Nach dem Chaos-Lauf von Toronto ging es in Edmonton wieder etwas ruhiger zu. Langweilig war das Rennen aber trotzdem nicht.
Um es gleich zu Beginn zu sagen: Der neue Kurs in Edmonton hat seine Feuertaufe bestanden. Die Sicherheit ist zwar an manchen Stellen verbesserungsfähig, und auch Überholmanöver hat man schonmal mehr gesehen – ein Fortschritt gegenüber der alten Streckenführung ist die neue Variante aber in fast allen Belangen. Die Double-File Restarts sahen dank der langen Start- und Zielgeraden endlich aus, wie sie sollten; Die beiden Spitzkehren schufen die erwünschten Überholmöglichkeiten – und die zahlreichen Zuseher an der Strecke machten ordentlich Stimmung. Ärgerlich dagegen, dass wieder einige Fahrer in aussichtsreicher Position aus dem Rennen gekegelt wurden. Und anders als in Toronto, wird man diesmal auch bei der INDYCAR darüber nicht froh sein – denn statt (vermarktbarer) Rivalitäten schuf man sich diesmal allenfalls enttäuschte Fans. Auslöser des Frusts könnte ausgerechnet die Blocking-Regel sein, die einst eingeführt wurde, um das Spektakel zu verbessern.
Am Ende wurde der Lauf zu einem Rennen der Favoriten: An der Spitze kamen Will Power, Helio Castroneves und Dario Franchitti knapp nacheinander ins Ziel. Tony Kanaan hatte als „best of the rest“ schon mehr als zehn Sekunden Rückstand. Es hätte aber auch ganz anders kommen können – wären nicht Takuma Sato und Oriol Servia unsanft aus der Spitzengruppe befördert worden, hätten auch sie Chancen auf den Sieg gehabt. Beide Piloten (und auch Ganassi-Pilot Scott Dixon) wurden Opfer von reichlich unnötigen Aktionen in den Spitzkehren, ausgelöst von den „üblichen Verdächtigen“ – EJ Viso, Alex Tagliani und Ryan Hunter-Reay.
Es wäre allerdings zu billig, die Schuld nur auf deren ungestümes Fahren zu schieben. Und auch die Verantwortlichen der IndyCar Series sollten sich überlegen, ob die ungewöhnliche Häufung solcher Unfälle in ihrer Rennserie nicht auch an den etwas ungewöhnlichen Regeln liegt. In jeder anderen Rennserie müssen Piloten, die aus kilometerweiten Abständen innen in eine Kurve stechen damit rechnen, dass der Vordermann ihnen die Türe zumacht. Ganz anders in der IndyCar Series: Die Blocking-Regel (ursprünglich eingeführt, um gefährliche Auffahrunfälle auf Ovalen zu verhindern, mittlerweile aber als Mittel verwendet, um Spektakel zu schaffen) hindert den Vordermann daran. Die Folge sind Angriffe aus völlig aussichtslosen Positionen – und dann kracht es eben.
Immerhin: Die Rennleitung hat die Kritik aus Edmonton aufgenommen, und Strafen für die Rammstöße verteilt. In diesem Licht scheint es zwar umso unverständlicher, dass Franchitti vor zwei Wochen für ein sehr ähnliches Manöver noch straflos davonkam – wenn man diese Regelung nun aber beibehält (und auch bei den großen Teams anwendet), dann könnte man zumindest langfristig für etwas mehr Disziplin sorgen. Einzig die fehlenden Full Course Caution nach Satos Dreher scheint mir immer noch etwas unerklärlich.
