Die Formel Eins ist ein sehr verschwiegener Zirkel. Kaum einer weiß, was wirklich hinter den Kulissen zwischen FIA, Ecclestone, dem Rechteinhaber CVC, deren Angestellter Ecclestone eigentlich ist, den Teams und den Sponsoren abgeht.

Zahlen gibt es kaum, nicht mal die Budgets der Teams kennt man richtig. Manchmal sickert aber was durch, aber das sind nur Häppchen. Im Guardian erschien im Blog von Matt Scott ein Bericht, dass die Firma Formel Eins bis zum Hals in Schulden steckt. Es wird eine Summe von 5 Milliarden Dollar genannt, mit der die Serie angeblich in der Kreide steht. Die Teams wundern sich sehr über diese Zahlen und ich habe mich mal auf die Suche gemacht, ob man etwas Licht in die Sache bringen kann. Und dabei versucht, das Firmengeflecht von Bernie Ecclestone zu entschlüsseln. Was folgt ist also eher eine Annäherung an das, was hinter der Formel Eins steckt.

Zunächst mal die Frage: Wer oder was ist die CVC? Die Firma heißt mit vollem Namen CVC Capital Partners und war mal ein Investmen Spin Off der amerikanischen Citigroup. Das Management von CVC machte sich aber schon in den 90er Jahren von der Citi unabhängig und ist mittlerweile ein riesiger Mischkonzern mit diversen Beteiligungen. So gehört ihnen der Kofferhersteller Samsonite ebenso, wie Teile der ehemaligen Ruhr AG, jetzt Evonik. Keine klassische Heuschrecke, da man langfristig investiert, aber man verdient damit Geld, dass andere Geld verdienen und man in diese Firmen investiert.

CVC wird immer als Inhaber der “Formel One Group” bezeichnet, was so nicht stimmt, denn die gibt es in dem Sinne nicht. Ecclestone hat die Rechte der Formel Eins auf verschiedene Unterfirmen verteilt und die Liste seiner Firmen ist unendlich lang. Die Bloggerin Alianora La Canta hat in einem bemerkenswerten Posting mal einen kleinen Teil Firmen ausfindig gemacht, die zum Imperium gehören. Nicht aufgeführt sind die ganzen Firmen, die Ecclestone und Flavio Briatore gehören. Ich hab das, soweit es ging, überprüft und bin auch ein ähnliches Ergebnis gekommen. Weggelassen habe ich aber die Briatore Firmen und im Fall der Firmen, die die Rechte (Namen, intellektuell, TV) an der F1 halten, bin ich mir nicht sicher, wie die Verbindungen sind. Hier ein Diagramm, was die Sache auf den ersten Blick nicht einfacher macht und vermutlich nur einen Teil der Wahrheit enthält:

f1besitz

(Erläuterung: Bambino ist zweimal aufgeführt, weil ich die Pfeile nicht quer durch das Diagramm ziehen wollte. Was “Delta 2” macht, ausser Teile von “Alpha Prema” zu halten, weiß ich nicht.)

Nur um es klar zu machen: die SLEC, die die gesamten Rechte an der Formel Eins hielt, war eine “Bernie” Firma, die wurde über Alpha Prema gekauft, was wiederum eine Firma von CVC war, danach wurde erst die Kaskade der weitern Firmen aufgebaut, die bis zu Delta Topco reicht. Wichtig ist dabei folgendes: Der CVC gehört Delta Topco zu 70%. 20% teilten sich JP Morgan und die Lehman Brothers, wobei nicht klar ist, wer den Anteil der abgerauchten Lehman Bank übernommen hat. Die Bambino Holding ist quasi das “Familiengeschäft” von Ecclestone und hält rund 9%. Der Rest ist an Bekannte und Freunde verteilt. Bei Delta Topco ist Bernie Ecclestone Geschäftsführer. Topco ist damit die Dachfirma, die an allen anderen Firmen, die etwas mit der Formel Eins zu tun haben, Anteile hält. Davon ausgenommen “Allsports” die den Paddock Club verwalten und zu Beta Holdings gehören. Beta hat aber einen Kredit von CVC erhalten, damit sie Allsport kaufen konnten. Delta Topco gehören auch teilweise die Rechte an der GP2, die aber auch von Gamma Topco (nicht im Diagramm) gehalten werden, die wiederum Bernie und Briatore gehört.

