier die Boost-Aussteiger BTCC und WRC angeführt werden. Beide haben im Übrigen via Jake Hill und Thierry Neuville frisches Blut in der Meisterliste.

Wie kompliziert Serien-Reformen sein können, erlebten die Aussie Supercars auf harte Weise. Technisch, organisatorisch und bei den Stars gab es mehrere Wunden zu lecken. Immerhin zeigt sich die junge Auto-Generation immer besser sortiert. Der erst 26-jährige Will Brown ist zudem ein sehr verdienter Neu-Meister. Über all diesen Schlagzeilen steht freilich der angekündigte Toyota-Einstieg 2026. Er bringt die große Chance, die altehrwürdige Szene wieder boomen zu lassen.

Audi R8 LMS #16 (Scherer Sport PHX), Ricardo Feller/Dennis Marschall/Christopher Mies/Frank Stippler

Denk ich an die deutsche Szene…

Unser Zielbahnhof sind die heimischen Motorsport-Sphären. Speziell durch die tragischen Ereignisse im Fahrerlager des Nürburgrings fällt ein Rückblick schwer. Der indirekt damit verbundene Krieg um die Vorherrschaft auf der Nordschleife und die geschrumpfte DTM-Nennliste geben Anlass zur Sorge. Man fühlt sich unweigerlich an den Ex-Bundespräsidenten Roman Herzog erinnert: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen.“

Dabei können sich alle, und damit sind wirklich alle gemeint, Akteure an die eigene Nase fassen. Sollte der Abstand zu anderen Motorsport-Märkten, der sich auch beim F1-Nachwuchs erkennen lässt, weiter aufreißen, ist das Erbe der Schumi-Ära schnell verpulvert. Zynismus bringt hierbei keinen weiter. Denn wir haben immer noch gute Produkte. Besonders die N24h und die DTM mit ihrem Charakter-Champion Mirko Bortolotti müssen sich nicht verstecken. Die Quasi-GT3-Europameister von Winward Racing samt Maro Engel stehen ebenfalls für Quality made in Germany.

Bleibt nur ein kurzer Ausblick auf die Schicksalssaison 2025. In den nächsten zwölf Monaten dürfte vieles auf den Prüfstand geraten. Wie geht es weiter mit dem eh schon herunterkondensierten Elektro-Motorsport? Halten alle Sportwagen-Hersteller ihre Rennprogramme durch – oder drohen mehr Audi-Trauerspiele? Wirft die Weltpolitik dem Racing neue Steine der Kategorie Angriffskrieg ins Getriebe? Eines sollte uns Mut geben: Dass der Sport aktuell so gut dasteht, ist kein Zufall.

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Jahr 2025, viel Gesundheit, Freude und Tatendrang! Meinen Vorsatz habe ich schon länger parat: Einfach mal die Realität beiseiteschieben und den Sport mehr genießen.

In memoriam: Verstorbene Racer aller Kategorien!

Bilderquelle / Copyright: ACO, Audi, IMSA

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