Ein Unfall und die Strategie entschieden das Rennen in China. Ferrari ist zwar auf Augenhöhe mit den Mercedes, hat aber in einem Bereich erhebliche Nachteile aufzuarbeiten.

Es war ein lebhaftes und abwechslungsreiches Rennen vor erstaunlich vielen Zuschauer in China. Mercedes konnte den ersten Sieg des Jahres einfahren, hatte dabei aber auch ein bisschen Glück. Denn Ferrari ist überzeugt, dass man das Rennen hätte gewinnen können, nachdem man in Runde 2 auf Slicks gewechselt hatte. Aber wäre dem wirklich so gewesen? Der einzige Fahrer, der zu dem Zeitpunkt auf Slicks unterwegs gewesen ist, war Carlos Sainz, aber dessen Rundenzeiten sind wegen des VSC und seines Drehers nach dem Start nicht aussagekräftig. Durch das VSC blieben die Abstände vorne gleich, Vettel hatte nach seinem Stopp in der dritten Runde einen Rückstand von 17,8 Sekunden. Wäre der Unfall von Giovinazzi nicht gewesen, hätte Hamilton einen normalen Boxenstopp einlegen müssen, der ihn circa 23 Sekunden gekostet hätte. Auf dem Papier also eine klare Sache. Was allerdings nicht klar ist: Wie viel Zeit hätte Hamilton auf den Intermediates verloren bzw. gewonnen, wenn er zwei, drei Runden weiter gefahren wäre?

Da Vergleichsdaten aus diesen Runden fehlen, eine schwierige Frage. Die Chance, dass Vettel das Rennen mit dem Stopp gewonnen hätte, sind allerdings relativ groß, denn auf der Strecke waren beide Autos etwa gleich schnell. Hätte Vettel vor Hamilton gelegen, wäre es schwer für den Briten gewesen, am Deutschen vorbeizukommen. Mercedes hatte also ein bisschen Glück, dass sie vom Schachzug der Italiener nicht überrumpelt wurden. Es zeigt aber auch, dass das Problem von Ferrari nicht im Rennen liegt, sondern in der Qualifikation. Erneut musste Vettel am Samstag eingestehen, dass er die Zeit von Hamilton nicht hätte fahren können, auch wenn es mit 0,186 Sekunden denkbar knapp war. Aber so lange Mercedes auf der Pole steht und die Starts gewinnt, wird es schwer für Ferrari, einen Sieg zu holen.

Einige Beobachter meinten auch, dass das Rennen für Mercedes unbequemer geworden wäre, wenn Vettel nicht so lange hinter Räikkönen gesteckt hätte. Dem ist vermutlich so, denn der Finne verlor circa 0,5 Sekunden pro Runde auf den frei fahrenden Hamilton. In Runde 10 hatte Vettel knapp 3 Sekunden Rückstand, in Runde 20, als er an Räikkönen vorbei war, waren es 9,6 Sekunden. Der Abstand blieb dann hinter Ricciardo und Verstappen stabil. In Runde 29 kam Vettel an Verstappen vorbei, der Abstand nach vorne betrug 11,7 Sekunden. Allerdings hatte Hamilton zu diesem Zeitpunkt schon den “Schongang” eingelegt und drückte nicht aufs Tempo. Zwischen Runde 15 und 30 fuhr er recht stabil um 1.38.1 min herum. Erst nachdem Vettel auf P2 lag, erhöhte er das Tempo und drückte die Zeiten auf 1.37 bzw. 1.36 min. Das entsprach dann ungefähr den Zeiten, die Vettel fahren konnte, nachdem er freie Fahrt hatte.

Das Spiel wiederholte sich dann nach dem Stopp. Vettel kam in Runde 34, Hamilton eine Runde später. Die Rundenzeiten von Vettel lagen durchweg bei 1.35.7 min und waren im Schnitt etwas schneller als die von Hamilton, der allerdings mit 1.35.3 min die schnellste Runde fahren konnte. Insgesamt fällt beim Vergleich der Rundenzeiten auf, dass die Zeiten von Vettel stabiler sind, während die des Briten in einem Bereich von 0,3 bis 0,5 Sekunden schwanken. Mag am Verkehr gelegen haben, kann aber auch ein Indiz dafür sein, dass der Mercedes, wie viele Beobachter sagen, weiterhin einen etwas höheren Reifenverschleiß hat, was Hamilton dazu zwingt, zwischendurch die Reifen etwas zu schonen.