Klar ist – man will nicht, dass jemand so leicht raus bekommt, wem die F1 denn nun gehört. Nominell ist Ecclestone nur Statthalter der CVC. Aber, sie haben nicht direkt den Finger auf den verhandelbaren Rechten der Formel Eins. Also Namens- und TV-Rechte. Das hat Ecclestone auf verschiedene Firmen verteilt. Keine Firma hält alle Rechte, keine Firma kann aber auch ohne die andere überleben. Richtig kompliziert wird es bei den Rechten der Formel Eins. Die Vermarktungsrechte gehören eigentlich alle der FIA, (abgesehen von den Paddock Club Rechten) die sie aber 1999 für 100 Jahre an die “Formula One Administration” weiter gereicht hat, die es wieder an die “Formula One Management” (die bekannte FOM) abgegeben hat [Quelle Tipp von NoteMe]. Angeblich erhalten die nun nur noch neun Teams 47% der Einnahmen aus dieser Vermarktung. Alle anderen Einnahmen laufen mehr oder weniger über die Delta Topco. Die FIA selber kassiert 30% aus dem TV Topf. Anders ausgedrückt – ohne die FIA verdient Ecclestone und die CVC gar nichts. In dem Zusammenhang ist es interessant, dass Ecclestone die Namens- und TV-Rechte der GP Serien hält. Es gibt eine GP2, eine GP3, aber (noch) keine GP1, die Rechte sind aber wohl da. Hält man sich da eine Hintertür auf, falls man die FIA los werden will?

Mittendrin stehen die Teams, die mit dem Geflecht nur am Rande zu tun haben. Es gibt das Gerücht, dass Williams, McLaren und Ferrari an der SLEC beteiligt sind. Ansonsten steht man zwar als diejenigen da, die den Sport liefern, aber von allen Seiten (FIA, Ecclestone, CVC) abhängig ist. Was die Hersteller nicht glücklich macht, aber der Versuch einer eigenen Serie ist ja gescheitert, weil man die FIA, viele Sponsoren, die direkt über Ecclestone kommen und etliche Banken vor dem Kopf gestossen hätte.

Die Schulden der Formel Eins stammen aus zwei Quellen. Zum einen sind da die 2.9 Milliarden Dollar, die CVC aufgenommen hatte, um die SLEC zu kaufen, also die Überreste des Kirch/EM.TV Desasters. Die liegen wohl bei der “Alpha D2” Firma, die wiederum eine 100% Tochter von Delta 3 ist. Interesanterweise kam das Geld damals teilweise von der Royal Bank of Scotland, die ja jetzt zum größten Teil in staatlicher Hand ist. So gesehen schuldet die Formel Eins, bzw. CVC dem britischen Staat eine Menge Geld.

Die neuen Schulden, also der Rest der 5 Milliarden, kommen von der CVC, die offenbar ein paar eigene Alt-Schulden bei Delta 3 oder Alpha D2 geparkt hat. Woher die kommen, ist unklar. Nun muss man die Kredite nebst Zinsen aber auch abzahlen, was ungefähr 230 Millionen Dollar pro Jahr kostet. Steigende Zinsen wegen der unter Druck geratenen Banken, Versicherungen etc. gar nicht erst eingerechnet und das gilt auch nur für das Jahr 2007.

CVC zuckt mit den Schultern und sagt, dass man die Schulden auch aus dem enormen Einnahmen der Formel Eins wird zurückzahlen können. Und zwar vor der Fälligkeit im Jahr 2014. Und genau das treibt die Teams auf die Palme. Denn die 230 Millionen Dollar fehlen ja am Ende bei der Ausschüttung an die Teams. Und die fragen sich: warum sollen wir sparen, wenn eigentlich genug Geld da ist, dass aber nur deswegen nicht da ist, weil ein Investor seine Altlasten zwischen parkt, die mit der Formel Eins so gut wie nichts zu tun haben? Wieso muss Williams in Schulden waten, wenn man als Team, zusammen mit anderen, für so großartigen Sport sorgt, dass die Massen an Fernsehern sitzen und die Sponsoren Geld fließen lassen? Warum tun wir uns das an, wenn wir ohne CVC und deren Verflechtung mit FIA, Ecclestone usw. besser da stehen könnten?