Es wäre ja nicht gerade so, dass sich Penske und Ganassi vor Gleichberechtigung fürchten müssten. Auch das Rennen in Edmonton hat wieder gezeigt, dass die Top Teams unter regulären Bedingungen nur sehr schwer zu schlagen sind. Einzig unterschiedliche Boxenstopstrategien (Servia, hätte er nicht selbst die Gelbphase nach seinem Stop ausgelöst) oder bärenstarke Einzelleistungen (Sato bis zu seiner Kollision) schienen kurzzeitig Gefahren zu sein. Vermutlich wären auch diese beiden Piloten aber im Laufe des Rennens wieder überholt worden.
Dennoch: Die weiter starke Forum von KV Racing gibt Hoffnung – auch, wenn Sato und (vor allem) EJ Viso weiterhin vermuten lassen, dass nicht das gesamte Potenzial des Teams augeschöpft werden kann. Ganz besonders schade ist das deshalb, weil beide speedmäßig derzeit vor dem verlässlichen Tony Kanaan zu liegen scheinen, der in Edmonton mit Rang vier die KV-Kastanien einmal mehr aus dem Feuer holte.
Besonders beeindruckend: Die Leistung von Sebastien Bourdais, der den Wagen von Dale Coyne nach einer ebenso starken Leistung in Toronto auch in Edmonton auf Rang sechs ins Ziel brachte. Der Franzose scheint sich nach einem ziemlich enttäuschenden Saisonauftakt schön langsam wieder so richtig einzuleben.
Ziemlich enttäuschend präsentierte sich dagegen einmal mehr Andretti Autosport: Mit Abstand bester Pilot war (trotz des Rammstoßes) das ganze Rennen über Ryan Hunter-Reay, nach seiner Durchfahrtsstrafe schaffte er es aber dennoch nur, auf Platz sieben zu landen. Direkt dahinter landeten Mike Conway und Danica Patrick, die abseits der Ovale immerhin einen kleinen Aufwärtstrend verzeichnen konnte. Enttäuschend: Marco Andretti auf Platz 14.
In der Meisterschaft hat das Rennen (auch wegen des knappen Ausgangs an der Spitze) keine großen Änderungen gebracht. Franchitti führt nun mit nur noch 35 Punkten Abstand auf Will Power. Dahinter liegt trotz seiner Probleme in Edmonton immer noch Scott Dixon – der allerdings mit einem Rückstand von 106 Punkten schon ziemlich abgeschlagen ist. Ebenso hoffnungslos: Tony Kanaan (-135 Punkte) und Oriol Servia (-144) auf den Rängen vier und fünf.
Deutlich knapper ist das Rennen in der Mario Andretti Trophy (dem Pokal für den besten Rundkursfahrer). Dort liegt auch Franchitti in Führung, allerdings nur mit einem minimalen Abstand von vier Zählern auf Will Power. Auf den Plätzen drei bis fünf haben Ryan Briscoe, Tony Kanaan und Oriol Servia allerdings auch hier schon um die hundert Punkte Rückstand.
Zum Abschluss noch ein erfreulicher Wert zur TV-Übertragung: Der Lauf aus Edmonton war unter den bisher auf Versus übertragenen Veranstaltungen das Rennen mit den drittmeisten Zusehern (davor liegen nur Texas und Toronto, beide in dieser Saison). Das Rating von 0.39 ist zwar immer noch nicht besonders berauschend – aber immerhin kann man den Werbepartnern nun einen stabilen Aufwärtstrend präsentieren. Insgesamt hat die IndyCar auf Versus heuer im Schnitt fast 25 Prozent mehr Zuseher als im vergangenen Jahr.
Weiter geht es in zwei Wochen mit einem Klassiker, denn dann steht das Rennen in Mid Ohio auf dem Plan. Eine ausführliche Vorschau dazu folgt in der kommenden Woche.
Fotos: INDYCAR

2 Kommentare
Ich stelle neuerdings fest, dass die IndyCars plötzlich im europäischen Sports Center auf ESPN America behandelt werden. Ist das im CONUS auch so?
Die Indycars laufen schon seit langem auf ESPN America im Sportscenter. Aber eben leider nur dort.
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