Nichtsdestotrotz: Vettel wäre auf der Strecke nicht am Mercedes vorbeikommen, was umgekehrt allerdings genauso gilt. Ferrari hat das Rennen also nicht hinter Räikkönen verloren, da Mercedes im ersten Drittel des Rennens sogar noch Reserven hatte. Hätte man Vettel also per Teamorder vorbeilotsen müssen? Ich bin ja bekanntermaßen kein Freund von derartigen Entscheidungen, es sei denn, es geht um die WM. Allerdings ist es schon auffallend, dass der Finne nicht am Red Bull vorbeikam. Räikkönen brachte sich durchaus in eine Position, um Überholen zu können, hatte aber nicht den Mut, konsequent zu sein. Das erledigte dann Vettel deutlich anders.

Der Finne beklagte sich nach dem Rennen, dass man ihn zu lange hinter den Red Bull festgehalten habe. In der Tat zeigt die Analyse, dass Ferrari den Finnen früher hätte reinbringen können. Zwischen Runde 21 und 32 steckte Räikkönen hinter mindestens einem Red Bull und es war auch klar, dass der Finne hätte schneller fahren können. Ferrari hatte allerdings zu dem Zeitpunkt Bottas im Auge und wollte nicht riskieren, dass der Finne hinter seinen Landsmann fallen würde. Spätestens aber in Runde 29 öffnete sich ein Fenster. Sainz, der bis dahin rund 21 Sekunden hinter dem Ferrari auf P6 gelegen hatte, ging an die Box. Da war klar, dass Räikkönen freie Bahn haben würde, um den Undercut an beiden Red Bull zu schaffen. Ferrari ließ die Möglichkeit verstreichen und wartete, bis beide Red Bull an der Box waren. Die waren dann aber mit frischen Reifen schneller unterwegs. Räikkönen musste sich sogar wieder an Sainz vorbeiquetschen, der mit den frischen Reifen dem Ferrari Zeit abgenommen hatte. Hier hat Ferrari den möglichen dritten Platz für den Finnen weggeworfen.

Da im Rennen tatsächlich viel los war, raffe ich den Rest mal etwas zusammen:

Red Bull:
Max Verstappen ist wirklich ein Phänomen. Mehr oder weniger als Letzter gestartet, neun Autos in der ersten Runden überholt, den Rest besorgte die Strategie von Red Bull. Muss man erst mal hinbekommen. In Sachen Speed stellte er Ricciardo deutlich in den Schatten, das Überholmanöver war dann fast eine Ohrfeige. Der spektakuläre Auftritt des Niederländers darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Red Bull ganz weit von der Spitze entfernt ist. In der Quali fehlten 1,4 Sekunden (!), im Rennen lagen die Red Bull, obwohl sich beide Fahrer pushten, am Ende 45 Sekunden hinter Hamilton. Das sind rund 0,8 Sekunden pro Runden. Auch ein Blick in die Sektoren verheißt wenig Gutes. Im kurvenreichen zweiten Sektor fehlte Red Bull eine knappe halbe Sekunde. Das liegt nicht nur am Renault-Motor.

Bottas:
Was für ein Anfängerfehler. Ein Dreher hinter dem SC von einem Spitzenpiloten ist wirklich eine Seltenheit. Auch wenn Toto Wolff nach dem Rennen meinte, dass dies den Besten passieren würde, der Ärger über den Fehler wird riesig sein. Denn man hat mindestens P3 und damit wichtige Punkte in der Team-WM verpasst. Die Reputation von Bottas dürfte massiv angeknackst sein, er kann das nur mit einem sehr guten Rennen in Bahrain wieder wettmachen. Positiv zu vermerken ist allerdings sein Abstand in der Quali. Dass er P2 um eine Tausendstel verpasst hatte, war Pech, der Abstand von 0,187 Sekunden hinter Hamilton dürfte Mercedes aber zufrieden gestimmt haben. Dennoch – ab Mai öffnet sich das Transferfenster in der Formel Eins und Mercedes dürften die schon fast heroischen Fahrten von Alonso nicht verborgen geblieben sein.