Gute Frage, aber ein wenig unfair, denn ohne das Eingreifen von CVC hätte die Formel Eins Ende 2006, als nacheinander Kirch und EM.TV Pleite gegangen waren, die EU sich interessiert das Firmenkonstrukt der FIA und Ecclestone anschaute und die Banken, die für Kirch und Co eingesprungen waren, keine Lust mehr hatten, ziemlich schlecht da gestanden. Dazu muss man sich auch die Frage stellen, warum die deutschen Banken, die damals auf dem Großteil der Anteile saßen, bei derartigen Gewinnaussichten nicht drauf sitzen geblieben sind? Ich meine, schlimmer als die Anleihen bei Lehman, AIG merkwürdigen isländischen Banken können die Anteile an der Formel Eins doch eigentlich auch nicht sein, oder?

Da stellt sich mir schon die Frage, welche Leichen in Form von Schulden im Finanzkeller der “Firma” Formel Eins eigentlich liegen, und welche das sein können. Denn das man einem privaten Finanzdienstleister braucht, der sich auf das, zumindest nach außen hin, kalkulierbare Wagnis Formel Eins einlässt, dem man zusätzlich das Recht gibt, die Serie über Holdings mit Schulden zu belasten, die scheinbar nicht mit der Formel Eins zu tun haben, ist, gelinde gesagt, merkwürdig. Zumal CVC mit Sport bisher nichts am Hut hatte.

Die Teams ärgern sich über all die undurchsichtigen Geschäfte, und dass der Artikel im Guardian erschienen ist, kann kein Zufall sein. Gleichzeitig machen die Budgets der Teams die Runde, die, wenn man den Zahlen glauben darf, etwas niedriger sind, als man erwartet. Jedenfalls teilweise.

Toyota – 445,600,000 Dollar
McLaren – 433,300,000
Ferrari – 414,900,000
Honda – 398,100,000
Renault – 393,800,000
BMW – 366,800,000
Reb Bull – 164,700,000
Williams – 160,600,000
Torro Rosso – 128,200,000
Force India – 121,850,000

Die Zahlen stammen aus dem Buch Formula Money und gehen seit September rum. Ich hab sie seitdem hier liegen, aber da es außer dem Buch keine Bestätigung für Zahlen gibt, sehe ich sie auch eher als ein Annährungswert. Überraschend sind sie schon, vor allem, was das Budget von Renault angeht. Briatore sprach mal davon, dass er nur die Hälfte dessen zur Verfügung habe, was die Top Teams haben. Was rund 250 Millionen Dollar wären. Glaubt man den Zahlen, hat er sogar mehr als BWM zur Verfügung. Bei Red Bull sind die Zahlen schwer zu durchschauen, denn zum einen weiß keiner, was in Torro Rosso gesteckt wird, zum anderen weiß ich nicht, ob Red Bull Technology drin steckt. Wenn man RB und STR zusammenrechnet, kommt man auch auf knapp 300 Millionen, was ich als einigermaßen realistisch ansehe.

So – und wenn man diese Zahlen in Kontext zum Gewinn der Formel Eins setzt (deutlich über eine Milliarde Dollar, weiß aber nicht ob EBIT, oder nach Steuern), dann wird klar, warum die 10 Teams stocksauer sind. Außer bei Williams und evtl. Force India ist ja nicht so, als ob die Teams Verluste einfahren würden. Im Gegenteil. Gerhard Berger sprach in diesem Jahr von einem zweistelligen Millionengewinn, den Torro Rosso einfahren würde. Diesen Gewinn, und damit die Investitionssumme für eine weitere Saison, könnte man aber deutlich erhöhen, wenn die CVC nicht Altlasten abschreiben würde und man gleichzeitig stärker an den Einnahmen beteiligt wäre.

Die CVC wiederum betrachtet die Teams offenbar als Angestellte, denn laut des “Guardian” drosch man Anfragen nach mehr Geld ab, als würden nicht die Hersteller, sondern ein Betriebsrat vorstellig werden. Man habe, so CVC laut des Guardian, die Summe nach dem neuen Concorde Agreement schon erhöht. Feierabend.

Die Teams sind besorgt. Nicht nur, weil sie gefühlt mehr Geld bekommen könnten. Die 20 Millionen Dollar mehr oder weniger macht den Herstellern bei den Budgets auch nichts mehr aus. Sie sind besorgt, weil sie die finanziellen Belastungen der F1 so hoch sind, dass der Sport trotz Krise keine schwache Saison in Sachen Einnahmen haben darf. Ein eigentlich gesunder Sport steht unter Druck, was auch der Grund ist, warum Ecclestone den Kanada GP aus dem Kalender geworfen hat. Der bringt einfach weniger Geld ein, als zum Beispiel Bahrain, demnächst Dubai oder Singapur. Die Regel ist vermutlich, dass Ecclestone einige GPs durchziehen muss (Deutschland wegen der Hersteller, Monza wegen Ferrari, Barcelona weil die F1 dort boomt, Türkei, weil er selber Veranstalter ist) und alle anderen (England, Frankreich, Kanada, Belgien) in dem Moment fallen lässt, wo man seine finanziellen Forderungen nicht erfüllt, und es gleichzeitig Länder gibt (Russland, China, Indien), die seine Summen zahlen wollen. Damit sollte auch dem letzten klar sein, warum die Formel Eins auf einen Kontinent wie Südamerika, wo Motorsport die Massen bewegen kann, mit nur noch einem Rennen vertreten ist.

Aber man sollte Ecclestone jetzt nicht pauschal vorwerfen, er wäre alles schuld. Letztlich muss er drei Seiten bedienen: CVC, die eine hohe Rendite wollen, die Teams, die mehr Geld wollen und die TV-Anstalten, die was für ihr Geld sehen möchten. Zwar hat er dieses Monster selbst erschaffen, ist aber auch sein Opfer.

Nachdem die Teams sich in der FOTA zusammen geschlossen haben könnte die FIA, Ecclestone und CVC unter Druck geraten, denn ohne die Hersteller ist die Formel Eins nur eine leere Hülle. Zumindest bis letzten Freitag, denn Mosley setzt alles daran, die Hersteller ein wenig auszumanövrieren. Bis jetzt war es so, dass aufgrund der Kosten die Formel Eins nur für einen Hersteller tragbar war. Das setzte Ecclestone, wie auch die FIA unter Druck. Grenzt man die Budgets aber wieder auf 50 bis 80 Millionen Euro ein, sieht die Sache wieder anders aus. Das können sich interessierte Sponsoren und kleinere Hersteller schon leisten, denn das Marketingpotential der F1 ist groß genug.

Eine andere Frage ist auch, was passieren sollte, wenn Ecclestone plötzlich versterben sollten. Mit 77 Jahren ist man ja nicht mehr der jüngste. Vermutlich fallen alle Anteile damit erst mal an seine Frau, die aber angeblich gerade die Scheidung sucht. Ein möglicher Nachfolger und vermutlich der einzige, der das Imperium von Ecclestone kennt, ist Flavio Briatore, der mit Ecclestone zusammen mehrere Firmen hat und seine Firmen nach einem ähnlichen Geflecht aufgebaut hat, wie der Engländer.

Wie gesagt – der Artikel wird nicht zu 100% richtig sein, aber er stellt vermutlich eine gute Annäherung da. Zusätzliche Infos bitte in die Kommentare.

{Quellen}
Daily Telegraph Spekulationen
Bleacher Report Bericht über Verluste der F1
F1 Sport Verluste der F1
Pravda Forum Interessante Analyse des Mosley Skandals
Google Finance CVC Seite
Wikipedia Nicht ganz stimmiger Bericht von Wikipedia
Alianora La Canta Die Fleißarbeit von Alianora La Canta