Sainz:
Der Spanier hatte ein bisschen Glück. Sein Dreher auf Slicks in der ersten Runde hätte es schon gewesen sein können. Doch dann kam erst das VSC und dann das SC, die ihn wieder nach vorne spülten. Danach lieferte Sainz ein sehr gutes Rennen ab. Bottas konnte er am Schluss nicht halten, P7 ist immerhin “best of the rest” im Feld. Der Spanier unterstrich mal wieder seine sehr gute Leistung.

Magnussen:
Von hinten gestartet lieferte der Däne endlich mal wieder ein sehr gutes Rennen ab. Viele Überholmanöver und ein guter Speed brachten den Haas am Ende auf P8. Mit einem besseren Ergebnis in der Quali wäre sogar noch etwas mehr drin gewesen. Aber auch P8 ist ein gutes Ergebnis und brachte Haas die ersten Punkte in dieser Saison.

Renault:
Hülkenberg erreichte in der Quali P6 – aber dann ging alles schief. Der Deutsche hatte mit seiner Linienwahl beim Start etwas Pech, dann kam ein schlechter Boxenstopp hinzu. Von P6 fiel er auf P19 zurück. Danach war sein Rennen dann gelaufen. Positiv zu vermerken ist dann noch, dass Renault nur knapp hinter den Force India lag und Williams hinter sich lassen konnte. Aber man hat auf jeden Fall Punkte verpasst.

Williams:
Ein Rennen zum Vergessen. Eigentlich gehören die Williams auf P7, aber davon war nichts zu sehen. Wie Hülkenberg versammelte Massa den Start und fiel auf P8 zurück. Nach dem Restart in Runde 7 ging es dann bis Runde 11 auf P13 zurück. Einen Fahrfehler von Massa habe ich nicht gesehen und auch Williams berichtet nichts davon. Warum Massa in so kurzer Zeit so viele Plätze verlor, ist ein Rätsel. Williams versuchte es dann mit einer Zwei-Stopp-Strategie und stoppte in Runde 24 und 48. Doch die Idee ging nicht auf, weil man nicht mehr genug frische Supersoft zur Verfügung hatte. Das Delta zwischen den gebrauchten und den frischen Soft ist aber offensichtlich nicht groß genug, um überholen zu können.

Überholmanöver:
Ja, es gab weniger Überholmanöver, aber die, die man sehen konnte, waren dafür spannend. Das DRS brachte in den meisten Fällen überhaupt nichts, weil die DRS-Zone zu kurz war. Auch die Theorie, dass die breiteren Autos mehr Windschatten liefern, kann man getrost vergessen. Wenn man gut aus der letzten Kurve rauskam, war der Abstand so groß, dass der Hintermann nicht vorbeikam. Die meisten Manöver passierten klassisch auf der Bremse, was eigentlich ein gutes Zeichen ist. Weil das DRS nicht so funktioniert, sind die Fahrer gezwungen, mehr Risiko einzugehen. Auf der anderen Seite ist die Strecke in China etwas anders. Die Schneckenkurve erlaubt verschiedene Linien, man kann das Auto besser positionieren. Derartige Streckenteile fehlen in den nächsten Rennen. Bahrain hat immerhin die kurze zweite Gerade nach Start/Ziel, auf der in den letzten Jahren schon immer viel überholt wurde. Russland dürfte schwierig werden, ebenso Barcelona und Monaco. Erst in Kanada bieten sich wieder ähnliche Chancen.

Bilder: Daimler AG, Ferrari, Force India, McLaren F1, Sauber F1, Renault Sport, HaasF1, Williams F1

Anmerkung: Warum gibt es keine Bilder von Red Bull oder Toro Rosso?
Die Teams stellen die PR-Bilder normalerweise zur Verwendung für Presseberichte mit einer speziellen Lizenz zur Verfügung. Diese ist zeitlich nicht limitiert und gilt weltweit. Red Bull hat sich entschlossen, Bilder nur noch für 6 Monate zu lizenzieren. Das bedeutet, dass wir die Bilder nach sechs Monaten löschen müssten, um nicht Gefahr zu laufen, eine Abmahnung, Rechnung etc. zu bekommen. Der Aufwand dafür ist nicht gerechtfertigt. Wir werden also in Zukunft leider keine Bilder mehr von Red Bull verwenden. Das Auto wird dann nur noch auf Bildern zu sehen sein, die andere Teams zur Verfügung stellen.